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Götterkunde

Götter aus Stein, Metall und Bild – wie sicher erkennen wir Odin, Thor und Freyja?

08.10.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 22 Min. Lesezeit

Eine winzige Silberfigur sitzt auf einem kunstvoll verzierten Thron. Zwei Vögel befinden sich an ihren Seiten. Das Gewand ist aufwendig gestaltet, und obwohl die Figur kaum zwei Zentimeter misst, lassen sich erstaunlich viele Einzelheiten erkennen. Als das kleine Kunstwerk 2009 im dänischen Lejre entdeckt wurde, lag eine Erklärung nahe: Odin, der nordische Götterherrscher, sitzt auf seinem Hochsitz, begleitet von seinen beiden Raben Huginn und Muninn. Doch schon die Kleidung wirft Fragen auf. Könnte die Gestalt auch eine Frau darstellen? Vielleicht Frigg oder Freyja? Oder überhaupt keine Gottheit, sondern eine hochgestellte Persönlichkeit der damaligen Gesellschaft?

Diese Unsicherheit betrifft nicht nur einen einzelnen Fund. Aus der skandinavischen Eisen- und Wikingerzeit sind zahlreiche Bildzeugnisse erhalten geblieben: Goldbrakteaten mit rätselhaften Köpfen und Tieren, kleine Figuren aus Bronze und Silber, hammerförmige Schmuckstücke, Runensteine mit mythologischen Szenen und monumentale Bildsteine, auf denen Schiffe, Reiter, Frauen und bewaffnete Männer erscheinen. Viele dieser Darstellungen werden heute mit bekannten Gottheiten verbunden. Doch die Namen Odin, Thor und Freyja stehen gewöhnlich nicht auf den Objekten selbst. Sie werden von der Forschung erschlossen.

Gerade darin liegt eine Schwierigkeit. Ein Hammer kann ein Hinweis auf Thor sein. Ein achtbeiniges Pferd erinnert an Sleipnir. Eine weibliche Figur mit auffälligem Schmuck könnte Freyja darstellen. Aber wie sicher sind solche Verbindungen? Wann lässt sich tatsächlich eine Gottheit erkennen, und wann wird eine Darstellung erst durch den Vergleich mit späteren Geschichten zu einem vermeintlichen Götterbild?

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wen ein Bild darstellen könnte, sondern was das Bild selbst beweist. Dazu müssen Fundort, Datierung, archäologischer Zusammenhang, sichtbare Merkmale und schriftliche Überlieferung voneinander unterschieden und anschließend sorgfältig miteinander verglichen werden. Erst dann zeigt sich, welche Identifikationen belastbar, welche plausibel und welche spekulativ sind.

Warum Bilder eine andere Quelle sind als die Edda

Ein großer Teil dessen, was heute über nordische Gottheiten bekannt ist, stammt aus mittelalterlichen Texten. Die eddischen Gedichte, die Snorra-Edda und verschiedene Sagas bewahren mythologische Vorstellungen, die teilweise auf ältere Überlieferungen zurückgehen. Ihre erhaltenen Handschriften entstanden jedoch überwiegend in christlicher Zeit. Viele archäologische Bildzeugnisse sind wesentlich älter.

Ein Goldbrakteat des 5. oder 6. Jahrhunderts gehört beispielsweise in eine andere historische Umgebung als eine isländische Handschrift des 13. Jahrhunderts. Selbst wenn beide Quellen ähnliche Motive enthalten, darf nicht vorausgesetzt werden, dass die zugrunde liegenden Vorstellungen über Jahrhunderte unverändert blieben. Namen, Geschichten und religiöse Bedeutungen konnten sich entwickeln, regional unterscheiden oder neue Zusammenhänge erhalten.

Andererseits besitzen Bilder einen Vorteil, den spätere Texte nicht ersetzen können. Sie dokumentieren, welche Motive Menschen tatsächlich auf Schmuck, Steinen und anderen Gegenständen verwendeten. Ein Bildstein des 9. Jahrhunderts kann belegen, dass eine bestimmte Szene damals bekannt war, selbst wenn ihre schriftliche Erklärung erst Jahrhunderte später erhalten ist. Das Bild ist deshalb nicht bloß eine Illustration der Edda. Es ist ein eigenständiges Zeugnis, das die literarische Überlieferung bestätigen, ergänzen oder auch infrage stellen kann.

Die Schwierigkeit liegt in seiner Deutung. Eine Erzählung kann einen Namen nennen. Ein Bild zeigt häufig nur Merkmale und Handlungen. Die Menschen seiner Entstehungszeit mochten die Szene verstanden haben, weil ihnen die entsprechende Geschichte vertraut war. Für die heutige Forschung muss dieser Zusammenhang erst rekonstruiert werden.

Wann ist die Identifikation einer Gottheit belastbar?

Besonders aussagekräftig wäre eine zeitgenössische Inschrift, die eine dargestellte Figur ausdrücklich benennt. Solche eindeutigen Belege sind bei den bekannten nordischen Götterdarstellungen jedoch selten. Deshalb müssen andere Merkmale herangezogen werden. Dazu gehören charakteristische Gegenstände, außergewöhnliche Tiere, wiederkehrende Bildkompositionen und die Darstellung einer Handlung, die aus anderen Quellen bekannt ist.

