Wissensarchiv

Götterkunde

Odin und Bragi – wer war wirklich der Gott der Skalden?

11.10.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 25 Min. Lesezeit

Ein Skalde steht vor einem Herrscher und trägt ein Gedicht vor. Seine Verse erzählen von Schlachten, Seefahrten und außergewöhnlichen Taten. Doch es sind keine einfachen Erzählungen. Die Worte folgen einer anspruchsvollen Ordnung aus Rhythmus, Stabreim und Binnenreim. Bilder werden in andere Bilder verschachtelt, Namen durch kunstvolle Umschreibungen ersetzt, und wer den Sinn vollständig verstehen will, muss die Geschichten der Götter ebenso kennen wie die Taten der Menschen.

Der Herrscher hört zu. Mit ihm hören die Männer seines Gefolges, vielleicht auch andere Dichter, die beurteilen können, ob die Verse wirklich gelungen sind. Ein solches Gedicht kann seinen Auftraggeber ehren und dessen Ansehen über den Augenblick hinaus bewahren. Es kann aber auch den Ruf desjenigen festigen, der es geschaffen hat. Denn ein bedeutender Skalde besitzt etwas, das sich weder mit einem Schwert erzwingen noch allein mit Silber erwerben lässt: die Fähigkeit, Erlebnisse und Namen in Worte zu verwandeln, die andere Menschen behalten.

Die Szene ist eine historische Annäherung an die höfische Welt der Wikingerzeit, keine Beschreibung eines bestimmten überlieferten Auftritts. Doch die Bedeutung solcher Dichtung ist gut bezeugt. Skalden gehörten zu einer Kultur, in der öffentlich vorgetragene Verse Ruhm verbreiten, politische Beziehungen gestalten und Erinnerungen über Generationen erhalten konnten.

Umso erstaunlicher ist eine Frage, die bei der Beschäftigung mit den nordischen Göttern leicht übersehen wird: Warum sind ausgerechnet zwei Götter so eng mit der Dichtkunst verbunden?

Odin, der rastlos nach Wissen strebende Gott, erlangt in einer berühmten Erzählung den Dichtermet und bringt damit die dichterische Gabe in die Welt der Götter und Menschen. Bragi dagegen wird ausdrücklich als Meister der Sprache und der Skaldendichtung vorgestellt. In einer der wichtigsten mittelalterlichen Darstellungen der nordischen Mythologie ist es sogar Bragi, der die Entstehung des Dichtermets erklärt.

Wer also war der eigentliche Gott der Skalden? Odin, der sich die Dichtung aneignete? Oder Bragi, dessen Name selbst mit der Kunst des Dichtens verbunden wurde? Die überlieferten Texte geben darauf keine einfache Antwort. Sie eröffnen jedoch einen bemerkenswerten Einblick in die nordische Vorstellung davon, was Dichtung überhaupt war: göttliche Gabe, menschliche Kunstfertigkeit, Quelle von Ansehen und ein Mittel, den Ruhm eines Menschen über seinen Tod hinaus zu bewahren.

Was war ein Skalde – und warum war seine Dichtung so bedeutend?

Um die unterschiedlichen Rollen Odins und Bragis zu verstehen, muss zunächst deutlich werden, welche Stellung die Skalden in der nordischen Gesellschaft einnehmen konnten. Ein Skalde war nicht einfach jemand, der Geschichten erzählte oder gelegentlich Verse sprach. Besonders im Umfeld von Herrschern und mächtigen Familien konnte ein Dichter eine angesehene Persönlichkeit sein, deren Können auf außergewöhnlicher sprachlicher Beherrschung beruhte.

Der altnordische Begriff skáld bezeichnet einen Dichter. Die heute übliche Unterscheidung zwischen eddischer und skaldischer Dichtung beschreibt zwei wichtige Erscheinungsformen der erhaltenen altnordischen Poesie. Sie darf allerdings nicht als starre Trennung zweier vollständig unabhängiger Traditionen verstanden werden. Formen, Themen und Überlieferungszusammenhänge waren vielfältiger, als die modernen Sammelbezeichnungen vermuten lassen.

Viele eddische Gedichte erzählen von Göttern, Helden, Weisheit und mythischen Ereignissen. Die skaldische Dichtung ist dagegen besonders durch kunstvolle sprachliche Konstruktionen und ihre Verbindung mit namentlich bekannten Dichtern gekennzeichnet. Berühmt sind die Lobgedichte auf Könige und andere Auftraggeber. Daneben begegnen Spottverse, Gelegenheitsstrophen, mythologische Dichtungen und zahlreiche weitere Formen.

Eine besonders anspruchsvolle Versform war das dróttkvætt, dessen Name gewöhnlich mit der höfischen Gefolgschaft in Verbindung gebracht wird. Es besitzt ein enges metrisches Regelwerk mit bestimmten Silbenzahlen, Stabreimen und Binnenreimen. Wer solche Verse beherrschte, musste nicht nur eine Botschaft formulieren, sondern sie innerhalb komplexer sprachlicher Vorgaben gestalten.

Hinzu kamen die sogenannten Kenningar, poetische Umschreibungen, die einen Begriff durch ein häufig mythologisch geprägtes Sprachbild ersetzen. Ein Schiff konnte auf diese Weise anders benannt werden als im gewöhnlichen Gespräch, ebenso ein Schwert, ein Krieger oder die Dichtung selbst. Manche Umschreibungen erschlossen sich nur, wenn ihre Zuhörer mit den zugrunde liegenden Erzählungen vertraut waren.

Skaldische Dichtung war deshalb nicht bloß eine Frage schöner Worte. Sie verlangte sprachliche Präzision, Erinnerungsvermögen, Kenntnis überlieferter Stoffe und die Fähigkeit, diese in einem anspruchsvollen Vortrag miteinander zu verbinden.

Die Mediävistin Margaret Clunies Ross beschreibt in ihrer Forschung zur altnordischen Poetik zwei eng miteinander verbundene Vorstellungen: Dichtung konnte einerseits als göttliche Gabe verstanden werden, andererseits als menschliche Kunstfertigkeit, als ein Können, das beherrscht und ausgeübt werden musste. Beide Vorstellungen schlossen sich nicht aus.

Genau an dieser Verbindung beginnt die besondere Beziehung zwischen Odin, Bragi und den Skalden. Die Dichtung besitzt eine übernatürliche Herkunft, verlangt aber zugleich außergewöhnliche menschliche Meisterschaft.

