Der Blog zur nordischen Mythologie und den Wikingern

Kräuter der Wikinger: Gundermann

Der Gundermann, botanisch Glechoma hederacea, gehört zu jenen Pflanzen, die leicht übersehen werden, obwohl sie Menschen in Europa wahrscheinlich seit sehr langer Zeit begleiteten. Er wächst bodennah zwischen Gras, an Waldrändern, unter Hecken, auf Wiesen und in der Nähe menschlicher Siedlungen. Seine rundlich bis nierenförmigen Blätter, die kleinen violettblauen Lippenblüten und sein kriechender Wuchs wirken unspektakulär. Zerreibt man jedoch ein Blatt zwischen den Fingern, wird deutlich, weshalb die Pflanze über Jahrhunderte als Würz- und Gebrauchskraut geschätzt wurde: Gundermann besitzt einen ausgeprägt aromatischen, würzigen und leicht bitteren Geruch und Geschmack, der deutlich an seine Zugehörigkeit zu den Lippenblütlern erinnert.

Botanisch gehört Gundermann zur Familie der Lamiaceae, zu der auch bekannte Gewürz- und Heilpflanzen wie Minze, Salbei, Thymian oder Dost zählen. Sein natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Europa weit nach Osten bis Sibirien und Xinjiang, und die Art ist an gemäßigte Klimazonen angepasst. Damit gehörte sie grundsätzlich auch zu jener Pflanzenwelt, in der die Menschen Nord- und Mitteleuropas während der Eisen- und Wikingerzeit lebten.

Gerade an dieser Stelle ist jedoch eine wichtige historische Unterscheidung notwendig. Dass Gundermann in Europa und auch in Teilen Nordeuropas natürlich vorkam, bedeutet noch nicht automatisch, dass wir seine konkrete Verwendung durch Menschen der Wikingerzeit sicher kennen. Für zahlreiche Kräuter besitzen wir erst aus späteren mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Texten eindeutige schriftliche Gebrauchsnachweise. Beim Gundermann ist eine lange europäische Tradition als Würz-, Brau- und Heilpflanze gut dokumentiert; eine spezifische, eindeutig belegte „Wikingeranwendung“ lässt sich dagegen nicht in derselben Sicherheit rekonstruieren. Genau deshalb ist Gundermann ein gutes Beispiel dafür, wie zwischen botanischer Verfügbarkeit, später belegter Nutzung und historisch gesicherter Verwendung in der Wikingerzeit unterschieden werden muss.

Kräuter der Wikinger: Gundermann

 

Gundermann erkennen – eine Pflanze, die sich über den Boden ausbreitet

Gundermann ist eine mehrjährige, kriechende Pflanze, deren Stängel sich über den Boden legen und an ihren Knoten neue Wurzeln bilden können. Dadurch entstehen teilweise dichte Bestände, die sich zwischen anderen Pflanzen ausbreiten. Die blühenden Triebe können sich dagegen aufrichten und je nach Standort deutlich höher werden. Der ökologische Fachbeitrag von Hutchings und Price beschreibt die Art als aromatische, mehrjährige Pflanze mit vierkantigen Stängeln und kriechenden, an zahlreichen Knoten wurzelnden Trieben.

Die Blätter stehen einander am Stängel gegenüber. Sie sind meist rundlich, herz- oder nierenförmig und besitzen einen gekerbten beziehungsweise rund gezähnten Rand. Ihre Größe verändert sich abhängig vom Standort erheblich. Pflanzen an schattigen, feuchten Stellen können größere Blätter und längere Blattstiele bilden als Exemplare auf offenen Wiesen. Diese Anpassungsfähigkeit erklärt einen Teil des Erfolges der Art. Gundermann kann sowohl in Grasland als auch in lichten Wäldern und an vom Menschen beeinflussten Standorten bestehen.

Der Stängel besitzt den für viele Lippenblütler typischen vierkantigen Querschnitt. Besonders auffällig wird die Pflanze während der Blüte. In den Blattachseln erscheinen violette, blauviolette oder lavendelfarbene Lippenblüten. Die Blüten können je nach Pflanze unterschiedliche Größen besitzen; Glechoma hederacea verfügt über ein komplexes Fortpflanzungssystem mit zwittrigen und weiblichen Individuen.

Für die historische Nutzung war vermutlich weniger die Blüte als das stark aromatische Blatt entscheidend. Schon beim Zerreiben werden ätherische und andere aromatische Inhaltsstoffe freigesetzt. Genau diese Eigenschaft machte Gundermann sowohl als Würzkraut als auch für Getränke interessant.

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Warum heißt die Pflanze Gundermann?

Der deutsche Name Gundermann beziehungsweise Gundelrebe gehört zu einer Gruppe historischer Pflanzennamen, deren genaue Entwicklung nicht immer eindeutig zu rekonstruieren ist. Häufig wird der Bestandteil „Gund“ mit einem älteren Wort für eitrige oder geschwürartige Erkrankungen in Verbindung gebracht. Daraus wurde später die Vorstellung abgeleitet, der Name könne auf die traditionelle Verwendung der Pflanze bei Wunden und Hautproblemen hinweisen. Solche etymologischen Erklärungen sind verbreitet, sollten aber nicht mit einem unmittelbar belegten wikingerzeitlichen Pflanzennamen verwechselt werden.

