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Quellenkunde

Quelle entdeckt: Was ist Codex Regius?

29.08.2026Verlag NorseStory · Berlin

Wer sich ernsthaft mit der nordischen Mythologie beschäftigt, begegnet früher oder später einem Namen, der zunächst unscheinbar wirkt: Codex Regius. Hinter diesem lateinischen Begriff verbirgt sich eine mittelalterliche isländische Pergamenthandschrift, die heute unter der Signatur GKS 2365 4to geführt wird. Sie gehört zu den wichtigsten erhaltenen Quellen für die eddische Dichtung und damit auch zu den bedeutendsten schriftlichen Zeugnissen für unsere heutige Kenntnis von Odin, Thor, Loki, Freyr, Ragnarök, der Weltschöpfung und zahlreichen germanischen Heldentraditionen.

Ihre Bedeutung lässt sich kaum überschätzen. Der Codex Regius bewahrt unter anderem Völuspá, Hávamál, Vafþrúðnismál, Grímnismál, Lokasenna und zahlreiche weitere Gedichte. Viele dieser Texte sind vollständig oder in ihrer jeweiligen Fassung nur durch diese Handschrift beziehungsweise durch spätere Abschriften erhalten. Ohne den Codex Regius wäre unser Wissen über die mythologischen und heroischen Dichtungen des mittelalterlichen Island erheblich kleiner. Das Árni-Magnússon-Institut bezeichnet die Handschrift entsprechend als das älteste und bedeutendste erhaltene Sammelmanuskript eddischer Dichtung.

Doch genau hier beginnt die Quellenkritik. Der Codex Regius ist keine Handschrift aus der vorchristlichen Wikingerzeit. Er wurde erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich um 1270, von einem unbekannten Schreiber auf Island angefertigt. Zwischen der schriftlichen Herstellung des Manuskripts und vielen der religiösen Vorstellungen, die seine Gedichte behandeln, liegen damit mehrere Jahrhunderte. Die Texte selbst können wesentlich ältere dichterische Traditionen bewahren, doch das erhaltene Buch stammt aus einer bereits seit Generationen christlichen Gesellschaft. Wer den Codex Regius als Quelle zur vorchristlichen Religion nutzt, muss deshalb immer zwischen Alter der Handschrift, möglichem Alter einzelner Gedichte und dem historischen Alter ihrer Motive unterscheiden.

Was bedeutet überhaupt „Codex Regius“?

Codex Regius bedeutet wörtlich ungefähr „königliche Handschrift“ beziehungsweise „Königsbuch“. Es handelt sich dabei nicht um den ursprünglichen mittelalterlichen Titel des Manuskripts. Der Name entstand aus seiner späteren Besitzgeschichte. Nachdem die Handschrift im 17. Jahrhundert in den Besitz des isländischen Bischofs Brynjólfur Sveinsson gelangt war, schenkte beziehungsweise übersandte er sie 1662 an den dänischen König Friedrich III.. Anschließend wurde sie in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen aufbewahrt. Aus dieser Verbindung mit der königlichen Sammlung entstand die Bezeichnung Codex Regius beziehungsweise auf Isländisch Konungsbók, „Königsbuch“.

Die Bezeichnung kann allerdings verwirren, denn es gibt mehrere mittelalterliche Handschriften, die als Codex Regius bezeichnet werden. Auch eine wichtige Handschrift der Snorra-Edda trägt traditionell diesen Namen. Wer über die Lieder-Edda spricht, sollte deshalb möglichst die Signatur GKS 2365 4to nennen. Sie identifiziert eindeutig jene Handschrift, um die es hier geht.

Auch die heute verbreitete Bezeichnung „Lieder-Edda“ oder „Poetische Edda“ ist jünger als die Handschrift selbst. Das Manuskript besitzt keinen mittelalterlichen Titel, der es ausdrücklich als „Edda“ bezeichnet. Die Bezeichnung wurde erst nach seiner Wiederentdeckung im 17. Jahrhundert mit dem Gedichtbestand verbunden. Selbst das Wort Edda und seine ursprüngliche Bedeutung sind Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Deshalb sollte nicht der Eindruck entstehen, ein mittelalterlicher Schreiber habe um 1270 bewusst ein Buch mit dem Titel „Die Poetische Edda“ zusammengestellt.

GKS 2365 4to – was bedeutet die Signatur?

Die moderne Signatur GKS 2365 4to stammt aus der Katalogisierung der königlichen Handschriftensammlung. Das Kürzel GKS steht für die dänische Bezeichnung Gammel Kongelig Samling, also „Alte Königliche Sammlung“. Die Zahl 2365 bezeichnet das konkrete Manuskript innerhalb dieser Sammlung, während 4to auf sein Quartformat verweist.

Solche Signaturen sind für die historische Forschung ausgesprochen wichtig. Mittelalterliche Handschriften besitzen häufig keine eindeutigen Originaltitel, und spätere Bezeichnungen können sich mehrfach wiederholen. Eine Bibliothekssignatur ermöglicht deshalb eine präzise Identifizierung unabhängig davon, ob jemand vom Codex Regius, der Konungsbók oder der Handschrift der Poetischen Edda spricht.