Odin – der Gott, der sich die Dichtung aneignet

Odin wird in der nordischen Mythologie häufig als Gott des Krieges, der Weisheit und der Toten beschrieben. Doch seine Verbindung zur Dichtung gehört nicht bloß zu seinen weniger bekannten Eigenschaften. Sie steht in engem Zusammenhang mit seinem unaufhörlichen Streben nach Wissen, außergewöhnlichen Fähigkeiten und der Macht über Dinge, die anderen Wesen verborgen bleiben.

Die nordischen Überlieferungen schildern Odin immer wieder als einen Gott, der Erkenntnis nicht einfach besitzt, sondern um sie ringt. Er nimmt Entbehrungen auf sich, überwindet Grenzen und greift zu Täuschung, wenn sie ihm Zugang zu besonderem Wissen verschafft. Seine Beziehung zur Dichtung folgt demselben Muster.

Eine zentrale Quelle sind die Hávamál, eine Sammlung von Weisheitssprüchen und weiteren poetischen Abschnitten, die in der Lieder-Edda überliefert ist. Besonders die Strophen 104 bis 110 behandeln Odins Aufenthalt bei dem Riesen Suttung und dessen Tochter Gunnlöð. Der Gott berichtet dort in der ersten Person von seiner Gewinnung eines außergewöhnlichen Mets.

Die Strophen liefern keine vollständig ausgearbeitete Erzählung mit allen Einzelheiten. Sie setzen vielmehr voraus, dass den Zuhörern bestimmte Zusammenhänge bereits vertraut waren. Von Odins Worten in Suttungs Halle ist die Rede, von einem gefährlichen Weg durch den Felsen, von Gunnlöðs Hilfe und von dem kostbaren Getränk, das Odin schließlich an sich bringt.

Eine besonders aufschlussreiche Stelle ist Hávamál, Strophe 105:

„Gunnlöð mér um gaf gullnum stóli á drykk ins dýra mjaðar“

Sinngemäß: „Gunnlöð gab mir auf goldenem Sitz einen Trunk des kostbaren Mets.“

Die Stelle verbindet den Erwerb des Getränks unmittelbar mit Gunnlöð. Sie zeigt jedoch zugleich eine problematische Seite von Odins Vorgehen: In den folgenden Versen spricht er davon, dass er ihr einen schlechten Lohn für ihre Zuneigung hinterlassen habe. Später wird daran erinnert, dass Odin einen Eid gebrochen und Gunnlöð zum Weinen gebracht habe.

Das ist mehr als ein nebensächliches Detail. Die Dichtung wird hier nicht in einer harmlosen Geschichte über einen großzügigen Gott gewonnen. Odin erlangt sie durch List, Grenzüberschreitung und ein Verhalten, das selbst innerhalb der überlieferten Verse moralische Spannungen erkennen lässt.

In Hávamál, Strophe 107, heißt es außerdem:

„nú er Óðrerir upp kominn á alda vé jarðar“

Sinngemäß: „Nun ist Óðrerir hinaufgekommen in den heiligen Wohnbereich der Menschen auf Erden.“

Die Deutung einzelner Ausdrücke ist in der Forschung nicht in jedem Punkt einheitlich. Doch der Zusammenhang ist deutlich: Ein besonderes Getränk wird aus dem Besitz der Riesen in einen anderen Bereich der Welt gebracht. Der Mythos erzählt damit von der Aneignung und Weitergabe einer außergewöhnlichen Fähigkeit.

Odin ist hier nicht einfach ein Gott, der Gedichte liebt. Er ist die Gestalt, durch deren Handeln die dichterische Gabe zugänglich wird.

Der Dichtermet – warum Dichtung aus Blut und Honig entsteht

Die ausführlichste erhaltene Erzählung über die Entstehung und den Erwerb des Dichtermets findet sich in Snorri Sturlusons Skáldskaparmál, dem zweiten Hauptteil der Prosa-Edda aus dem 13. Jahrhundert. Sie führt die Geschichte weiter zurück als die knappen Andeutungen der Hávamál.

Am Anfang steht der Konflikt zwischen den Asen und den Wanen. Nachdem beide Göttergruppen Frieden geschlossen haben, vermischen sie ihren Speichel in einem Gefäß. Aus diesem Zeichen der Versöhnung erschaffen sie Kvasir, ein Wesen von außerordentlicher Weisheit.

Kvasir zieht durch die Welt und beantwortet die Fragen der Menschen. Schließlich gelangt er zu den Zwergen Fjalarr und Galarr, die ihn töten und sein Blut auffangen. Sie vermischen es mit Honig und bereiten daraus einen Met, der denjenigen, der davon trinkt, zu einem Dichter oder Gelehrten machen kann.

Der altnordische Text der Skáldskaparmál bezeichnet die Wirkung des Getränks mit den Worten:

„hverr, er af drekkr, verðr skáld eða fræðamaðr“

Sinngemäß: „Wer davon trinkt, wird ein Dichter oder ein gelehrter Mensch.“ Die Passage steht in Skáldskaparmál, Abschnitt über die Herkunft der Dichtung und die Entstehung des Dichtermets, in Anthony Faulkes’ Edition im frühen Teil der Skáldskaparmál.

Gerade die Verbindung von Dichtung und Gelehrsamkeit ist bemerkenswert. Der Met verleiht nicht einfach nur die Fähigkeit, angenehme Worte zu finden. Er steht für Wissen und Ausdruckskraft, für das Vermögen, Zusammenhänge zu erkennen und in bedeutungsvolle Sprache zu übertragen.

Nach weiteren Gewalttaten gelangt der Met in den Besitz des Riesen Suttung, der ihn im Berg Hnitbjörg verwahren lässt. Seine Tochter Gunnlöð soll das kostbare Getränk bewachen. Odin macht sich schließlich auf den Weg, um es zu erlangen.

Unter dem Namen Bölverkr arbeitet er zunächst für Suttungs Bruder Baugi. Als ihm der versprochene Zugang zum Met verweigert wird, lässt er ein Loch in den Berg bohren, verwandelt sich in eine Schlange und gelangt zu Gunnlöð. Nach drei Nächten erhält er die Erlaubnis zu drei Schlucken des Mets, trinkt jedoch die gesamte Menge aus den Gefäßen und flieht in Adlergestalt nach Asgard.

In Snorris Darstellung speit Odin den Met in vorbereitete Behälter. Einen Teil verliert er während der Flucht auf weniger würdige Weise. Daraus entwickelt die Erzählung eine spöttische Erklärung für schlechte Dichtung, während der wertvolle Met den Göttern und begabten Menschen zugänglich wird.