Auch andere europäische Namen spiegeln Eigenschaften und Nutzungen wider. Im Englischen heißt die Pflanze unter anderem ground ivy, obwohl sie botanisch mit dem eigentlichen Efeu (Hedera helix) nicht eng verwandt ist. Der Name bezieht sich auf ihren kriechenden, flächendeckenden Wuchs. Historische englische Namen wie alehoof oder gill-over-the-ground verweisen dagegen auf ihre Verwendung beim Bierbrauen.

Gerade solche Namen sind kulturgeschichtlich wertvoll. Sie zeigen, dass Pflanzen nicht ausschließlich nach ihrem Aussehen benannt wurden. Ein Name konnte ebenso verraten, wo eine Pflanze wächst, wofür sie verwendet wurde oder welche Wirkung man ihr zuschrieb.

Ein Kraut der Waldränder, Wiesen und Siedlungsnähe

Gundermann bevorzugt häufig frische, nährstoffreiche Böden und kann an Waldrändern, unter Hecken, auf Wiesen, an Wegen und in Gärten wachsen. Er verträgt Halbschatten ausgesprochen gut, kommt aber auch in offenem Grünland vor. Sein kriechendes Wachstum ermöglicht es ihm, freie Bodenstellen schnell zu besetzen. Das natürliche Verbreitungsgebiet umfasst große Teile Europas und reicht bis weit nach Asien.

Für vormoderne Gesellschaften war diese Standortwahl besonders günstig. Eine Pflanze, die in unmittelbarer Nähe zu Höfen, Wegen und Weideflächen wächst, muss nicht aufwendig gesucht werden. Sie begegnet Menschen im Alltag. Gerade viele später bekannte Wildkräuter wurden wahrscheinlich nicht deshalb genutzt, weil Menschen gezielte botanische Expeditionen unternahmen, sondern weil sie regelmäßig im unmittelbaren Lebensraum verfügbar waren.

Bei einem wikingerzeitlichen Hof können wir Gundermann deshalb botanisch durchaus als mögliche Pflanze der Umgebung betrachten, sofern Klima und Boden geeignet waren. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass jeder Haushalt ihn bewusst sammelte oder eine bestimmte medizinische Verwendung kannte. Archäobotanische Nachweise und schriftliche Quellen müssen für solche Aussagen getrennt geprüft werden.

Gundermann und die Frage nach der Wikingerzeit

Gerade bei Kräuterblogs zur nordischen Geschichte entsteht schnell ein methodisches Problem. Eine Pflanze kann in Skandinavien vorhanden gewesen sein und im späteren Mittelalter als Heilpflanze gut dokumentiert werden. Daraus wird dann rückwirkend geschlossen, die „Wikinger“ hätten sie selbstverständlich für genau dieselben Beschwerden verwendet. Diese Schlussfolgerung ist historisch nicht sicher.

Für Gundermann können wir drei Ebenen unterscheiden. Erstens ist die Pflanze in Europa heimisch und damit grundsätzlich Teil der damaligen Naturwelt. Zweitens besitzt sie eine dokumentierte lange europäische Nutzung als Würz- und Volksheilpflanze. Drittens fehlen jedoch eindeutige schriftliche Quellen aus der Wikingerzeit, die uns beispielsweise sagen würden: „Gundermann wurde von nordischen Heilkundigen gegen eine bestimmte Erkrankung eingesetzt.“

Historisch sauber lautet die Aussage daher: Menschen der Wikingerzeit konnten Gundermann kennen und sammeln, aber konkrete nordische medizinische oder kultische Anwendungen sind derzeit nicht in derselben Weise belegt wie seine spätere europäische Nutzung.

Das schmälert seine Bedeutung keineswegs. Vielmehr zeigt gerade Gundermann, wie Pflanzenwissen über Jahrhunderte weitergegeben, verändert und erst später schriftlich dokumentiert werden konnte. Das Problem liegt nicht darin, dass eine frühere Verwendung unmöglich wäre, sondern darin, dass wir sie nicht als Tatsache formulieren dürfen, wenn die entsprechende Quelle fehlt.

Gundermann als Würzkraut

Eine der unmittelbar nachvollziehbaren Eigenschaften des Gundermanns ist sein intensiver Geschmack. Junge Blätter können als Würzkraut verwendet werden. Sie besitzen eine aromatische, leicht bittere Note und eignen sich deshalb weniger als mengenmäßig dominierendes Blattgemüse als vielmehr als geschmackgebende Ergänzung. Auch moderne botanische und ethnobotanische Darstellungen nennen die jungen Blätter als essbar und verweisen darauf, dass sie gekocht, als Würze oder in Aufgüssen verwendet werden können.

Vor der Verfügbarkeit heutiger Gewürzsortimente waren kräftig schmeckende Wildpflanzen besonders wertvoll. Salz war vorhanden und wurde gehandelt, doch Pfeffer und andere Importgewürze konnten teuer und für gewöhnliche Haushalte nur begrenzt verfügbar sein. Heimische Kräuter ermöglichten es dagegen, Suppen, Breie, Fleischgerichte oder Gemüse geschmacklich zu verändern.

Gundermann muss dabei nicht in großen Mengen verwendet werden. Bereits wenige Blätter besitzen ein deutliches Aroma. Das macht die Pflanze zu einem typischen Würzkraut, dessen Wert nicht in seinem Kaloriengehalt, sondern in seiner geschmacklichen Wirkung liegt.

