Die Fledermaus gehört zu den ungewöhnlichsten Tieren der europäischen Nacht. Kaum ein anderes Säugetier bewegt sich so selbstverständlich durch einen Lebensraum, der dem Menschen weitgehend verborgen bleibt. Während die meisten Bewohner eines frühmittelalterlichen Hofes nach Einbruch der Dunkelheit ihre Arbeit beendeten, begannen Fledermäuse erst mit ihrer Jagd. Sie verließen Spalten in Bäumen, Höhlen, Felsnischen oder geeignete Bereiche menschlicher Gebäude und flogen über Wasserflächen, Wiesen und Waldränder, wo sie nach Insekten suchten. Für Menschen, die keine künstliche Straßenbeleuchtung kannten und deren Nächte tatsächlich dunkel waren, muss ihr lautlos wirkender Flug unmittelbar über Hof, Weg oder Gewässer ein vertrauter und gleichzeitig schwer erklärbarer Bestandteil der Umgebung gewesen sein.
Zoologisch sind Fledermäuse außergewöhnlich. Sie gehören zur Ordnung Chiroptera, deren Name aus dem Griechischen stammt und sinngemäß „Handflügler“ bedeutet. Der Name verweist auf das auffälligste Merkmal ihrer Anatomie: Der Flügel ist keine völlig neue Gliedmaße, sondern eine hochspezialisierte Vorderhand. Die Finger sind stark verlängert, und zwischen ihnen spannt sich eine dünne Flughaut. Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die einen dauerhaften aktiven Flug beherrschen. Sie gleiten also nicht lediglich von Baum zu Baum, sondern erzeugen mit ihren Flügelschlägen selbst Auftrieb und Vortrieb. Das Natural History Museum beschreibt sie entsprechend als die einzigen Säugetiere, die zu dauerhaftem Flug fähig sind.
Für einen Tierblog über die Wikingerzeit ist die Fledermaus allerdings aus einem besonderen Grund interessant. Anders als Wolf, Rabe, Pferd oder Schlange nimmt sie in den bekannten eddischen und skaldischen Quellen keine prominente mythologische Rolle ein. Es gibt keinen sicher belegten Fledermausbegleiter Odins, keine bekannte Göttin der Fledermäuse und keinen überlieferten wikingerzeitlichen Kult, in dem dieses Tier eine zentrale Stellung besessen hätte. Gerade deshalb ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie leicht spätere europäische Vorstellungen von Nacht, Hexerei, Tod und Dämonen rückwirkend in die Wikingerzeit projiziert werden können. Die tatsächliche Geschichte der Fledermaus im Norden ist zoologisch faszinierend und historisch gerade dort besonders aufschlussreich, wo wir die Grenzen unserer Quellen ernst nehmen.
Der deutsche Name kann leicht täuschen. Fledermäuse sind keine Mäuse und keine Nagetiere. Sie bilden eine eigene Säugetierordnung. Die norwegische Artsdatabanken weist ausdrücklich darauf hin, dass Fledermäuse nicht eng mit Ratten und anderen Nagern verwandt sind. Innerhalb der Säugetierstammesgeschichte stehen sie deutlich näher bei anderen Gruppen, darunter auch Huftieren und Walen, als bei echten Mäusen.
Dieser Unterschied wäre für Menschen der Wikingerzeit selbstverständlich nicht in moderner zoologischer Systematik formuliert worden. Äußerlich lag der Vergleich mit einer kleinen behaarten Maus mit Flügeln jedoch nahe. Viele europäische Sprachen entwickelten Bezeichnungen, die Fledermäuse mit Mäusen oder Vögeln verglichen, weil das Tier Eigenschaften scheinbar völlig verschiedener Tiergruppen miteinander verbindet. Es besitzt Fell und bringt lebende Junge zur Welt, bewegt sich aber wie ein Vogel durch die Luft.
Gerade solche Tiere stellten ältere Ordnungsvorstellungen vor besondere Herausforderungen. Ein Wesen, das nicht sauber in vertraute Kategorien passt, wird kulturell häufig stärker wahrgenommen als ein vollkommen gewöhnliches Tier. Daraus darf jedoch nicht automatisch geschlossen werden, dass die Fledermaus deshalb im frühmittelalterlichen Norden als magisches oder unheilvolles Wesen galt. Die biologische Besonderheit ist belegbar; eine konkrete nordische Symboldeutung wäre erst mit entsprechenden Quellen belegbar.
Der Körperbau einer Fledermaus lässt sich besonders gut verstehen, wenn man ihren Flügel mit einer menschlichen Hand vergleicht. Oberarm, Unterarm, Handwurzel und Finger sind weiterhin vorhanden, doch besonders die Fingerknochen wurden im Laufe der Evolution extrem verlängert. Zwischen ihnen, dem Körper und den Hinterbeinen spannt sich die elastische Flughaut, das sogenannte Patagium.
Dadurch kann die Fledermaus ihren Flügel sehr fein verändern. Sie kann die Wölbung der Flughaut anpassen, einzelne Bereiche stärker spannen und schnelle Richtungswechsel durchführen. Besonders kleine Arten sind im Flug außerordentlich wendig und können auf engem Raum Insekten verfolgen.
Die Flughaut ist dabei kein totes Segel. Sie besitzt Blutgefäße, Nerven und eine hohe Empfindlichkeit. Beschädigungen können unter günstigen Bedingungen heilen, stellen aber selbstverständlich ein erhebliches Risiko dar. Während ein Vogel seine Flugfedern regelmäßig erneuern kann, ist die Fledermaus auf die Integrität ihrer Haut angewiesen.
Diese anatomische Konstruktion erklärt auch die Bedeutung des wissenschaftlichen Namens Chiroptera – Handflügler. Was aus der Entfernung wie ein dunkler, lederartiger Flügel erscheint, ist tatsächlich eine hochgradig umgestaltete Säugetierhand.
Fledermäuse gehören keineswegs nur zu warmen südlichen Landschaften. Mehrere Arten haben sich sehr erfolgreich an die klimatischen Bedingungen Nordeuropas angepasst. Die schwedische Naturschutzbehörde Naturvårdsverket verzeichnet gegenwärtig 19 Fledermausarten in Schweden, wobei die Artenzahl nach Süden deutlich zunimmt. Fledermäuse kommen dort bis weit in den Norden vor.
Für das norwegische Festland sind nach der Artsdatabanken elf Arten sicher nachgewiesen. Sie gehören sämtlich zur Familie der Glattnasen, den Vespertilionidae. Alle norwegischen Arten ernähren sich von Insekten und anderen wirbellosen Tieren und müssen den nahrungsarmen Winter durch Winterruhe beziehungsweise Winterschlaf überstehen.
Zu den im heutigen Norden verbreiteten Arten gehört beispielsweise die Nordfledermaus beziehungsweise Nordflaggermus (Eptesicus nilssonii). Sie ist in Norwegen die häufigste Fledermausart und besitzt eine besonders nördliche Verbreitung. Ebenfalls weit verbreitet sind Wasserfledermäuse, braune Langohren und verschiedene Arten der Gattung Myotis.
Welche heutige Art exakt an einem bestimmten wikingerzeitlichen Hof vorkam, lässt sich in den meisten Fällen nicht beantworten. Fledermausknochen sind klein und fragil, werden in gewöhnlichen archäologischen Tierknochenmaterialien leicht übersehen und besitzen anders als Rinder-, Schweine- oder Schafknochen kaum Bedeutung als Speise- oder Schlachtabfall. Dass Fledermäuse im frühmittelalterlichen Skandinavien grundsätzlich vorkamen, ist aufgrund ihrer natürlichen Verbreitung und langen evolutionären Geschichte jedoch unproblematisch. Die schwedische Naturschutzbehörde verweist darauf, dass die Tiergruppe fossil bereits seit 50 bis 60 Millionen Jahren in weitgehend fledermausähnlicher Gestalt bekannt ist.
Um die Fledermaus der Wikingerzeit zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die damalige Nacht. Heutige Menschen erleben Dunkelheit in besiedelten Gebieten kaum noch vollständig. Straßenlaternen, Häuser, Fahrzeuge und Städte erzeugen selbst weit außerhalb urbaner Zentren künstliches Licht. Im Frühmittelalter war die Situation völlig anders.
Ein Hof wurde nach Sonnenuntergang vor allem durch Feuerstellen, Kienspäne, kleine Lampen oder offene Flammen erhellt. Bereits wenige Schritte außerhalb dieses Lichtkreises begann tatsächliche Dunkelheit. Mond und Sterne konnten Orientierung geben, doch bei bedecktem Himmel war die Wahrnehmung stark eingeschränkt.
Fledermäuse besaßen in dieser Welt einen gewaltigen Vorteil. Sie waren nicht darauf angewiesen, ihre Beute primär zu sehen. Während der Mensch im Dunkeln zunehmend orientierungslos wurde, konnten Fledermäuse weiterhin mit hoher Präzision fliegen und kleinste Insekten orten.
Für einen Menschen musste dieses Verhalten beeindruckend wirken. Eine Fledermaus konnte im letzten Licht der Dämmerung sichtbar werden, unmittelbar an einem Baum oder Haus vorbeifliegen und kurz darauf wieder vollkommen im Dunkel verschwinden. Das Tier bewegte sich in einer Welt, die dem Menschen nur sehr begrenzt zugänglich war.
Dass daraus zwangsläufig eine bestimmte religiöse Symbolik entstand, können wir nicht belegen. Doch es erklärt, weshalb Fledermäuse auch in späteren europäischen Kulturen besonders leicht mit Nacht, Geheimnis und dem Unsichtbaren verbunden werden konnten.