Die Geschichte ist eine mythische Erklärung dafür, warum Dichtung als etwas Besonderes verstanden werden konnte. Sie verbindet göttlichen Frieden, außergewöhnliche Weisheit, Gewalt, Täuschung und schöpferische Sprache miteinander. Gerade diese Verbindung macht sie so vielschichtig.

Der Dichtermet wird nicht von Odin erschaffen. Er existiert bereits, bevor der Gott ihn gewinnt. Odins entscheidende Leistung besteht darin, die dichterische Kraft aus dem Besitz anderer Wesen an sich zu bringen und sie weiterzugeben.

Das erklärt, weshalb Odin so eng mit der Herkunft dichterischer Inspiration verbunden ist. Es erklärt aber noch nicht, weshalb Bragi ebenfalls eine herausragende Stellung unter den Dichtern einnimmt.

Bragi – der Gott, der die Kunst der Worte beherrscht

Bragi tritt in der erhaltenen nordischen Mythologie wesentlich seltener auf als Odin. Dennoch sind die Aussagen über seine Verbindung zur Dichtkunst bemerkenswert eindeutig.

In Snorri Sturlusons Gylfaginning, Kapitel 26, wird Bragi als einer der Asen vorgestellt. Snorri beschreibt ihn als weise und besonders berühmt für Beredsamkeit und sprachliche Gewandtheit. Vor allem besitzt er außergewöhnliche Kenntnisse der Skaldendichtung.

Der altnordische Text enthält dafür die prägnante Formulierung:

„Hann kann mest af skáldskap“

Sinngemäß: „Er versteht am meisten von der Dichtkunst.“

Das ist eine bemerkenswerte Charakterisierung. Bragi wird nicht als Gott beschrieben, der einen kostbaren Gegenstand erbeutet, eine Waffe führt oder über ein bestimmtes Naturereignis herrscht. Seine besondere Fähigkeit liegt in der Beherrschung der Sprache.

Snorri verbindet Bragis Namen außerdem mit dem altnordischen Wort bragr, das unter anderem mit Dichtung, sprachlicher Kunst und Vorrang zusammenhängt. Dabei ist Vorsicht geboten: Die Erklärung im mittelalterlichen Text ist zunächst eine gelehrte und mythologische Namensdeutung. Sie beweist für sich genommen nicht, dass sich die historische Wortentwicklung tatsächlich ausschließlich aus dem Namen des Gottes ableiten lässt.

Bemerkenswert ist auch, dass Snorri die besondere Beredsamkeit nicht allein Männern zuschreibt. Er erwähnt entsprechende Bezeichnungen für Männer und Frauen, die durch außergewöhnliche Redegewandtheit hervortreten.

Im selben Kapitel wird Iðunn als Bragis Frau genannt. Sie bewahrt die Äpfel, durch deren Genuss die Götter ihre Jugend erneuern. Diese familiäre Verbindung ist Teil der mittelalterlichen Darstellung des göttlichen Gefüges. Sie sagt jedoch nichts darüber aus, ob Bragi in der Wikingerzeit einen verbreiteten eigenen Kult als Gott der Skalden besaß.

Die eigentliche Besonderheit liegt vielmehr darin, dass Bragi nicht vor allem durch den Erwerb dichterischer Macht, sondern durch deren vollkommene Beherrschung charakterisiert wird. Er verkörpert eine Fähigkeit, deren gesellschaftlicher Wert in der Welt der Skalden außerordentlich hoch war.

Warum ausgerechnet Bragi die Geschichte des Dichtermets erzählt

Eine der aufschlussreichsten Stellen für das Verhältnis zwischen Odin und Bragi befindet sich am Anfang der Skáldskaparmál. Snorri lässt dort den Meeresriesen Ægir die Asen besuchen. Während des Aufenthalts kommt Ægir mit Bragi ins Gespräch, der ihm die Herkunft, die besondere Sprache und die Regeln der Dichtkunst erläutert.

Diese erzählerische Entscheidung verdient Aufmerksamkeit. Denn die Geschichte, die Bragi erzählt, handelt zunächst von einem anderen Gott. Es ist Odin, der sich den Dichtermet aneignet. Doch derjenige, der die Bedeutung dieses Vorgangs erklärt, ist Bragi.

Damit entstehen innerhalb desselben Werkes zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Dichtung. Odin steht im Mittelpunkt des Mythos über ihren Erwerb. Bragi übernimmt die Rolle des sachkundigen Erklärers ihrer Herkunft und ihrer sprachlichen Möglichkeiten.

Diese Gegenüberstellung wirkt fast wie ein Schlüssel zum Verständnis ihrer unterschiedlichen Funktionen. Odin gewinnt den Met. Bragi erklärt, was es mit ihm auf sich hat. Odin erschließt den Zugang zur besonderen Gabe. Bragi führt vor, wie tief das Wissen über poetische Sprache reicht.

Doch genau hier ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich. Snorri überliefert keine göttliche Aufgabenordnung, nach der Odin ausschließlich für Inspiration und Bragi ausschließlich für dichterische Technik zuständig gewesen wäre. Die Rollen ergeben sich aus der literarischen Gestaltung des Werkes und aus der Verbindung mit anderen Quellen.

Auch darf die Skáldskaparmál nicht als unmittelbare Niederschrift einer unveränderten Glaubenslehre der Wikingerzeit gelesen werden. Snorri schrieb im christlichen Island des 13. Jahrhunderts. Sein Werk sollte unter anderem erklären, wie die überlieferte Dichtung und ihre mythologischen Umschreibungen zu verstehen waren. Dazu ordnete er ältere Stoffe in eine zusammenhängende Darstellung ein.

Gerade deshalb ist Bragis Rolle jedoch interessant. Snorri wählte nicht irgendeine göttliche Gestalt zum Erklärer der Skaldendichtung, sondern einen Gott, der bereits in anderen überlieferten Texten mit außerordentlichem dichterischem Ansehen verbunden war.

Die Gegenüberstellung von Odin und Bragi lässt sich somit gut begründen. Sie bleibt aber eine Interpretation der Quellen und keine nachweisbare Vorschrift für die Verehrung der beiden Götter.

Bragi in der älteren Dichtung – der Beste unter den Skalden

Bragis besondere Stellung beruht nicht allein auf Snorris Prosa-Edda. Auch in der Lieder-Edda erscheint sein Name in unmittelbarem Zusammenhang mit der Dichtkunst.

Eine der wichtigsten Stellen findet sich in den Grímnismál, Strophe 44. Dort wird eine Reihe außergewöhnlicher Dinge und Wesen genannt. Yggdrasil erscheint als herausragender Baum, Skíðblaðnir als besonderes Schiff, Sleipnir als herausragendes Pferd und Bragi als der Beste unter den Skalden.