Ein einzelnes Merkmal genügt dabei nicht immer. Zwei Vögel können Odins Raben darstellen, müssen es aber nicht. Ein Mann mit einer Waffe ist nicht automatisch Thor. Eine reich gekleidete Frau kann eine Göttin, eine Walküre, eine menschliche Persönlichkeit oder eine andersartige übernatürliche Gestalt sein. Erst wenn mehrere Hinweise zusammenkommen, wird eine Deutung stärker.

Ebenso wichtig ist der Fundkontext. Ein Schmuckstück aus einem Grab gehört zunächst zu einer Bestattung. Eine Figur aus einer aristokratischen Siedlung muss im Zusammenhang mit dieser Gesellschaft untersucht werden. Ein Gegenstand, der zufällig bei einer Metalldetektorsuche entdeckt wurde, besitzt möglicherweise keinen vollständig rekonstruierbaren ursprünglichen Verwendungszusammenhang.

Die Forschung muss daher unterscheiden, ob eine Identifikation durch eindeutige Merkmale gestützt wird, ob sie lediglich eine überzeugende Möglichkeit darstellt oder ob sie hauptsächlich auf späteren Erzählungen und modernen Erwartungen beruht. Diese Unterschiede lassen sich besonders gut an konkreten Funden nachvollziehen.

Odin von Lejre – ein Gott auf dem Hochsitz?

Die 2009 entdeckte Silberfigur von Lejre stammt aus dem Bereich der großen aristokratischen Hallen dieses bedeutenden Zentralortes auf der dänischen Insel Seeland. Sie wird in die Wikingerzeit, gewöhnlich in das 10. Jahrhundert, datiert. Die Figur zeigt eine sitzende Person auf einem aufwendig gestalteten Hochsitz, flankiert von zwei Vögeln.

Lejre besaß während der jüngeren Eisenzeit und Wikingerzeit eine herausragende Stellung. Die monumentalen Hallen, kostbaren Gegenstände und archäologischen Spuren gesellschaftlicher Macht machen den Fundort besonders bedeutsam. Eine Darstellung, die Herrschaft und möglicherweise übernatürliche Autorität miteinander verbindet, passt grundsätzlich in diese Umgebung.

Der Archäologe Tom Christensen untersuchte die Figur ausführlich in seiner Veröffentlichung A silver figurine from Lejre im Danish Journal of Archaeology. Er deutete die sitzende Person als männliche Gestalt von hohem Rang, möglicherweise in einer besonderen rituellen Kleidung, und stellte die Verbindung zu Odin her.

Der Hochsitz Hliðskjálf als literarischer Vergleich

Die mittelalterliche Überlieferung kennt einen außergewöhnlichen Hochsitz Odins. In der Gylfaginning der Snorra-Edda wird Hliðskjálf als Sitz beschrieben, von dem aus der Götterherrscher die Welt überblicken kann.

In Anthony Faulkes’ Edition der Gylfaginning lautet die entscheidende Passage:

„Þann stað á Óðinn. Þann gerðu guðin ok þǫkðu skíru silfri, ok þar er Hliðskjálfin í þessum sal, þat hásæti er svá heitir. Ok þá er Alfǫðr sitr í því sæti þá sér hann of allan heim.“

Sinngemäß: „Diesen Ort besitzt Odin. Die Götter errichteten ihn und deckten ihn mit glänzendem Silber. In dieser Halle befindet sich Hliðskjálf, so heißt jener Hochsitz. Und wenn der Allvater auf diesem Sitz sitzt, sieht er über die ganze Welt.“ Die Stelle steht im frühen Teil der Gylfaginning, in der entsprechenden Passage über Valaskjálf und Hliðskjálf. Die genaue Kapitelzählung kann zwischen Ausgaben abweichen.

Damit existiert ein mittelalterlicher Text, der Odin ausdrücklich mit einem außergewöhnlichen Hochsitz verbindet. Zusammen mit den beiden Vögeln der Lejre-Figur ergibt sich eine nachvollziehbare Deutung. Die Vögel könnten Huginn und Muninn darstellen, die in der altnordischen Überlieferung als Odins Raben bekannt sind.

Warum die Figur trotzdem nicht eindeutig Odin zeigt

Die Kleidung der sitzenden Gestalt ist jedoch nicht zweifelsfrei männlich zu bestimmen. Einzelne Merkmale lassen sich auch mit weiblicher Tracht vergleichen. Deshalb wurden unter anderem Frigg und Freyja als mögliche Identitäten vorgeschlagen. Der Archäologe Martin Rundkvist machte auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die eine eindeutige Geschlechtszuordnung mit sich bringt.

Auch die Vögel sind nicht beschriftet. Die Figur besitzt keine Runeninschrift, die Odin nennt, und keinen weiteren eindeutig bestimmbaren Gegenstand, der ausschließlich mit diesem Gott verbunden wäre. Ebenso ist nicht nachgewiesen, dass die Figur selbst kultisch verehrt wurde.

Die Identifikation als Odin ist deshalb plausibel, aber nicht gesichert. Besonders wertvoll ist die Figur, weil sie eine außergewöhnliche Verbindung von Hochsitz, Vogelbegleitern und herrschaftlicher beziehungsweise möglicherweise religiöser Repräsentation dokumentiert. Ihre genaue Identität bleibt eine Forschungsfrage.

Thor und sein Hammer – wenn ein Gegenstand sich selbst bezeichnet

Bei Thor besitzt die Archäologie ein ungewöhnlich charakteristisches Symbol: den Hammer. Hammerförmige Anhänger aus der Wikingerzeit sind in zahlreichen Regionen Skandinaviens und darüber hinaus nachgewiesen. Sie bestehen unter anderem aus Silber, Bronze und Eisen und erscheinen in unterschiedlichen Fundzusammenhängen.