Die berühmteste Fähigkeit vieler Fledermäuse ist ihre Echoortung. Sie erzeugen hochfrequente Laute, die für das menschliche Gehör größtenteils nicht wahrnehmbar sind. Treffen diese Schallwellen auf ein Objekt oder ein Tier, werden sie reflektiert. Das zurückkehrende Echo liefert der Fledermaus Informationen über Entfernung, Größe, Richtung und Bewegung.
Naturvårdsverket beschreibt diesen Vorgang als eine Art biologisches Sonarsystem. Die Tiere erzeugen ihre Rufe ähnlich wie Menschen Sprache erzeugen und senden sie je nach Art über Mund oder Nase aus. Das Echo wird über ihr hoch entwickeltes Gehör ausgewertet. Auf diese Weise erkennen sie nicht nur Hindernisse, sondern auch ihre Beute. Die Augen bleiben dabei durchaus wichtig und dienen unter anderem der gröberen Orientierung anhand von Landschaftssilhouetten.
Damit fällt zugleich ein verbreiteter Mythos: Fledermäuse sind nicht blind. Ihre Augen funktionieren, doch in der Dunkelheit liefert Echoortung zusätzliche Informationen, die ein visuelles System allein nicht bereitstellen könnte.
Während einer Jagd verändert eine Fledermaus ihre Rufe. Nähert sie sich einem Insekt, können die Schallimpulse schneller aufeinanderfolgen. Dadurch erhält sie in kurzer Zeit immer mehr Informationen über die Position ihrer Beute. Kurz vor dem Fang entsteht bei vielen Arten eine schnelle Rufserie, die moderne Forscher mit technischen Detektoren hörbar machen können.
Menschen der Wikingerzeit konnten diesen Vorgang nicht wahrnehmen. Für sie musste die Fledermaus also scheinbar ohne sichtbare und hörbare Orientierung durch die Nacht fliegen. Gerade das macht deutlich, wie verschieden die wahrgenommene Umwelt eines Tieres und eines Menschen sein kann.
Die Ohren vieler Fledermäuse wirken auffällig groß, bei bestimmten Arten geradezu überdimensioniert. Das Braune Langohr (Plecotus auritus) ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Seine enormen Ohren helfen ihm nicht nur bei der Echoortung. Es kann auch Geräusche von Insekten direkt wahrnehmen und Beutetiere von Blättern oder anderen Oberflächen aufnehmen.
Nicht jede Fledermaus nutzt dieselbe Jagdstrategie. Einige Arten jagen hoch im freien Luftraum. Andere bewegen sich dicht an Hecken, Waldrändern oder Baumkronen. Wieder andere sind besonders stark an Gewässer gebunden.
Die Wasserfledermaus beispielsweise fliegt häufig sehr niedrig über ruhigen Wasserflächen. Dort kann sie Insekten direkt über oder an der Oberfläche erbeuten. Genau diese Lebensweise macht Gewässer zu ausgezeichneten Beobachtungsorten für Fledermäuse.
Für frühmittelalterliche Siedlungen dürfte dies relevant gewesen sein. Viele Höfe und Handelsplätze lagen an Flüssen, Seen, Fjorden und Küstengewässern. Wasser war Verkehrsweg, Nahrungsquelle und wirtschaftliche Grundlage – und gleichzeitig Lebensraum großer Mengen von Insekten. Fledermäuse konnten daher durchaus regelmäßig in unmittelbarer Nähe menschlicher Siedlungen jagen.
Die in Skandinavien vorkommenden Fledermäuse ernähren sich praktisch vollständig von Insekten und anderen wirbellosen Tieren. Naturvårdsverket stellt ausdrücklich fest, dass sämtliche schwedischen Fledermausarten Insekten fressen; die norwegische Artsdatabanken beschreibt dasselbe für die norwegischen Arten und nennt zusätzlich andere kleine Wirbellose.
Zur Nahrung können Mücken, Nachtfalter, Fliegen, Käfer und verschiedene andere Insekten gehören. Welche Tiere bevorzugt werden, hängt von Fledermausart, Lebensraum und Jahreszeit ab.
Damit erfüllten Fledermäuse auch in vormodernen Kulturlandschaften eine ökologische Funktion, ohne dass Menschen diese im heutigen wissenschaftlichen Sinn verstehen mussten. Sie jagten jene Insekten, die über Wiesen, Viehweiden, Gewässern und in der Nähe von Häusern vorkamen.
Naturvårdsverket bezeichnet Fledermäuse heute ausdrücklich als bedeutende Insektenjäger und verweist darauf, dass einzelne Tiere in Zeiten hoher Aktivität enorme Mengen kleiner Insekten aufnehmen können. Die populäre Formulierung von „tausend Mücken pro Stunde“ hängt allerdings stark von Art, Beutegröße und Bedingungen ab und sollte nicht als feste biologische Regel für jedes Individuum verstanden werden.
Für Menschen der Wikingerzeit war die Wirkung vermutlich viel einfacher erfahrbar: Wo in der Abenddämmerung viele Mücken und andere Insekten flogen, erschienen häufig auch Fledermäuse.
Mehrere moderne Fledermausarten nutzen menschliche Gebäude als Quartiere. Das bedeutet nicht, dass jedes heutige Gebäudequartier ein historisches Gegenstück in der Wikingerzeit besaß, doch die grundsätzliche Fähigkeit, Spalten und geschützte Hohlräume in Bauwerken zu nutzen, macht menschliche Siedlungen zu geeigneten Lebensräumen.
Naturvårdsverket beschreibt etwa Nordfledermaus, Bart- und Taigafledermäuse sowie Zwergfledermäuse als Arten, die regelmäßig Häuser nutzen. Je nach Art werden kleine Spalten, Dachräume oder größere offene Dachböden bezogen. Wasserfledermäuse leben häufiger in Baumhöhlen, können aber ebenfalls Nebengebäude nutzen.
Ein wikingerzeitliches Langhaus sah selbstverständlich völlig anders aus als ein modernes schwedisches Wohnhaus. Dächer bestanden aus Holz, Stroh, Schilf oder anderen Naturmaterialien. Wände konnten aus Holz oder Flechtwerk mit Lehmbewurf errichtet sein. Neben dem Wohnhaus gab es Scheunen, Ställe und kleinere Nebengebäude. Das Historiska museet beschreibt für einen wikingerzeitlichen Hof in Skåne ein größeres Wohngebäude mit mehreren Nebengebäuden und einer auf Holzpfosten ruhenden Dachkonstruktion.
Solche Gebäude boten grundsätzlich Spalten und geschützte Bereiche, doch für einen konkreten Nachweis von Fledermauskolonien in wikingerzeitlichen Langhäusern fehlen uns meist die archäologischen Belege. Wahrscheinlich spielten natürliche Quartiere wie Baumhöhlen, Felsnischen und andere geschützte Plätze weiterhin eine entscheidende Rolle.
Vor der starken Ausbreitung moderner Gebäude waren Fledermäuse noch stärker auf natürliche Quartiere angewiesen. Baumhöhlen konnten sowohl Sommerquartiere als auch bei geeigneten Bedingungen Winterquartiere bieten. Rindenspalten, hohle Stämme und Astlöcher wurden ebenfalls genutzt.
In felsreichen Regionen kamen Spalten, Höhlen und Klüfte hinzu. Gerade für den Winterschlaf benötigen viele Arten Orte, an denen Temperatur und Luftfeuchtigkeit relativ stabil bleiben und Frost nicht tief eindringt.
Die norwegische Landschaft besitzt zahlreiche natürliche Felsspalten und Höhlen, während große Teile Schwedens und Dänemarks reich an alten Bäumen, Waldsäumen und Gewässerlandschaften waren. Welche Quartiere einzelne historische Populationen bevorzugten, hing stark von Art und Region ab.
Auch heute zeigt sich diese Vielfalt. Naturvårdsverket unterscheidet bei schwedischen Arten zwischen Quartieren in Bäumen, Gebäuden, Höhlen, Bergwerken und anderen unterirdischen Räumen. Moderne Bergwerke und Keller gab es in dieser Form in der Wikingerzeit selbstverständlich nicht flächendeckend, doch die zugrunde liegende ökologische Anforderung – ein geschützter, frostfreier und ruhiger Raum – bestand bereits.
Für eine insektenfressende Fledermaus ist der skandinavische Winter ein fundamentales Problem. Nicht in erster Linie die Kälte selbst ist entscheidend, sondern der Zusammenbruch des Nahrungsangebotes. Fliegende Insekten verschwinden während der kalten Monate weitgehend. Ein Tier mit hohem Energiebedarf kann unter diesen Bedingungen nicht einfach weiterjagen.
Die Lösung vieler nordeuropäischer Arten ist der Winterschlaf. Die norwegische Artsdatabanken weist darauf hin, dass die norwegischen Fledermausarten im Winter in Dvale – also Winterschlaf beziehungsweise tiefe Winterruhe – gehen.
Während dieser Phase wird der Stoffwechsel drastisch reduziert. Herzschlag und Atmung verlangsamen sich, die Körpertemperatur sinkt und die Tiere verbrauchen ihre während des Sommers angelegten Fettreserven nur sehr langsam. Dennoch ist der Winterschlaf kein monatelanger vollkommen starrer Zustand. Fledermäuse können zeitweise aufwachen, was allerdings sehr viel Energie verbraucht.
Störungen im Winterquartier sind deshalb gefährlich. Ein Tier, das zu häufig geweckt wird, kann seine Energiereserven verbrauchen, bevor im Frühjahr wieder genügend Insekten verfügbar sind.
Für frühmittelalterliche Menschen musste das jahreszeitliche Verschwinden der Fledermäuse auffällig sein. Im Sommer gehörten sie zum Abendhimmel, im Winter waren sie scheinbar verschwunden. Ob Menschen den Winterschlaf kannten oder bestimmte Erklärungen dafür besaßen, ist aus der nordischen Überlieferung nicht bekannt.
