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Götterkunde

Wie beteten die Menschen der Wikingerzeit zu ihren Göttern?

02.11.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 27 Min. Lesezeit

Auf einem Runenstein im dänischen Glavendrup steht eine Bitte, die vor mehr als tausend Jahren in den Stein gemeißelt wurde: „Þórr vígi þessar rúnar.“ Thor soll die Runen weihen. Die Worte sind kurz, doch ihre Bedeutung ist eindeutig. Ein Mensch wandte sich an eine Gottheit und bat sie um eine Handlung, die außerhalb menschlicher Möglichkeiten lag.

Der Runenstein stammt aus dem frühen 10. Jahrhundert und wurde zum Gedenken an einen Mann namens Alli errichtet. Seine Inschrift nennt Familienangehörige und den Runenmeister Sóti. Am Ende folgt die Anrufung Thors. Sie gehört zu den wichtigsten erhaltenen Zeugnissen dafür, wie Menschen der Wikingerzeit göttliche Hilfe erbaten.

Solche Gebetsformeln sind selten. Die meisten religiösen Handlungen hinterließen keine geschriebenen Worte. Opfergaben vergingen, gesprochene Anrufungen wurden vergessen, und die Menschen, die sie verwendeten, hinterließen kaum eigene Berichte. Trotzdem besitzen wir einige bemerkenswerte Quellen. Runensteine bewahren Weihebitten an Thor. Ein Amulett von der schwedischen Insel Öland bittet um Schutz für einen Mann namens Bófi. Ein beschriftetes Schädelfragment aus Ribe verbindet die Namen göttlicher Mächte mit einer Bitte gegen Schmerzen. Die Lieder-Edda enthält sogar ein vollständiges, zusammenhängendes Gebet an Tag, Nacht, die Asen, die Asinnen und die fruchtbare Erde.

Diese Zeugnisse zeigen, dass religiöse Anrufungen zur nordischen Vorstellungswelt gehörten. Sie verraten aber auch, wie unterschiedlich Menschen mit ihren Göttern in Verbindung treten konnten. Manche baten um Schutz oder Heilung, andere um Sieg, Frieden oder eine gute Ernte. Wieder andere verbanden ihre Worte mit Opfergaben, Trankritualen oder der Weihe bestimmter Gegenstände.

Was bedeutete Beten in der Wikingerzeit?

Wenn heute von einem Gebet gesprochen wird, denken viele Menschen an einen festgelegten Text, der regelmäßig wiederholt wird. Für die vorchristlichen Religionen Skandinaviens lässt sich ein solches allgemeines Gebetssystem nicht nachweisen. Es gibt weder ein erhaltenes nordisches Gebetbuch aus der Wikingerzeit noch eine Sammlung verbindlicher Gebete für bestimmte Gottheiten.

Das bedeutet nicht, dass die Menschen ihre Götter schweigend verehrten. Die erhaltenen Quellen zeigen vielmehr unterschiedliche Formen religiöser Rede. Eine Gottheit konnte direkt angerufen werden. Eine Bitte konnte ausgesprochen, ein Gegenstand geweiht oder eine Opfergabe mit einer bestimmten Erwartung verbunden werden. Auch Trinksprüche und feierliche Gelübde konnten religiöse Bedeutung besitzen.

Die Grenzen zwischen Gebet, Segensspruch und magischer Formel waren dabei nicht immer eindeutig. Eine Bitte an Thor um Schutz lässt sich als Gebet verstehen. Dieselbe Bitte konnte auf einem Amulett stehen, das seinen Träger dauerhaft schützen sollte. Die Worte waren dann zugleich Teil eines Gegenstandes, dem eine besondere Wirkung zugeschrieben wurde.

Die altnordische Sprache kennt mehrere Wörter für Bitten, Anrufungen und religiöse Handlungen. Das Verb biðja kann beispielsweise „bitten“ oder „beten“ bedeuten. Blót bezeichnet dagegen Opferhandlungen und damit einen größeren rituellen Zusammenhang. Eine Opferzeremonie konnte gesprochene Worte enthalten, doch die Begriffe sind nicht gleichbedeutend.

Um die Gebetspraxis der Wikingerzeit zu verstehen, müssen deshalb verschiedene Quellengruppen zusammen betrachtet werden. Zeitgenössische Runeninschriften liefern die unmittelbarsten Zeugnisse. Schriftliche Beobachter berichten von Ritualen, die sie selbst sahen oder von denen sie erfuhren. Die mittelalterliche altnordische Literatur bewahrt längere Anrufungen und Beschreibungen religiöser Handlungen, entstand aber größtenteils erst nach der Christianisierung.

Der Runenstein von Glavendrup – Thor soll die Runen weihen

Der Glavendrup-Stein auf der dänischen Insel Fünen trägt die Inschrift DR 209. Er gehört zu einer monumentalen Grabanlage mit einer Schiffssetzung und wurde wahrscheinlich im frühen 10. Jahrhundert errichtet. Die Inschrift erinnert an Alli, einen angesehenen Mann, dessen gesellschaftliche und möglicherweise religiöse Stellung im Text hervorgehoben wird.

Die Runen nennen Ragnhildr, die den Stein errichten ließ, sowie Allis Söhne und den Runenmeister Sóti. Die genaue Deutung einzelner Wörter im Gedenktext ist umstritten. Die abschließende Bitte an Thor ist dagegen klar verständlich:

„Þórr vígi þessar rúnar.“

„Thor weihe diese Runen.“

Die Worte sind als Anrufung formuliert. Thor wird nicht lediglich erwähnt oder als Teil eines Personennamens genannt. Er soll eine konkrete Handlung ausführen: die Runen weihen. Das altnordische Verb vígja bedeutet in diesem Zusammenhang „weihen“ oder „heiligen“.

Die Bitte steht auf einem dauerhaft errichteten Denkmal. Sie konnte deshalb von Menschen gelesen oder wahrgenommen werden, die den Stein besuchten. Ob die Worte bei seiner Errichtung zusätzlich laut gesprochen wurden, ist nicht überliefert. Der Text selbst belegt aber, dass die Vorstellung einer göttlichen Weihe mit einer öffentlich sichtbaren Runeninschrift verbunden werden konnte.

Gerade die Kürze macht den Satz interessant. Er enthält keine ausführliche Lobpreisung, keine Erzählung über Thors Taten und keine festgelegte Opferhandlung. Die Gottheit wird genannt, und die gewünschte Wirkung folgt unmittelbar. Damit besitzt die Inschrift die wesentlichen Merkmale einer kurzen Gebetsbitte.