Der Hammer Mjöllnir gehört zu den bekanntesten Attributen Thors. Dennoch muss zwischen einem Hammer als dargestelltem Gegenstand und einer unmittelbaren Darstellung des Gottes unterschieden werden. Ein hammerförmiger Anhänger zeigt zunächst einen Hammer. Seine religiöse Bedeutung ergibt sich aus weiteren Zusammenhängen.

Der Fund von Købelev – „Das ist ein Hammer“

Ein besonders wichtiges Objekt wurde 2014 bei Købelev auf der dänischen Insel Lolland entdeckt. Der kleine, ungefähr 2,5 Zentimeter lange Anhänger stammt aus dem 10. Jahrhundert und wurde mit einem Metalldetektor gefunden. Seine Besonderheit besteht in einer kurzen Runeninschrift.

Die Runologin Lisbeth Imer vom dänischen Nationalmuseum veröffentlichte folgende Lesung:

„Hmar x is“

Sinngemäß: „Das ist ein Hammer.“ Die Lesung wurde vom Nationalmuseum am 12. Juni 2014 bekannt gegeben. Die Schreibung des Wortes ist ungewöhnlich beziehungsweise verkürzt, und die s-Rune ist spiegelverkehrt ausgeführt.

Diese wenigen Zeichen sind von erheblicher Bedeutung. Der Gegenstand besitzt nicht nur eine hammerartige Form, sondern bestätigt durch seine eigene Inschrift, dass er tatsächlich als Hammer verstanden werden sollte. Die Benennung des Gegenstandes ist damit wesentlich sicherer als bei einem unbeschrifteten Anhänger.

Die Inschrift nennt jedoch weder Thor noch Mjöllnir. Sie beweist die Darstellung eines Hammers, nicht unmittelbar die Identität einer Gottheit. Erst die Verbindung mit zahlreichen Vergleichsfunden und der nordischen Überlieferung macht die Interpretation als Thorshammer überzeugend.

Gerade dieser Unterschied zeigt, wie archäologische Quellen gelesen werden müssen. Ein sicher bestimmbarer Gegenstand kann ein starkes religiöses Symbol sein, ohne dass sein ursprünglicher Besitzer oder seine konkrete Verwendung vollständig bekannt wäre.

Der Altunastein – Thor beim Fischzug?

Ein noch stärkeres mythologisches Erkennungsmerkmal kann eine charakteristische Handlung sein. Der Runenstein U 1161 von Altuna in Uppland, Schweden, stammt aus dem 11. Jahrhundert. Neben seiner Gedenkinschrift besitzt er eine figürliche Darstellung, die gewöhnlich als Thors Fischzug interpretiert wird.

Zu erkennen ist eine Person in einem Boot, die mit einer Angelschnur ein großes schlangenartiges Wesen aus dem Wasser zieht. Diese ungewöhnliche Kombination lässt sich mit einer bekannten mythologischen Erzählung vergleichen: Thor fährt zusammen mit Hymir aufs Meer und versucht, die Midgardschlange zu fangen.

Die Geschichte ist unter anderem im eddischen Gedicht Hymiskviða und in der Snorra-Edda überliefert. Entscheidend ist dabei nicht, dass jedes Einzelmotiv der schriftlichen Erzählung auf dem Stein wiedergegeben wird. Die Kombination von Boot, Angler und gewaltiger Schlange ist bereits außergewöhnlich charakteristisch.

Die Runeninschrift des Steins selbst nennt nicht Thor. Sie gehört zu einem Gedenktext für Verstorbene und steht damit in einem anderen unmittelbaren Zusammenhang als die mythologische Bildszene. Gerade das ist bemerkenswert: Ein Stein konnte eine menschliche Erinnerung bewahren und gleichzeitig ein Motiv verwenden, das mit der Götterwelt verbunden war.

Die Identifikation der Szene als Thors Fischzug gehört zu den überzeugenderen Deutungen nordischer Bildzeugnisse. Sie beweist jedoch nicht, dass sämtliche Einzelheiten der später erhaltenen Erzählungen bereits im 11. Jahrhundert unverändert bekannt waren.

Freyja von Aska – eine Göttin ohne Namensinschrift

Sehr viel schwieriger wird die Identifikation weiblicher Gottheiten. Ein besonders häufig mit Freyja verbundener Fund ist ein silberner Anhänger aus Aska im Kirchspiel Hagebyhöga in Östergötland, Schweden. Das Historiska museet führt ihn unter der Objektnummer 107873_HST. Der Anhänger stammt aus einem Grabfund des Askahügels und wird allgemein in die Wikingerzeit zwischen 800 und 1100 datiert.

Die Darstellung zeigt eine weibliche Gestalt innerhalb einer teilweise ringförmigen Umrahmung. Sie steht mit gespreizten Beinen und hält ihre Hände unter dem Bauch zusammen. Ihre Kleidung ist reich ausgearbeitet. Besonders auffällig sind ein Mantelverschluss und eine mehrreihige Perlenanordnung über der Brust. Gesicht und mögliche Frisur sind durch Abnutzung nur eingeschränkt erkennbar.

Das schwedische Historiska museet interpretiert die Figur als schwangere Frau und hält eine Darstellung Freyjas für wahrscheinlich. Diese Deutung beruht auf der Körperhaltung, der betonten Bauchpartie und der Verbindung Freyjas mit Fruchtbarkeit und weiblichen Lebensbereichen.