Nicht jede Fledermaus löst das Winterproblem ausschließlich dadurch, dass sie in unmittelbarer Nähe ihres Sommerlebensraumes überwintert. Einige europäische Arten unternehmen weite saisonale Wanderungen. Dazu gehört etwa die Rauhautfledermaus beziehungsweise Trollpipistrell (Pipistrellus nathusii), die zwischen Sommer- und Wintergebieten große Entfernungen überwinden kann.
Solche Wanderungen zeigen, dass der vermeintlich kleine nächtliche Jäger zu erstaunlichen Reisen fähig ist. Fledermäuse orientieren sich dabei nicht ausschließlich über Echoortung. Für großräumige Navigation spielen weitere Sinnesinformationen eine Rolle.
Für die Wikingerzeit besitzt das eine interessante Konsequenz: Die Fledermauspopulation an einem bestimmten Ort war nicht zwangsläufig das gesamte Jahr dieselbe. Manche Tiere konnten saisonal eintreffen oder verschwinden.
Damit war selbst die unscheinbare nächtliche Tierwelt Teil eines größeren europäischen Naturraumes, ähnlich wie Zugvögel, Wanderfische oder saisonal bewegte Herdentiere.
Fledermäuse vermehren sich im Vergleich zu vielen kleinen Säugetieren sehr langsam. Mäuse können in kurzer Zeit mehrere große Würfe hervorbringen. Bei vielen europäischen Fledermausarten bringt ein Weibchen dagegen nur ein Jungtier pro Jahr zur Welt, gelegentlich zwei. Diese geringe Fortpflanzungsrate wird durch eine vergleichsweise hohe Lebenserwartung ausgeglichen.
Besonders erstaunlich sind die Fortpflanzungsstrategien einiger Arten. Weibchen können sich bereits vor dem Winter paaren und Spermien über Monate speichern, sodass die tatsächliche Befruchtung erst nach dem Winterschlaf erfolgt. Bei anderen Arten kann die frühe Embryonalentwicklung an günstige Umweltbedingungen angepasst werden. Das Natural History Museum verweist auf solche ungewöhnlichen Mechanismen europäischer Fledermäuse.
Im Frühjahr bilden Weibchen vieler Arten sogenannte Wochenstuben. Dort sammeln sich trächtige Tiere beziehungsweise Mütter in einem besonders warmen und geschützten Quartier. Die Jungtiere werden dort geboren und aufgezogen.
Für ein Säugetier von nur wenigen Gramm Körpergewicht ist die Aufzucht eines Jungtieres eine enorme energetische Leistung. Die Mutter produziert Milch und muss während der kurzen nordischen Sommernächte ausreichend Nahrung aufnehmen.
Neugeborene Fledermäuse sind zunächst kaum flugfähig und vollständig auf ihre Mutter angewiesen. Sie besitzen bereits die für Säugetiere typische Behaarung beziehungsweise entwickeln sie rasch, werden gesäugt und müssen in einem warmen Quartier bleiben.
Die Weibchen lassen die Jungtiere während ihrer Jagdphasen häufig in der Kolonie zurück. Bei ihrer Rückkehr müssen sie das eigene Junge zwischen zahlreichen anderen erkennen. Geruch und Rufe spielen dabei eine wichtige Rolle.
Nach einigen Wochen beginnen die Jungtiere selbst zu fliegen und zu jagen. Dieser Zeitpunkt ist kritisch, denn Echoortung, Flugsteuerung und Beutefang müssen gleichzeitig funktionieren.
Gerade aufgrund der geringen Zahl an Nachkommen können Verluste einer Wochenstube eine Population langfristig stark beeinträchtigen. Das ist einer der Gründe, weshalb Fledermäuse heute in vielen europäischen Ländern streng geschützt werden.
Viele Fledermausarten ruhen tatsächlich kopfüber hängend. Ihre Füße und Sehnen sind so gebaut, dass sie sich ohne permanenten starken Muskelaufwand festhalten können. Das ermöglicht ihnen, an Decken, Ästen oder Felsoberflächen zu hängen.
Die Position bietet mehrere Vorteile. Ein Tier hängt geschützt außerhalb der Reichweite vieler Bodenfeinde und kann sich zum Start einfach fallen lassen, sofort die Flügel öffnen und fliegen. Gerade kleinere Fledermäuse besitzen nicht denselben kräftigen Start vom Boden wie viele Vögel.
Doch auch hier gilt: Nicht jede Situation und jede Art sieht exakt gleich aus. Fledermäuse können in engen Spalten Körperpositionen einnehmen, die weniger dem klassischen Bild eines frei von einer Höhlendecke hängenden Tieres entsprechen.
Für Menschen war das kopfüber Ruhen sicherlich ein weiteres ungewöhnliches Merkmal. Ein Säugetier, das den Tag hängend und verborgen verbringt und nachts durch die Luft fliegt, unterscheidet sich deutlich von fast allen größeren Tieren des unmittelbaren Lebensraumes.
Ein besonders interessanter Begegnungsraum zwischen Mensch und Fledermaus dürfte die Umgebung von Feuer und Licht gewesen sein. Licht zieht zahlreiche Insekten an. Moderne Straßenlaternen können deshalb für manche Fledermausarten gute Jagdplätze darstellen, während andere Arten künstliches Licht meiden. Naturvårdsverket beschreibt heutige Fledermäuse als häufige Bewohner menschlicher Kulturlandschaften und nennt Jagd an beleuchteten Bereichen als Beispiel für ihre Anpassungsfähigkeit.
Ein frühmittelalterliches Feuer erzeugte selbstverständlich ein völlig anderes Licht als eine moderne Laterne. Dennoch konnten Insekten von offenen Flammen und dem Licht eines Hofes angezogen werden. Fledermäuse könnten dadurch gelegentlich bis dicht an menschliche Aktivitäten gelangt sein.
Ob Menschen dieses Verhalten bewusst wahrnahmen und verstanden, wissen wir nicht. Es ist jedoch leicht vorstellbar, wie ein Tier beim nächtlichen Flug scheinbar plötzlich aus der Dunkelheit in den Feuerschein eindrang, eine schnelle Wendung vollführte und wieder verschwand.
Diese unmittelbaren Begegnungen dürften wesentlich häufiger gewesen sein als ein bewusstes Auffinden einer Fledermaus in ihrem Tagesquartier.
Die Landschaft der Wikingerzeit war keineswegs überall eine geschlossene Wildnis. Höfe schufen Weiden, Wiesen, Felder, Hecken, Obst- und Gehölzbereiche, während Viehhaltung die Vegetation veränderte. Das Historiska museet beschreibt den wikingerzeitlichen Hof als ein System aus Wohngebäude, Nebengebäuden, Stallbereichen und bewirtschafteter Umgebung.
Solche Kulturlandschaften können für Fledermäuse ausgesprochen günstig sein, wenn genügend alte Bäume, Gewässer und strukturreiche Waldränder erhalten bleiben. Vieh wiederum zieht Insekten an, und über Misthaufen entwickeln sich Fliegen und andere potentielle Beutetiere.
Damit profitierten Fledermäuse wahrscheinlich teilweise von menschlicher Landnutzung, lange bevor der Begriff „Kulturlandschaft“ existierte. Moderne Naturvårdsverket-Angaben betonen, wie eng viele Fledermausarten bis heute mit der vom Menschen geprägten Landschaft verbunden sind.
Diese Nähe bedeutet jedoch nicht, dass Fledermäuse domestiziert oder gezielt gefördert wurden. Sie nutzten schlicht ökologische Möglichkeiten, die menschliche Siedlungen boten.
Für eine systematische Nutzung von Fledermäusen durch Menschen der Wikingerzeit gibt es keinen überzeugenden Nachweis. Die Tiere sind klein, ihre Knochen liefern kaum verwertbares Material, und als Nahrungsquelle wären sie im Vergleich zu Fisch, Wild, Vögeln oder Haustieren völlig unbedeutend gewesen.
Auch Fell und Haut besitzen aufgrund der geringen Körpergröße keinen nennenswerten wirtschaftlichen Wert. Anders als Wolf, Fuchs, Biber oder Marder waren Fledermäuse deshalb keine typischen Zieltiere der Pelzjagd.
Das bedeutet nicht, dass niemals eine Fledermaus gefangen oder getötet wurde. Einzelne Tiere konnten in Gebäuden erscheinen, Kinder oder Erwachsene konnten sie aus Neugier fangen oder ein Tier konnte zufällig in eine Falle geraten. Aus solchen Möglichkeiten lässt sich jedoch keine belegte Berufs-, Jagd- oder Nutztradition ableiten.
Gerade diese wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit erklärt möglicherweise teilweise, weshalb Fledermäuse archäologisch so wenig sichtbar sind. Tiere, die geschlachtet, gegessen oder verarbeitet wurden, hinterlassen große Mengen von Knochen und Werkzeugspuren. Fledermäuse taten dies nicht.
Fledermausskelette sind klein und bestehen aus zahlreichen sehr feinen Knochen. Besonders die Fingerknochen der Flügel sind fragil. Unter gewöhnlichen Bodenbedingungen können sie leicht zerstört, übersehen oder bei älteren Ausgrabungen gar nicht erst eingesammelt werden.
Archäologische Tierknochenforschung konzentrierte sich lange besonders auf größere Säugetiere, Haustiere und Nahrungsreste. Moderne Feinmethoden wie Siebung und mikroskopische Analyse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, kleine Wirbeltierreste zu finden.
Deshalb gilt: Das Fehlen von Fledermausknochen in einer Fundpublikation beweist nicht, dass in der historischen Siedlung keine Fledermäuse lebten.
Ein gutes Vergleichsbeispiel bietet Birka. Dort wurden enorme Mengen von Tierknochen ausgegraben, hauptsächlich von Rindern, Schweinen, Schafen, Geflügel und Fischen. Das Birkaportal weist selbst darauf hin, dass das untersuchte Material nur einen Ausschnitt aller Tiere repräsentiert, die am Ort lebten oder genutzt wurden.
