Odin ist ein Gott. Thor ist ein Gott. Freyr ist ein Gott. Bei Loki scheint die Sache auf den ersten Blick ebenso einfach zu sein. In Büchern, Filmen, Spielen und modernen Darstellungen steht er ganz selbstverständlich neben den anderen Gestalten des nordischen Pantheons: Loki, der Gott der List, der Täuschung oder des Chaos.
Doch sobald wir die moderne Bezeichnung beiseitelegen und in die mittelalterlichen Quellen schauen, wird die Antwort überraschend kompliziert. Loki ist Sohn eines Wesens, das Snorri den Jötnar zurechnet. Er gehört nicht zu der bekannten Götterfamilie durch eine einfache Abstammungslinie. Für einen eigenen Loki-Kult besitzen wir keine sichere Überlieferung. Kein erhaltenes Gebet bittet ihn um Hilfe, kein sicher identifizierter Tempel ist ihm geweiht, und im Gegensatz zu einigen anderen nordischen Gottheiten lässt sich seine Verehrung nicht überzeugend über Ortsnamen greifen.
Und trotzdem bewegt sich Loki mitten unter den Göttern. Er reist mit ihnen, isst mit ihnen, gerät mit ihnen in Schwierigkeiten und rettet sie wieder daraus. Odin ist in einer eddischen Überlieferung auf besondere Weise mit ihm verbunden. Snorri zählt Loki ausdrücklich unter die Asen und bezeichnet ihn an anderer Stelle sogar mit einem Wort, das ihn als Ase kennzeichnet. Später wird derselbe Loki zum Feind der Götter und gehört zu den Kräften, die ihnen bei Ragnarök gegenüberstehen.
Was also ist Loki?
Ein Gott? Ein Jötunn? Ein Außenseiter unter den Asen? Eine mythologische Figur ohne eigenen Kult? Oder stellen wir mit unserer Frage vielleicht schon eine Kategorie auf, die für die altnordische Überlieferung viel weniger eindeutig war, als wir heute erwarten?
Bei kaum einer Gestalt der nordischen Mythologie zeigt sich deutlicher, wie gefährlich ein einziges modernes Etikett sein kann.
Bevor wir antworten: Was meinen wir überhaupt mit „Gott“?
Wenn wir heute von einem Gott sprechen, verbinden wir damit meist mehrere Vorstellungen gleichzeitig. Ein Gott gehört zu einer übermenschlichen Welt, besitzt bestimmte Kräfte oder Zuständigkeiten und wird von Menschen verehrt. Im europäischen Denken spielt außerdem die Vorstellung einer relativ klaren Trennung zwischen „Göttern“ und anderen übernatürlichen Wesen eine große Rolle.
Für die altnordische Mythologie funktioniert dieses Raster nur bedingt. Die Quellen kennen beispielsweise Æsir und Vanir, daneben Jötnar, Alben, Disen, Nornen und zahlreiche weitere Wesen. Doch diese Gruppen sind keine biologischen Arten im modernen Sinn. Sie heiraten miteinander, zeugen Kinder miteinander, wechseln ihre sozialen Beziehungen und können sich in einzelnen Erzählungen erstaunlich nahekommen.
Auch das altnordische Wort goð, das wir häufig mit „Gott“ übersetzen, löst das Problem nicht vollständig. Moderne Religionswissenschaft stellt zusätzlich die Frage nach dem Kult: Wurde eine Gestalt angerufen, verehrt, mit Opferhandlungen verbunden oder an bestimmten Orten besonders geehrt? Mythologische Bedeutung und kultische Bedeutung müssen dabei nicht identisch sein.
Genau deshalb müssen wir bei Loki zwei Fragen auseinanderhalten. Die erste lautet: Wird Loki in der überlieferten Mythologie als Teil der göttlichen Gemeinschaft behandelt? Die zweite lautet: Wurde Loki im vorchristlichen Skandinavien tatsächlich als Gott verehrt? Auf diese beiden Fragen geben unsere Quellen nicht dieselbe Art von Antwort.
Snorri zählt Loki tatsächlich zu den Asen
Beginnen wir mit einer Stelle, die in der populären Diskussion erstaunlich oft übergangen wird. In Snorri Sturlusons Gylfaginning wird Loki nicht lediglich als jemand vorgestellt, der zufällig gelegentlich bei den Göttern auftaucht. Snorri leitet seine Beschreibung sinngemäß damit ein, dass auch jener unter die Asen gerechnet werde, den manche als Verleumder der Asen und Urheber von Täuschungen bezeichneten. Sein Name sei Loki oder Loptr.
Das ist eine wichtige Aussage. Snorri zählt Loki ausdrücklich „mit den Asen“. Gleichzeitig schildert er ihn unmittelbar als problematische Gestalt: schön im Äußeren, schlecht im Charakter, wechselhaft im Verhalten, außerordentlich listig und immer wieder verantwortlich dafür, dass die Asen in Schwierigkeiten geraten. Ebenso betont Snorri aber, dass Loki sie häufig mit eben dieser List wieder aus ihren Problemen befreit.
Damit beschreibt Snorri keinen eindeutig außenstehenden Feind. Er beschreibt zunächst jemanden, der zur Welt der Asen gehört und innerhalb dieser Gemeinschaft handelt, obwohl sein Verhältnis zu ihr höchst problematisch ist.
Auch in der dichterischen Sprache erscheint Loki als Ase
Noch deutlicher wird das Bild in Snorris Skáldskaparmál, dem Teil der Edda, in dem die traditionelle dichterische Sprache und ihre Umschreibungen erläutert werden. Dort erklärt Snorri, wie Loki in der Dichtung bezeichnet werden könne. Er nennt seine Eltern und Verwandten, seine Kinder, seine Beziehungen zu Odin und den Asen sowie zahlreiche seiner mythologischen Taten.
In diesem Zusammenhang begegnen Bezeichnungen, die Loki ausdrücklich in die Sprache der Asen einordnen. Er kann unter anderem als der listige beziehungsweise verschlagene Ase bezeichnet werden. Gleichzeitig nennt Snorri ihn den Feind der Götter, den Verursacher von Unheil und denjenigen, der Baldrs Tod herbeigeführt habe.
Das wirkt aus moderner Sicht beinahe widersprüchlich: Wie kann Loki zugleich Ase und Feind der Götter sein?
Doch vielleicht liegt genau darin der Fehler unserer Erwartung. Zugehörigkeit und Loyalität sind nicht dasselbe. Eine Gestalt kann Teil einer Gemeinschaft sein und sich später gegen sie wenden. Die mittelalterliche Überlieferung scheint kein Problem damit zu haben, Loki innerhalb der göttlichen Sphäre zu verorten und zugleich seine Feindschaft gegenüber den Göttern zu erzählen.
Aber Loki stammt doch von den Jötnar – oder?
Hier beginnt die nächste scheinbar eindeutige Antwort. Snorri nennt als Lokis Vater Fárbauti und als Mutter Laufey

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