Warum die Schwangerschaft allein Freyja nicht beweist

Bereits die Annahme, die Figur sei schwanger, ist eine Interpretation. Die Hände unter dem Bauch und die Körperhaltung können dafür sprechen, müssen aber nicht ausschließlich eine Schwangerschaft darstellen. Auch eine symbolische Geste oder eine andere Form weiblicher Repräsentation ist möglich.

Die mittelalterliche Überlieferung beschreibt Freyja als bedeutende Göttin mit unterschiedlichen Eigenschaften. Sie wird mit Liebe, Sexualität, Reichtum, Magie und den Gefallenen verbunden. Daraus ergibt sich jedoch kein eindeutiges Bildschema, nach dem jede schwangere Frauengestalt als Freyja erkannt werden könnte.

Ebenso denkbar sind eine andere Göttin, eine mythologische Helferin oder eine menschliche Persönlichkeit. Auch die Funktion des Anhängers im Grab bleibt offen. Er könnte religiöse Bedeutung besessen haben, muss aber nicht als selbstständiges Kultbild verwendet worden sein.

Der Aska-Anhänger ist ein sicherer Beleg für eine außergewöhnliche weibliche Darstellung im wikingerzeitlichen Grabkontext. Die Identifikation als Freyja bleibt dagegen eine plausible, aber nicht eindeutig beweisbare Deutung.

Goldbrakteaten – Wodanbilder aus der Völkerwanderungszeit?

Goldbrakteaten gehören zu den bedeutendsten Bildzeugnissen der skandinavischen Völkerwanderungszeit. Sie entstanden überwiegend im 5. und 6. Jahrhundert und bestehen aus dünnen, einseitig geprägten Goldblechen. Viele besitzen Aufhängevorrichtungen und wurden offenbar als Schmuck getragen.

Ihre Bildsprache entwickelte sich teilweise aus römischen Medaillons und Kaiserporträts, wurde in Skandinavien jedoch stark verändert. Auf sogenannten C-Brakteaten erscheint häufig ein großer menschlicher Kopf über einem vierbeinigen Tier. Weitere Zeichen, Vögel oder Runen können hinzutreten.

Der Forscher Karl Hauck interpretierte zahlreiche dieser Darstellungen im Zusammenhang mit Wodan beziehungsweise Odin. Besonders die Verbindung einer übergroßen menschlichen Gestalt mit einem Pferd wurde von ihm als Hinweis auf eine göttliche Heilungsszene verstanden. Als literarischer Vergleich diente unter anderem der Zweite Merseburger Zauberspruch.

Wodan und das verletzte Pferd – ein überprüfbarer Originaltext

Der Zweite Merseburger Zauberspruch ist in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts erhalten. Er erzählt von einer Verletzung am Fuß eines Pferdes und von göttlichen Gestalten, die versuchen, diese Verletzung zu heilen.

Die Anfangszeile lautet in der Edition des TITUS-Projekts:

„Phol ende Uuodan uuorun zi holza.“

Sinngemäß: „Phol und Wodan begaben sich in den Wald.“ Die Stelle steht am Beginn des Zweiten Merseburger Zauberspruchs, überliefert im Merseburger Handschriftenbestand.

Nachdem das Pferd verletzt worden ist, treten mehrere göttliche Gestalten auf. Schließlich spricht Wodan eine Heilungsformel. Ihr Schluss lautet:

„ben zi bena, bluot zi bluoda lid zi geliden, sose gelimida sin!“

Sinngemäß: „Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als wären sie zusammengefügt.“ Die beiden Zeilen entsprechen den abschließenden Versen der Heilungsformel.

Damit liegt tatsächlich eine mittelalterliche Quelle vor, in der Wodan mit einem Pferd und dessen Heilung verbunden wird. Die Verbindung zu bestimmten Brakteatenbildern ist deshalb nicht willkürlich. Sie beruht auf einem überlieferten Motiv, das möglicherweise ältere religiöse Vorstellungen bewahrt.

Warum nicht jeder Brakteat Odin zeigt

Die entscheidende Schwierigkeit liegt in der zeitlichen und bildlichen Distanz. Zwischen vielen Brakteaten des 5. oder 6. Jahrhunderts und der erhaltenen Handschrift des Merseburger Zauberspruchs liegen mehrere Jahrhunderte. Außerdem zeigt ein großer Kopf über einem Tier nicht automatisch eine Heilungshandlung.

Die Deutungen Haucks wurden deshalb in der späteren Forschung kritisch diskutiert. Unter anderem hat Nancy Wicker auf Probleme hingewiesen, die entstehen, wenn sehr unterschiedliche Brakteatenbilder einem einheitlichen mythologischen Erklärungssystem zugeordnet werden.

Ein Brakteat kann eine Gottheit, eine Herrscherfigur, eine schützende Macht oder eine Bildkomposition mit mehreren Bedeutungsebenen darstellen. Die Entscheidung muss am jeweiligen Objekt getroffen werden. Inschriften, regionale Verbreitung, Bilddetails und Vergleichsfunde sind dafür wichtiger als eine pauschale Zuordnung.

Die Verbindung einzelner Brakteaten zur Wodan-Odin-Tradition ist wissenschaftlich plausibel. Die Annahme, sämtliche entsprechenden Bildtypen zeigten eindeutig Odin, geht jedoch über die gesicherte Quellenlage hinaus.