Virring – eine zweite Weihebitte an Thor

Der Runenstein von Virring in Jütland trägt die Inschrift DR 110. Auch er gehört in die Wikingerzeit und enthält eine direkte Anrufung Thors. Der Stein wurde zum Gedenken an einen Verstorbenen errichtet. Auf einer Seite steht die Bitte:

„Þórr vígi þessi kuml.“

„Thor weihe diese Denkmäler.“

Die Formulierung ähnelt derjenigen von Glavendrup. Während dort ausdrücklich die Runen geweiht werden sollen, bezieht sich die Bitte in Virring auf die Gedenkzeichen beziehungsweise die Grabanlage. Das Wort kuml bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Denkmal oder eine Gruppe von Gedenkzeichen.

Beide Inschriften zeigen, dass Thor in Dänemark als göttliche Macht angerufen wurde, die Gegenstände und Erinnerungsorte weihen konnte. Die Ähnlichkeit der Formeln spricht dafür, dass entsprechende Wendungen über einen einzelnen Anlass hinaus bekannt waren. Wie verbreitet sie waren, lässt sich aus den wenigen erhaltenen Beispielen nicht bestimmen.

Bemerkenswert ist auch die Verbindung von Totengedenken und göttlicher Anrufung. Die Runensteine sollten an Verstorbene erinnern und deren Stellung innerhalb einer Gemeinschaft sichtbar machen. Die Bitte an Thor fügte diesem Gedenken eine religiöse Handlung hinzu. Ob die Weihe dem Stein, dem Verstorbenen oder dem gesamten Erinnerungsort zugutekommen sollte, wird nicht ausdrücklich erklärt.

Das Kvinneby-Amulett – ein persönliches Schutzgebet

Im Jahr 1920 wurde in Södra Kvinneby auf der schwedischen Insel Öland eine kleine Kupferplatte gefunden. Sie besitzt Löcher zur Befestigung und trägt ungefähr 140 Runen. Auf der Rückseite ist außerdem ein Fisch eingeritzt. Das sogenannte Kvinneby-Amulett gehört zu den längeren erhaltenen Runeninschriften mit religiösem Inhalt.

Der Text richtet sich auf den Schutz eines Mannes namens Bófi. Teile der Inschrift sind gut lesbar, andere bereiten erhebliche Schwierigkeiten. Besonders die zusammengesetzten Runenzeichen am Anfang werden unterschiedlich interpretiert. Eine vollständig gesicherte Übersetzung des gesamten Textes gibt es deshalb nicht.

Eine wichtige Passage wird sinngemäß so verstanden:

„Þórr gæti hans með þeim hamri …“

„Thor möge ihn mit jenem Hammer beschützen …“

Die anschließenden Worte sind in ihrer genauen Bedeutung umstritten. Der Zusammenhang deutet auf die Abwehr schädlicher Mächte und den Schutz Bófis hin. In einer verbreiteten Deutung werden auch Götter oberhalb und unterhalb des Betroffenen erwähnt.

Das Amulett unterscheidet sich deutlich von den Runensteinen in Glavendrup und Virring. Es war ein kleiner, tragbarer Gegenstand. Seine Inschrift konnte den Besitzer begleiten und sollte offenbar über längere Zeit eine schützende Wirkung entfalten. Das Gebet wurde damit gewissermaßen dauerhaft auf einem Gegenstand festgehalten.

Der Fund zeigt zugleich die Schwierigkeiten einer eindeutigen religiösen Einordnung. Der eingeritzte Fisch könnte ein christliches Symbol sein. Die Forschung diskutiert deshalb, ob das Amulett in einem Umfeld entstand, in dem ältere religiöse Vorstellungen und christliche Einflüsse nebeneinander bestanden. Seine Datierung reicht nach unterschiedlichen Einschätzungen in die späte Wikingerzeit beziehungsweise das frühe christliche Mittelalter.

Das Kvinneby-Amulett gehört dennoch zu den wichtigsten Zeugnissen einer persönlichen Schutzanrufung Thors. Es zeigt eine Gottheit, die im Alltag eines einzelnen Menschen gegen Gefahren und schädliche Einwirkungen helfen sollte.

Das Schädelfragment von Ribe – göttliche Hilfe gegen Schmerzen

Ein besonders ungewöhnlicher Fund stammt aus Ribe in Dänemark. Dort wurde 1973 ein Stück menschlichen Schädelknochens entdeckt, das mit Runen beschriftet worden war. Das Fragment ist ungefähr acht Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. Eine Bohrung deutet darauf hin, dass es aufgehängt oder getragen werden konnte.

Die Inschrift wird in die Zeit zwischen ungefähr 725 und 760 datiert. Damit gehört sie in die unmittelbare Vorgeschichte der Wikingerzeit und zu den frühen Zeugnissen religiöser Runenverwendung im Norden.

Der Text nennt mehrere übernatürliche Mächte. Ein Teil der Inschrift lautet in normalisierter Form:

„Úlfr auk Óðinn auk Há-Týr …“

„Wolf und Odin und Hoch-Tyr …“

Die folgende Passage enthält eine Bitte um Hilfe gegen Schmerzen und erwähnt einen Zwerg, der offenbar als Ursache oder Beteiligter einer schädlichen Einwirkung verstanden wurde. Die genaue grammatische Verbindung der Wörter ist umstritten. Auch die Deutung der genannten Mächte ist nicht vollständig gesichert.

Die Nennung Odins ist dennoch bemerkenswert. Hier begegnet sein Name in einem Zusammenhang, der mit Heilung und der Abwehr von Leiden verbunden wird. Das unterscheidet sich von der verbreiteten Vorstellung, Odin sei ausschließlich als Gott des Krieges und der Gefallenen angerufen worden.

Der Fund zeigt, dass göttliche Namen und übernatürliche Mächte in Schutz- und Heilformeln vorkommen konnten. Ob der Text bei der Herstellung gesprochen wurde, ob das Fragment anschließend am Körper getragen wurde oder ob es bei einer bestimmten Behandlung Verwendung fand, bleibt offen.

Auch das Material selbst ist ungewöhnlich. Ein menschlicher Schädelknochen wurde zu einem beschrifteten Gegenstand verarbeitet. Warum gerade dieses Material gewählt wurde, wissen wir nicht. Die Inschrift belegt eine religiös-magische Handlung, deren genaue Durchführung sich nicht rekonstruieren lässt.