Ein Buch aus Pergament

Der Codex Regius ist eine Pergamenthandschrift. Das bedeutet, dass seine Seiten nicht aus modernem Papier bestehen, sondern aus bearbeiteter Tierhaut. Das Árni-Magnússon-Institut beschreibt ihn als skinnbók, also als auf Haut geschriebenes Buch. Heute umfasst das Manuskript 45 Blätter, also 90 beschriebene Seitenflächen. Ursprünglich war es umfangreicher. Ein vollständiges Lagenheft mit acht Blättern fehlt.

Gerade solche materiellen Details erinnern daran, dass wir nicht einfach von einem abstrakten „Text der Edda“ sprechen. Vor uns liegt ein konkretes mittelalterliches Objekt, hergestellt aus kostbarem Material, von einem Schreiber beschrieben, gebunden, benutzt, weitergegeben und irgendwann beschädigt. Überlieferung geschieht nicht außerhalb der Geschichte – die Handschrift selbst hat eine Geschichte.

Wann wurde der Codex Regius geschrieben?

Die Handschrift wird gewöhnlich in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert, häufig ungefähr auf 1270. Der Schreiber ist unbekannt. Auch der genaue Ort seiner Herstellung ist nicht sicher bekannt. Die sprachlichen und paläographischen Merkmale weisen jedoch eindeutig in das mittelalterliche Island.

Das Datum ist für das Verständnis der Quelle entscheidend. Island hatte das Christentum bereits um 999/1000 öffentlich angenommen. Als der Codex Regius geschrieben wurde, lag dieser Religionswechsel ungefähr zweieinhalb Jahrhunderte zurück. Die Gesellschaft des Schreibers war christlich, Kirchen und Bistümer waren etabliert und die lateinische Schriftkultur gehörte längst zur gelehrten Welt Islands.

Wenn in der Völuspá Odin, die Götterversammlung, Ragnarök oder die Entstehung der Welt beschrieben werden, lesen wir deshalb keinen direkten schriftlichen Bericht eines vorchristlichen Kultteilnehmers. Wir lesen einen Text, der im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde und ältere dichterische Überlieferungen bewahren kann. Wie alt diese Überlieferungen jeweils sind, muss für jedes Gedicht gesondert untersucht werden.

Sind die Gedichte also erst im 13. Jahrhundert entstanden?

Nein. Genau diese Schlussfolgerung wäre ebenso problematisch wie die gegenteilige Annahme, alle Gedichte seien unverändert aus der Wikingerzeit überliefert. Sprachwissenschaftliche, metrische und literaturhistorische Untersuchungen zeigen, dass zahlreiche eddische Gedichte ältere Traditionen enthalten und einzelne Werke beziehungsweise Teile davon durchaus in die Wikingerzeit oder noch ältere germanische Überlieferungszusammenhänge zurückreichen können.

Aber Gedichte können während mündlicher und schriftlicher Überlieferung verändert werden. Strophen können hinzugefügt, weggelassen oder umgeordnet werden. Formulierungen können sprachlich modernisiert und unterschiedliche Fassungen zusammengeführt werden. Deshalb lässt sich nicht aus dem Alter eines Motivs automatisch das Alter jeder erhaltenen Zeile bestimmen.

Der Codex Regius ist ein Zeuge des 13. Jahrhunderts für Texte, deren Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte teilweise wesentlich älter ist. Genau diese Formulierung ist quellenkritisch wesentlich sicherer als Aussagen wie „Die Edda wurde in der Wikingerzeit geschrieben“.

Der unbekannte Schreiber

Über den Schreiber wissen wir erstaunlich wenig. Das Árni-Magnússon-Institut bezeichnet ihn ausdrücklich als unbekannt. Es gibt daher keinen belegbaren mittelalterlichen Autor, dem die Zusammenstellung als persönliches Werk zugeschrieben werden könnte.

Auch die Vorstellung, Snorri Sturluson habe den Codex Regius geschrieben oder zusammengestellt, ist falsch. Snorri starb bereits 1241, also Jahrzehnte vor der wahrscheinlichen Herstellung der erhaltenen Handschrift. Seine sogenannte Snorra-Edda ist ein anderes Werk mit einer anderen Überlieferungsgeschichte.

Was steht im Codex Regius?

Der Inhalt lässt sich grundsätzlich in zwei große Bereiche gliedern. Der erste Teil enthält Gedichte über Götter, Kosmologie, Weisheit und mythologische Ereignisse. Im zweiten Teil folgen Gedichte aus der germanischen Heldentradition. Diese Zweiteilung ist bereits in der erhaltenen Anordnung der Handschrift deutlich erkennbar. Das Árni-Magnússon-Institut beschreibt sie ausdrücklich als Gedichte über „heidnische Götter“ im ersten und über „alte germanische Helden“ im zweiten Teil.

Am Anfang steht mit der Völuspá eines der berühmtesten Gedichte der gesamten nordischen Überlieferung. Eine Seherin erzählt Odin von der Entstehung der Welt, von frühen kosmischen Ereignissen, vom Schicksal der Götter, von Ragnarök und schließlich von einer erneuerten Welt. Schon die Position an der Spitze des Codex Regius ist bemerkenswert, denn das Gedicht bietet einen ungewöhnlich umfassenden mythologischen Horizont. Darauf folgen unter anderem die Hávamál, eine umfangreiche und vielschichtige Sammlung von Spruchweisheiten, Lebensregeln und anderen Strophengruppen, die in der Überlieferung Odin zugeschrieben werden. Anschließend begegnen weitere mythologische Gedichte, in denen Wissen zwischen Odin und anderen Wesen verhandelt, Götter verspottet, Reisen erzählt oder mythologische Informationen in Dialogform vermittelt werden.