Die Bildsteine Gotlands – eine Welt aus Schiffen, Reitern und rätselhaften Gestalten

Auf Gotland entwickelte sich während der Eisen- und Wikingerzeit eine außergewöhnliche Tradition monumentaler Bildsteine. Besonders die jüngeren Exemplare zeigen Schiffe, Reiter, bewaffnete Männer, Frauen mit Trinkhörnern und Szenen, die mit mythologischen beziehungsweise heroischen Erzählungen verglichen werden.

Die ursprünglichen Aufstellungsorte sind nicht immer bekannt. Manche Steine wurden später versetzt oder als Baumaterial wiederverwendet. Dadurch fehlen teilweise entscheidende Informationen über ihren ursprünglichen Zusammenhang mit Gräbern, Wegen oder anderen bedeutenden Orten.

Die Bildprogramme sind dennoch von großem Wert. Sie zeigen, dass bestimmte Motive bereits während der Wikingerzeit verbreitet waren. Allerdings besitzen die Steine gewöhnlich keine erklärenden Bildunterschriften. Die Identifikation einzelner Figuren muss deshalb aus ihren Merkmalen und der vergleichenden Überlieferung erschlossen werden.

Tjängvide und Ardre VIII – das achtbeinige Pferd

Zu den bekanntesten Darstellungen gehört der Bildstein Alskog Tjängvide I, auch G 110 beziehungsweise GP 5 genannt. Er wurde im 19. Jahrhundert auf Gotland bekannt und stammt aus der wikingerzeitlichen Bildsteintradition. Sein ursprünglicher Standort ist nicht vollständig gesichert; der Stein war in späterer Zeit als Baumaterial verwendet worden.

Im oberen Bildbereich erscheint ein Reiter auf einem Pferd mit acht Beinen. Vor ihm befindet sich eine weibliche Gestalt, die offenbar ein Trinkhorn hält. Darunter ist ein großes Schiff dargestellt.

Ein ähnliches Motiv findet sich auf dem Bildstein Ardre VIII, der in der wissenschaftlichen Online-Edition des Gotlands Museum als GP 21 geführt wird. Auch dort erscheint ein Reiter auf einem achtbeinigen Pferd.

Die Übereinstimmung ist bemerkenswert. Ein Pferd mit acht Beinen gehört nicht zu den gewöhnlichen Darstellungsformen realer Tiere. In der mittelalterlichen Überlieferung besitzt Odin ein außergewöhnliches Pferd namens Sleipnir, das genau dieses Merkmal trägt.

Die Snorra-Edda nennt Sleipnirs acht Beine ausdrücklich

In Anthony Faulkes’ Edition der Gylfaginning heißt es in der Passage über die Pferde der Asen:

„Sleipnir er baztr—hann á Óðinn, hann hefir átta fœtr.“

Sinngemäß: „Sleipnir ist der beste – Odin besitzt ihn, und er hat acht Beine.“ Die Stelle steht im Abschnitt über die Pferde der Asen und ihre Wege nach Yggdrasil.

Damit besitzen die Bildsteine einen außergewöhnlich starken literarischen Vergleich. Ein Pferd mit acht Beinen erscheint auf wikingerzeitlichen Bildzeugnissen, während die später erhaltene Literatur ein achtbeiniges Pferd ausdrücklich benennt. Diese Übereinstimmung ist wesentlich spezifischer als die bloße Darstellung eines Reiters.

Die wissenschaftliche Online-Edition Gotlandic Picture Stones – The Online Edition des Gotlands Museum behandelt deshalb die Identifikation als Sleipnir als sehr wahrscheinlich. Zugleich macht sie deutlich, dass die Identität des Reiters nicht eindeutig bestimmt werden kann.

Wer sitzt auf Sleipnir?

Die naheliegende Antwort lautet Odin. Schließlich wird Sleipnir in der Snorra-Edda als sein Pferd beschrieben. Doch die literarische Überlieferung kennt auch andere Gestalten, die Sleipnir benutzen. In der Gylfaginning reitet Hermóðr auf Odins Pferd in die Unterwelt, um Baldr zurückzuholen.

Auch die Vorstellung eines verstorbenen Kriegers, der auf dem Pferd des Gottes in eine jenseitige Welt gelangt, wurde in der Forschung vorgeschlagen. Die Frau mit dem Trinkhorn könnte in diesem Zusammenhang eine Walküre darstellen, die den Ankommenden empfängt.

Auf Ardre VIII wurden darüber hinaus weitere Identifikationen diskutiert. Einzelne Forscher brachten den Reiter mit bestimmten Heldengestalten oder anderen Erzähltraditionen in Verbindung. Die moderne Forschung betrachtet solche Alternativen jedoch unterschiedlich kritisch.

Die Identifikation des achtbeinigen Pferdes als Sleipnir ist stark plausibel. Dass der Reiter Odin selbst darstellt, bleibt dagegen offen. Die Bildsteine sind deshalb besonders gute Beispiele dafür, wie ein einzelnes Motiv überzeugend erkannt werden kann, während die vollständige Szene weiterhin mehrere Deutungen zulässt.

Die Frau mit dem Trinkhorn – Walküre oder menschliche Gastgeberin?

Auf mehreren gotländischen Bildsteinen erscheinen Frauen, die einem Reiter oder einer anderen Person ein Trinkhorn entgegenhalten. Solche Darstellungen wurden häufig als Empfang gefallener Krieger in Walhall interpretiert. Die weibliche Gestalt wäre demnach eine Walküre, die den Verstorbenen begrüßt.