Die entscheidende altnordische Wendung lautet:

„en Braga skalda“

Sinngemäß: „und Bragi unter den Skalden“. Im Zusammenhang der gesamten Strophe bedeutet die Wendung, dass Bragi als der hervorragendste unter ihnen genannt wird.

Die Aussage ist kurz, aber von erheblicher Bedeutung. Bragi erscheint hier nicht lediglich als jemand, der zufällig Gedichte vorträgt. Sein Name steht in einer Aufzählung exemplarischer Größe und Überlegenheit.

Die Stelle beweist allerdings nicht vollständig, welche Vorstellungen die Zuhörer mit Bragi verbanden. Sie erläutert weder seine Herkunft noch sein Verhältnis zu Odin. Auch legt sie nicht fest, ob Bragi als göttlicher Patron, als idealisierter Dichter oder in einer anderen Weise verstanden wurde.

Gerade diese Offenheit ist für die Forschung bedeutsam. Die Überlieferung zeigt ein außergewöhnliches dichterisches Ansehen Bragis, ohne seine Rolle nach Art eines späteren mythologischen Handbuchs vollständig zu erklären.

Während Odin in den Erzählungen um den Dichtermet die besondere Gabe erlangt, erscheint Bragi in den Grímnismál als Maßstab dichterischer Vollkommenheit.

Bragi gegen Loki – die Dichtung im Streit der Götter

Ein anderes Bild Bragis zeigt die Lokasenna, eines der bekanntesten Streitgedichte der Lieder-Edda. Der Text spielt während eines Festes bei Ægir. Loki erscheint und beginnt, die anwesenden Götter mit Beleidigungen, Vorwürfen und Provokationen herauszufordern.

Bragi gehört zu den ersten, die ihm entgegentreten. In Strophe 8 erklärt er, dass die Götter Loki keinen Platz unter sich gewähren sollten. Die Auseinandersetzung entwickelt sich anschließend zu einem Wortgefecht, in dem Loki Bragis Mut infrage stellt.

Bragi versucht den Konflikt zeitweise durch das Angebot kostbarer Gaben zu entschärfen. Er bietet Loki unter anderem ein Pferd, ein Schwert und einen Ring an, sofern dieser aufhört, die Götter gegeneinander aufzubringen. Loki antwortet jedoch mit weiteren Beleidigungen und wirft Bragi Feigheit vor.

Auf den ersten Blick scheint diese Szene wenig mit der Skaldendichtung zu tun zu haben. Doch sie zeigt Bragi in einem Bereich, in dem Worte unmittelbar gesellschaftliche Wirkung entfalten. Ein Fest wird durch Rede, Gegenrede, Beleidigung und den Versuch der Wiederherstellung sozialer Ordnung bestimmt.

Die Lokasenna ist ein literarischer Text, kein Protokoll historischer Festkultur. Dennoch greift sie eine Form des verbalen Wettstreits auf, die innerhalb der altnordischen Überlieferung eine besondere Bedeutung besitzt.

Die Szene ist auch deshalb wichtig, weil Bragi keineswegs als unangefochtener Meister jeder Auseinandersetzung erscheint. Loki kann ihn verspotten und öffentlich angreifen. Seine dichterische und sprachliche Stellung bedeutet nicht, dass er in allen Bereichen den anderen Göttern überlegen wäre.

Hier zeigt sich eine menschlich wirkende Seite der Götterwelt: Ansehen und Beherrschung der Sprache schützen nicht davor, selbst zum Gegenstand verletzender Worte zu werden.

Bragi verkörpert in dieser Szene daher nicht einfach die Macht des schönsten Gedichts. Er erscheint innerhalb einer Welt, in der öffentlich gesprochene Worte Beziehungen verändern, Ehre verletzen und Konflikte auslösen können.

Odin und die Macht der Worte – Dichtung, Wissen und Herrschaft

Odins Verbindung zur Sprache reicht weit über den Dichtermet hinaus. In den Hávamál wird er mit Weisheit, magischem Wissen und außergewöhnlichen Formen der Erkenntnis verbunden. Die Strophen über die Runen und die Zauberlieder stehen in einem anderen Zusammenhang als die Erzählung von Gunnlöð, zeigen jedoch, wie eng bei Odin Wissen und sprachliche Wirksamkeit miteinander verbunden sein können.

Runen, Zaubergesänge und skaldische Verse sind dabei nicht einfach dasselbe. Die Quellen unterscheiden verschiedene Arten von Wissen und sprachlichem Handeln. Wer sie vorschnell gleichsetzt, verwischt die Unterschiede zwischen Dichtung, Schriftzeichen und magischer Praxis.

Dennoch lässt sich ein gemeinsamer Gedanke erkennen. Odin ist eine Gestalt, die verborgene Kenntnisse sucht und besondere Ausdrucksformen mit Macht verbindet. Worte können bei ihm mehr sein als bloße Mitteilungen. Sie gehören zu einer Welt, in der Erkenntnis, Einfluss und übernatürliche Fähigkeiten miteinander verflochten sind.

Auch seine Verbindung zu Herrschaft und Krieg macht die Dichtung bedeutungsvoll. In der höfischen Gesellschaft konnten Gedichte den Ruhm eines Herrschers verbreiten und seine Taten in eine Form bringen, die sich über längere Zeit erinnern ließ. Die poetische Sprache hatte damit eine politische Dimension.

Der Herrscher konnte durch militärische Erfolge Macht gewinnen. Doch ob seine Taten erzählt, gepriesen oder vergessen wurden, hing auch von denjenigen ab, die sie in Worte fassten.

Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Odin und der Welt der Hofskalden. Der Gott vereint in den Quellen Aspekte von Krieg, Herrschaft, außergewöhnlichem Wissen und dichterischer Befähigung. Diese Eigenschaften stehen nicht notwendig in einem festen religiösen System, bilden aber einen erkennbaren Zusammenhang.

Für einen höfischen Skalden konnte Dichtung eine Kunst sein, durch die Macht in Erinnerung verwandelt wurde. Sie beschrieb nicht nur Herrschaft, sondern half dabei, deren Ansehen zu formen.

Der Skalde am Hof – warum ein Gedicht politisch wertvoll sein konnte

Die Stellung der Skalden wird besonders deutlich, wenn ihre Werke nicht ausschließlich als Literatur betrachtet werden. Lobgedichte waren in vielen Fällen eng mit dem Verhältnis zwischen Dichter und Auftraggeber verbunden. Sie konnten bedeutende Taten hervorheben, eine Herrschaft öffentlich würdigen und den Ruf eines Königs weit über seinen unmittelbaren Wirkungskreis hinaustragen.