Ob genau diese Nutzung bereits für skandinavische Haushalte der Wikingerzeit nachweisbar ist, bleibt offen. Die spätere europäische Küchentradition zeigt jedoch überzeugend, dass die Pflanze hierfür geeignet war und tatsächlich verwendet wurde.

Gundermann im Bier – eine beinahe vergessene Verwendung

Besonders interessant ist die historische Verbindung zwischen Gundermann und Bier beziehungsweise Ale. Bevor Hopfen in vielen europäischen Brautraditionen die dominierende Würz- und Bitterpflanze wurde, konnten unterschiedliche Kräuter zum Aromatisieren von Bier eingesetzt werden. Für Gundermann ist eine solche Verwendung besonders im englischen und mitteleuropäischen Raum dokumentiert. Seine englischen Namen alehoof und tunhoof erinnern unmittelbar daran. Die Pflanze wurde als Würzmittel und zur Aromatisierung von Ale genutzt, bevor Hopfen die Braukultur zunehmend dominierte.

Gundermann verlieh dem Getränk eine herbe, aromatische und leicht bittere Note. Gerade Bitterstoffe und aromatische Pflanzen konnten die Süße des Malzes ausgleichen. Historische Braukräutermischungen bestanden keineswegs immer aus einer einzigen Pflanze; regionale Mischungen konnten unterschiedliche Kräuter enthalten.

Für die Wikingerzeit ist hier erneut Vorsicht erforderlich. Bier und andere vergorene Getreidegetränke waren im Norden selbstverständlich bekannt, und zahlreiche Pflanzen konnten theoretisch zum Würzen verwendet werden. Daraus folgt aber nicht, dass Gundermann als festes „Wikinger-Bierkraut“ bezeichnet werden darf. Für seine spezifische Verwendung im nordischen Brauwesen dieser Zeit fehlen belastbare eindeutige Belege.

Die spätere Brautradition zeigt jedoch, welchen praktischen Wert die Pflanze besitzen konnte. Gundermann war nicht nur Medizin oder Wildgemüse, sondern ein aromatischer Bestandteil einer Getränkeherstellung, die in Europa vor der weitgehenden Standardisierung durch Hopfen erheblich vielfältiger war.

Kräuterbier vor der Dominanz des Hopfens

Heute wird Bier so selbstverständlich mit Hopfen verbunden, dass leicht vergessen wird, wie jung diese weitgehende Standardisierung historisch ist. Frühere Brauer nutzten unterschiedliche Kräuter, Baumteile und Gewürze. In verschiedenen Regionen Europas entstanden Mischungen, die heute unter dem Sammelbegriff Grut beziehungsweise Gruit bekannt sind.

Gundermann gehörte in einigen später dokumentierten Regionen zu diesen aromatischen Braupflanzen. Die Pflanze konnte Geschmack liefern und wurde traditionell auch mit klärenden oder haltbarkeitsbezogenen Eigenschaften in Verbindung gebracht.

Für die historische Küche ist das besonders interessant, weil es zeigt, dass die Trennung zwischen Lebensmittel, Gewürz und Heilpflanze früher wesentlich unschärfer war als heute. Ein und dasselbe Kraut konnte in einer Suppe landen, einem Getränk Geschmack verleihen und zugleich als Bestandteil eines medizinischen Aufgusses betrachtet werden.

Genau diese Mehrfachnutzung ist für viele traditionelle Kräuter typisch. Der moderne Mensch sortiert Pflanzen gern in Kategorien: Lebensmittel hier, Arzneimittel dort. In vormodernen Haushalten waren solche Grenzen häufig fließend.

Gundermann in der europäischen Volksheilkunde

Gundermann besitzt eine lange dokumentierte Tradition innerhalb der europäischen Volksmedizin. Er wurde unter anderem bei Beschwerden der Atemwege, bei Verdauungsproblemen sowie äußerlich in verschiedenen Anwendungen eingesetzt. Neuere ethnopharmakologische Übersichten bestätigen, dass die Pflanze in unterschiedlichen europäischen Traditionen medizinisch genutzt wurde, betonen zugleich jedoch, dass zahlreiche überlieferte Anwendungen wissenschaftlich nur unzureichend untersucht oder klinisch nicht bestätigt sind.

Besonders häufig begegnet Gundermann in der späteren Kräuterkunde als Pflanze für Husten, verschleimte Atemwege und Erkältungsbeschwerden. Auch die Verwendung bei Verdauungs- und Harnwegsbeschwerden wird in ethnomedizinischen Überlieferungen genannt.

Diese Überlieferungen sind historisch interessant, dürfen aber nicht mit einem modernen Wirksamkeitsnachweis gleichgesetzt werden. Die heutige wissenschaftliche Forschung untersucht Inhaltsstoffe und mögliche biologische Aktivitäten der Pflanze. Laborstudien weisen unter anderem antioxidative, antimikrobielle oder entzündungsbezogene Eigenschaften bestimmter Extrakte nach. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass ein traditioneller GundermannTee eine konkrete Krankheit zuverlässig behandelt.

Gerade bei historischen Heilpflanzen ist diese Trennung wichtig: Traditionelle Anwendung ist ein kulturhistorischer Fakt. Medizinische Wirksamkeit ist eine davon getrennt zu prüfende naturwissenschaftliche Frage.

Gundermann bei Husten und Atemwegsbeschwerden

In der europäischen Volksheilkunde erhielt Gundermann den Ruf eines „Lungenkrautes“. Aufgüsse wurden bei Husten, Bronchialbeschwerden und verschleimten Atemwegen eingesetzt. Solche Anwendungen tauchen in späteren Kräutertraditionen immer wieder auf.