Ein vollständiges Gebet aus der Lieder-Edda

Die Runeninschriften bewahren überwiegend kurze Formeln. Ein längeres zusammenhängendes Gebet findet sich dagegen im Sigrdrífumál, einem Gedicht der Lieder-Edda. Der Text gehört zur Überlieferung um den Helden Sigurd und die Walküre Sigrdrífa.

In der Erzählung erreicht Sigurd einen Ort, an dem eine bewaffnete Frau in tiefem Schlaf liegt. Er entfernt ihre Rüstung und weckt sie. Sigrdrífa erklärt, dass Odin sie mit einem Schlafdorn bestraft habe. Nachdem sie erwacht ist, reicht sie Sigurd ein mit Met gefülltes Horn. Anschließend spricht sie eine Anrufung, die in den Strophen 3 und 4 überliefert ist.

Diese beiden Strophen bilden eine vollständige, in sich geschlossene Gebetsbitte. Sie nennen die angerufenen Mächte und formulieren anschließend konkrete Wünsche. Der folgende Wortlaut entspricht einer normalisierten altnordischen Textfassung.

Das Gebet der Sigrdrífa – vollständiger Originaltext

Sigrdrífumál, Strophen 3–4

Heill dagr!
Heilir dags synir!
Heil nótt ok nift!
Óreiðum augum
lítið okkr þinig
ok gefið sitjöndum sigr!

Heilir æsir!
Heilar ásynjur!
Heil sjá in fjölnýta fold!
Mál ok mannvit
gefið okkr mærum tveim
ok læknishendr, meðan lifum!

Deutsche Übersetzung des vollständigen Gebets

Heil dir, Tag!
Heil euch, Söhne des Tages!
Heil dir, Nacht und deiner Verwandten!
Blickt mit wohlwollenden Augen
auf uns beide herab
und schenkt den hier Sitzenden Sieg!

Heil euch, Asen!
Heil euch, Asinnen!
Heil dir, du fruchtbare Erde!
Schenkt uns beiden
Sprache und Verstand
und heilende Hände, solange wir leben!

Die deutsche Wiedergabe folgt dem Sinn des altnordischen Textes. Einzelne Ausdrücke, besonders nift und die Bezeichnung der beiden Angesprochenen, werden in den Übersetzungen unterschiedlich verstanden. Die Grundstruktur des Gebets ist davon nicht betroffen.

Worum bittet Sigrdrífa?

Das Gebet beginnt mit einer Begrüßung. Tag und Nacht werden unmittelbar angesprochen. Dazu kommen die Söhne des Tages und eine weibliche Verwandte der Nacht. Diese Formulierungen erinnern an die Personifizierung von Naturerscheinungen in der nordischen Mythologie. Tag und Nacht erscheinen als Mächte, die angesprochen werden und auf Menschen einwirken können.

Die erste Bitte gilt dem Sieg. Die Angerufenen sollen wohlwollend auf die beiden Menschen blicken und ihnen Erfolg gewähren. Die Formulierung verbindet göttliche Gunst mit einem konkreten Wunsch.

In der zweiten Strophe erweitert sich der Kreis der Angerufenen. Sigrdrífa nennt die Asen und Asinnen und begrüßt die fruchtbare Erde. Sie bittet um mál, also Sprache oder die Fähigkeit, sich auszudrücken, und um mannvit, Verstand oder Einsicht. Schließlich erbittet sie heilende Hände für die Dauer des Lebens.

Damit umfasst das Gebet mehrere Lebensbereiche. Sieg und Erfolg stehen neben geistigen Fähigkeiten und Heilung. Es richtet sich auch nicht ausschließlich an eine einzelne Gottheit. Mehrere göttliche und kosmische Mächte werden gemeinsam angesprochen.

Die Form ist klar gegliedert. Zuerst werden die Mächte begrüßt, dann folgen die Bitten. Diese Struktur ist auch aus anderen religiösen Traditionen bekannt. Sie zeigt, dass eine nordische Anrufung aus einer direkten Ansprache und einer anschließenden Bitte bestehen konnte.

Ist das Gebet tatsächlich aus der Wikingerzeit?

Hier liegt eine wichtige Grenze der Überlieferung. Das Sigrdrífumál ist in mittelalterlichen Handschriften erhalten, vor allem im Codex Regius der Lieder-Edda aus dem 13. Jahrhundert. Die Entstehungszeit der einzelnen Gedichte lässt sich nicht immer sicher bestimmen. Manche Verse könnten ältere mündliche Traditionen bewahren, andere können später gestaltet oder verändert worden sein.

Das Gebet der Sigrdrífa ist deshalb ein authentisch überlieferter altnordischer Text, aber kein unmittelbar aus dem 9. oder 10. Jahrhundert erhaltenes Gebetsprotokoll. Wir wissen nicht, ob Menschen der Wikingerzeit diese Verse tatsächlich bei einer religiösen Handlung verwendeten.

Seine Bedeutung liegt darin, dass es eine zusammenhängende religiöse Anrufung innerhalb der altnordischen Überlieferung bewahrt. Der Text zeigt, wie eine Bitte an göttliche Mächte sprachlich gestaltet werden konnte. Er eignet sich deshalb hervorragend, um den Aufbau und die Inhalte eines nordischen Gebets zu untersuchen.

Als Beleg für eine überall gebräuchliche tägliche Gebetsformel darf er dagegen nicht verwendet werden. Auch die Behauptung, Menschen hätten diese Verse regelmäßig bei Sonnenaufgang gesprochen, ist nicht durch die Quelle gedeckt.

Beteten Menschen zu Odin?

Odin gehört zu den am häufigsten genannten Gottheiten der altnordischen Literatur. Er erscheint als Herrscher, Wissenssuchender, Gott der Dichtung und als Macht, die über Sieg und Tod im Kampf entscheiden kann. Seine religiöse Bedeutung war damit vielfältig.

Das Schädelfragment von Ribe liefert einen frühen materiellen Beleg für die Verwendung seines Namens in einer Schutz- oder Heilformel. Der Fund zeigt, dass Odin auch außerhalb eines rein kriegerischen Zusammenhangs angerufen werden konnte.

Die späteren schriftlichen Quellen verbinden Odin besonders mit dem Wunsch nach Sieg. In der Hákonar saga góða innerhalb der Heimskringla wird beschrieben, wie bei einem Opferfest ein Becher zu Ehren Odins getrunken wurde. Der Trinkspruch sollte dem König Sieg und Macht sichern.

Diese Darstellung zeigt, dass Odin in der mittelalterlichen Erinnerung mit politischen und kriegerischen Anliegen verbunden war. Der genaue Wortlaut des Trinkspruchs wird nicht überliefert. Ein vollständiges historisches Siegesgebet an Odin lässt sich daraus nicht rekonstruieren.