Dabei war die Fähigkeit des Skalden nicht einfach mit der eines gewöhnlichen Boten vergleichbar. Ein überlieferter Vers konnte als kunstvolle Formulierung erhalten bleiben und in neuen Zusammenhängen wiederholt werden. Gerade in einer Gesellschaft, in der mündliche Überlieferung eine wichtige Rolle spielte, besaß ein gut erinnerbares Gedicht besonderen Wert.

Die erhaltene skaldische Dichtung zeigt außerdem, dass der Dichter nicht bloß eine austauschbare Stimme des Herrschers war. Manche Skalden sind namentlich bekannt, und ihre Verse wurden mit ihrer Person verbunden. Die Anerkennung dichterischer Meisterschaft konnte ihnen selbst Ansehen verschaffen.

Das Verhältnis zwischen Herrscher und Skalde war somit von gegenseitigem Nutzen geprägt. Der Herrscher konnte durch die Dichtung Ruhm gewinnen. Der Skalde erhielt im Gegenzug Anerkennung, materielle Belohnung oder Zugang zu mächtigen Personen. Die konkreten Formen dieser Beziehungen unterschieden sich allerdings je nach Zeit und politischem Umfeld.

Die Forschung zur altnordischen Dichtung weist deshalb zu Recht darauf hin, dass Aufführung und sozialer Zusammenhang wesentliche Teile ihrer Bedeutung waren. Stephen A. Mitchell behandelt diesen Aspekt in seiner Studie Old Norse Folklore: Tradition, Innovation, and Performance in Medieval Scandinavia, insbesondere im Kapitel „Performance and Norse Poetry: The Hydromel of Praise and the Effluvia of Scorn“.

Die mythologische Verbindung von Odin und Bragi gewinnt vor diesem Hintergrund zusätzliche Tiefe. Dichtung erscheint nicht bloß als Gabe, die einen Menschen zum Dichter macht, sondern als Fähigkeit, die innerhalb einer sozialen Ordnung eingesetzt wird und dort eine reale Wirkung entfalten kann.

Dieser Zusammenhang bedeutet nicht, dass historische Skalden nachweislich zwischen Odin als Spender der Inspiration und Bragi als Meister des Vortrags unterschieden hätten. Doch er erklärt, weshalb die Verbindung von Dichtung, göttlichem Wissen und höfischem Ansehen innerhalb der nordischen Überlieferung so bedeutsam war.

Bragi in Walhall – wenn der Ruhm eines Königs den Tod überdauert

Die vielleicht eindrucksvollste Verbindung von Dichtung und Herrschaft findet sich in Gedichten über den Tod bedeutender Könige. Hier wird die Erinnerung an den Herrscher nicht einfach in einer Aufzählung seiner Taten bewahrt. Sein Tod wird vielmehr in eine mythologische Szene überführt, in der die Götter selbst seine Ankunft erwarten.

Ein wichtiges Beispiel ist das Hákonarmál des Skalden Eyvindr skáldaspillir. Das Gedicht entstand zum Gedenken an den norwegischen König Hákon den Guten, der im 10. Jahrhundert starb. Es schildert, wie der König nach seinem Tod in die göttliche Welt aufgenommen wird.

Die überlieferte Dichtung lässt Odin die Ankunft Hákons vorbereiten. Bragi und Hermóðr sollen dem König entgegengehen und ihn in Walhall willkommen heißen. Damit erscheint Bragi nicht nur als eine Gestalt der poetischen Kunstfertigkeit, sondern als Teilnehmer einer Szene, in der königlicher Ruhm über den Tod hinaus fortbesteht.

Eine ähnliche Vorstellung begegnet im Eiríksmál, einem Gedicht über den verstorbenen König Eiríkr blóðøx, Erik Blutaxt. Auch dort ist Walhall der Schauplatz einer herrschaftlichen Aufnahme. Bragi tritt als Gesprächspartner Odins auf, während andere Gestalten den Ankommenden begrüßen.

Die beiden Gedichte sind für das Verständnis der nordischen Herrschaftsdichtung außerordentlich wertvoll. Sie zeigen, wie ein toter König durch dichterische Gestaltung in die Welt der Götter versetzt werden konnte. Seine militärische Vergangenheit erhält eine neue Bedeutung: Er wird nicht nur als verstorbener Mensch erinnert, sondern als jemand, dessen Ankunft selbst für die Götter wichtig erscheint.

Gerade die Anwesenheit Bragis ist bemerkenswert. Der Gott, der in anderen Texten als herausragender Kenner der Dichtkunst erscheint, steht hier im Umfeld der Aufnahme und Erinnerung bedeutender Herrscher.

Es wäre allerdings zu weitgehend, daraus eine feste religiöse Lehre abzuleiten, nach der Bragi für die Unsterblichkeit des Ruhms zuständig gewesen sei. Die Quellen formulieren eine solche Zuständigkeit nicht ausdrücklich. Sie zeigen vielmehr, dass Bragi in poetischen Darstellungen königlicher Jenseitsvorstellungen einen bedeutsamen Platz einnehmen konnte.

Doch als literarische Verbindung ist das ausgesprochen aufschlussreich: Ein Skalde bewahrt durch sein Gedicht die Erinnerung an einen Herrscher, und innerhalb dieses Gedichts begegnet der Herrscher dem göttlichen Meister der Dichtkunst.

Der König stirbt. Sein Ruhm aber bleibt in den Versen erhalten. Die Dichtung verwandelt eine historische Erinnerung in eine Erzählung, die noch lange nach dem Tod ihres Gegenstandes weitergegeben werden kann.

War Bragi ursprünglich ein Mensch? Die rätselhafte Verbindung zu Bragi Boddason

Die Frage nach Bragis Herkunft führt zu einem der schwierigsten und zugleich interessantesten Probleme der nordischen Mythologie. Denn neben dem göttlichen Bragi ist ein historischer beziehungsweise traditionell historisch eingeordneter Skalde gleichen Namens überliefert: Bragi Boddason, genannt Bragi inn gamli, Bragi der Alte.

Bragi Boddason wird gewöhnlich dem 9. Jahrhundert zugeordnet und gilt als einer der frühesten namentlich bekannten Skalden, von denen Verse erhalten geblieben sind. Zu seinen bedeutendsten überlieferten Dichtungen gehören Teile der Ragnarsdrápa, eines Gedichts, das mythologische Szenen beschreibt, die auf einem verzierten Schild dargestellt gewesen sein sollen.