Die mythologischen Gedichte

Zu den im Codex Regius überlieferten mythologischen Texten gehören unter anderem Völuspá, Hávamál, Vafþrúðnismál, Grímnismál, Skírnismál, Hárbarðsljóð, Hymiskviða, Lokasenna, Þrymskviða, Völundarkviða und Alvíssmál. Ihre Themen unterscheiden sich erheblich. Manche wirken wie Wissensgedichte, andere wie dramatische Dialoge oder Erzählungen.

Die Vafþrúðnismál etwa schildern einen Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir. In den Grímnismál begegnen zahlreiche kosmologische Informationen. Die Lokasenna lässt Loki bei einem Gastmahl die anwesenden Götter beleidigen und ihnen sexuelle sowie moralische Verfehlungen vorwerfen. Die Þrymskviða erzählt schließlich in geradezu komischer Form vom Diebstahl Thors Hammers und davon, wie Thor als Braut verkleidet zu dem Riesen Þrymr gelangt.

Gerade die Vielfalt dieser Texte zeigt, dass die eddische Dichtung kein geschlossenes theologisches Lehrbuch ist. Sie enthält widersprüchliche Bilder und unterschiedliche Perspektiven. Ein Gott kann in einem Gedicht anders erscheinen als in einem anderen. Kosmologische Einzelheiten passen nicht immer vollständig zusammen. Wer aus allen Gedichten ein vollkommen konsistentes „Glaubenssystem der Wikinger“ konstruiert, geht deshalb über die Quellen hinaus.

Nach dem mythologischen Teil folgen Gedichte, deren Stoffe sich um germanische Heldentraditionen drehen. Besonders bedeutend ist der große Zusammenhang um Sigurðr, Brynhildr, Guðrún und die Niflungen beziehungsweise Gjúkungen. Diese Geschichten besitzen Verbindungen zu Überlieferungen, die auch auf dem europäischen Kontinent bekannt waren.

Damit bewahrt der Codex Regius nicht nur religiös relevante Mythologie. Er gehört ebenso zu den wichtigsten Zeugnissen mittelalterlicher Erinnerung an heroische Stoffe der germanischen Welt. Einzelne Motive besitzen Parallelen etwa zur kontinentalen Nibelungentradition, obwohl die konkrete nordische Überlieferung deutlich eigene Formen entwickelt hat.

Warum ist der Codex Regius für die nordische Mythologie so wichtig?

Seine außergewöhnliche Bedeutung liegt vor allem darin, dass viele seiner Gedichte in keiner anderen unabhängigen mittelalterlichen Handschrift vollständig überliefert sind. Das Árni-Magnússon-Institut betont ausdrücklich, dass die meisten Texte entweder nur im Codex Regius selbst oder in jüngeren Abschriften vorkommen, die letztlich von ihm abhängen. Das bedeutet: Wenn dieses Manuskript irgendwann zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert vollständig verloren gegangen wäre, würden wir zahlreiche Texte heute gar nicht oder nur indirekt kennen. Unsere Vorstellung von Odin, Ragnarök und anderen Bereichen der nordischen Mythologie wäre entsprechend erheblich lückenhafter.

Gerade deshalb muss aber auch die Abhängigkeit unseres Wissens von dieser einzelnen Handschrift bedacht werden. Was im Codex Regius steht, ist nicht automatisch „die nordische Religion“. Es ist eine Auswahl bestimmter Gedichte, die ein mittelalterlicher Schreiber oder eine vorausgehende Vorlage bewahrt hat. Andere Texte gingen verloren. Andere regionale Traditionen wurden möglicherweise niemals schriftlich aufgezeichnet.

Eine Quelle – nicht die Quelle

Für die Rekonstruktion nordischer Mythologie stehen neben dem Codex Regius weitere Quellen zur Verfügung: Snorris Edda, skaldische Dichtung, Runeninschriften, archäologische Funde, Bildsteine, Amulette, Ortsnamen und verschiedene historiographische Texte. Jede dieser Quellengruppen besitzt eigene Möglichkeiten und Probleme. Snorris Edda liefert beispielsweise systematische Erzählungen über zahlreiche Mythen, wurde jedoch von einem christlichen isländischen Autor des 13. Jahrhunderts als Lehrwerk für Dichter geschrieben. Archäologische Funde können zeigen, welche Symbole tatsächlich verwendet wurden, erklären aber selten selbst ihre genaue Bedeutung. Runeninschriften sind zeitnäher, liefern dafür meistens nur kurze Texte. Historische Rekonstruktion entsteht deshalb durch den Vergleich unterschiedlicher Quellen. Wenn eine Vorstellung sowohl in früher skaldischer Dichtung als auch in eddischen Texten und möglicherweise in ikonographischen Darstellungen erscheint, können wir wesentlich sicherer von älteren Traditionen ausgehen, als wenn sie ausschließlich in einem spätmittelalterlichen Text vorkommt.