Warum gerade diese Pflanze ausgewählt wurde, lässt sich aus mehreren Perspektiven erklären. Ihr stark aromatischer Geschmack vermittelt unmittelbar den Eindruck eines wirksamen Krautes. Bittere und würzige Pflanzen wurden in historischen Medizinsystemen häufig bestimmten Körperfunktionen zugeordnet. Gleichzeitig enthalten Gundermannblätter unterschiedliche sekundäre Pflanzenstoffe, darunter phenolische Verbindungen und Terpene, die heute wissenschaftlich untersucht werden.

Eine moderne klinisch gesicherte Behandlung von Atemwegserkrankungen lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Gundermann besitzt heute keine vergleichbare anerkannte phytotherapeutische Stellung wie beispielsweise echtes Efeublatt, für das die Europäische Arzneimittel-Agentur eine traditionelle beziehungsweise etablierte medizinische Anwendung als Expektorans bewertet. Die Verwechslung ist besonders leicht möglich, weil Gundermann im Englischen „ground ivy“ heißt, botanisch aber kein Efeu ist.

Wunden, Haut und der Name Gundermann

In der späteren Volksheilkunde wurde Gundermann auch äußerlich verwendet. Umschläge, Waschungen oder zerdrückte Pflanzenbestandteile konnten bei Hautproblemen und Wunden eingesetzt werden. Solche Anwendungen passen zu der traditionellen Deutung des deutschen Pflanzennamens als Zusammenhang mit „Gund“, einem älteren Ausdruck für eitrige Erkrankungen oder Geschwüre.

Gerade bei äußerlichen Anwendungen ist allerdings besondere Vorsicht nötig. Historische Menschen besaßen keine Kenntnis moderner Bakteriologie. Eine Pflanze konnte aufgrund von Erfahrung, Geruch, Geschmack oder älteren medizinischen Theorien ausgewählt werden. Manche traditionellen Anwendungen können tatsächlich pharmakologisch interessante Inhaltsstoffe betreffen; andere waren wirkungslos oder sogar schädlich.

Moderne Untersuchungen von Glechoma hederacea befassen sich unter anderem mit antimikrobiellen und entzündungsbezogenen Eigenschaften von Pflanzenextrakten, liefern jedoch keinen Beleg dafür, dass historische Wundbehandlungen nach heutigen medizinischen Standards sicher oder wirksam gewesen wären.

Für einen historischen Blick ist deshalb vor allem bedeutsam, dass Gundermann über lange Zeit in der europäischen Volksheilkunde als äußerlich und innerlich verwendbares Kraut galt.

Gundermann und Verdauung

Auch bei Verdauungsbeschwerden wurde Gundermann traditionell eingesetzt. Seine bitter-aromatische Geschmacksrichtung machte ihn innerhalb historischer Kräuterlehren zu einer naheliegenden Pflanze für Magen und Verdauung. Spätere volksmedizinische Überlieferungen nennen entsprechende Anwendungen sowohl als Tee als auch als Bestandteil der Nahrung.

Die Verbindung zwischen Gewürz und Medizin ist hier besonders deutlich. Ein Kraut, das ein schweres oder fettreiches Essen würzt, konnte gleichzeitig als verdauungsfördernd betrachtet werden. Solche Vorstellungen begegnen bei zahlreichen traditionellen Bitterkräutern.

Auch hier gilt jedoch: Die historische Nutzung ist dokumentiert, eine klinisch bestätigte therapeutische Wirkung für konkrete Erkrankungen dagegen nicht ausreichend belegt. Gundermann spielt in der heutigen rationalen Phytotherapie nur eine untergeordnete Rolle.

Welche Inhaltsstoffe stecken im Gundermann?

Die moderne Pflanzenchemie hat Gundermann auf eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe untersucht. Dazu gehören insbesondere phenolische Verbindungen, verschiedene Säuren, Flavonoide und Terpenverbindungen. Neuere Studien beschäftigen sich mit dem antioxidativen und antimikrobiellen Potenzial von Extrakten sowie mit der ernährungsphysiologischen Zusammensetzung des Krautes.

Besonders wichtig ist dabei, nicht aus dem Nachweis eines Inhaltsstoffes vorschnell eine medizinische Wirkung abzuleiten. Ein Stoff kann im Labor eine Aktivität zeigen, ohne dass ein normal zubereiteter Tee dieselbe Konzentration erreicht. Ebenso kann eine Wirkung in Zellkulturen nicht automatisch auf einen lebenden Menschen übertragen werden.

Für historische Pflanzenkunde sind diese Analysen dennoch interessant. Sie zeigen, dass der starke Geschmack und Geruch des Gundermanns auf chemisch tatsächlich komplexe Pflanzenstoffe zurückgeht. Menschen früherer Zeiten kannten deren Molekülstruktur selbstverständlich nicht, konnten aber Geschmack, Geruch und körperliche Reaktionen beobachten und auf dieser Grundlage Erfahrungswissen entwickeln.

Gundermann als Nahrung – eher Gewürz als Grundversorgung

Gundermann ist essbar, doch sein intensiver Geschmack begrenzt die Mengen, die gewöhnlich sinnvoll verwendet werden. Junge Blätter können frisch oder gekocht eingesetzt werden. In traditionellen und modernen Wildkräuterküchen finden sie Verwendung in Suppen, Kräutermischungen, Salaten oder Aufgüssen.