Für ein kleines, nicht als Nahrung genutztes nachtaktives Säugetier ist diese Einschränkung noch größer.
Eine sichere Artbestimmung historischer Beobachtungen ist kaum möglich, doch einige heute weit verbreitete Arten geben eine Vorstellung davon, welche Fledermaustypen im Norden grundsätzlich begegnet sein könnten. Die Nordfledermaus ist stark an kühle nördliche Regionen angepasst und heute in Schweden und Norwegen weit verbreitet. Die Wasserfledermaus jagt über ruhigen Gewässern. Das Braune Langohr bewegt sich häufig in strukturreichen Wald- und Siedlungslandschaften und kann größere Nachtfalter erbeuten.
In Südskandinavien kommen weitere Arten hinzu. Naturvårdsverket stellt fest, dass die Artenvielfalt innerhalb Schwedens deutlich von Norden nach Süden zunimmt. Während im äußersten Norden nur wenige Arten vorkommen, sind im südlichen Schweden alle bislang nachgewiesenen 19 Arten vertreten.
Auch während der Wikingerzeit dürften die klimatisch günstigeren südlichen Regionen Dänemarks, Schonens und Südschwedens eine reichere Fledermausfauna besessen haben als der hohe Norden.
Hier beginnt der historisch besonders wichtige Teil. Fledermäuse spielen in den erhaltenen Hauptquellen der nordischen Mythologie keine vergleichbare Rolle wie Raben, Wölfe, Pferde, Schlangen, Adler oder Ziegen. In der Edda wird kein zentraler Mythos über eine Fledermaus erzählt. Odin besitzt Raben und Wölfe; Thor fährt mit Ziegen; Freyja wird mit Katzen verbunden; die kosmische Ordnung kennt Adler, Hirsch, Schlange und Drache. Eine entsprechende Fledermausfigur fehlt.
Das ist nicht dasselbe wie der Beweis, dass Menschen der Wikingerzeit Fledermäusen keinerlei Bedeutung zuschrieben. Die erhaltenen Quellen bilden nur einen kleinen Teil der damaligen Vorstellungswelt ab. Lokale Erzählungen, Sprichwörter oder Bräuche können verloren gegangen sein.
Historisch sauber ist jedoch nur die Aussage: Eine hervorgehobene fledermausbezogene Mythologie ist in den bekannten altnordischen Quellen nicht belegt.
Gerade deshalb sollten moderne Texte äußerst vorsichtig sein, wenn sie die Fledermaus etwa Odin, Hel, Loki oder den Nornen zuordnen. Solche Verbindungen können ästhetisch nachvollziehbar erscheinen, weil Fledermäuse nachtaktiv sind und verborgen leben. Sie sind jedoch keine bekannten traditionellen Zuordnungen der Wikingerzeit.
Die Verbindung zwischen Fledermaus und Hel beziehungsweise Unterwelt liegt aus moderner Perspektive fast automatisch nahe. Fledermäuse leben in Höhlen, bewegen sich nachts und verbringen den Tag versteckt in dunklen Räumen. In späterer europäischer Kunst wurden sie außerdem immer häufiger mit Dämonen verbunden.
Trotzdem gibt es keine belastbare eddische Quelle, die Hel mit Fledermäusen verbindet. Hels bekannte Beschreibung bei Snorri nennt andere körperliche und räumliche Merkmale, aber keine Fledermäuse als Begleittiere.
Die moderne Verbindung entsteht vor allem durch eine lange spätere Bildtradition, in der dämonische Wesen fledermausartige Flügel erhielten. Christliche Engel wurden gewöhnlich mit gefiederten Vogelflügeln dargestellt, während Dämonen und Teufel in mittelalterlicher und späterer Kunst zunehmend lederartige Flügel bekommen konnten. Daraus entwickelte sich eine starke kulturelle Assoziation zwischen Fledermaus, Unterwelt und Unheil.
Diese Bildwelt ist jedoch mittelalterlich-christlich und nachwikingerzeitlich, nicht automatisch Bestandteil der vorchristlichen nordischen Religion.
Auch eine Zuordnung der Fledermaus zu Odin ist nicht belegt. Odin besitzt bereits eine ausgeprägte Tierwelt: Seine Raben Hugin und Munin fliegen über die Welt und bringen ihm Nachrichten; die Wölfe Geri und Freki begleiten ihn. In anderen Zusammenhängen verwandelt sich Odin oder bewegt sich in Tiergestalten, doch eine feste Fledermausbeziehung gehört nicht zur bekannten Überlieferung.
Moderne spirituelle Systeme verbinden die Fledermaus gelegentlich mit Odin, weil sie Nacht, verborgenes Wissen oder Übergang symbolisieren soll. Das sind zeitgenössische Deutungen, keine eddischen Aussagen.
Dass ein Tier aufgrund seiner realen Fähigkeiten gut zu einer Gottheit „passen könnte“, reicht historisch nicht aus. Genau diese Unterscheidung ist wichtig, wenn nordische Symboldeutung nicht zur beliebig erweiterbaren Symbolsammlung werden soll.
Bei Loki ist die Versuchung ähnlich groß. Er kann Gestalten wechseln und erscheint in den Quellen unter anderem in Tierformen. Weil Fledermäuse biologisch ungewöhnlich wirken und sich zwischen vertrauten Kategorien bewegen, wird gelegentlich eine symbolische Nähe zu Loki konstruiert.
Auch dafür fehlt jedoch ein belastbarer altnordischer Beleg. Lokis bekannte Tierverwandlungen betreffen andere Arten. Eine Fledermausform gehört nicht zu seinen etablierten Gestalten in den eddischen Erzählungen.
Das bedeutet nicht, dass moderne Kunst Loki nicht mit Fledermäusen darstellen dürfte. Künstlerische Freiheit und historische Rekonstruktion sind jedoch zwei unterschiedliche Dinge.
Für NorseStory ist deshalb die klare Formulierung sinnvoll: Die Fledermaus kann heute als Tier der Nacht oder des Übergangs interpretiert werden, doch eine historische Zuordnung zu Loki ist nicht nachweisbar.
Wenn wir nicht künstlich Mythologie erzeugen, bleibt trotzdem eine starke kulturelle Eigenschaft übrig: die Nachtaktivität. Sie unterscheidet die Fledermaus von vielen Tieren, die Menschen regelmäßig beobachteten.
In einer vorindustriellen Gesellschaft war Nacht nicht einfach eine dunklere Fortsetzung des Tages. Arbeit wurde eingeschränkt, Wege wurden gefährlicher und Orientierung schwieriger. Raubtiere und unbekannte Geräusche erhielten stärkeres Gewicht.
Fledermäuse gehörten dagegen genau in diese Dunkelheit. Ihre Aktivitätsphase begann, wenn menschliche Sicht nachließ. Sie konnten daher als sichtbares Zeichen des Übergangs von Tag zu Nacht wahrgenommen werden.
Ob dies in der Wikingerzeit symbolisch gedeutet wurde, ist nicht überliefert. Doch als reale Erfahrung war es zweifellos vorhanden.
Die heute verbreitete Vorstellung der Fledermaus als düsteres oder unheimliches Tier ist keineswegs selbstverständlich. Sie entstand aus unterschiedlichen kulturellen Entwicklungen. Nachtaktivität, Höhlen, kopfüber hängende Tiere und lautlos wirkender Flug spielten dabei ebenso eine Rolle wie christliche Bildtraditionen.
Im europäischen Mittelalter erhielten dämonische Figuren zunehmend häutige Flügel, die sich deutlich von den gefiederten Flügeln der Engel unterschieden. Diese Bildsprache ähnelte Fledermausflügeln und verstärkte langfristig die Assoziation des Tieres mit Dämonischem.
Später kamen Vampirerzählungen hinzu. Besonders seit der frühen Neuzeit und schließlich durch die Literatur des 19. Jahrhunderts wurden Fledermäuse immer stärker mit blutsaugenden Untoten verbunden. Dabei leben die tatsächlich bluttrinkenden Vampirfledermäuse ausschließlich in Mittel- und Südamerika. Die norwegische Artsdatabanken betont ausdrücklich, dass die europäischen und norwegischen Fledermäuse Insekten und andere Wirbellose fressen und nichts mit den drei amerikanischen Vampirfledermausarten zu tun haben.
Das Bild der „blutrünstigen Fledermaus“ ist damit für Skandinavien biologisch vollkommen unzutreffend.
Dieser Punkt verdient besondere Betonung, weil moderne Fantasybilder häufig sämtliche Fledermäuse mit Bluttrinken verbinden. Tatsächlich existieren weltweit nur drei heute lebende Fledermausarten, deren Ernährung auf Blut spezialisiert ist. Sie leben in Mittel- und Südamerika.
Menschen der Wikingerzeit in Skandinavien konnten diese Tiere nicht kennen. Sämtliche einheimischen Fledermäuse ernährten sich von Insekten und anderen kleinen Wirbellosen.
Es gibt deshalb keine zoologische Grundlage, aus der nordische Menschen die Vorstellung einer bluttrinkenden Fledermaus hätten entwickeln müssen.
Europäische Vampirerzählungen entstanden aus anderen kulturellen Traditionen. Die spätere Verbindung zwischen Vampir und Fledermaus wurde erheblich durch die Kenntnis amerikanischer Vampirfledermäuse und durch neuzeitliche Literatur verstärkt.
Wer eine Fledermaus in einer wikingerzeitlichen Darstellung mit Blutdurst oder Vampirismus verbindet, überträgt somit eine viele Jahrhunderte spätere Vorstellung in das Frühmittelalter.