Diese Interpretation besitzt literarische Vergleichsmöglichkeiten. Das skaldische Gedicht Eiríksmál beschreibt den Empfang des verstorbenen Königs Eiríkr Blóðøx in Odins Halle. Odin lässt dort Vorbereitungen für die Ankunft des Königs treffen. Die Verbindung von Tod, Empfang und Bewirtung ist damit nicht ausschließlich eine moderne Vorstellung.

Allerdings ist eine Frau mit Trinkhorn nicht automatisch eine Walküre. Die Übergabe eines Getränks konnte auch in aristokratischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen besondere Bedeutung besitzen. Gastfreundschaft, Rang und feierliche Begrüßung waren wichtige Bestandteile der damaligen sozialen Welt.

Die Deutung hängt deshalb vom gesamten Bildprogramm ab. Ein Reiter auf einem außergewöhnlichen Pferd, ein Schiff und eine Frau mit Trinkhorn können gemeinsam auf eine jenseitige Reise hinweisen. Ein isoliertes Trinkhorn reicht dafür nicht aus.

Die Walkürendeutung ist in bestimmten Bildzusammenhängen plausibel, aber sie darf nicht als universelle Erklärung jeder weiblichen Trinkhornfigur verwendet werden.

Ardre VIII und die Gefahr überdeuteter Bildprogramme

Der Bildstein Ardre VIII zeigt nicht nur den Reiter auf dem achtbeinigen Pferd. Er besitzt ein komplexes Bildprogramm mit weiteren Menschen, Tieren, Gebäuden und Handlungen. Einige dieser Szenen wurden mit der Geschichte des Schmieds Völundr verbunden, wie sie im eddischen Gedicht Völundarkviða überliefert ist.

Die wissenschaftliche Online-Edition des Gotlands Museum behandelt diese Verbindungen ausführlich. Besonders die Schmiedeszene und die Darstellung eines vogelartigen Wesens werden mit bekannten Elementen der Völundr-Erzählung verglichen. Gleichzeitig bleiben andere Szenen des Steins schwieriger zu bestimmen.

Auch ein mögliches Motiv aus Thors Fischzug wurde für Ardre VIII vorgeschlagen. Die entsprechende Interpretation ist jedoch wesentlich umstrittener als beim Altunastein. Die neuere Untersuchung des Bildprogramms betont, dass die erkennbaren Einzelheiten nicht ausreichen, um eine Darstellung von Thors Kampf mit der Midgardschlange sicher zu behaupten.

Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Zwei Bildsteine können mit derselben mythologischen Erzählung verglichen werden, ohne dass beide Interpretationen dieselbe Beweiskraft besitzen. Beim Altunastein ergibt sich die Verbindung aus einer charakteristischen Kombination von Boot, Angler und Schlange. Bei Ardre VIII müssen wesentlich mehr unsichere Details ergänzt werden.

Eine überzeugende Interpretation muss aus dem Bild hervorgehen. Sie darf nicht erst dadurch entstehen, dass fehlende Einzelheiten aus einem bekannten Text hinzugedacht werden.

Gab es tatsächlich Kultbilder nordischer Gottheiten?

Die Frage nach Götterbildern führt über Schmuckstücke und Bildsteine hinaus. Mittelalterliche Autoren berichten ausdrücklich von Darstellungen, die innerhalb religiöser Handlungen verehrt worden sein sollen. Besonders bekannt ist die Beschreibung des Heiligtums von Uppsala durch Adam von Bremen.

Adam verfasste seine Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum im späten 11. Jahrhundert. Seine Darstellung der schwedischen Religion entstand aus christlicher Perspektive und beruhte zumindest teilweise auf Berichten anderer Personen. Sie ist deshalb eine wichtige, aber quellenkritisch schwierige Überlieferung.

Adam von Bremen nennt drei Götterstandbilder

In Buch IV, Kapitel 26, heißt es:

„In hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus“

Sinngemäß: „In diesem Tempel, der ganz mit Gold ausgestattet ist, verehrt das Volk die Standbilder dreier Götter.“

Der Satz geht unmittelbar weiter:

„ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco.“

Sinngemäß: „Dabei hat Thor, der mächtigste unter ihnen, seinen Sitz in der Mitte des Raumes; zu beiden Seiten nehmen Wodan und Fricco ihren Platz ein.“

Diese Passage ist für die Frage nach Kultbildern besonders bedeutsam. Adam nennt ausdrücklich drei Gottheiten und beschreibt ihre Anordnung. Thor steht beziehungsweise sitzt nach seiner Darstellung im Zentrum, während Wodan und Fricco die seitlichen Plätze einnehmen.

Der Name Fricco wird gewöhnlich mit Freyr verbunden. Adam beschreibt die entsprechende Figur außerdem mit einem auffälligen männlichen Geschlechtsmerkmal. Im selben Kapitel heißt es:

„Cuius etiam simulacrum fingunt cum ingenti priapo.“

Sinngemäß: „Auch sein Bildnis gestalten sie mit einem gewaltigen männlichen Geschlechtsglied.“

Die drei Passagen gehören zu derselben lateinischen Quelle und wurden nach dem überlieferten Text der Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch IV, Kapitel 26, wiedergegeben.