Für frühmittelalterliche Ernährung wäre Gundermann deshalb eher als ergänzendes Würzkraut vorstellbar als als bedeutsame Kalorienquelle. Seine Blätter liefern zu wenig Masse, um Getreide, Hülsenfrüchte oder andere Grundnahrungsmittel zu ersetzen. Ihr Wert liegt in Aroma und Abwechslung.

Gerade im Frühjahr konnten junge Wildkräuter nach einem langen Winter interessant sein. Ob Gundermann dabei in skandinavischen Haushalten gezielt gesammelt wurde, lässt sich allerdings nicht sicher nachweisen. Die allgemeine Möglichkeit sollte deshalb nicht zu einer konkreten Behauptung über „Wikingersuppen“ oder fest definierte Kräutermischungen führen.

Die berühmte Neunkräutersuppe – Vorsicht vor einer beliebten Rückprojektion

Gundermann wird heute häufig im Zusammenhang mit sogenannten Neunkräutersuppen oder Gründonnerstagssuppen genannt. In moderner Kräuterliteratur werden solche Suppen gern als direkte Fortsetzung germanischer oder gar wikingerzeitlicher Frühlingsrituale dargestellt. Diese Behauptung ist in dieser Klarheit problematisch.

Dass Menschen im Frühjahr verschiedene junge Wildkräuter sammelten und gemeinsam verwendeten, ist grundsätzlich plausibel. Dass später christliche Gründonnerstagsbräuche mit grünen Speisen verbunden wurden, ist ebenfalls bekannt. Eine ungebrochene, eindeutig belegte Linie von einer festgelegten vorchristlichen „Neunkräutersuppe“ der Germanen oder Wikinger bis zur modernen Gründonnerstagssuppe lässt sich jedoch nicht einfach voraussetzen.

Gundermann kann Bestandteil später überlieferter regionaler Kräutermischungen sein. Das macht ihn kulturgeschichtlich interessant. Es erlaubt aber nicht die Aussage, ein Wikinger habe zu einem bestimmten Frühlingsfest zwingend eine Suppe aus exakt neun vorgeschriebenen Kräutern gegessen.

Gerade solche populären Behauptungen zeigen, wie schnell neuzeitliche Volkskunde, moderne Naturspiritualität und frühmittelalterliche Geschichte miteinander vermischt werden.

Eine Pflanze zwischen alter Religion und späterem Volksglauben

Auch um Gundermann entstanden in späteren Jahrhunderten zahlreiche magische und volkskundliche Vorstellungen. Pflanzen, die früh im Jahr grünen, stark duften oder in der Nähe menschlicher Siedlungen wachsen, wurden häufig mit Schutz, Fruchtbarkeit oder besonderen Kräften verbunden. Gundermann erscheint in späterem europäischen Volksglauben in unterschiedlichen Zusammenhängen.

Solche Traditionen dürfen jedoch nicht automatisch in die Wikingerzeit zurückversetzt werden. Es gibt keine bekannte eddische Quelle, die Gundermann einer nordischen Gottheit zuordnet. Ebenso fehlt ein gesicherter Nachweis, dass das Kraut im wikingerzeitlichen Skandinavien als Schutzpflanze gegen Zauberei, als Odinspflanze, Freyjakraut oder Bestandteil eines bestimmten Rituals galt.

Gerade bei Kräutern entstehen solche Zuordnungen in moderner Literatur sehr schnell, weil Pflanzen mit symbolischen Eigenschaften versehen und anschließend mit bekannten Gottheiten kombiniert werden. Historisch ist das ohne Quelle nicht tragfähig.

Wenn Gundermann in einer Darstellung nordischer Kultur vorkommt, sollte deshalb zwischen drei Dingen unterschieden werden: der realen Pflanze, der belegten späteren europäischen Nutzung und modernen spirituellen Interpretationen.

Konnte Gundermann in einem vorchristlichen Ritual verwendet worden sein?

Grundsätzlich kann fast jede verbreitete Pflanze Bestandteil eines lokalen Rituals gewesen sein. Vormoderne Religionen verwendeten Nahrung, Getränke, Zweige, Kräuter, Tiere und zahlreiche andere Naturmaterialien. Daraus folgt jedoch keine konkrete Belegbarkeit.

Für Gundermann existiert kein belastbarer Nachweis eines spezifischen wikingerzeitlichen Ritualgebrauchs. Eine solche Verwendung ist also denkbar, aber nicht historisch rekonstruierbar. Es wäre falsch, aus der späteren Verbindung der Pflanze mit Volksmedizin und Frühlingsbräuchen eine uralte kultische Kontinuität zu konstruieren.

Das ist besonders wichtig, weil gerade scheinbar unscheinbare Pflanzen in modernen Darstellungen gern mit einer vermeintlich „vergessenen germanischen Kräutermagie“ verbunden werden. Oft fehlt dafür jede zeitgenössische Quelle.

Der fundierte Blick ist weniger spektakulär, aber spannender: Gundermann war eine reale, aromatische und vielseitig nutzbare Pflanze, die Menschen in ihrem Lebensraum begegnete. Welche Geschichten einzelne Gemeinschaften mit ihr verbanden, ist weitgehend verloren.

Gundermann und Frauenheilkunde – was lässt sich wirklich sagen?