Auch das typische Bild des Teufels mit Fledermausflügeln gehört nicht zur vorchristlichen nordischen Mythologie. Mittelalterliche christliche Kunst entwickelte zunehmend eine visuelle Gegenüberstellung: Engel erhielten Vogelflügel, Dämonen häutige Flügel.
Diese Formensprache war theologisch wirksam. Der gefiederte Vogel konnte mit Himmel und Licht verbunden werden; der fledermausartige Flügel wirkte fremdartig, dunkel und nachtbezogen.
Solche Bilder beeinflussten über Jahrhunderte die europäische Wahrnehmung realer Fledermäuse. Ein biologisches Tier wurde dadurch mit moralischen Kategorien verbunden, die keinerlei zoologische Grundlage besitzen.
Gerade für einen nordischen Tierblog ist dieser Punkt wichtig, weil spätere christliche Bildtraditionen leicht mit älteren vorchristlichen Vorstellungen vermischt werden. Die Fledermaus wurde im christlichen Europa später stark dämonisiert – daraus folgt nicht, dass sie bereits bei den Menschen der Wikingerzeit ein dämonisches Tier war.
Fledermäuse werden heute gern mit Friedhöfen, Gräbern und Tod verbunden. Auch dies ist teilweise durch ihre Lebensweise erklärbar. Alte Kirchen, Ruinen, Gewölbe und Gruften können geeignete Quartiere bieten. Friedhöfe besitzen häufig alte Bäume, ruhige Bereiche und viele Insekten – also gute Jagdgründe.
Der Zusammenhang ist damit zumindest teilweise ökologisch, nicht übernatürlich.
Im Frühmittelalter könnten Fledermäuse ebenfalls in der Nähe von Grabhügeln oder Bestattungslandschaften gejagt haben, wenn dort geeignete Bäume, Gewässer und Insekten vorhanden waren. Daraus lässt sich jedoch keine besondere Totenreligion ableiten.
Es gibt keinen bekannten Nachweis, dass Fledermäuse in wikingerzeitlichen Gräbern gezielt als Totentiere beigegeben wurden oder eine vergleichbare Rolle wie Pferde, Hunde oder bestimmte Vögel besaßen.
Tierbeigaben in wikingerzeitlichen Gräbern können sehr umfangreich sein. Pferde, Hunde, Rinder, Schweine, Schafe, Vögel und in einzelnen Fällen exotischere Tierbestandteile sind belegt. Das Historiska museet beschreibt beispielsweise für eine aristokratische Bestattung bei Klinta auf Öland Spuren von Pferd, Rind, Schwein, Schaf, Hund, Katze, Bär und Huhn.
Fledermäuse spielen in solchen bekannten Bestattungskomplexen keine vergleichbar erkennbare Rolle.
Das ist ein wichtiger negativer Befund. Er beweist nicht, dass niemals eine Fledermaus zufällig in einen Grabhügel gelangte oder einzelne Knochen vorhanden waren. Er zeigt jedoch, dass wir derzeit keine breite Praxis kennen, in der Fledermäuse bewusst als bedeutende Grabtiere verwendet wurden.
Damit unterscheiden sie sich deutlich von jenen Tieren, deren soziale und mythologische Bedeutung durch wiederholte Bestattungsfunde unterstützt wird.
Ein weiterer moderner Gedanke verbindet die Fledermaus mit Seiðr, Völur und Magie. Nachtaktive Tiere eignen sich aus heutiger Sicht hervorragend für geheimnisvolle Darstellungen, und Fledermausmotive erscheinen deshalb häufig in moderner neopaganer Kunst.
Historisch gibt es jedoch keinen sicheren Nachweis, dass Fledermäuse ein spezifisches Tier des Seiðr gewesen wären. Die Quellen über Völur, Zauberpraktiken und seiðrbezogene Rituale nennen andere Gegenstände und Bilder, ohne eine feste Fledermausrolle zu überliefern.
Auch archäologische sogenannte Völvengräber liefern keine etablierte Fledermaussymbolik.
Hier gilt dasselbe wie bei Odin, Loki und Hel: Eine moderne symbolische Verbindung kann ästhetisch funktionieren, darf aber nicht als rekonstruierte Wikingertradition ausgegeben werden.
Die altnordische Sprachwelt kannte selbstverständlich Bezeichnungen für Fledermäuse, doch die Wortgeschichte ist regional und sprachhistorisch komplexer als bei besonders häufig überlieferten Tieren. In den nordgermanischen Sprachen entwickelten sich verschiedene Namen, die teilweise bildhaft mit flatternden oder „fliegenden Mäusen“ zusammenhängen.
Für die kulturelle Deutung ist jedoch wichtiger, dass eine sprachliche Benennung allein keine mythologische Bedeutung beweist. Menschen hatten Namen für zahllose Tiere, die in keinem erhaltenen Mythos eine zentrale Rolle spielen.
Die Quellenlage unterscheidet sich damit grundsätzlich vom Wolf (ulfr), Raben (hrafn) oder Adler (örn), deren Namen sowohl in Dichtung als auch in Personennamen und mythologischen Zusammenhängen häufig auftreten.
Bei der Fledermaus besitzen wir kein vergleichbares dichtes Netz an Belegen.
Die Abwesenheit kann mehrere Ursachen haben. Zunächst waren Fledermäuse wirtschaftlich nahezu bedeutungslos. Sie lieferten weder nennenswert Nahrung noch Fell, Knochen oder Zugkraft. Tiere, die für Landwirtschaft, Jagd oder Krieg wichtig waren, erscheinen zwangsläufig häufiger in Texten.
Zudem sind Fledermäuse klein und nachtaktiv. Ein Wolf hinterlässt Risse, Spuren und Heulen. Ein Adler ist tagsüber weithin sichtbar. Ein Pferd lebt unmittelbar beim Menschen. Fledermäuse können dagegen selbst dort zahlreich vorkommen, wo Menschen sie kaum bewusst beobachten.
Schließlich ist unsere Überlieferung stark selektiv. Die erhaltenen Eddalieder und Sagas bilden nicht das gesamte mündliche Wissen Skandinaviens ab. Ein regionales Sprichwort oder eine lokale Fledermauserzählung kann existiert haben und vollkommen verloren gegangen sein.
Historisch sollte deshalb weder behauptet werden, die Fledermaus habe gar keine kulturelle Bedeutung besessen, noch sollte man ohne Belege eine umfassende Symbolik rekonstruieren. Die richtige Aussage lautet: Wir wissen darüber bislang sehr wenig.
Bei realen Fledermäusen gehört auch die Frage nach Krankheiten zur sachlichen Tierkunde. Fledermäuse können in Europa bestimmte Viren tragen, darunter Varianten des sogenannten Fledermaustollwutvirus. Naturvårdsverket weist darauf hin, dass entsprechende Antikörper bei schwedischen Fledermäusen nachgewiesen wurden und dass lebende oder tote Tiere deshalb nicht mit bloßen Händen angefasst werden sollten.
Das Risiko für Menschen ist äußerst gering, solange Tiere nicht angefasst oder gebissen werden. Fledermäuse greifen Menschen nicht gezielt an.
Für die Wikingerzeit können wir nicht rekonstruieren, ob einzelne Krankheitsübertragungen vorkamen. Menschen hatten keine moderne Vorstellung von Viren oder Tollwutübertragung. Ein ungewöhnlich verhaltendes Tier hätte möglicherweise andere Erklärungen hervorgerufen. Es wäre jedoch unseriös, historische Legenden über Fledermäuse aus einer angenommenen Tollwuterfahrung abzuleiten, wenn dafür keine Quellen existieren.
Ein verbreitetes modernes Angstbild behauptet, Fledermäuse würden Menschen anfliegen, sich in Haaren verfangen oder absichtlich angreifen. Dafür gibt es bei europäischen Arten keinen normalen Verhaltensgrund.
Wenn eine Fledermaus dicht an einem Menschen vorbeifliegt, jagt sie häufig Insekten, die sich ebenfalls in dessen Umgebung befinden. Dank Echoortung kann sie Hindernissen außerordentlich präzise ausweichen.
Auch in einem Haus versucht eine versehentlich eingeflogene Fledermaus normalerweise nicht, Menschen anzugreifen. Sie sucht einen Ausgang.
Für frühmittelalterliche Menschen können solche engen Begegnungen dennoch erschreckend gewesen sein. Das Tier bewegt sich schnell, unregelmäßig und in der Dämmerung. Wer seine Orientierungsmethode nicht kennt, kann den Flug als beinahe unvorhersehbar erleben.
Die Behauptung, Fledermäuse würden sich gezielt in menschlichen Haaren verfangen, ist ebenfalls ein Mythos. Ihre Echoortung ermöglicht ihnen eine viel feinere Hinderniserkennung, als dafür notwendig wäre.
Möglicherweise entstand die Vorstellung gerade aus der Erfahrung, dass Fledermäuse sehr dicht an Menschen vorbeifliegen können, wenn dort Insekten jagen. Für einen überraschten Beobachter kann daraus schnell der Eindruck entstehen, das Tier habe auf den Kopf gezielt.
Solche Mythen zeigen, wie leicht menschliche Wahrnehmung Tierverhalten falsch interpretiert. Dasselbe gilt für historische Deutungen: Ein Tier wirkt geheimnisvoll, weil wir seine Sinneswelt nicht teilen.
Fledermäuse sind ein wichtiger Bestandteil nördlicher Ökosysteme. Als Insektenfresser beeinflussen sie die Bestände zahlreicher nachtaktiver Wirbelloser. Sie verbinden dabei unterschiedliche Lebensräume: Ein Tier kann in einem Baum schlafen, über einer Wiese jagen und auf dem Weg dorthin einen Flusslauf als Orientierungslinie nutzen.