Was Adams Bericht tatsächlich beweist

Adam ist kein unmittelbarer archäologischer Zeuge der von ihm beschriebenen Statuen. Seine Darstellung ist Teil einer christlichen Kirchengeschichte und verwendet Begriffe und Vergleiche, die von seiner eigenen religiösen Perspektive geprägt sind. Er verbindet die nordischen Gottheiten außerdem mit römischen Vergleichsfiguren.

Die von ihm beschriebenen drei Standbilder sind nicht als eindeutig identifizierte archäologische Originale erhalten. Auch die genaue bauliche Gestalt des Heiligtums bleibt wissenschaftlich umstritten.

Adams Text belegt damit, dass im späten 11. Jahrhundert eine konkrete Überlieferung über benannte Götterstandbilder in Uppsala existierte. Er beweist jedoch nicht unmittelbar, dass jedes archäologische Detail seiner Beschreibung zutrifft.

Der sogenannte Freyr von Rällinge – ein möglicher Vergleich zu Adam

Ein bemerkenswerter archäologischer Vergleich zu Adams Beschreibung ist die kleine Figur von Rällinge in Södermanland, Schweden. Sie wurde 1904 auf dem Hof Rällinge im Kirchspiel Lunda entdeckt und wird in die Wikingerzeit datiert. Das Historiska museet führt sie unter der Objektnummer 109037_HST.

Die Figur besteht aus einer Kupferlegierung und zeigt einen sitzenden Mann mit spitzer Kopfbedeckung, Bart und deutlich ausgeprägtem männlichem Geschlechtsorgan. Ein Arm ist beschädigt. Die Gestalt besitzt außerdem auffällige Augen, einen Armring und spiralartige Verzierungen auf dem Rücken.

Die Verbindung zu Freyr liegt nahe. Adams Beschreibung des Fricco betont ebenfalls ein außergewöhnliches männliches Geschlechtsmerkmal. In Verbindung mit den später überlieferten Vorstellungen von Freyr als Gottheit des Wohlstands und der Fruchtbarkeit entsteht daraus eine plausible Identifikation.

Der Fundkontext ist weniger sicher als die Figur selbst

Die Entdeckungsgeschichte von Rällinge ist bemerkenswert. Nach einer Überlieferung fand der junge Gustav Karlsson die Figur 1904 in einem Kartoffelfeld. Andere Angaben schilderten eine Entdeckung unter Steinen, Erde und Bewuchs. Das Historiska museet dokumentiert ausdrücklich diese voneinander abweichenden Berichte.

Damit fehlt ein vollständig gesicherter archäologischer Fundkontext, aus dem sich die ursprüngliche Verwendung der Figur zweifelsfrei ableiten ließe. Die Darstellung selbst ist erhalten und kann untersucht werden. Ob sie als Hauskultbild, persönlicher religiöser Gegenstand oder in einem anderen Zusammenhang verwendet wurde, lässt sich daraus jedoch nicht sicher bestimmen.

Die Identifikation als Freyr ist durch den Vergleich mit Adams Beschreibung gut begründbar. Die ursprüngliche kultische Funktion der Figur bleibt dagegen unsicher. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig die Trennung zwischen Bildidentität und tatsächlicher Verwendung ist.

Ein Götterbild ist nicht automatisch ein Kultbild

Die Begriffe Götterbild und Kultbild werden häufig miteinander vermischt. Dabei bezeichnen sie unterschiedliche Dinge. Ein Götterbild stellt eine Gottheit dar oder wird als Darstellung einer Gottheit interpretiert. Ein Kultbild ist dagegen ein Gegenstand, der innerhalb religiöser Handlungen eine besondere Funktion besitzt.

Ein Thorshammer-Anhänger kann religiöse Bedeutung gehabt haben, ohne selbst wie eine Gottheit verehrt worden zu sein. Eine weibliche Figur aus einem Grab kann mythologische Vorstellungen berühren, ohne dass sie ursprünglich auf einem Altar stand. Ein Bildstein mit einem achtbeinigen Pferd kann eine religiöse Erzählung darstellen, ohne Bestandteil eines eigentlichen Kultplatzes gewesen zu sein.

Um eine kultische Verwendung archäologisch zu begründen, müssen deshalb weitere Hinweise hinzutreten. Dazu können besondere Niederlegungen, räumliche Zusammenhänge, wiederholte Handlungen oder die Verbindung mit anderen religiös interpretierbaren Funden gehören. Selbst dann bleibt die Interpretation abhängig vom jeweiligen Befund.

Nicht jedes Götterbild war ein Kultbild, und nicht jedes Kultobjekt musste eine Gottheit darstellen. Diese Unterscheidung verhindert, dass sämtliche vorchristlichen Figuren und Symbole automatisch als Belege eines einheitlichen nordischen Götterkultes verstanden werden.

Wie sicher sind die wichtigsten Identifikationen?

Die untersuchten Objekte zeigen eine deutlich abgestufte Quellenlage. Beim Anhänger von Købelev bestätigt eine Runeninschrift die Darstellung eines Hammers. Seine Verbindung zu Thor ist durch die gesamte Überlieferung und zahlreiche Vergleichsfunde sehr gut begründet, obwohl der Name des Gottes nicht auf dem Objekt steht.

Beim Altunastein ist die dargestellte Handlung besonders charakteristisch. Die Kombination aus Boot, Angler und riesiger Schlange macht die Deutung als Thors Fischzug überzeugend. Die Bildsteine von Tjängvide und Ardre VIII besitzen mit dem achtbeinigen Pferd ein ebenso außergewöhnliches Merkmal. Die Identifikation als Sleipnir ist stark plausibel, während die Namen der Reiter offenbleiben.