Moderne Kräuterbücher ordnen zahlreiche Pflanzen pauschal einer vermeintlichen historischen „Frauenheilkunde“ zu. Auch Gundermann erscheint gelegentlich in solchen Zusammenhängen. Eine breite europäische Volksmedizin kann selbstverständlich Anwendungen bei sehr unterschiedlichen Beschwerden enthalten, doch eine speziell wikingerzeitliche Zuordnung zu Hebammen, Seherinnen oder „Kräuterfrauen“ ist nicht belegt.

Überhaupt ist der moderne Begriff der Kräuterfrau für die Wikingerzeit problematisch, wenn damit ein klar definierter Beruf gemeint ist. Menschen konnten umfangreiches Pflanzenwissen besitzen, und bestimmte Personen mögen darin besonders erfahren gewesen sein. Die Quellen erlauben jedoch keine einfache Gleichsetzung mit dem späteren oder modernen Berufsbild einer Heilkräuterkundigen.

Beim Gundermann sollten deshalb nicht Personengruppen erfunden werden, die ihn angeblich sicher nutzten. Historisch belastbar ist lediglich die spätere europäische Nutzungstradition.

Gundermann trocknen und aufbewahren

Aromatische Kräuter konnten grundsätzlich getrocknet werden, um sie außerhalb ihrer Vegetationszeit verfügbar zu halten. Gundermann lässt sich ebenfalls trocknen, wobei Aroma und Farbe verändert werden. In späteren Kräutertraditionen wurde getrocknetes Kraut für Aufgüsse und andere Zubereitungen verwendet.

Für einen frühmittelalterlichen Haushalt wäre das Trocknen von Kräutern grundsätzlich technisch problemlos möglich gewesen. Bündel konnten an einem geschützten, luftigen Ort aufgehängt oder Pflanzenmaterial flach ausgebreitet werden. Doch auch hier sollten wir nicht aus einer allgemeinen Konservierungstechnik eine konkret belegte wikingerzeitliche Gundermannpraxis machen.

Was wir sagen können: Wenn Gundermann bewusst gesammelt wurde, wäre Trocknen eine naheliegende Möglichkeit zur Lagerung gewesen. Ob und wie häufig dies im wikingerzeitlichen Skandinavien tatsächlich geschah, wissen wir nicht.

Die Ernte – junges Kraut besitzt das feinere Aroma

Für die kulinarische Verwendung werden heute häufig junge Blätter und Triebspitzen bevorzugt. Später im Jahr kann der Geschmack intensiver und bitterer werden. Da die Pflanze mehrjährig ist und sich kriechend ausbreitet, kann sie an geeigneten Standorten über längere Zeit beerntet werden.

Die Blütezeit liegt überwiegend im Frühjahr beziehungsweise frühen Sommer, abhängig von Klima und Standort.

Für eine historische Nutzung musste ein Sammler solche botanischen Einzelheiten nicht schriftlich festhalten. Pflanzenwissen konnte aus Erfahrung entstehen: Man wusste, wann ein Blatt am besten schmeckte, wo besonders kräftige Bestände wuchsen und welche Pflanze einer ähnlichen Art zum Verwechseln nahekam.

Dieses Erfahrungswissen gehört zu den größten verlorenen Wissensbereichen vormoderner Gesellschaften. Schriftliche Quellen bewahren nur einen Bruchteil dessen, was Menschen im Alltag über ihre Umwelt wussten.

Verwechslungen und sichere Bestimmung

Gundermann ist bei genauer Betrachtung gut erkennbar, kann von unerfahrenen Sammlern jedoch mit anderen bodennahen Pflanzen verwechselt werden. Charakteristisch ist die Kombination aus kriechendem Wuchs, gegenständigen rundlich-nierenförmigen Blättern, gekerbtem Blattrand, vierkantigem Stängel und violettblauen Lippenblüten.

Auch der Geruch hilft bei der Bestimmung. Zerdrückte Blätter besitzen ein deutlich aromatisches Profil. Trotzdem sollte bei Wildpflanzen grundsätzlich keine Verwendung erfolgen, solange die Art nicht zweifelsfrei identifiziert ist.

Für historische Menschen war Pflanzenbestimmung eine praktische Fähigkeit, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Ein Fehler konnte nicht nur ein Essen verderben, sondern bei giftigen Pflanzen lebensgefährlich sein. Pflanzenkenntnis war deshalb kein romantisches Zusatzwissen, sondern konnte unmittelbar mit Versorgung und Sicherheit zusammenhängen.

Ist Gundermann giftig?

Für Menschen gilt Gundermann in üblichen kulinarischen Mengen grundsätzlich als essbares Wildkraut. Das bedeutet jedoch nicht, dass unbegrenzt große Mengen sinnvoll wären. Pflanzliche Inhaltsstoffe besitzen biologische Wirkungen, und traditionelle Nutzung ist kein Freibrief für hohe Dosierungen.

Besonders wichtig ist, dass die Verträglichkeit zwischen Tierarten stark unterscheiden kann. Was für Menschen als Küchen- oder Wildkraut genutzt wird, kann für bestimmte Tiere problematisch sein. Eine historische Verwendung als Futterpflanze sollte daher nicht aus der menschlichen Essbarkeit abgeleitet werden.

Auch Schwangerschaft, bestehende Erkrankungen oder die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten können bei medizinischen Kräuteranwendungen relevant sein. Weil Gundermann heute keine etablierte Arzneipflanze mit klar standardisierter Dosierung darstellt, sollten traditionelle Heilrezepte nicht als Ersatz für medizinische Behandlung verstanden werden.