Auch die Ynglinga saga berichtet von Vorstellungen, nach denen Odin vor Kämpfen erscheinen und Menschen Sieg verleihen konnte. Die Erzählung gehört zu Snorri Sturlusons Darstellung der frühen schwedischen Herrscher und verbindet mythologische Vorstellungen mit einer historischen Genealogie. Sie zeigt, welche Eigenschaften Odin zugeschrieben wurden, enthält aber keine vollständige Gebetsformel.

Ein heute verbreitetes Gebet, das Odin als Allvater um Weisheit, Stärke oder Schutz bittet, kann deshalb nicht allein aufgrund seiner mythologischen Inhalte als historisch überliefert gelten. Entscheidend ist, ob ein entsprechender Originaltext tatsächlich in einer Quelle erhalten ist.

Thor als Schutzmacht und göttlicher Weihegeber

Für Thor besitzen wir besonders deutliche Zeugnisse direkter Anrufung. Die Runensteine von Glavendrup und Virring bitten ihn um die Weihe von Runen und Gedenkzeichen. Das Kvinneby-Amulett verbindet seinen Namen mit dem Schutz eines einzelnen Menschen.

Die unterschiedlichen Fundkontexte sind aufschlussreich. Thor erscheint auf einem öffentlichen Denkmal, auf einer Grabanlage und auf einem tragbaren Gegenstand. Seine göttliche Wirkung wurde offenbar in verschiedenen Situationen erbeten.

In der altnordischen Mythologie ist Thor vor allem als Kämpfer gegen Riesen und andere bedrohliche Mächte bekannt. Sein Hammer Mjöllnir dient als Waffe, besitzt aber auch eine weihende Funktion. Diese Verbindung von Schutz und Weihe passt zu den erhaltenen Runenformeln.

Die Þrymskviða liefert ein literarisches Beispiel. In dem Gedicht wird Thors Hammer gestohlen. Der Riese Þrymr verlangt Freyja als Braut und lässt den Hammer bei der vermeintlichen Hochzeit herbeibringen. In Strophe 30 fordert er:

„Berið inn hamar brúði at vígja.“

„Bringt den Hammer herein, um die Braut zu weihen.“

Die anschließenden Verse verlangen, Mjöllnir in den Schoß der Braut zu legen und die Verbindung unter Anrufung der Göttin Vár zu weihen. Die Szene ist Teil einer humorvollen mythologischen Erzählung. Sie beweist keinen allgemein verbindlichen Hochzeitsritus der Wikingerzeit. Sie zeigt aber, dass Thors Hammer in der Dichtung ausdrücklich mit der Weihe eines Menschen verbunden wird.

Die Verbindung zwischen den literarischen Vorstellungen und den Runeninschriften ist bemerkenswert. Beide Quellengruppen kennen Thor als eine Macht, die weihen kann. Gerade weil die Runensteine aus der Wikingerzeit stammen, besitzen sie für diese Vorstellung besonderes Gewicht.

Freyr und Njörðr – Bitten um Ernte, Wohlstand und Frieden

Für Freyr und Njörðr besitzen wir keine vergleichbar klaren wikingerzeitlichen Runengebete wie für Thor. Die schriftliche Überlieferung verbindet beide Gottheiten aber mit Fruchtbarkeit, Wohlstand und guten Lebensbedingungen.

Eine wichtige Nachricht enthält die Hákonar saga góða. Snorri Sturluson beschreibt dort Opferfeste in Norwegen, bei denen mehrere Becher zu Ehren bestimmter Gottheiten getrunken wurden. Nach dem Becher Odins folgten diejenigen für Njörðr und Freyr.

Der Zweck wird mit der altnordischen Wendung „til árs ok friðar“ beschrieben.

Das bedeutet sinngemäß: „für ein gutes Erntejahr und Frieden“.

Das Wort ár bezeichnet in diesem Zusammenhang das gute Gedeihen beziehungsweise den Ertrag eines Jahres. Friðr kann Frieden und geordnete Verhältnisse meinen. Die Wendung verbindet wirtschaftliches Wohlergehen mit gesellschaftlicher Sicherheit.

Die Formulierung ist besonders wertvoll, weil sie den Zweck einer religiösen Handlung ausdrücklich nennt. Sie ist aber nicht selbst als vollständiges Gebet überliefert. Snorri berichtet, wofür getrunken wurde, ohne die gesprochenen Worte vollständig wiederzugeben.

Auch hier ist die Entstehungszeit der Quelle zu beachten. Die Heimskringla wurde im 13. Jahrhundert verfasst. Sie kann ältere Vorstellungen und Bräuche bewahren, beschreibt aber die Wikingerzeit aus zeitlichem Abstand.

Die Vorstellung, dass Menschen göttliche Unterstützung für Ernte und Frieden erbaten, ist gut mit der landwirtschaftlich geprägten Lebenswelt vereinbar. Eine überall gleiche Formel für ein Gebet an Freyr oder Njörðr lässt sich daraus nicht gewinnen.

Gab es Gebete an Freyja?

Freyja gehört zu den bekanntesten Göttinnen der nordischen Mythologie. Die altnordische Literatur verbindet sie mit Liebe, Begehren, kostbarem Schmuck, Seiðr und weiteren Bereichen. Ihre mythologische Bedeutung ist gut belegt.

Für die tatsächliche Gebetspraxis der Wikingerzeit ist die Quellenlage deutlich schwieriger. Wir besitzen kein eindeutig zeitgenössisches, vollständig erhaltenes Gebet, das Freyja direkt um Liebe, Fruchtbarkeit oder Schutz bittet.

In späteren literarischen Texten erscheint Freyja als Gottheit, die angerufen oder um Hilfe gebeten werden kann. Solche Stellen zeigen ihre Stellung innerhalb der überlieferten Vorstellungswelt. Sie erlauben aber keine genaue Rekonstruktion einer historischen Gebetszeremonie.

Besonders häufig werden Freyja heute Gebete zugeschrieben, die um Selbstvertrauen, Liebe, Schönheit oder weibliche Stärke bitten. Diese Themen können an mythologische Eigenschaften der Göttin anknüpfen. Ohne nachweisbaren altnordischen Originaltext handelt es sich aber um moderne religiöse Formulierungen.

Ein ähnliches Problem besteht bei Frigg, Sif, Skaði, Hel und anderen Göttinnen. Ihre Namen und Geschichten sind überliefert. Vollständige Gebete aus der Wikingerzeit fehlen für sie weitgehend.