Die erhaltenen Verse geben einen Eindruck von der sprachlichen Kunstfertigkeit früher skaldischer Dichtung. Bereits hier begegnen anspruchsvolle Bilder und mythologische Anspielungen, deren Verständnis eine ausgeprägte Kenntnis überlieferter Stoffe verlangt.

Die traditionelle Datierung Bragi Boddasons in die Zeit um 850 wurde in der Forschung wiederholt diskutiert. Mikael Males hat die einschlägigen Hinweise in seiner Untersuchung „The Dating of Bragi’s Poetry“ aus dem Jahr 2023 erneut geprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass sie eine Datierung um die Mitte des 9. Jahrhunderts deutlich stützen.

Doch wie verhält sich dieser Dichter zum Gott Bragi?

Die Namensgleichheit ist auffällig. Hinzu kommt, dass der historische Skalde zu einer frühen und besonders angesehenen Gestalt der dichterischen Überlieferung wurde. Es ist deshalb vorgeschlagen worden, dass die außergewöhnliche Erinnerung an einen frühen Dichter zur Entstehung oder Ausgestaltung der göttlichen Gestalt beigetragen haben könnte.

Die wissenschaftliche Edition Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages weist ausdrücklich darauf hin, dass das Verhältnis zwischen dem Dichter Bragi Boddason und dem Gott Bragi ungeklärt ist. Die Möglichkeit einer Verbindung wird diskutiert, ohne sie als gesicherte historische Entwicklung auszugeben.

Damit bleiben mehrere Erklärungen denkbar. Vielleicht beeinflusste das Ansehen eines frühen Skalden tatsächlich die Vorstellung eines göttlichen Meisters der Dichtkunst. Vielleicht wurde der Dichter auch mit einer bereits vorhandenen göttlichen Gestalt in Verbindung gebracht. Ebenso kann die spätere Überlieferung unterschiedliche Traditionen miteinander verschmolzen haben.

Keine dieser Möglichkeiten lässt sich allein anhand der Namensgleichheit beweisen.

Gerade darin liegt die wissenschaftliche Bedeutung der Frage. Bragi könnte ein Beispiel dafür sein, wie eng in der nordischen Kultur dichterischer Ruhm, persönliche Erinnerung und mythologische Vorstellungen miteinander verbunden waren. Ob aus einem berühmten Skalden tatsächlich ein Gott wurde, ist damit jedoch nicht entschieden.

Wurde Bragi von den historischen Skalden verehrt?

Die mittelalterlichen Quellen zeigen eindeutig, dass Bragi als herausragende Gestalt der Dichtkunst dargestellt wurde. Daraus entsteht leicht die Vorstellung, er müsse in der Wikingerzeit auch als Schutzgott der Skalden verehrt worden sein.

Doch zwischen mythologischer Bedeutung und historisch nachweisbarer Religionspraxis besteht ein entscheidender Unterschied. Eine Gestalt kann in Gedichten und Erzählungen eine große Rolle spielen, ohne dass sich daraus unmittelbar die Existenz eines verbreiteten Kultes ableiten lässt.

Für Odin sind Verbindungen zu vorchristlichen religiösen Vorstellungen aus unterschiedlichen Quellengattungen bekannt. Sein Name begegnet in mittelalterlichen Texten, Ortsnamen und weiteren Überlieferungszusammenhängen. Auch seine Verbindung zu dichterischem Wissen ist nicht auf eine einzelne spätere Erzählung beschränkt.

Bei Bragi ist die Situation schwieriger. Die literarische Verbindung zur Dichtung ist deutlich, doch unabhängige Belege für einen verbreiteten, speziell an ihn gerichteten Kult der Skalden sind wesentlich schwächer. Weder die Beschreibung in der Prosa-Edda noch seine Nennung in den Grímnismál beweisen, dass historische Dichter vor einem Vortrag regelmäßig Bragi anriefen oder ihm Opfer darbrachten.

Der moderne Ausdruck „Schutzgott der Skalden“ kann deshalb als verständliche Zusammenfassung seiner mythologischen Rolle dienen. Er sollte jedoch nicht als gesicherter historischer Kulttitel ausgegeben werden.

Auch über die individuelle Religiosität der Skalden ist nur begrenzt etwas bekannt. Manche Gedichte enthalten vorchristliche mythologische Vorstellungen, andere entstanden im Umfeld christlicher Herrscher. Daraus lässt sich keine einheitliche religiöse Haltung sämtlicher Dichter ableiten.

Entscheidend ist daher nicht, ob Bragi in populären Darstellungen als Gott der Poesie bezeichnet werden darf. Die wichtigere Frage lautet, welche Aussagen durch welche Quellen gedeckt sind.

Bragi ist als mythologische Gestalt der dichterischen Meisterschaft gut belegt. Eine flächendeckende historische Verehrung als Schutzgott aller Skalden ist es nicht.

Odin oder Bragi – wer war nun tatsächlich für die Skalden zuständig?

Wer die nordische Götterwelt als System klar verteilter Aufgaben betrachtet, könnte erwarten, dass sich die Zuständigkeit für die Skalden eindeutig einem der beiden Götter zuweisen lässt. Doch eine solche Ordnung ist den erhaltenen Quellen nicht zu entnehmen.

Odin besitzt eine zentrale Verbindung zur Herkunft dichterischer Befähigung. Die Hávamál und die Skáldskaparmál erzählen, wie er den kostbaren Met erlangt und damit eine außergewöhnliche Gabe verfügbar macht. Seine Rolle steht zugleich in Verbindung mit umfassenderen Vorstellungen von Wissen, Macht und Herrschaft.

Bragi dagegen erscheint in den Grímnismál als der Beste unter den Skalden, in Snorris Gylfaginning als Meister sprachlicher Gewandtheit und in den Skáldskaparmál als kundiger Erklärer der Dichtkunst. In den königlichen Jenseitsgedichten begegnet er außerdem im Umfeld des Ruhms verstorbener Herrscher.

Die beiden Gestalten sind deshalb nicht einfach austauschbar. Ebenso wenig müssen sie als Konkurrenten um dieselbe Zuständigkeit verstanden werden.

Eine sinnvolle Deutung unterscheidet zwischen der Gewinnung einer außergewöhnlichen Fähigkeit und ihrer meisterhaften Ausübung. In dieser Perspektive verkörpert Odin besonders die Macht, die hinter der dichterischen Gabe steht. Bragi verkörpert die vollendete Beherrschung der poetischen Sprache.