Gerade strukturreiche Kulturlandschaften mit alten Bäumen, offenen Wasserflächen, Wiesen und Hecken können besonders wertvoll sein. Die heutige Vereinheitlichung von Landwirtschaft und Forstwirtschaft hat deshalb Auswirkungen auf viele Arten. Naturvårdsverket verweist darauf, dass zahlreiche bedrohte Fledermausarten eng mit traditionellen Kulturlandschaften verbunden sind.
In der Wikingerzeit existierten andere menschliche Eingriffe in Landschaften. Wälder wurden gerodet, Vieh weidete, Heu wurde gewonnen und Höfe schufen mosaikartige Offenflächen. Solche Strukturen können für manche Fledermäuse günstig gewesen sein, solange gleichzeitig alte Bäume und natürliche Quartiere bestehen blieben.
Ein alter Baum ist für eine Fledermaus wesentlich mehr als ein Jagdplatz. Spechthöhlen, Risse, abgestorbene Astbereiche und abstehende Rinde können Quartiere bieten. Gerade deshalb sind sehr alte Bäume biologisch besonders wertvoll.
Vormoderne Wälder bestanden keineswegs überall aus vollkommen unberührtem Urwald. Menschen nutzten Brennholz, Bauholz, Waldweide und zahlreiche andere Ressourcen. Dennoch gab es vielerorts wahrscheinlich einen höheren Anteil alter und hohler Bäume als in modernen intensiv bewirtschafteten Forsten.
Solche Bäume konnten Fledermäusen vielfältige Quartiere bieten. Für die Menschen wiederum war ein hohler Baum möglicherweise Materialverlust oder auffällige Landschaftsstruktur. Dass er zugleich einer kleinen Fledermauskolonie als Zuhause diente, musste nicht bekannt sein.
Fledermäuse und Wasser gehören eng zusammen. Flüsse, Seen, Teiche und ruhige Küstenbereiche produzieren große Mengen fliegender Insekten. Besonders Wasserfledermäuse sind darauf spezialisiert, dicht über der Oberfläche zu jagen.
Das bedeutet, dass gerade jene Orte, an denen auch Menschen häufig lebten und reisten, gute Fledermauslebensräume boten. Viele bedeutende wikingerzeitliche Siedlungen lagen unmittelbar am Wasser: Haithabu an einem inneren Förden- und Gewässersystem, Birka im Mälarsee, Kaupang nahe der Küste und zahlreiche Höfe an Fjorden oder Flüssen.
Wir besitzen keinen Grund anzunehmen, Fledermäuse hätten diese Landschaften gemieden. Vielmehr dürfte die Dämmerung über solchen Gewässern ähnlich belebt gewesen sein wie heute.
Für einen Menschen, der am Abend ein Boot vertäute oder am Ufer arbeitete, war die Fledermaus damit möglicherweise kein seltenes Tier, sondern eine regelmäßig wahrgenommene Silhouette.
Besonders interessant für den skandinavischen Kontext ist die Nordfledermaus (Eptesicus nilssonii). Sie gehört zu den am weitesten nach Norden vordringenden Fledermausarten Europas und ist nach Angaben der norwegischen Artsdatabanken heute die häufigste Fledermaus Norwegens.
Ihre Fähigkeit, in kalten Klimazonen zu bestehen, zeigt eindrucksvoll, wie anpassungsfähig Fledermäuse sind. Die kurze sommerliche Insektensaison muss intensiv genutzt werden. Während der hellen nordischen Sommernächte kann die Aktivität zeitlich stark von der geografischen Breite beeinflusst werden.
Je weiter man nach Norden gelangt, desto kürzer wird die eigentliche Dunkelphase im Sommer. Fledermäuse müssen daher teilweise bereits bei relativ hoher Resthelligkeit jagen. Damit trifft im hohen Norden eine nachtaktive Tiergruppe auf eine Umwelt, in der die Nacht zeitweise beinahe verschwindet. Diese ökologische Anpassung macht die Nordfledermaus zu einer besonders charakteristischen Art des skandinavischen Raumes.
Die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) ist in Süd- und Mittelschweden weit verbreitet und jagt bevorzugt dicht über ruhigen Wasserflächen. Naturvårdsverket nennt sie ausdrücklich als häufige Art und weist darauf hin, dass sie meist in Baumhöhlen lebt, gelegentlich aber auch Gebäude nutzt.
Ihr Flug kann besonders eindrucksvoll beobachtet werden. Sie gleitet oft nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche und fängt Insekten teilweise mit ihren Füßen oder der Schwanzflughaut.
Für einen wikingerzeitlichen Fischer, der in der Dämmerung an einem See oder Fluss unterwegs war, könnte eine solche Fledermaus gut sichtbar gewesen sein. Gerade über einer glatten Wasserfläche hebt sich die dunkle Silhouette gegen den Himmel ab. Ein konkreter altnordischer Bericht darüber fehlt zwar, doch die ökologische Begegnung ist vollkommen plausibel.
Das Braune Langohr (Plecotus auritus) gehört ebenfalls zu den weit verbreiteten nordeuropäischen Arten. Seine großen Ohren ermöglichen ihm, besonders leise Geräusche wahrzunehmen. Es jagt häufig dichter an Vegetation als viele andere Fledermäuse und kann Nachtfalter direkt von Oberflächen aufnehmen.
Naturvårdsverket beschreibt heutige schwedische Langohren unter anderem als Bewohner größerer Dachräume und Kirchen. Unter ihren Ruheplätzen können sich Flügelreste gefressener Nachtfalter sammeln.
In der Wikingerzeit existierten noch keine mittelalterlichen Steinkirchen mit großen Dachstühlen, doch alte Bäume, Felsräume und geeignete Holzbauten konnten ähnliche Schutzfunktionen erfüllen.
Die riesigen Ohren machen diese Art auch optisch besonders auffällig, sofern man sie überhaupt aus der Nähe sieht. Im Flug werden Fledermäuse dagegen meist nur als dunkle Silhouette wahrgenommen.
Mit der Christianisierung Skandinaviens änderte sich auch die gebaute Landschaft. Holzkirchen und später größere Steinbauten boten neue Dachräume, Mauerspalten und Türme. Viele Fledermausarten fanden dort ausgezeichnete Quartiere.
Daraus entstand langfristig eine bemerkenswerte Verbindung: Tiere, die in späterer europäischer Symbolik teilweise mit Dunkelheit und Dämonischem verbunden wurden, lebten ausgerechnet in Kirchengebäuden.
Ökologisch ist daran nichts widersprüchlich. Große, ruhige Dachräume sind warme und störungsarme Quartiere. Alte Kirchen stehen zudem häufig in Landschaften mit Friedhöfen, alten Bäumen und wenig nächtlicher Störung.
Naturvårdsverket nennt das Braune Langohr bis heute als Art, die regelmäßig Kirchen und größere Dachräume nutzt.
Für die späte Wikingerzeit und das frühe christliche Mittelalter dürfte sich damit die Zahl menschlicher Bauwerke erhöht haben, die Fledermäusen neue Quartiertypen boten.
Hier muss erneut sauber getrennt werden. Dass Fledermäuse später Kirchengebäude nutzten, bedeutet nicht, dass die Kirche sie deshalb negativ deutete. Die dämonische Symbolik entstand aus theologischen und künstlerischen Traditionen, nicht aus einer einfachen Beobachtung „Fledermäuse wohnen im Kirchturm“.
Im christlichen Europa wurden Nacht und Licht häufig moralisch aufgeladen. Christus konnte mit Licht verbunden werden, während Dunkelheit metaphorisch für Sünde oder Unwissen stand. Ein nachtaktives Tier ließ sich leichter in entsprechende Bildwelten integrieren.
Dazu kam die äußere Form des Fledermausflügels, die als Gegenbild zum Vogelflügel verwendet werden konnte. Für den wikingerzeitlichen Übergang zum Christentum gibt es jedoch keinen Grund, eine plötzliche systematische „Austreibung“ oder Dämonisierung realer Fledermäuse anzunehmen. Die späteren Bildtraditionen entwickelten sich über Jahrhunderte.
Im späteren Mittelalter wurden Tiere häufig moralisch und symbolisch interpretiert. Bestiarien kombinierten Naturbeobachtung, antikes Wissen, Bibelauslegung und Legende. Ein reales Tier konnte dadurch Eigenschaften erhalten, die wesentlich mehr über menschliche Moralvorstellungen als über seine tatsächliche Biologie aussagten.
Das Historiska museet weist allgemein darauf hin, dass Tiere in mittelalterlicher Kunst nicht nur als Alltagstiere, sondern auch als Symbole in Geschichten und Fabeln dienten. Die Fledermaus eignete sich aufgrund ihrer Nachtaktivität und ungewöhnlichen Körperform hervorragend für solche symbolischen Systeme. Aber dieses spätere mittelalterliche Denken sollte nicht rückwirkend als „Wikingerglaube“ bezeichnet werden.
Im Internet finden sich gelegentlich angebliche Fledermausrunen, Fledermaussymbole oder nordische Schutzzeichen, denen eine wikingerzeitliche Herkunft zugeschrieben wird. Eine solche allgemein anerkannte historische Rune existiert nicht.
Runen sind primär Schriftzeichen. Einzelne Runen konnten selbstverständlich magisch oder symbolisch eingesetzt werden, doch sie sind keine zoologische Liste, in der jedes Tier eine eigene Rune besitzt.
Eine moderne Kombination eines Runenzeichens mit einer Fledermaus kann künstlerisch reizvoll sein. Sie sollte aber als moderne Gestaltung bezeichnet werden. Dasselbe gilt für vermeintliche „Viking Bat Symbols“, die auf Schmuck oder Tattoos angeboten werden. Ohne konkreten archäologischen Fund und nachvollziehbare Datierung besitzen solche Bezeichnungen keinen historischen Wert.