Wurden mehrere Götter gemeinsam angerufen?

Das Gebet der Sigrdrífa zeigt, dass eine Anrufung nicht auf eine einzelne Gottheit beschränkt sein musste. Es richtet sich an Tag, Nacht, die Asen, die Asinnen und die fruchtbare Erde. Die angesprochenen Mächte werden gemeinsam um Hilfe gebeten.

Auch das Schädelfragment von Ribe nennt mehrere Namen in einer einzigen Formel. Die genaue Deutung der Namen ist umstritten, doch der Text verbindet verschiedene übernatürliche Mächte mit dem Wunsch nach Hilfe gegen Schmerzen.

Die Hákonar saga góða beschreibt Opferbecher für verschiedene Gottheiten innerhalb derselben Feier. Odin wird mit Sieg und königlicher Macht verbunden, Njörðr und Freyr mit Ernte und Frieden. Die Teilnehmer konnten damit mehrere Anliegen innerhalb eines größeren Rituals ansprechen.

Diese Zeugnisse sprechen gegen die Vorstellung, jeder Mensch habe ausschließlich zu einer persönlichen Hauptgottheit gebetet. Die erhaltenen Quellen zeigen unterschiedliche Formen der Anrufung. Welche Gottheiten im Alltag einer bestimmten Familie besonders wichtig waren, lässt sich daraus allerdings nur selten bestimmen.

Opfer und Gebete – wie gehörten sie zusammen?

Religiöse Handlungen bestanden in der Wikingerzeit häufig aus mehreren Bestandteilen. Opfergaben, gemeinschaftliche Mahlzeiten, Trankrituale und gesprochene Worte konnten miteinander verbunden sein. Besonders das blót gehört zu den zentralen Begriffen der altnordischen Überlieferung.

Archäologische Untersuchungen an Kultplätzen und besonderen Fundorten zeigen, dass Tiere und Gegenstände in religiös gedeuteten Zusammenhängen niedergelegt wurden. Solche Funde belegen Handlungen, deren genaue Bedeutung oft nur teilweise erkennbar ist. Ein Tierknochen oder eine Waffe verrät nicht, welche Worte während der Niederlegung gesprochen wurden.

Die schriftliche Überlieferung beschreibt Opferhandlungen ausführlicher. In der Hákonar saga góða wird erzählt, dass Menschen zu einem Opferfest zusammenkamen und Nahrungsmittel sowie Getränke mitbrachten. Tiere wurden geschlachtet, Fleisch wurde gekocht und gemeinsam gegessen. Der Gastgeber beziehungsweise die leitende Person weihte nach der Erzählung die Becher und das Opfermahl.

Der Text verbindet die Opferhandlung mit Trinksprüchen für bestimmte Gottheiten. Dadurch wird deutlich, dass die gesprochenen Worte einen Zweck ausdrückten. Sieg, königliche Macht, gute Ernten und Frieden gehörten zu den erbetenen Wirkungen.

Die Beschreibung darf nicht als vollständige Ritualordnung für alle skandinavischen Regionen verwendet werden. Snorri schildert eine bestimmte norwegische Tradition in einer späteren literarischen Darstellung. Andere Gemeinschaften konnten ihre Opfer auf andere Weise durchführen.

Die Grundverbindung zwischen Gabe und Bitte ist dennoch historisch plausibel und durch verschiedene Quellen gestützt. Menschen konnten einer Gottheit etwas darbringen und zugleich eine gewünschte Wirkung erbitten. Welche Worte dabei gesprochen wurden, bleibt in den meisten Fällen unbekannt.

Ein Händler bittet um Erfolg – Ibn Fadlāns Bericht über die Rus

Eine der anschaulichsten Beschreibungen einer persönlichen religiösen Bitte stammt von Ahmad Ibn Fadlān. Der arabische Gesandte reiste im Jahr 922 in das Gebiet der Wolgabulgaren und begegnete dort Händlern der Rus. Sein Reisebericht gehört zu den wichtigsten zeitnahen schriftlichen Quellen über religiöse Handlungen im östlichen Handelsraum der Wikingerzeit.

Ibn Fadlān beschreibt einen Händler, der nach seiner Ankunft zu einer hölzernen Figur geht. In ihrer Umgebung stehen kleinere Figuren. Der Händler legt Opfergaben nieder und bittet die verehrte Macht um wirtschaftlichen Erfolg.

Nach dem Bericht nennt er die Waren, die er mitgebracht hat, und bittet darum, einen Käufer zu finden, der ihm einen guten Preis zahlt. Wenn der Handel nicht gelingt, kehrt er zurück und bringt weitere Opfergaben dar. Bei erfolgreichem Handel schlachtet er Tiere und hinterlässt Teile der Opfer am Kultort.

Die Schilderung ist für die Frage nach Gebeten besonders aufschlussreich. Sie verbindet eine direkte Bitte mit einem konkreten wirtschaftlichen Anliegen. Der Händler möchte seine Waren verkaufen und erhofft sich dafür Unterstützung einer übernatürlichen Macht.

Die genaue Identität der verehrten Gottheit bleibt unbekannt. Ibn Fadlān nennt keinen eindeutig mit Odin, Thor oder Freyr gleichzusetzenden Namen. Die Figuren könnten eine religiöse Tradition der Rus darstellen, die durch verschiedene kulturelle Einflüsse geprägt war.

Auch die sprachliche Überlieferung setzt Grenzen. Ibn Fadlān schrieb auf Arabisch. Selbst wenn seine Darstellung eine tatsächliche Bitte wiedergibt, besitzen wir damit keinen altnordischen Originalwortlaut. Seine Nachricht zeigt eine religiöse Handlung, aber kein wörtlich erhaltenes nordisches Gebet.

Gerade deshalb ist die Quelle wertvoll. Sie beschreibt eine Situation, in der ein Mensch ein alltägliches Anliegen mit einer Opfergabe und einer Bitte an eine verehrte Macht verband. Gebet war demnach nicht auf außergewöhnliche Krisen oder große gemeinschaftliche Feste beschränkt.

Beteten die Menschen vor einer Reise?

Reisen gehörten zum Leben vieler Menschen der Wikingerzeit. Händler, Siedler, Gesandte und bewaffnete Gruppen bewegten sich über Land und Wasser. Stürme, Schiffbruch, Krankheit und Überfälle konnten solche Unternehmungen gefährlich machen.