Das Beispiel Völuspá

Die Völuspá zeigt besonders gut, warum mehrere Handschriften wichtig sind. Das Gedicht ist nicht nur im Codex Regius überliefert, sondern auch in der Hauksbók, außerdem werden einzelne Strophen beziehungsweise Inhalte in Handschriften der Snorra-Edda zitiert oder paraphrasiert. Die Fassungen unterscheiden sich voneinander. Forschungsausgaben müssen deshalb entscheiden, wie die verschiedenen Textzeugen miteinander verglichen werden.

Eine moderne gedruckte Völuspá kann daher bereits ein editorisch hergestellter Text sein, der Lesarten aus mehreren Handschriften berücksichtigt. Eine wissenschaftliche Edition ist nicht automatisch eine fotografische Wiedergabe einer einzelnen mittelalterlichen Seite. Auch diese Unterscheidung gehört zur Quellenkunde.

Wie gelangte der Codex Regius in die Neuzeit?

Über die ersten Jahrhunderte seiner Geschichte wissen wir erstaunlich wenig. Das Árni-Magnússon-Institut formuliert hier bewusst zurückhaltend: Über Herkunft und weiteren Weg des Manuskripts sei nichts bekannt, bis Bischof Brynjólfur Sveinsson seine Initialen und die Jahreszahl 1643 in die Handschrift eintrug. Dieser Punkt wird häufig als „Entdeckung des Codex Regius im Jahr 1643“ beschrieben. Das ist als Kurzform verständlich, sollte aber nicht so interpretiert werden, als hätte Brynjólfur eine seit Jahrhunderten in einer Höhle verlorene Handschrift persönlich ausgegraben. Wir wissen nicht sicher, wo sie unmittelbar zuvor lag oder wem sie gehörte. Erst ab 1643 wird ihre Besitzgeschichte wieder eindeutig greifbar.

Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass zumindest Hávamál bereits vor Brynjólfurs Besitz aus einer Fassung bekannt war, die offenbar mit dem Codex-Regius-Text verbunden ist. Eine marginale Hávamál-Zitation aus dem 16. Jahrhundert zeigt, dass die Textüberlieferung nicht vollkommen unsichtbar gewesen sein muss.

Brynjólfur Sveinsson und die Suche nach einer alten Edda

Brynjólfur Sveinsson war Bischof von Skálholt und spielte eine bedeutende Rolle bei der Sammlung mittelalterlicher isländischer Handschriften. Im 17. Jahrhundert wuchs in Skandinavien das gelehrte Interesse an der eigenen mittelalterlichen Vergangenheit. Alte Texte wurden gesammelt, kopiert und an königliche Bibliotheken geschickt. Der Codex Regius erschien in diesem Umfeld besonders bedeutend, weil er Gedichte enthielt, deren Stoffe teilweise aus Snorris Edda bekannt waren. Die Handschrift bot scheinbar einen Zugang zu älteren poetischen Quellen hinter Snorris Darstellung.

Im 17. Jahrhundert wurden dabei allerdings auch Vorstellungen entwickelt, die die moderne Forschung nicht mehr übernimmt. Besonders die Zuschreibung einer „älteren Edda“ an den isländischen Gelehrten Sæmundr fróði Sigfússon wurde lange tradiert, lässt sich aber nicht belegen.

Sæmundr schrieb den Codex Regius nicht

Sæmundr der Gelehrte lebte ungefähr von 1056 bis 1133 und war damit lange vor der Herstellung des erhaltenen Codex Regius tätig. Im 17. Jahrhundert wurde angenommen, er habe eine alte Edda verfasst, die Snorri später benutzt habe. Deshalb wurde die Poetische Edda lange auch als Sæmundar Edda, „Sæmunds Edda“, bezeichnet.

Für diese Autorschaft gibt es keinen belastbaren mittelalterlichen Nachweis. Der Codex Regius nennt Sæmundr nicht als Autor, und die Gedichte selbst stammen ohnehin nicht aus der Feder eines einzigen Verfassers. Die Lieder-Edda ist keine einheitliche Autorschrift. Sie ist eine Sammlung unterschiedlicher Dichtungen mit unterschiedlichen Überlieferungsgeschichten.

1662 – die Handschrift wird zum Königsbuch

Brynjólfur schickte die Handschrift 1662 an Friedrich III. von Dänemark, gemeinsam mit weiteren bedeutenden Manuskripten. Von da an wurde sie in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen aufbewahrt. Genau diese Geschichte gab ihr den Namen, unter dem sie heute weltweit bekannt ist: Codex Regius.

Dort blieb sie für mehr als drei Jahrhunderte. Während dieser Zeit wurde die Handschrift von Generationen von Philologen untersucht, abgeschrieben und ediert. Die moderne wissenschaftliche Erforschung der eddischen Dichtung entstand damit zu einem erheblichen Teil anhand eines Manuskripts, das sich außerhalb Islands befand.

Warum lagen so viele isländische Handschriften in Dänemark?