Moderne Forschung und historische Erfahrung

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gundermann ist ein gutes Beispiel dafür, wie traditionelles Pflanzenwissen und moderne Forschung miteinander in Beziehung stehen können, ohne dass eines das andere automatisch bestätigt. Ethnobotanische Überlieferungen machten Wissenschaftler auf eine Pflanze aufmerksam, die seit Generationen verwendet wurde. Moderne Analysen untersuchen anschließend Inhaltsstoffe und biologische Aktivitäten.

Dabei wurden unter anderem phenolische Verbindungen und verschiedene antioxidative beziehungsweise antimikrobielle Aktivitäten von Extrakten untersucht. Diese Ergebnisse können erklären, weshalb eine Pflanze pharmakologisch interessant ist. Sie beweisen jedoch nicht rückwirkend jede traditionelle Behauptung.

Historische Menschen konnten durchaus wirksame Pflanzen entdecken, ohne deren Wirkmechanismus zu kennen. Sie konnten sich aber ebenso in Wirkungen irren. Überlieferung allein ist weder Beweis noch Bedeutungslosigkeit.

Gerade deshalb ist Gundermann wissenschaftlich interessant: Er besitzt eine reale chemische Komplexität und eine lange Gebrauchsgeschichte, ohne dass daraus eine universelle Heilpflanze gemacht werden sollte.

Gundermann als Beispiel für verlorenes Alltagswissen

Vielleicht liegt die größte kulturhistorische Bedeutung des Gundermanns gar nicht in einer einzelnen medizinischen Anwendung. Die Pflanze erinnert daran, wie umfangreich das praktische Umweltwissen vormoderner Menschen gewesen sein musste.

Ein Haushalt, dessen Versorgung wesentlich von Landwirtschaft, Tierhaltung und lokal verfügbaren Ressourcen abhing, konnte es sich kaum leisten, die Pflanzenwelt vollkommen zu ignorieren. Menschen mussten wissen, welches Kraut essbar war, welches Vieh fraß, welches beim Färben half, welches angenehm roch und welches man besser nicht berührte.

Dieses Wissen war wahrscheinlich regional und familienbezogen. Es musste nicht in Büchern stehen. Kinder konnten lernen, indem sie Erwachsene beim Sammeln begleiteten. Pflanzen wurden nicht botanisch nach lateinischen Arten bestimmt, sondern anhand von Aussehen, Standort, Geschmack und Nutzen.

Genau deshalb bleibt die schriftliche Quellenlage so lückenhaft. Alltägliches Wissen wird häufig erst dann aufgeschrieben, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist oder in gelehrten medizinischen Kontext gelangt.

Der Gundermann in einer nordischen Kräuterwelt

Für eine Darstellung nordischer Kräuter eignet sich Gundermann deshalb besonders gut, wenn er nicht künstlich zu einer heiligen Wikingerpflanze gemacht wird. Seine Bedeutung liegt gerade in seiner Bodenständigkeit. Er ist keine exotische Importdroge und kein auffälliger Baum. Er wächst niedrig zwischen Gras und Hecken, breitet sich selbstständig aus und kann nahezu übersehen werden.

Solche Pflanzen könnten für den Alltag wichtiger gewesen sein als spektakuläre Arten, über die später Legenden entstanden. Ein würziges Blatt, das wenige Schritte vom Hof entfernt wächst, kann praktischer sein als eine seltene Pflanze, die nur aus fernen Regionen stammt.

Ob die Menschen der Wikingerzeit Gundermann gezielt für Speisen, Getränke oder Heilzwecke nutzten, können wir derzeit nicht in jedem Detail belegen. Dass die Pflanze vorhanden und grundsätzlich nutzbar war, ist hingegen botanisch unproblematisch. Die spätere europäische Verwendung zeigt, welche Möglichkeiten sie bot.

Kein „Kraut Odins“ und kein sicher belegtes Zauberkraut

Besonders wichtig ist eine klare Abgrenzung zu modernen Behauptungen. Gundermann wird heute gelegentlich mit Odin, Freyja, Hexen, Schutzzauber oder germanischen Fruchtbarkeitsritualen verbunden. Solche Zuordnungen besitzen keine belastbare Grundlage in den eddischen Texten oder anderen zeitnahen Quellen der Wikingerzeit.

Dass spätere europäische Volksbräuche dem Kraut magische Eigenschaften zuschrieben, beweist keine direkte Kontinuität bis in die Eisenzeit. Volksglauben verändert sich ebenso wie Religion und Sprache. Ein Brauch des 17. Jahrhunderts kann ältere Elemente enthalten, muss aber nicht identisch mit einer Praxis des 9. Jahrhunderts sein.

Für eine fundierte nordische Kräuterkunde ist gerade diese Unterscheidung entscheidend. Wo die Quelle endet, sollte die moderne Fantasie als solche bezeichnet werden.

Gundermann benötigt keine erfundene Verbindung zu Odin, um historisch interessant zu sein.

Was wir tatsächlich sagen können

Sicher ist, dass Glechoma hederacea eine europäisch-asiatische, mehrjährige und aromatische Pflanze ist, die zu den Lippenblütlern gehört und in gemäßigten Lebensräumen weit verbreitet ist. Sicher ist ebenfalls, dass Gundermann eine lange europäische Tradition als Würzkraut und Volksheilpflanze besitzt und historisch auch zum Aromatisieren von Bier verwendet wurde.