Eine solche Gegenüberstellung darf jedoch nicht zu starr werden. Odin erscheint auch als Sprecher von Weisheitsdichtung, während Bragi nicht ausschließlich auf technische Regeln reduziert werden kann. Die überlieferten Figuren besitzen mehr Eigenschaften, als sich in einem einfachen Gegensatz erfassen lassen.

Gerade die moderne Forschung zur altnordischen Poetik macht deutlich, dass Dichtung als göttliche Gabe und als erlernte Kunstfertigkeit nebeneinander gedacht werden konnte. Margaret Clunies Ross beschreibt diesen Zusammenhang ausdrücklich als zwei unterschiedliche, aber nicht notwendig widersprüchliche Vorstellungen von Dichtung.

Die Frage lautet also nicht, welcher der beiden Götter dem anderen die Dichtkunst streitig machte. Interessanter ist, weshalb die nordische Überlieferung die Dichtung sowohl mit außergewöhnlicher göttlicher Macht als auch mit höchster sprachlicher Meisterschaft verband.

Die tiefere Bedeutung – wer die Worte beherrscht, bewahrt den Ruhm

Die Verbindung zwischen Odin, Bragi und den Skalden gewinnt ihre größte Tiefe dort, wo Dichtung über den Augenblick hinausreicht. Ein Herrscher konnte Schlachten gewinnen, Bündnisse schließen und Reichtümer verteilen. Doch mit seinem Tod stellte sich die Frage, welche Taten im Gedächtnis blieben und welche Namen allmählich vergessen wurden.

Die Skalden besaßen die Fähigkeit, solche Erinnerungen in eine sprachliche Form zu bringen, die weitergegeben werden konnte. Ihre Gedichte waren nicht lediglich ein Schmuck höfischer Feste. Sie konnten wesentlich dazu beitragen, wie ein Herrscher von späteren Generationen wahrgenommen wurde.

In den Jenseitsgedichten Eiríksmál und Hákonarmál wird dieser Zusammenhang besonders anschaulich. Die Erinnerung an einen König erhält eine göttliche Bühne. Odin erwartet den Verstorbenen, während Gestalten wie Bragi innerhalb der Szene auftreten. Historische Macht verwandelt sich im Gedicht in mythologisch überhöhten Ruhm.

Hier lässt sich eine bemerkenswerte Parallele erkennen. Odin steht als Gott von Krieg, Herrschaft und besonderem Wissen im Hintergrund jener Welt, aus der königlicher Ruhm erwächst. Bragi erscheint als Gestalt, die mit der Kunst verbunden ist, solchen Ruhm in Worte zu fassen und innerhalb der Überlieferung weiterzutragen.

Das ist keine ausdrücklich bezeugte religiöse Lehre. Die Texte erklären nicht, dass Odin den Herrschern ihre Taten schenkt und Bragi anschließend für deren ewige Erinnerung sorgt. Doch als literarischer Zusammenhang besitzt diese Deutung eine überzeugende Grundlage.

Sie verweist auf die besondere Macht der Dichtung in einer Gesellschaft, deren bedeutende Geschichten über lange Zeit mündlich vermittelt wurden. Ein Gedicht konnte zum Ort werden, an dem ein Mensch nach seinem Tod weiterlebte – nicht körperlich, sondern in der Erinnerung seiner Nachkommen.

Für einen Skalden war dies eine außergewöhnliche Stellung. Er konnte den Tod nicht verhindern, aber durch seine Kunst dazu beitragen, dass ein Name nicht verschwand. Darin lag ein Wert, der sich von materiellen Gütern unterschied und dennoch eng mit Herrschaft und gesellschaftlichem Ansehen verbunden war.

Odin und Bragi lassen sich deshalb auch als zwei unterschiedliche Seiten einer gemeinsamen dichterischen Welt verstehen: als Macht der außergewöhnlichen Gabe und als Meisterschaft, diese Gabe in dauerhafte Erinnerung zu verwandeln.

Fazit – Odin oder Bragi: Wer war wirklich der Gott der Skalden?

Die erhaltenen nordischen Quellen weisen die Skalden weder ausschließlich Odin noch ausschließlich Bragi zu. Beide Götter stehen in enger Verbindung zur Dichtkunst, doch ihre überlieferten Rollen unterscheiden sich deutlich.

Odin ist vor allem mit der Gewinnung des Dichtermets verbunden. In den Hávamál und den Skáldskaparmál erscheint er als Gott, der eine bereits vorhandene außergewöhnliche Gabe durch List und gefährliche Unternehmungen an sich bringt. Die Dichtung gehört damit zu seinem umfassenderen Streben nach Wissen, Macht und der Aneignung verborgener Fähigkeiten. Bragi dagegen wird in den Grímnismál als herausragender Skalde genannt und in Snorris Gylfaginning als Meister der Beredsamkeit und dichterischen Kunst beschrieben. In den Skáldskaparmál erklärt ausgerechnet er die Herkunft und Sprache der Dichtung.

Aus diesen Zeugnissen lässt sich eine aufschlussreiche, aber nicht ausdrücklich überlieferte Unterscheidung ableiten: Odin steht besonders für die übernatürliche Herkunft dichterischer Befähigung, Bragi für ihre vollkommene Beherrschung. Die beiden Gestalten verkörpern damit unterschiedliche Aspekte einer Kunst, die in der nordischen Gesellschaft nicht nur ästhetischen, sondern auch politischen und gesellschaftlichen Wert besaß.

Besonders bemerkenswert ist Bragis Auftreten in den königlichen Jenseitsgedichten Eiríksmál und Hákonarmál. Dort begegnet er innerhalb jener mythologischen Welt, in die verstorbene Herrscher durch die Dichtung aufgenommen werden. Die Skalden bewahrten den Ruhm dieser Könige in ihren Versen und machten ihre Namen über den Tod hinaus erinnerbar. Bragis Verbindung zur dichterischen Meisterschaft erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung, auch wenn sich daraus keine feste kultische Zuständigkeit für den Nachruhm der Toten beweisen lässt.

Die Frage nach Bragis möglicher Verbindung zum frühen Skalden Bragi Boddason bleibt ebenso offen wie die nach einem eigenständigen, weit verbreiteten Bragi-Kult. Die literarische Bedeutung des Gottes ist gut bezeugt, die historische Religionspraxis dagegen nur begrenzt fassbar. Gerade diese Unterscheidung verhindert, dass aus einer reizvollen Deutung eine vermeintlich sichere Glaubenslehre wird.