Island gehörte über Jahrhunderte zur dänischen Monarchie. Gelehrte und königliche Sammler brachten zahlreiche mittelalterliche isländische Manuskripte nach Kopenhagen. Der bedeutendste Sammler wurde später Árni Magnússon, dessen außergewöhnliche Handschriftensammlung heute zwischen Island und Dänemark aufgeteilt ist.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine lange politische und wissenschaftliche Diskussion über die Rückgabe isländischer Handschriften. Die Überlieferungen waren zu einem zentralen Teil des isländischen Kulturerbes geworden.

1971 – Rückkehr nach Island

Am 21. April 1971 kehrte der Codex Regius nach Island zurück. Das Árni-Magnússon-Institut nennt dieses genaue Datum für seine Heimkehr.

Die Rückgabe gehörte zu einem umfassenderen Prozess, in dessen Verlauf bedeutende isländische Handschriften aus Dänemark nach Island überführt wurden. Für Island hatte dies eine außerordentliche kulturelle und symbolische Bedeutung. Der Codex Regius war schließlich nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern eines der herausragenden materiellen Zeugnisse mittelalterlicher isländischer Literatur.

Das große Loch im Codex Regius

Eine der faszinierendsten Eigenschaften des Manuskripts ist etwas, das nicht mehr vorhanden ist. Bereits als Brynjólfur Sveinsson die Handschrift 1643 besaß, fehlte ein vollständiges Lagenheft von acht Blättern. Diese Lücke liegt innerhalb der heroischen Gedichte und wird häufig als die große Lacuna des Codex Regius bezeichnet.

Der Text bricht innerhalb der Sigurdrífumál ab. Nach der fehlenden Lage setzt die Überlieferung an einer späteren Stelle der Sigurd- und Brynhild-Tradition wieder ein. Was genau auf den acht verlorenen Blättern stand, lässt sich nicht vollständig rekonstruieren.

Das ist für die Quellenkunde ausgesprochen wichtig. Wir wissen hier ganz konkret, dass unsere mittelalterliche Überlieferung physisch unvollständig ist. Geschichten, die wir heute als fragmentarisch empfinden, waren für mittelalterliche Leser des vollständigen Manuskripts möglicherweise wesentlich zusammenhängender.

Was stand auf den verlorenen Seiten?

Ein Teil lässt sich zumindest annähernd erschließen. Das Ende der Sigurdrífumál ist in jüngeren Papierhandschriften erhalten. Eine moderne Untersuchung von Þórdís Edda Jóhannesdóttir zeigt, dass spätere Abschriften offenbar Material bewahren, das vor dem Verlust der Lage aus dem Codex Regius oder einer eng damit verbundenen Überlieferung kopiert worden sein muss.

Für andere verlorene Abschnitte können Forscher auf die Völsunga saga zurückgreifen. Sie erzählt Teile desselben Stoffkreises in Prosa und entstand zu einer Zeit, in der die heute verlorenen Gedichte beziehungsweise Traditionen noch zugänglich gewesen sein können. Dadurch lassen sich bestimmte Handlungselemente vermuten. Doch eine Rekonstruktion der Handlung ist nicht dasselbe wie die Wiedergewinnung des verlorenen Gedichts. Wir kennen nicht den ursprünglichen Wortlaut, die genaue Strophenfolge oder sämtliche Texte dieser acht Blätter.

Verlorene Überlieferung ist Teil unserer Quellenlage

Die große Lücke ist zugleich ein sichtbares Beispiel für ein viel größeres Problem. Wenn acht Blätter aus einer erhaltenen Handschrift fehlen, können wir den Verlust erkennen. Doch wie viele vollständige Handschriften und Gedichte verschwanden, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen? Die mittelalterliche nordische Literatur, die heute erhalten ist, stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was ursprünglich existiert haben dürfte. Unser Bild der nordischen Mythologie beruht daher immer auf einer zufälligen Auswahl dessen, was überlebt hat.

Codex Regius und Snorris Edda – nicht dasselbe

Ein besonders häufiger Fehler besteht darin, Lieder-Edda und Snorra-Edda miteinander zu vermischen. Beide sind für die Erforschung nordischer Mythologie von herausragender Bedeutung, aber es handelt sich um unterschiedliche Werke beziehungsweise Überlieferungskomplexe. Die Snorra-Edda wurde im 13. Jahrhundert mit Snorri Sturluson verbunden und dient vor allem der Erklärung skaldischer Dichtung. Sie enthält Prosatexte wie Gylfaginning und Skáldskaparmál, in denen zahlreiche Mythen erzählt beziehungsweise zusammengefasst werden. Der Codex Regius GKS 2365 4to enthält dagegen die eddischen Gedichte selbst. Völuspá und Hávamál stehen dort als Versdichtungen und nicht als Kapitel eines Prosalehrbuches.

Snorri kannte eddische Dichtung

Die Beziehung zwischen beiden Quellen ist dennoch eng. Snorri zitiert in seiner Edda zahlreiche Strophen aus Gedichten, die wir auch aus dem Codex Regius kennen. Das zeigt, dass solche Dichtungen bereits vor der Herstellung unserer erhaltenen Handschrift im Umlauf waren. Doch daraus folgt nicht, dass Snorri genau den heute erhaltenen Codex Regius vor sich hatte. Die Forschung geht vielmehr von älteren schriftlichen oder mündlichen Texttraditionen aus, die beiden Überlieferungszweigen zugrunde liegen können. Gerade diese Zusammenhänge helfen dabei, ältere Textschichten zu erkennen. Wenn Snorri Jahrzehnte vor der Herstellung von GKS 2365 4to bereits Verse zitiert, ist klar, dass das betreffende Material nicht erst vom späteren Schreiber erfunden wurde.