Die Lejre-Figur besitzt mehrere Merkmale, die für Odin sprechen, lässt aber alternative Deutungen zu. Bei der Figur von Rällinge ist der Vergleich mit Adams Beschreibung des Fricco besonders aufschlussreich. Beide Identifikationen sind gut begründet, aber nicht durch zeitgenössische Namensinschriften bestätigt.

Deutlich unsicherer bleibt die Benennung des Aska-Anhängers als Freyja. Hier muss zunächst die Körperhaltung als Schwangerschaftssymbol interpretiert und anschließend mit einer bestimmten Göttin verbunden werden. Die Goldbrakteaten wiederum zeigen, wie schwierig es ist, ältere Bildtraditionen durch wesentlich spätere literarische Texte zu erklären.

Die entscheidende Erkenntnis liegt deshalb nicht in einer einzigen Antwort. Die Sicherheit einer Götteridentifikation hängt davon ab, wie charakteristisch das dargestellte Motiv ist, wie gut der Fundkontext bekannt ist und wie viele unabhängige Quellen die Deutung tatsächlich unterstützen.

Was verraten Bildsteine und Kultfiguren über die nordische Religion?

Die archäologischen Bildzeugnisse zeigen, dass religiöse Vorstellungen nicht ausschließlich in Erzählungen weitergegeben wurden. Menschen trugen Symbole am Körper, ließen außergewöhnliche Gestalten in Metall darstellen und errichteten Steine mit Bildprogrammen, deren Motive offenbar für ihre Zeitgenossen verständlich waren.

Diese Bildwelt war jedoch nicht auf eine feste Galerie bekannter Götter beschränkt. Sie umfasste Schiffe, Tiere, Reiter, bewaffnete Männer, Frauen mit Trinkhörnern und Szenen, die heute nur teilweise erklärt werden können. Manche Motive besitzen deutliche mythologische Bezüge. Andere könnten gesellschaftliche, heroische oder persönliche Vorstellungen zum Ausdruck bringen.

Auch regionale Unterschiede sind zu berücksichtigen. Ein Bildstein auf Gotland, ein Goldbrakteat aus der Völkerwanderungszeit und eine kleine Figur aus einem Grab in Östergötland gehören nicht automatisch zu einem einheitlichen religiösen Bildsystem. Ihre Gemeinsamkeiten können auf verbreitete Traditionen hinweisen, während ihre Unterschiede lokale Vorstellungen und historische Entwicklungen erkennen lassen.

Gerade deshalb sind diese Objekte besonders wertvoll, wenn sie nicht lediglich als Illustrationen späterer Eddatexte betrachtet werden. Sie können ältere Motive sichtbar machen, neue Fragen aufwerfen und zeigen, dass die vorchristliche Religionswelt Skandinaviens vielfältiger gewesen sein dürfte, als die erhaltene Literatur allein erkennen lässt.

Fazit – wie sicher erkennen wir Odin, Thor und Freyja auf archäologischen Bildern?

Die archäologischen Bildzeugnisse der nordischen Eisen- und Wikingerzeit erlauben keine einfache Zuordnung sämtlicher Figuren zu bekannten Gottheiten. Manche Darstellungen besitzen außergewöhnlich starke Merkmale, andere bleiben trotz intensiver Forschung offen. Der Thorshammer von Købelev zeigt, wie wertvoll eine kurze Runeninschrift sein kann. Der Altunastein macht deutlich, dass eine charakteristische Handlung eine mythologische Identifikation überzeugend stützen kann. Die achtbeinigen Pferde von Tjängvide und Ardre VIII besitzen eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der späteren Sleipnir-Überlieferung, ohne damit automatisch die Namen ihrer Reiter festzulegen.

Die Lejre-Figur zeigt dagegen, wie schwierig selbst eine auf den ersten Blick überzeugende Identifikation sein kann. Hochsitz und Vogelbegleiter sprechen für Odin, während Kleidung und Schmuck alternative Deutungen ermöglichen. Noch offener bleibt die Benennung der weiblichen Figur von Aska als Freyja. Die Goldbrakteaten erinnern daran, dass ältere Bildtraditionen nicht ohne Weiteres mit Jahrhunderten später niedergeschriebenen Erzählungen gleichgesetzt werden dürfen.

Schriftliche Quellen wie Adam von Bremen berichten ausdrücklich von benannten Götterstandbildern. Die Figur von Rällinge zeigt, dass archäologische Darstellungen existieren, die bemerkenswert gut zu solchen Beschreibungen passen. Dennoch bleibt zwischen einem religiösen Symbol, einer möglichen Götterdarstellung und einem nachweislich verehrten Kultbild zu unterscheiden.

Die größte Aussagekraft nordischer Götterbilder liegt deshalb nicht darin, möglichst viele Figuren mit bekannten Namen zu versehen. Sie liegt darin, sichtbar zu machen, welche Vorstellungen Menschen ihrer Zeit in Stein, Metall und Schmuck übersetzten – und an welchen Stellen die erhaltenen Quellen keine eindeutige Antwort mehr erlauben. Ein namenloses Bild ist nicht weniger wertvoll als ein sicher identifizierbares. Manchmal bewahrt gerade seine Ungewissheit den deutlichsten Hinweis darauf, wie viel von der religiösen Vorstellungswelt des vorchristlichen Skandinaviens noch immer unbekannt ist.

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