Auch sichere Fledermausamulette sind aus der Wikingerzeit nicht als verbreitete und eindeutig identifizierbare Objektgruppe bekannt. Tieranhänger existieren selbstverständlich zahlreich, doch die Bestimmung stark stilisierter Tiere ist oft schwierig.
Ein kleiner Metallanhänger mit Flügeln kann Vogel, Drache, Mischwesen oder etwas anderes darstellen. Ihn allein aufgrund moderner Ähnlichkeit als Fledermaus zu bezeichnen, wäre problematisch. Gerade nordische Tierkunst ist stark stilisiert. Körper werden verschlungen, verlängert und ornamentiert. Moderne Betrachter erkennen deshalb manchmal genau das Tier, das sie erkennen möchten. Eine historische Fledermausdarstellung müsste durch Anatomie, Fundkontext oder Vergleichsfunde überzeugend abgesichert werden.
Wenn Fledermäuse Quartiere in menschlichen Gebäuden nutzten, konnten Bewohner gelegentlich unmittelbar mit ihnen zusammentreffen. Ein Tier konnte aus einer Spalte fallen, in einen Wohnraum geraten oder während Reparaturen entdeckt werden.
Wie Menschen darauf reagierten, wissen wir nicht. Vielleicht wurde das Tier einfach hinausbefördert, vielleicht getötet, vielleicht ignoriert. Es gibt keine ausreichende Quelle für einen allgemeinen Umgang.
Moderne Fledermäuse beschädigen Gebäude normalerweise nicht aktiv. Naturvårdsverket weist ausdrücklich darauf hin, dass sie keine Häuser, Einrichtung oder Lebensmittel zerstören. Sie nagen keine neuen Löcher wie Nagetiere, sondern nutzen vorhandene Spalten. Auch historisch wären Fledermäuse daher eher Mitbewohner als Schädlinge gewesen.
Unter Fledermausquartieren können sich Kotkrümel ansammeln. Bei kleinen europäischen Kolonien entstehen selbstverständlich keine riesigen Guanolager wie in tropischen Höhlen, doch lokale Ansammlungen sind möglich. Fledermauskot besteht weitgehend aus den unverdaulichen Resten gefressener Insekten und zerfällt leicht.
Ob Menschen der Wikingerzeit diesen Kot irgendwie nutzten, ist nicht belegt. Spätere Guanonutzung als Dünger darf nicht ohne Beleg zurückprojiziert werden. Archäologisch könnte Fledermauskot unter günstigen Bedingungen jedoch Hinweise auf historische Quartiere liefern, insbesondere durch Insektenreste oder chemische Analysen. Solche Spezialuntersuchungen gehören allerdings nicht zum gewöhnlichen Fundbild wikingerzeitlicher Höfe.
Hauskatzen waren im wikingerzeitlichen Norden bekannt und können Fledermäuse gelegentlich erbeuten, besonders wenn ein Tier am Boden liegt oder ein niedriges Quartier verlässt. Auch Eulen, Greifvögel und Marder können natürliche Feinde sein.
Eine gesunde Fledermaus im freien Flug ist aufgrund ihrer Wendigkeit jedoch schwer zu fangen. Für den Menschen war dies vermutlich nur selten von Bedeutung. Eine Katze konnte gelegentlich ein ungewöhnliches kleines geflügeltes Tier zum Hof bringen, ähnlich wie heute. Solche zufälligen Begegnungen könnten sogar einer der Momente gewesen sein, in denen Menschen Fledermäuse aus unmittelbarer Nähe betrachteten.
Fledermäuse wirken für Menschen häufig lautlos, sind es aber nicht. Ihre Echoortungsrufe liegen überwiegend außerhalb unseres Hörbereichs. Manche soziale Rufe und tiefere Bestandteile können jedoch durchaus hörbar sein.
In einem Quartier kann eine Kolonie außerdem rascheln, fiepen und sich bewegen. Für Menschen der Wikingerzeit blieben die eigentlichen Orientierungslaute trotzdem weitgehend verborgen. Das Tier bewegte sich scheinbar ohne hörbares Signal. Erst moderne Fledermausdetektoren machen die Ultraschallrufe für Menschen hörbar. Dadurch wird eine Klangwelt zugänglich, die jahrtausendelang existierte, ohne dass Menschen sie bewusst wahrnehmen konnten.
Das Sehvermögen unterscheidet sich zwischen Arten, doch grundsätzlich besitzen Fledermäuse funktionsfähige Augen. Manche Arten können Lichtintensität und Landschaftsstrukturen gut erkennen, bei anderen spielt Echoortung im Nahbereich eine besonders dominierende Rolle.
Der alte Satz „blind wie eine Fledermaus“ ist daher biologisch falsch. Naturvårdsverket erklärt ausdrücklich, dass Fledermäuse ihre Augen für eine grobe Orientierung nutzen und beispielsweise Silhouetten von Bäumen und Gebäuden erkennen. Diese Kombination aus Sehen und Hören macht ihre Wahrnehmung besonders leistungsfähig. Echoortung ersetzt die Augen nicht vollständig, sondern ergänzt sie.
Ein Wolf oder Elch kann gesehen, verfolgt und gezählt werden. Fledermäuse sind wesentlich schwieriger zu erfassen. Viele Arten sehen im Flug für einen ungeübten Beobachter nahezu gleich aus. Naturkundler bestimmen sie heute häufig über Ultraschallrufe, Körpermaße und genetische Methoden.
Das Natural History Museum weist darauf hin, wie schwierig selbst heute die Artbestimmung allein anhand des Flugbildes sein kann. Für einen Menschen der Wikingerzeit war eine Fledermaus deshalb wahrscheinlich meist einfach eine Fledermaus beziehungsweise ein kleines nachtfliegendes Tier. Eine differenzierte volkstümliche Unterscheidung einzelner Arten wäre möglich, ist aber nicht überliefert. Gerade darin unterscheidet sie sich von großen wirtschaftlich bedeutsamen Tieren, deren Alter, Geschlecht und Verhalten für Menschen unmittelbar relevant waren.
Die beste Beobachtungszeit liegt bei vielen Arten kurz nach Sonnenuntergang. Dann ist noch genug Licht vorhanden, um die Silhouette zu erkennen, während gleichzeitig genügend nachtaktive Insekten aktiv sind.
Für frühmittelalterliche Menschen war dies genau jene Zeit, in der sich der Tagesablauf änderte. Tiere wurden versorgt, Werkzeuge weggeräumt und Feuerstellen wichtiger. Fledermäuse erschienen damit buchstäblich im Übergang zwischen Tag und Nacht.
Diese Beobachtung eignet sich gut als moderne symbolische Interpretation. Historisch sollten wir allerdings deutlich bleiben: Dass ein Tier objektiv während einer Übergangszeit aktiv ist, beweist nicht, dass Menschen es als „Symbol des Übergangs“ verehrten. Der Unterschied zwischen beobachtbarer Natur und rekonstruierter Symbolik ist hier entscheidend.
Moderne nordische Illustrationen zeigen Fledermäuse gern über Nebel, Grabfeldern oder dunklen Wäldern. Solche Bilder passen ästhetisch hervorragend zu unserem heutigen Verständnis einer geheimnisvollen Nordwelt. Historisch ist die Verbindung jedoch größtenteils moderne Bildsprache. Fledermäuse fliegen selbstverständlich auch an nebligen Abenden, sofern die Bedingungen Jagd zulassen. Nebel ist aber kein belegtes mythologisches Attribut des Tieres.
Für NorseStory kann die Fledermaus deshalb durchaus visuell in einer nordischen Nachtlandschaft dargestellt werden – nur sollte eine solche Gestaltung nicht anschließend als historischer Kultbeleg erklärt werden.
Gerade weil die Fledermaus keine berühmte mythologische Rolle besitzt, gehört sie in eine umfassende Darstellung der nordischen Tierwelt. Die Lebenswelt der Menschen bestand nicht nur aus jenen Tieren, die später in der Edda auftauchten.
Über den Feldern flogen Insekten. In den Wäldern lebten kleine Säugetiere. An Seen jagten Fledermäuse. Unter Rinde und in Baumhöhlen schliefen Tiere, die in keinem Heldenlied genannt wurden. Eine historisch ernsthafte Tierkunde muss deshalb auch solche Arten berücksichtigen. Naturgeschichte ist größer als Mythologie. Die Fledermaus zeigt besonders deutlich, dass ein Tier für ein Ökosystem bedeutsam sein kann, ohne in den erhaltenen menschlichen Geschichten eine entsprechend große Rolle zu spielen.
Biologisch bewegt sich die Fledermaus tatsächlich zwischen scheinbaren Kategorien. Sie ist Säugetier und fliegt. Sie sieht, orientiert sich aber zusätzlich über Schall. Sie lebt auf dem Land und nutzt die Luft als primären Bewegungsraum. Sie verbringt den Tag verborgen und wird aktiv, wenn andere Tiere schlafen.
Aus diesen Eigenschaften lassen sich heute Begriffe wie Übergang, verborgene Wahrnehmung, Nacht und Anpassung ableiten. Solche Bedeutungen können in moderner Kunst, Literatur oder Spiritualität sinnvoll sein. Was wir jedoch nicht tun sollten, ist daraus automatisch eine angebliche „ursprüngliche nordische Fledermaussymbolik“ zu konstruieren. Die wissenschaftlich und historisch korrekte Trennung lautet:
Die biologischen Eigenschaften sind real. Die moderne Symbolik ist interpretativ. Eine entsprechende wikingerzeitliche Symbolik ist nicht ausreichend überliefert.
Heute stehen Fledermäuse in Skandinavien unter starkem Schutz. In Schweden sind sämtliche Arten geschützt, und sowohl ihre Tötung als auch die Zerstörung ihrer Quartiere ist untersagt.
Die größten Probleme entstehen nicht durch natürliche Feinde, sondern durch Veränderungen der Landschaft. Alte Bäume verschwinden, Quartiere werden bei Gebäudesanierungen verschlossen, Insektenbestände nehmen ab und künstliches Licht verändert Jagdräume.