AM 748 I 4to und weitere Edda-Handschriften

Der Codex Regius steht außerdem nicht völlig allein. Das Árni-Magnússon-Institut verweist auf Fragmente der Handschrift AM 748 I 4to, die einen eng verwandten Bestand eddischer Dichtung bewahrt. Beide Manuskripte könnten auf eine gemeinsame ältere schriftliche Vorlage zurückgehen. Andere Gedichte, die heute gewöhnlich zur Poetischen Edda gerechnet werden, stehen überhaupt nicht im Codex Regius. Baldrs draumar etwa ist in AM 748 I 4to erhalten; Hyndluljóð und Völuspá in skamma begegnen in der Flateyjarbók, während Rígsþula in einer Handschrift der Snorra-Edda überliefert ist. Die moderne „Poetische Edda“ ist damit größer als der Codex Regius. Der Codex bildet ihren wichtigsten Kern, enthält aber nicht sämtliche Texte, die moderne Editionen unter dem Begriff Eddalieder zusammenfassen.

Kann man den Codex Regius als Beweis für den Glauben der Wikinger verwenden?

Ja – aber nur mit einer entscheidenden Einschränkung. Der Codex Regius ist eine zentrale Quelle für die Erforschung vorchristlicher nordischer Mythologie und religiöser Vorstellungen. Er ist jedoch kein unmittelbares Glaubensbekenntnis eines Menschen aus dem 9. Jahrhundert. Wenn die Völuspá von Ragnarök erzählt, können wir daraus ableiten, dass derartige kosmologische Vorstellungen Teil einer älteren nordischen Tradition waren. Wie verbreitet genau eine bestimmte Vorstellung war, wann sie entstand und ob Menschen in Dänemark, Norwegen, Schweden und Island sie identisch verstanden, ist eine andere Frage.

Noch schwieriger wird es, wenn moderne Darstellungen aus einzelnen Strophen ein vollständig ausgearbeitetes religiöses System rekonstruieren. Die Eddalieder wurden nicht als systematischer Katechismus geschrieben. Sie sind Dichtung.

Die Edda beschreibt nicht einfach „die neun Welten

Ein gutes Beispiel ist die heute allgegenwärtige Vorstellung von neun klar benannten Welten am Yggdrasil. Eddische Texte erwähnen zwar mehrfach neun Welten beziehungsweise níu heimar. Sie liefern jedoch keine eindeutige Stelle, an der neun fest definierte Welten vollständig in einer modernen Liste aufgezählt werden. Moderne Diagramme des nordischen Kosmos kombinieren deshalb unterschiedliche Quellenstellen, Snorris Prosadarstellung und spätere Interpretationen. Der Codex Regius ist dabei eine wesentliche Grundlage – aber nicht die Quelle eines fertigen Weltenschaubildes. Gerade solche Beispiele zeigen, warum Quellenkunde für NorseStory wichtig ist. Nicht jede Vorstellung, die heute überall als „nordische Mythologie“ dargestellt wird, steht in dieser Form in einer mittelalterlichen Quelle.

Dasselbe gilt für Götterbiographien

Auch Odin besitzt keine mittelalterliche „Biographie“, die von Geburt bis Tod alle bekannten Ereignisse chronologisch erzählt. Unser heutiges Bild entsteht aus vielen unterschiedlichen Gedichten, Snorris Edda, skaldischen Strophen und weiteren Quellen. Wenn diese Texte miteinander verbunden werden, entsteht zwangsläufig eine moderne Rekonstruktion. Das kann sinnvoll sein – solange erkennbar bleibt, welche Verbindung tatsächlich in den Quellen steht und welche erst durch unsere Zusammenstellung entsteht.

Warum christliche Schreiber vorchristliche Dichtung bewahrten

Eine der faszinierendsten Fragen lautet, warum eine christliche Gesellschaft überhaupt Gedichte über Odin, Thor und Ragnarök auf kostbares Pergament schrieb. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Sicher ist jedoch, dass ältere Dichtung im mittelalterlichen Island weiterhin einen erheblichen literarischen, genealogischen und kulturellen Wert besaß.

Skaldische Dichtung war ohne mythologische Kenntnisse kaum vollständig verständlich. Kenningar konnten auf Götter und Mythen verweisen. Geschichten über die Vergangenheit gehörten zur kulturellen Identität. Ein christlicher Schreiber musste Odin nicht verehren, um ein Gedicht über ihn für bewahrenswert zu halten. Das ist eine der großen Ironien der nordischen Überlieferung: Ein erheblicher Teil unseres Wissens über die vorchristliche Religion wurde durch Menschen bewahrt, die selbst Christen waren.