Es ist deshalb naheliegend, dass Reisende göttlichen Schutz erbaten. Die erhaltenen Quellen liefern aber nur wenige eindeutige Hinweise auf konkrete Reisegebete. Das Kvinneby-Amulett wird teilweise mit dem Schutz vor Gefahren in Verbindung gebracht, doch sein genauer Verwendungszweck ist umstritten.

Thor konnte als Schutzmacht angerufen werden, wie die Runeninschriften zeigen. Njörðr wird in der altnordischen Literatur mit Meer, Schiffen und Wohlstand verbunden. Daraus folgt jedoch kein gesichert überlieferter Wortlaut für ein Gebet vor einer Seereise.

Moderne Formulierungen, die Njörðr um ruhige Wellen oder Thor um Schutz vor Stürmen bitten, passen möglicherweise zu ihren mythologischen Eigenschaften. Solange keine entsprechende historische Quelle vorliegt, dürfen sie nicht als Gebete der Wikingerzeit ausgegeben werden.

Gebete bei Krankheit und Heilung

Krankheiten und Verletzungen gehörten zu den Gefahren des damaligen Lebens. Medizinische Behandlung, praktische Heilmittel und religiöse Vorstellungen konnten miteinander verbunden sein. Besonders Schutz- und Heilformeln zeigen, dass Menschen übernatürliche Mächte um Hilfe gegen Leiden baten.

Das Schädelfragment von Ribe ist dafür ein wichtiger Beleg. Seine Inschrift verbindet göttliche Namen mit Schmerzen und einer schädlichen Macht, die als Zwerg bezeichnet wird. Die genaue Vorstellung hinter diesem Zusammenhang bleibt unsicher. Die Formel zeigt aber, dass eine Krankheit oder ein Schmerz als etwas verstanden werden konnte, gegen das göttliche beziehungsweise übernatürliche Hilfe benötigt wurde.

Auch das Gebet der Sigrdrífa enthält eine Bitte um læknishendr, also heilende Hände. Die Formulierung kann als Wunsch nach der Fähigkeit verstanden werden, Heilung zu bewirken. Sie richtet sich innerhalb des Gedichts an mehrere göttliche und kosmische Mächte.

Die Quellen zeigen damit unterschiedliche religiöse Vorstellungen von Heilung. Ein Amulett konnte Schutz bieten sollen, eine Formel gegen Schmerzen gerichtet sein und eine dichterische Anrufung um heilende Fähigkeiten bitten.

Welche Rolle solche Handlungen neben pflanzlichen Mitteln, Wundversorgung oder anderen praktischen Behandlungen spielten, lässt sich nicht allgemein bestimmen. Die Vorstellung, jede Krankheit sei ausschließlich durch Gebete behandelt worden, wäre ebenso unbegründet wie die Annahme, religiöse Heilformeln hätten keine Bedeutung gehabt.

Gab es Gebete für Verstorbene?

Die Bestattung Verstorbener war mit Handlungen verbunden, die religiöse Vorstellungen ausdrücken konnten. Grabbeigaben, Schiffsbestattungen, Brandbestattungen und besondere Gedenkzeichen zeigen eine große Vielfalt von Bestattungsbräuchen. Die gesprochenen Worte solcher Zeremonien sind allerdings nur selten überliefert.

Die Runensteine von Glavendrup und Virring verbinden das Totengedenken mit einer Bitte an Thor. Die Anrufung richtet sich unmittelbar auf die Weihe der Runen beziehungsweise der Denkmäler. Sie nennt kein ausdrücklich formuliertes Gebet für das Seelenheil des Verstorbenen.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu späteren christlichen Runeninschriften. Dort begegnen Bitten, in denen Gott oder Christus ausdrücklich um Hilfe für die Seele eines verstorbenen Menschen angerufen werden. Solche Formulierungen gehören zu einem anderen religiösen Zusammenhang.

Die vorchristlichen Inschriften zeigen, dass eine göttliche Weihe Teil des Gedenkens sein konnte. Ob zusätzlich Gebete für den Weg des Verstorbenen gesprochen wurden, ist nicht bekannt.

Auch Ibn Fadlāns Beschreibung einer Schiffsbestattung der Rus enthält religiöse Handlungen und Vorstellungen vom Tod. Sein Bericht bewahrt jedoch keine vollständige altnordische Gebetsformel. Die Beteiligten handeln in einem rituellen Zusammenhang, dessen genaue religiöse Sprache uns weitgehend verborgen bleibt.

Wie wurden Gebete gesprochen?

Die Quellen geben nur selten Auskunft über Stimme, Körperhaltung oder den genauen Ablauf einer Anrufung. Die erhaltenen Runenformeln sind geschrieben. Ob sie bei ihrer Herstellung laut ausgesprochen wurden, lässt sich nicht nachweisen.

Das Sigrdrífumál schildert eine gesprochene Anrufung innerhalb einer literarischen Szene. Sigrdrífa reicht Sigurd einen Trank und spricht anschließend die Verse. Der Text zeigt damit eine Verbindung zwischen Trank und religiöser Rede, ohne daraus eine allgemein gültige Zeremonie zu machen.

Die Hákonar saga góða beschreibt Trinksprüche und die Weihe von Bechern. Hier gehören gesprochene Worte zu einem gemeinschaftlichen Fest. Ibn Fadlān schildert dagegen einen einzelnen Händler, der seine Bitte vor hölzernen Kultfiguren vorträgt.

Diese Beispiele zeigen verschiedene Situationen, in denen Menschen religiöse Worte verwenden konnten. Ein Gebet musste offenbar nicht zwangsläufig an einen großen Kultplatz gebunden sein. Es konnte mit einem Gegenstand, einem Opfer, einem Getränk oder einer persönlichen Bitte verbunden werden.

Eine allgemeine Vorschrift, nach der Menschen beim Gebet knieten, die Hände erhoben, nach Norden blickten oder eine bestimmte Körperhaltung einnahmen, ist für die Wikingerzeit nicht belegt. Auch eine festgelegte Tageszeit für Gebete an Odin, Thor oder andere Gottheiten lässt sich aus den Quellen nicht gewinnen.

Wo beteten die Menschen zu ihren Göttern?

Religiöse Handlungen konnten an unterschiedlichen Orten stattfinden. Schriftliche Quellen berichten von Kultgebäuden, heiligen Hainen und besonderen Opferplätzen. Archäologische Untersuchungen haben Gebäude und Fundkontexte freigelegt, die mit religiösen Handlungen in Verbindung gebracht werden.