Gut dokumentiert sind spätere volksmedizinische Anwendungen bei Beschwerden der Atemwege, des Verdauungssystems und weiteren Leiden. Moderne Forschung untersucht verschiedene Inhaltsstoffe und biologische Aktivitäten der Pflanze, ohne dass daraus eine klinisch allgemein anerkannte medizinische Anwendung folgt.

Nicht sicher belegt ist dagegen eine konkrete wikingerzeitliche nordische Heilanwendung, eine Zuordnung zu einer Gottheit oder ein festes kultisches Ritual mit Gundermann. Ebenfalls problematisch sind moderne Behauptungen über eine ununterbrochene germanische Kräutertradition, wenn keine zeitnahen Quellen vorgelegt werden können.

Genau diese Unterscheidung macht eine historische Pflanzenkunde belastbar.

Fazit – Würzkraut, Heilpflanze und unscheinbarer Begleiter

Der Gundermann (Glechoma hederacea) ist ein unscheinbares, aber außerordentlich interessantes Wildkraut der europäischen Kulturlandschaft. Die mehrjährige Pflanze breitet sich mit kriechenden Trieben über den Boden aus, wurzelt an ihren Knoten und bildet im Frühjahr violettblaue Lippenblüten. Ihre gegenständigen, rundlich bis nierenförmigen Blätter und der vierkantige Stängel zeigen die Zugehörigkeit zu den Lippenblütlern, während ihr kräftiger aromatischer Geruch bereits beim Zerreiben der Blätter deutlich wird. Sein natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Europa bis weit nach Asien, sodass Gundermann grundsätzlich auch zur Pflanzenwelt gehörte, die Menschen des frühmittelalterlichen Nordens kennen konnten.

Seine spätere europäische Nutzung war ausgesprochen vielseitig. Gundermann wurde als Würzkraut, für Aufgüsse und in der Volksmedizin verwendet. Besonders bemerkenswert ist seine historische Rolle beim Brauen von Ale und Bier, bevor Hopfen vielerorts zum dominierenden Bitter- und Würzmittel wurde. Englische Pflanzennamen wie alehoof erinnern bis heute an diese Verwendung. Die Pflanze zeigt damit eindrucksvoll, wie fließend die Grenzen zwischen Nahrung, Gewürz und Heilmittel in vormodernen Gesellschaften sein konnten.

In der europäischen Volksheilkunde wurde Gundermann unter anderem bei Husten, Atemwegsbeschwerden, Verdauungsproblemen und verschiedenen äußeren Beschwerden eingesetzt. Solche Anwendungen sind kulturhistorisch dokumentiert, dürfen jedoch nicht mit einem modernen Wirksamkeitsnachweis verwechselt werden. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass die Pflanze zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe enthält und dass Extrakte unter Laborbedingungen interessante antioxidative, antimikrobielle und andere biologische Aktivitäten zeigen können. Für eine klinisch gesicherte Behandlung konkreter Erkrankungen reichen diese Ergebnisse jedoch nicht aus, und Gundermann besitzt heute keine allgemein anerkannte medizinische Anwendung vergleichbar mit etablierten Arzneipflanzen.

Für die Wikingerzeit muss die historische Aussage vorsichtiger bleiben. Gundermann war botanisch verfügbar und konnte von Menschen gesammelt werden. Eine konkrete nordische Nutzung als Heil-, Ritual- oder Braukraut ist jedoch nicht ausreichend belegt, um sie als gesicherte wikingerzeitliche Praxis darzustellen. Insbesondere moderne Zuordnungen zu Odin, Freyja, germanischen Frühlingsritualen oder einer fest definierten Kräutermagie besitzen keine tragfähige Grundlage in zeitnahen nordischen Quellen.

Gerade darin liegt jedoch die Stärke des Gundermanns als historisches Thema. Er erinnert daran, dass Pflanzenwissen nicht nur aus berühmten Heilbüchern und spektakulären Ritualen bestand. Ein großer Teil des Wissens früherer Gesellschaften war alltäglich, mündlich und regional. Menschen kannten Pflanzen, weil sie ihnen auf Wiesen, an Wegen und unmittelbar neben ihren Häusern begegneten. Sie lernten Geschmack, Geruch und Verwendung wahrscheinlich durch Erfahrung und Weitergabe innerhalb ihrer Gemeinschaften.

Der Gundermann verkörpert damit eine Form von Naturwissen, die nur selten vollständig schriftlich überliefert wurde. Er war keine exotische Kostbarkeit, sondern eine Pflanze des unmittelbaren Lebensraumes – aromatisch, vielseitig und leicht verfügbar. Seine gesicherte spätere Verwendung zeigt, welches Potenzial Menschen in diesem unscheinbaren Kraut erkannten. Für die Wikingerzeit bleibt manches offen, und gerade diese Grenze sollten wir respektieren: Was wir belegen können, gehört zur Geschichte. Was möglich, aber nicht überliefert ist, bleibt eine begründete Möglichkeit – und keine Tatsache.

 

Alexander - Autor

Über den Autor:

Alexander Ellmer ist Historiker und Forscher zur nordischen Mythologie und Kulturgeschichte Skandinaviens. Als Fachautor publiziert er fundierte Werke zu zentralen Themen der nordischen Welt – seine Einordnungen finden dabei zunehmend Eingang in öffentliche Wissenskontexte und mediale Beiträge.
Die Bücher findest du hier: Verlag NorseStory.


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