Bewahrung bedeutet nicht unveränderte Überlieferung

Gleichzeitig dürfen wir daraus nicht schließen, christliche Schreiber hätten Texte zwangsläufig bewusst verfälscht. Dafür gibt es keine pauschale Grundlage. Ebenso wenig können wir ausschließen, dass jahrhundertelange Überlieferung Veränderungen hervorgebracht hat. Die Aufgabe der Forschung besteht deshalb nicht darin, hinter jedem christlichen Schreiber eine Fälschungsabsicht zu vermuten. Stattdessen untersucht sie Sprache, Metrik, Handschriftenvarianten, Parallelen in älteren Gedichten und den historischen Kontext. Quellenkritik bedeutet weder blindes Vertrauen noch grundsätzliches Misstrauen. Sie bedeutet, genau zu prüfen, was eine Quelle leisten kann.

Der Codex Regius ist deshalb zugleich nah und fern

Er ist uns erstaunlich nah, weil wir seine Seiten heute tatsächlich betrachten können. Wir sehen die Schrift eines Menschen aus dem 13. Jahrhundert und können nachvollziehen, wo Zeilen enden, wo Korrekturen vorgenommen wurden und wo Blätter fehlen.

Gleichzeitig ist er weit entfernt von der Welt, die viele seiner Gedichte beschreiben. Zwischen dem Schreiber und einem Opferfest des 9. Jahrhunderts liegen Generationen religiösen und gesellschaftlichen Wandels. Genau diese Spannung macht die Handschrift zu einer so faszinierenden historischen Quelle.

Der Codex Regius heute

Heute wird GKS 2365 4to in Island bewahrt und wissenschaftlich vom Árni Magnússon Institute for Icelandic Studies betreut. Die Handschrift gehört zu den bedeutendsten Kulturgütern des Landes. Seit ihrer Rückkehr 1971 steht sie zugleich symbolisch für die besondere Bedeutung mittelalterlicher Handschriften für die isländische Geschichte.

Für die Forschung ist der Zugang inzwischen erheblich einfacher geworden. Das Institut hat eine digitale wissenschaftliche Edition veröffentlicht, die Abbildungen jeder Manuskriptseite, diplomatische Transkriptionen, sprachwissenschaftliche Analysen und einen lemmatisierten Wortindex bietet. Die elektronische Edition wurde 2024 vorgestellt und basiert auf einem zuvor auch gedruckt veröffentlichten Editionsprojekt. Damit kann heute grundsätzlich jeder Forscher und interessierte Leser die tatsächlichen Manuskriptseiten studieren, ohne das empfindliche Original in die Hand nehmen zu müssen.

Was ist eine diplomatische Transkription?

Eine diplomatische Edition versucht, die Schreibweise der Handschrift möglichst genau wiederzugeben. Sie normalisiert den Text also nicht einfach zu einem modernen Altnordisch, sondern bewahrt möglichst viele Eigenheiten des mittelalterlichen Schreibers. Das ist für die Forschung entscheidend. Moderne Übersetzungen glätten notwendigerweise Unterschiede. Wer wissen möchte, was tatsächlich auf einer bestimmten Manuskriptseite steht, benötigt deshalb Zugriff auf die Handschrift selbst oder eine möglichst genaue Transkription. Gerade bei umstrittenen mythologischen Begriffen kann ein Blick in den eigentlichen Text entscheidend sein. Zwischen mittelalterlicher Handschrift und moderner deutscher Übersetzung liegen mehrere Arbeitsschritte, bei denen bereits Interpretation stattfindet.

Warum Übersetzungen voneinander abweichen können

Altnordische Dichtung ist oft knapp, mehrdeutig und grammatisch komplex. Einzelne Wörter können unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Dazu kommen Handschriftenvarianten, beschädigte Stellen und poetische Konstruktionen. Zwei seriöse Übersetzungen können deshalb bei einer Strophe zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ohne dass automatisch eine davon „falsch“ sein muss. Eine verantwortungsvolle Forschung betrachtet den altnordischen Text, Handschriftenvarianten und den jeweiligen Kontext. Das ist besonders wichtig, wenn aus einer einzelnen Übersetzungsentscheidung anschließend weitreichende Aussagen über Religion oder Mythologie abgeleitet werden.

Was uns der Codex Regius lehrt

Vielleicht liegt seine größte Bedeutung nicht allein in den Geschichten, die er bewahrt, sondern in der Art, wie er unseren Blick auf Geschichte verändert. Der Codex Regius zeigt, dass das, was heute häufig als feststehende nordische Mythologie erscheint, in Wirklichkeit aus einem komplizierten Netz mittelalterlicher Quellen rekonstruiert werden muss. Wir besitzen keine vollständige heilige Schrift der vorchristlichen Skandinavier. Wir besitzen Gedichte, Prosatexte, Bilder, Runen, Gräber und Gegenstände. Manche Quellen widersprechen einander. Manche sind Jahrhunderte jünger als die Vorstellungen, die sie bewahren. Manche sind unvollständig. Das macht unser Wissen nicht wertlos. Es macht es historisch.

Von der Behauptung zur Quelle

Wenn irgendwo behauptet wird, Odin habe eine bestimmte Eigenschaft besessen, Ragnarök habe exakt auf eine bestimmte Weise ablaufen sollen oder neun Welten hätten in einer festen kosmologischen Ordnung existiert, lautet die quellenkritische Frage deshalb immer: Woher wissen wir das? Steht es in der Völuspá? In den Vafþrúðnismál? Bei Snorri? In einer Saga aus dem 13. Jahrhundert? Auf einem Runenstein? In einer modernen populären Darstellung? Diese Fragen verändern den Umgang mit Mythologie grundlegend. Sie machen aus einer scheinbar festen Sammlung von Geschichten ein historisches Forschungsfeld.