Bekannte Beispiele sind die Fundplätze von Uppåkra in Schonen, Tissø auf Seeland und Hofstaðir auf Island. Dort wurden Gebäude, besondere Gegenstände und Tierknochen entdeckt, die in der Forschung im Zusammenhang mit Kult und rituellen Mahlzeiten untersucht werden.

Die Funde zeigen, dass gemeinschaftliche religiöse Handlungen an bestimmten Orten stattfinden konnten. Sie beweisen aber nicht, welche Gebete dort gesprochen wurden. Auch lässt sich nicht jeder auffällige Gebäudefund eindeutig als Tempel bestimmen.

Die schriftlichen Berichte über Opferfeste legen nahe, dass einzelne Personen eine leitende Rolle übernahmen. In der Hákonar saga góða weiht der Gastgeber beziehungsweise der Häuptling die Becher und das Opfermahl. Daraus folgt keine einheitliche Priesterschaft für sämtliche skandinavischen Regionen.

Persönliche Schutzanrufungen konnten dagegen an tragbaren Gegenständen festgehalten werden. Das Kvinneby-Amulett zeigt, dass religiöse Worte auch außerhalb großer gemeinschaftlicher Kultorte Bedeutung hatten.

Wer durfte beten?

Die erhaltenen Quellen nennen keine allgemeine Regel, nach der nur bestimmte Personen göttliche Hilfe erbitten durften. Runensteine wurden im Auftrag von Familien errichtet, Amulette konnten einzelnen Menschen gehören und literarische Texte beschreiben Anrufungen durch unterschiedliche Figuren.

Bei gemeinschaftlichen Opferfesten konnten gesellschaftlich hochstehende Personen die Leitung übernehmen. Die Hákonar saga góða stellt den Jarl Sigurðr als wichtigen Verantwortlichen für Opferhandlungen dar. Solche Berichte zeigen eine Verbindung zwischen religiöser und gesellschaftlicher Stellung.

Das bedeutet aber nicht, dass einfache Menschen keine persönlichen Bitten äußern konnten. Ibn Fadlāns Händler ist gerade deshalb interessant, weil seine religiöse Handlung auf ein wirtschaftliches Anliegen gerichtet ist. Auch das Kvinneby-Amulett zeigt den Schutzwunsch für eine einzelne Person.

Ob Frauen und Männer bestimmte Gebetsformen bevorzugten oder ob es geschlechtsspezifische Regeln gab, lässt sich aus den wenigen erhaltenen Zeugnissen nicht allgemein bestimmen. Die literarische Anrufung der Sigrdrífa wird von einer weiblichen Figur gesprochen. Daraus folgt keine verbindliche Regel für die tatsächliche religiöse Praxis von Frauen.

Runen, Gebete und Zaubersprüche

Runen waren ein Schriftsystem. Ihre Verwendung konnte alltäglichen, rechtlichen, erinnernden oder religiösen Zwecken dienen. Eine Runeninschrift ist deshalb nicht automatisch ein Zauberspruch oder Gebet.

Die Inschriften von Glavendrup und Virring enthalten ausdrücklich religiöse Bitten. Das Kvinneby-Amulett verbindet Schrift mit einem Schutzwunsch. Das Schädelfragment von Ribe enthält eine Formel gegen Schmerzen. Diese Beispiele zeigen, dass Runen in bestimmten Zusammenhängen eine religiöse Funktion besitzen konnten.

Die Wirkung wurde dabei nicht zwangsläufig allein den Zeichen selbst zugeschrieben. Eine Inschrift konnte eine Gottheit anrufen, einen Namen nennen oder eine gewünschte Handlung sprachlich festhalten. Die Runen dienten dann als Träger des Textes.

In der altnordischen Literatur begegnen zusätzlich Vorstellungen von Runen, die für Schutz, Sieg oder Heilung verwendet werden. Besonders das Sigrdrífumál enthält nach dem Gebet ausführliche Belehrungen über verschiedene Runenarten und ihre Anwendung.

Diese Verse gehören zu einer mythologisch geprägten Dichtung. Sie dürfen nicht als vollständiges Handbuch tatsächlicher Runenmagie der Wikingerzeit gelesen werden. Die materiellen Inschriften zeigen, welche Formeln tatsächlich auf Gegenständen erhalten sind.

Auch die heute verbreitete Vorstellung, jede einzelne Rune habe eine festgelegte magische Bedeutung, die beim Gebet aktiviert werden könne, lässt sich nicht als allgemeine historische Praxis belegen. Runennamen und symbolische Deutungen sind aus verschiedenen Zeiten überliefert, bilden aber kein einheitliches Ritualsystem der Wikingerzeit.

Gebete und die Christianisierung Skandinaviens

Während der Wikingerzeit breitete sich das Christentum in den skandinavischen Regionen unterschiedlich schnell aus. Christliche Gemeinden bestanden bereits in einzelnen Handelsplätzen, während andere Gebiete länger an älteren religiösen Traditionen festhielten.

Diese Veränderungen spiegeln sich auch in Runeninschriften. Spätere Gedenksteine enthalten christliche Kreuze und Gebetsformeln, in denen Gott oder Christus angerufen werden. Besonders die Bitte um Hilfe für die Seele eines Verstorbenen wurde zu einem wichtigen Bestandteil christlicher Gedenkinschriften.

Die vorchristlichen Weihebitten an Thor und die christlichen Gebetsformeln zeigen unterschiedliche religiöse Vorstellungen. Gleichzeitig verwendeten beide Traditionen Runensteine als sichtbare Träger von Erinnerung und religiöser Sprache.

Das Kvinneby-Amulett ist für diese Übergangszeit besonders interessant. Die Anrufung Thors steht auf einem Gegenstand, der möglicherweise auch ein christliches Symbol enthält. Solche Funde zeigen, dass religiöse Veränderungen nicht überall durch eine sofortige und vollständige Trennung älterer und neuer Vorstellungen gekennzeichnet waren.

Die Christianisierung beeinflusste auch die schriftliche Überlieferung. Viele altnordische Gedichte und Sagas wurden erst in einer christlich geprägten Gesellschaft aufgezeichnet. Dadurch blieben ältere religiöse Vorstellungen erhalten, wurden aber zugleich aus einer späteren Perspektive beschrieben.

Warum sind so wenige vollständige Gebete erhalten?

Die geringe Zahl überlieferter Gebete hängt wesentlich mit der Art der Quellen zusammen. Religiöse Worte wurden häufig gesprochen und mussten nicht schriftlich festgehalten werden. Die meisten Menschen hinterließen keine persönlichen Aufzeichnungen über ihren Glauben.