Besonders empfindlich sind Arten, die auf alte Kulturlandschaften mit Hecken, Laubbäumen, Gewässern und extensiver Landwirtschaft angewiesen sind. Moderne intensive Land- und Forstwirtschaft kann diese Strukturvielfalt reduzieren. Naturvårdsverket nennt den Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft deshalb als wichtigen Bestandteil des Fledermausschutzes.
Interessanterweise können bestimmte vormoderne Landschaftselemente – alte Weidebäume, kleinteilige Wiesen, Hecken und traditionelle Höfe – genau jene Strukturen erzeugen, die heute für zahlreiche Fledermäuse besonders wertvoll sind.
Eine Gefahr, die Menschen der Wikingerzeit überhaupt nicht kannten, ist künstliche nächtliche Dauerbeleuchtung. Manche Fledermausarten profitieren kurzfristig von Insektenansammlungen an Lampen, andere meiden beleuchtete Bereiche vollständig.
Dadurch können helle Straßen, Gebäude und Industrieanlagen natürliche Flugkorridore unterbrechen. Für einen wikingerzeitlichen Hof war die nächtliche Lichtquelle klein und lokal. Hinter dem Bereich des Feuers begann Dunkelheit. Die moderne Landschaft kehrt dieses Verhältnis teilweise um: Dunkle Räume werden zu Inseln zwischen beleuchteten Zonen. Gerade deshalb besitzt die Nacht heute für Fledermäuse eine andere ökologische Qualität als vor tausend Jahren.
Biologisch betrachtet sind europäische Fledermäuse kleine, empfindliche und hoch spezialisierte Insektenjäger. Sie besitzen weder eine natürliche Neigung, Menschen anzugreifen, noch trinken sie Blut.
Die norwegische Artsdatabanken fasst diesen Gegensatz besonders deutlich zusammen: Fledermäuse werden in Filmen und Halloween-Darstellungen häufig als gefährlich und blutdürstig gezeigt, während die norwegischen Arten klein, unauffällig und ausschließlich auf Insekten und andere Wirbellose spezialisiert sind.
Damit gehört die Fledermaus zu jenen Tieren, deren kulturelles Image mit ihrer tatsächlichen Lebensweise nur wenig zu tun hat.
Das macht sie für historische Betrachtungen besonders interessant. Nicht nur Tiere verändern sich im Verhältnis zum Menschen. Auch die Geschichten über Tiere verändern sich.
Sicher ist, dass Fledermäuse während der Wikingerzeit Teil der skandinavischen Tierwelt waren. Ihre evolutionäre Geschichte reicht viele Millionen Jahre zurück, und mehrere Arten sind an die klimatischen Bedingungen Nordeuropas angepasst. Sie jagten Insekten über Wasser, Waldrändern und offenen Landschaften und nutzten natürliche Quartiere in Bäumen und Felsen. Auch menschliche Gebäude können grundsätzlich als Quartiere geeignet gewesen sein.
Ebenfalls sicher ist, dass ihre wirtschaftliche Bedeutung für Menschen gering gewesen sein dürfte. Es gibt keine bekannte breite Jagd auf Fledermäuse, keinen bedeutenden Rohstoffhandel mit ihren Körperteilen und keine verbreitete Rolle als Nahrungsmittel.
Nicht ausreichend belegt ist dagegen eine besondere religiöse Stellung im vorchristlichen Norden. Fledermäuse sind keine zentralen Tiere der bekannten Eddamythen. Eine feste Zuordnung zu Odin, Loki, Hel, den Nornen, Völur oder Seiðr lässt sich nicht nachweisen. Ebenso unbelegt sind angebliche wikingerzeitliche Fledermausrunen oder eine allgemein bekannte Fledermaus-Schutzsymbolik. Erst in späteren europäischen Jahrhunderten wurde die Fledermaus stark mit Dämonen, Dunkelheit und schließlich Vampiren verbunden. Diese Vorstellungen dürfen nicht rückwirkend als nordische Religion des 9. oder 10. Jahrhunderts dargestellt werden.
Vielleicht ist gerade die geringe schriftliche Aufmerksamkeit für Fledermäuse besonders aufschlussreich. Ein Mensch der Wikingerzeit musste nicht über ein Tier schreiben, damit dieses jeden Sommerabend über seinem Hof flog.
Das Tier konnte vollkommen selbstverständlich sein. Ein Kind kann Fledermäuse über einem Teich beobachtet haben. Ein Fischer kann sie über dem Wasser gesehen haben. Eine Familie kann eine kleine Kolonie im Dachbereich gekannt haben. Niemand musste daraus eine große mythologische Erzählung machen. Unsere historische Wahrnehmung wird stark durch Quellen verzerrt. Wir kennen die Tiere besonders gut, die in Gedichten, Gräbern und Handwerk große Spuren hinterließen. Die alltägliche Natur bestand jedoch aus zahllosen Arten, deren Anwesenheit kaum dokumentiert wurde.
Die Fledermaus gehört wahrscheinlich genau zu dieser stillen Tierwelt.
Die Fledermaus gehörte auch während der Wikingerzeit zur natürlichen Tierwelt des Nordens. Mehrere Fledermausarten sind hervorragend an das gemäßigte und teilweise kalte Klima Skandinaviens angepasst. Heute sind in Schweden 19 Arten und auf dem norwegischen Festland elf Arten nachgewiesen. Sämtliche nordeuropäischen Arten ernähren sich von Insekten und anderen kleinen Wirbellosen; bluttrinkende Vampirfledermäuse existieren ausschließlich in Mittel- und Südamerika.
Ihre außergewöhnlichste Fähigkeit ist der aktive Flug. Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die dauerhaft aus eigener Kraft fliegen können. Der Flügel besteht aus einer stark umgestalteten Vorderhand, deren verlängerte Finger eine dünne Flughaut tragen. Gleichzeitig orientieren sich viele Arten durch Echoortung. Hochfrequente Rufe werden an Objekten und Beutetieren reflektiert, und das zurückkehrende Echo ermöglicht eine erstaunlich genaue Wahrnehmung der Umgebung. Fledermäuse sind dabei keineswegs blind; ihre Augen und die Echoortung ergänzen einander.
Für die Menschen des frühmittelalterlichen Nordens muss dieses Tier besonders während der Dämmerung sichtbar geworden sein. Während menschliche Sicht schlechter wurde, begann die Fledermaus mit ihrer Jagd. Über Seen und Flüssen, an Waldrändern, über Wiesen und vermutlich auch nahe an Höfen suchte sie nach Nachtfaltern, Mücken, Käfern und anderen Insekten. In einer Welt ohne elektrische Beleuchtung verschwand sie anschließend in einer Dunkelheit, in der Menschen selbst nur eingeschränkt orientierungsfähig waren.
Den Winter überstanden die nördlichen Arten durch Winterschlaf oder, bei einigen Arten, zusätzlich durch saisonale Wanderungen. Diese Anpassung war notwendig, weil das eigentliche Problem des nordischen Winters für eine Fledermaus weniger die Kälte als das fehlende Insektenangebot darstellt. Im Frühjahr kehrten die Tiere in ihre Jagdgebiete zurück, und Weibchen bildeten Wochenstuben zur Aufzucht der Jungen. Die geringe Zahl der Nachkommen und ihre vergleichsweise lange Lebensdauer unterscheiden Fledermäuse dabei deutlich von echten Mäusen.
Historisch fällt vor allem auf, was wir nicht finden. Während Wolf, Rabe, Adler, Pferd, Schlange oder Ziege in der nordischen Mythologie deutlich hervortreten, besitzt die Fledermaus in den bekannten eddischen Quellen keine vergleichbare Stellung. Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass sie Odin, Hel, Loki oder einer anderen Gottheit fest zugeordnet war. Ebenso fehlen sichere Nachweise für einen wikingerzeitlichen Fledermauskult, eine Fledermausrune oder eine verbreitete Verwendung des Tieres als magisches Amulett.
Die heute beinahe selbstverständliche Verbindung zwischen Fledermaus, Tod, Dämonen und Vampiren entstand wesentlich später. Mittelalterliche christliche Kunst verwendete zunehmend häutige, fledermausähnliche Flügel für dämonische Wesen, während Engel mit Vogelflügeln dargestellt wurden. Neuzeitliche Vampirvorstellungen und die Kenntnis südamerikanischer bluttrinkender Fledermäuse verstärkten diese Verbindung weiter. Diese kulturellen Entwicklungen dürfen nicht zurück in die Wikingerzeit projiziert werden.
Gerade dadurch wird die Fledermaus historisch besonders interessant. Sie zeigt, dass nicht jedes Tier des Nordens ein mythologisches Symbol sein musste. Manche Tiere waren schlicht Teil der alltäglichen Landschaft. Sie lebten in Baumhöhlen, flogen über Wasser und jagten Insekten über den Feldern, ohne dass ihre Geschichte in einer Saga bewahrt wurde.
Und vielleicht liegt gerade darin ihr eigentlicher Platz in der Welt der Wikingerzeit. Während über den Feuern Geschichten von Odin, Thor und gewaltigen Wölfen erzählt werden konnten, bewegte sich draußen ein kleineres, stilleres Tier durch die Dunkelheit. Die Fledermaus gehörte nicht zu den großen Gestalten der überlieferten nordischen Mythologie – aber sie gehörte zur wirklichen nordischen Nacht.
Alexander Ellmer ist Historiker und Forscher zur nordischen Mythologie und Kulturgeschichte Skandinaviens. Als Fachautor publiziert er fundierte Werke zu zentralen Themen der nordischen Welt – seine Einordnungen finden dabei zunehmend Eingang in öffentliche Wissenskontexte und mediale Beiträge.
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