Genau deshalb ist der Codex Regius so wichtig

Der Codex Regius beantwortet nicht jede Frage. Aber er ermöglicht überhaupt erst viele dieser Fragen. Ohne ihn wären zentrale Gedichte verloren und ganze Bereiche unserer Kenntnis der nordischen Mythologie wesentlich ärmer.

Er ist damit nicht „die Bibel der nordischen Religion“ und nicht das unverfälschte Glaubensbuch der Menschen der Wikingerzeit. Eine solche Beschreibung wäre historisch falsch. Er ist etwas wissenschaftlich viel Wertvolleres: ein außergewöhnlich bedeutender mittelalterlicher Textzeuge für ältere Dichtung, dessen Entstehung, Überlieferung und Grenzen wir untersuchen können.

Fazit

Der Codex Regius der Poetischen Edda, GKS 2365 4to , ist eine isländische Pergamenthandschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich aus der Zeit um 1270. Sein Schreiber ist unbekannt. Heute umfasst das Manuskript 45 Blätter; ein vollständiges Lagenheft von acht Blättern war bereits 1643 verloren. Die Handschrift bewahrt das wichtigste erhaltene mittelalterliche Sammelkorpus eddischer Dichtung. Im ersten Teil stehen mythologische Gedichte wie Völuspá und Hávamál , im zweiten Teil heroische Dichtungen aus germanischen Sagenstoffen. Viele dieser Texte sind entweder überhaupt nur dort oder in jüngeren Abschriften erhalten, die vom Codex Regius abhängen. Ohne dieses eine Manuskript wäre unser heutiges Wissen über die nordische Mythologie erheblich kleiner. Gerade seine Bedeutung macht eine saubere Quellenkritik notwendig. Der Codex Regius stammt nicht aus der Wikingerzeit. Als er geschrieben wurde, war Island seit ungefähr zweieinhalb Jahrhunderten christlich. Die Handschrift kann ältere Gedichte und vorchristliche Traditionen bewahren, aber das Alter des Manuskripts darf nicht mit dem Alter jedes einzelnen Gedichts oder Mythos verwechselt werden. Auch die Bezeichnung „Poetische Edda“ ist keine mittelalterliche Überschrift dieser Handschrift. GKS 2365 4to besitzt keinen entsprechenden Originaltitel. Der Name Edda wurde erst später auf die Gedichtsammlung übertragen. Ebenso ist die ältere Zuschreibung an Sæmundr den Gelehrten historisch nicht belegt. Die Sammlung besitzt keinen bekannten Einzelautor. Über die frühe Geschichte der Handschrift wissen wir fast nichts. Erst 1643 wird sie sicher greifbar, als Bischof Brynjólfur Sveinsson seine Initialen und die Jahreszahl in das Manuskript schrieb. 1662 sandte er es an König Friedrich III. von Dänemark. Von der anschließenden Aufbewahrung in der königlichen Bibliothek stammt die Bezeichnung Codex Regius – Königsbuch . Am 21. April 1971 kehrte die Handschrift nach mehr als drei Jahrhunderten in Dänemark nach Island zurück. Heute gehört sie zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kulturgütern des Landes und ist durch moderne digitale Editionen weltweit für die Forschung zugänglich. Die berühmte Lücke von acht Blättern erinnert zugleich daran, wie zufällig mittelalterliche Überlieferung sein kann. Ein Teil der Sigurd- und Brynhild-Dichtung ist verloren. Vom Ende der Sigurdrífumál konnten jüngere Abschriften Material bewahren, doch andere verlorene Texte lassen sich nur teilweise aus verwandten Überlieferungen erschließen. Was fehlt, lässt sich nicht vollständig zurückholen. Deshalb sollte der Codex Regius weder unterschätzt noch überhöht werden. Er ist kein unmittelbarer Bericht über den Glauben aller Menschen Skandinaviens und keine systematische heilige Schrift. Seine Gedichte widersprechen sich teilweise, spiegeln unterschiedliche Traditionen und wurden in einer christlichen Gesellschaft schriftlich bewahrt. Aber genau darin liegt seine außergewöhnliche Bedeutung. Der Codex Regius gibt uns keinen fertigen nordischen Kosmos. Er gibt uns Stimmen, Gedichte und Bilder einer älteren Überlieferung, die ein mittelalterlicher Schreiber vor rund 750 Jahren auf Pergament festhielt. Aus diesen Zeilen, gemeinsam mit anderen Schriftquellen und archäologischen Zeugnissen, versuchen wir heute zu verstehen, was Menschen im Norden einst über Götter, Welt und Schicksal erzählten. Wer nordische Mythologie deshalb wirklich verstehen möchte, sollte nicht nur fragen, was eine Geschichte erzählt . Die ebenso wichtige Frage lautet: Woher kennen wir sie? Beim Codex Regius führt genau diese Frage zu einer der kostbarsten Quellen, die uns aus dem mittelalterlichen Island erhalten geblieben sind.
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