Runen wurden auf Stein, Holz, Knochen, Metall und anderen Materialien eingeritzt. Viele dieser Materialien vergehen im Boden. Selbst dort, wo Gegenstände erhalten blieben, enthalten ihre Inschriften häufig Namen, Besitzvermerke oder Gedenktexte statt längerer Gebete.

Die ausführlicheren schriftlichen Quellen entstanden überwiegend nach der Christianisierung. Ihre Autoren interessierten sich für Geschichte, Herrschaft, Genealogie und Erzählungen über außergewöhnliche Personen. Die alltäglichen Gebete gewöhnlicher Menschen gehörten selten zu ihren Themen.

Auch christliche Autoren, die vorchristliche Rituale beschrieben, überlieferten nicht zwangsläufig deren genaue Worte. Sie konnten Handlungen zusammenfassen, bewerten oder aus ihrer eigenen religiösen Perspektive erklären.

Deshalb besitzen wir heute eine ungewöhnliche Verteilung der Zeugnisse: kurze zeitgenössische Formeln auf materiellen Gegenständen, einzelne Berichte über religiöse Handlungen und längere dichterische Anrufungen aus späteren Handschriften. Jede Quellengruppe beantwortet andere Fragen.

Welche nordischen Gebete sind wirklich historisch überliefert?

Die wichtigsten erhaltenen Zeugnisse lassen sich nach ihrer Aussagekraft unterscheiden.

Der Glavendrup-Stein enthält eine direkte Weihebitte an Thor. Der Stein von Virring überliefert eine ähnliche Formel. Beide gehören zur wikingerzeitlichen Runenüberlieferung und besitzen deshalb einen besonders hohen Wert für die Erforschung tatsächlicher religiöser Sprache.

Das Kvinneby-Amulett enthält eine Schutzanrufung Thors für Bófi. Die genaue Lesung einzelner Abschnitte ist umstritten, doch der Schutzgedanke ist in den wichtigsten Deutungen deutlich erkennbar. Das Schädelfragment von Ribe verbindet göttliche Namen mit einer Bitte gegen Schmerzen. Auch hier bestehen sprachliche Unsicherheiten.

Das Sigrdrífumál bewahrt ein vollständiges Gebet an mehrere göttliche und kosmische Mächte. Der Wortlaut ist überliefert, aber die Verwendung als tatsächliches Gebet der Wikingerzeit nicht nachgewiesen.

Die Hákonar saga góða beschreibt Trinksprüche und Opferhandlungen für Odin, Njörðr und Freyr. Sie nennt deren Zweck, überliefert aber keinen vollständigen Wortlaut. Ibn Fadlān schildert eine Bitte um Handelserfolg bei den Rus, ohne einen altnordischen Originaltext zu bewahren.

Für viele andere Gottheiten fehlen vergleichbare Zeugnisse. Besonders vollständige Gebete an Freyja, Frigg, Sif, Skaði oder Hel sind aus der Wikingerzeit nicht eindeutig erhalten. Die mythologische Bedeutung einer Gottheit ersetzt keinen historischen Gebetsbeleg.

Moderne Göttergebete und historische Originaltexte

Heute werden zahlreiche Gebete an nordische Gottheiten veröffentlicht. Sie richten sich an Odin, Thor, Freyja, Freyr, Frigg und andere Mächte. Viele dieser Texte verwenden mythologische Namen und Eigenschaften, die aus der Edda und den Sagas bekannt sind.

Solche Gebete können für moderne religiöse Gemeinschaften eine persönliche Bedeutung besitzen. Historisch müssen sie aber von den erhaltenen Quellen unterschieden werden. Ein neu formulierter Text ist kein Gebet der Wikingerzeit, auch wenn er altnordische Wörter oder mythologische Bilder verwendet.

Besonders problematisch sind Texte, die als „uraltes Wikingergebet“ verbreitet werden, ohne eine konkrete Quelle zu nennen. Häufig fehlen Angaben zu Handschrift, Strophe, Inschrift oder Fundort. Manche Formulierungen stammen aus modernen Büchern, Internetseiten oder religiösen Rekonstruktionen.

Für eine historische Einordnung genügt deshalb nicht die Frage, ob ein Gebet nordisch klingt. Entscheidend ist, ob sein Wortlaut tatsächlich überliefert ist und aus welcher Zeit die Quelle stammt.

Das Gebet der Sigrdrífa bietet dafür ein gutes Beispiel. Es ist ein echter altnordischer Text, dessen vollständiger Wortlaut erhalten ist. Gleichzeitig bleibt offen, ob die Verse in der Wikingerzeit bei religiösen Handlungen gesprochen wurden. Diese Unterscheidung macht den Text historisch wertvoll, ohne ihm eine unbelegte Verwendung zuzuschreiben.

Fazit – wie beteten die Menschen der Wikingerzeit zu ihren Göttern?

Die Menschen der Wikingerzeit kannten religiöse Anrufungen, Weihebitten und Schutzformeln. Runeninschriften aus Dänemark zeigen, dass Thor ausdrücklich gebeten wurde, Runen und Gedenkzeichen zu weihen. Das Kvinneby-Amulett bewahrt eine persönliche Schutzanrufung, während das Schädelfragment von Ribe göttliche Namen mit einer Bitte gegen Schmerzen verbindet. Diese materiellen Zeugnisse gehören zu den unmittelbarsten Belegen für religiöse Gebetssprache im Norden.

Die schriftliche Überlieferung erweitert das Bild. Das Sigrdrífumál enthält ein vollständiges Gebet an Tag, Nacht, die Asen, die Asinnen und die fruchtbare Erde. Die Hákonar saga góða beschreibt Opfertrinksprüche für Sieg, Ernte und Frieden. Ibn Fadlān berichtet von einem Händler der Rus, der eine verehrte Macht um wirtschaftlichen Erfolg bittet. Die Quellen zeigen damit verschiedene Formen religiöser Rede, die mit persönlichen Anliegen, gemeinschaftlichen Festen und Opferhandlungen verbunden sein konnten.

Ein einheitliches nordisches Gebetbuch oder verbindliche Gebetsordnung ist nicht überliefert. Auch vollständige Gebete an jede einzelne Gottheit besitzen wir nicht. Die erhaltenen Zeugnisse reichen aber aus, um festzuhalten, dass Menschen göttliche Hilfe unmittelbar erbaten. Ihre Bitten betrafen Schutz, Heilung, Sieg, Wohlstand und das Gedeihen ihrer Gemeinschaften. Wie häufig sie beteten und welche Worte sie im Alltag verwendeten, bleibt weitgehend unbekannt.

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