Vielleicht liegt die eigentliche Antwort deshalb nicht darin, Odin und Bragi eine getrennte Zuständigkeit zuzuschreiben, sondern in der besonderen Vorstellung von Dichtung, die beide miteinander verbindet. In den überlieferten Erzählungen ist sie eine Gabe, die aus der Welt der Götter stammt, und zugleich eine Kunst, die menschliche Meisterschaft verlangt. Sie kann Herrscher ehren, Geschichten bewahren und Menschen eine Stimme über ihre eigene Lebenszeit hinaus geben.

Ein König mochte mit dem Schwert Ruhm gewinnen. Doch ob dieser Ruhm überdauerte, lag auch in den Worten der Skalden. In dieser Verbindung von Macht, Sprache und Erinnerung liegt einer der faszinierendsten und häufig unterschätzten Aspekte der nordischen Götterwelt.

STIMMEN AUS DEM WISSENSARCHIV

Kommentare

Gedanken, Fragen und Ergänzungen zum Artikel. Neue Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung.

1
Rhiannon ScharfetterLeserstimme

Hy Alexander,

ging ja schnell ;-) ...

Mir hat ein sehr guter Freund dein Havamal empfohlen, darum kenn ich dich überhaupt - und es ist ein gutes Werk, das gleich vorweg.

Da ich selbst ziemlich viel mit Odinn schon gearbeitet habe, und gerade auch das Skaldenthema ziemlich intensiv angegangen bin, natürlich lässt sich das Ganze noch ziemlich viel tiefer angehen, u.a. die Theorie/Idee/Gedanke (lt. Harry Eilenstein), dass die Erlangung des Skaldenmet beispielsweise eigentliche eine schamanistische Reise war.

Der kleinste Nenner der als Unterschied zu betrachten wäre:
Odinns Skalden sind die, die nicht unbedingt "schön reden" können, aber die nicht schweigen können wenn die Götter was sagen wollen - also ein klein wenig Ähnlichkeiten zur Völva.
Bragi hingegen - da geht es rein um die absolute Schönheit der Sprache.

wenn du konkreter zuordnen möchtest:
Funktion des Skalden Gottheit
Ursprung der Dichtgabe = Óðinn
Schutz & Form der Dichtung = Bragi
Ekstatische Erkenntnis = Óðinn
Ruhm, Lobpreis, Heldensagen = Bragi
Schmerzhafte Wahrheit & Spott = Óðinn
Eleganz, Kunst, Anmut = Bragi
Rohes, treffendes Wort = Óðinn

Im Grund läuft es darauf hinaus:
Viele sehnen sich nach Bragi – nach der Eleganz des Wortes, dem Glanz des Reimens, der Anerkennung im Licht des Hofes, vor Zuhörern und Applaus.
Sie wollen schreiben, aber nicht bluten. Sprechen, aber nicht tragen.
Bragi schenkt Form, Klang, Anmut – und das ist kostbar. Doch es ist nicht dasselbe wie Óðinns Skaldenmet.
willst du auch den Schmerz und Kummer?
Die Sehnsucht und Trauer?
Die Tiefe, die kaum ein anderer zu finden vermag?
Die Einsamkeit und die Tiefe, die kaum jemand nachvollziehen kann?
Die Emotionen, die diesen Weg begleiten.
Das ist Odinns Skalde.


Die Skaldentexte sind dank Kenning oft schwer zu lesen....
hier ist mal ein Versuch von mir selbst, vor einigen Monaten (für einen Einherjar):
Tor der Götter ruft die Hallenwanderer.
In Ragnarǫks Feuerprobe schwingt dein Heldenherz.
Flügel der Maiden des Ygg neigen sich über dich,
Óðinns Himmelsfeuer mustert dein Schicksal.
Nornenfäden weben deinen Pfad,
doch dein Wille schlägt Funken in unruhige Bahnen.
Blutauge glüht über Schlachtsee,
Seelensängerinnen tragen Tapferkeitsflammen heim.
Erdgrund fordert dein Werk,
Hallen erklingen von Trinkhornliedern,
doch dein Sitz bleibt leer.
Óðinn kennt Herzstein und Tugendfaden – du wandelst fest darin.
Wundrunen zieren deinen Leib,
unbezwungen stehst du auf Hügelzinnen,
mit Fackelgruß sendest du Licht zu den Deinen.
Ehrenschein trägt dich vor Jarlen,
vor Götterblick glänzt du längst.

spannendes Thema ;-)

LG
Rhiannon

Antwort von AlexAntwort des Autors

Hey Rhiannon,

erst einmal vielen Dank für deine ausführlichen Gedanken und die lieben Worte zu meinem Hávamál! :-)

Deine Unterscheidung zwischen Odins Skalden, die nicht schweigen können, und Bragis Meistern der schönen Sprache finde ich besonders spannend. Gerade die Verbindung zu ekstatischer Erkenntnis und der Völva eröffnet eine interessante Perspektive.

Die schamanistische Deutung des Dichtermets ist ebenfalls reizvoll, wobei ich zwischen spiritueller Interpretation und historisch belegbarer Überlieferung unterscheiden würde. Auch die klare Aufgabenverteilung zwischen Odin und Bragi lässt sich aus den Quellen nicht unmittelbar ableiten – als Deutungsmodell hat sie aber durchaus ihren Reiz.

Dein eigener Text gefällt mir übrigens sehr, besonders die Zeile „doch dein Sitz bleibt leer“. Zwischen all den mythologischen Bildern steckt darin plötzlich eine sehr menschliche Tiefe.

Mich würde interessieren, auf welche Quellen Eilenstein seine Deutung besonders stützt. Vielleicht ergibt sich daraus ja noch ein spannender weiterer Austausch!

Liebe Grüße
Alexander

KOMMENTAR HINTERLASSEN

Etwas ergänzen?

Mit dem Absenden werden Name, E-Mail-Adresse und Kommentar zur redaktionellen Prüfung gespeichert. Bei Freigabe und bei einer ersten Antwort von Alex informieren wir dich per E-Mail. Öffentlich erscheinen nur dein Name und dein Kommentar; deine E-Mail-Adresse bleibt verborgen. Zum Schutz vor Missbrauch wird kurzfristig ein pseudonymisierter technischer Prüfwert gespeichert. Mehr im Datenschutz.

Weiterlesen

Empfehlungen aus der Götterkunde

14.10.2024Götter der Wikinger: ThorArtikel lesen →01.10.2025Götter der Wikinger: FullaArtikel lesen →01.10.2025Götter der Wikinger: LofnArtikel lesen →
Von Lesern bewertet