1936 stießen Arbeiter bei Entwässerungsarbeiten auf Gotland auf einen eisernen Kasten. Er lag im Moor von Mästermyr und enthielt eine erstaunliche Sammlung: Hämmer, Zangen, Bohrer, Feilen, Äxte und weitere Werkzeuge. Einige waren für die Bearbeitung von Eisen gedacht, andere für Holz. Es waren keine kostbaren Schaustücke. Die meisten Gegenstände waren für ganz gewöhnliche Arbeiten bestimmt.
Der Fund ist heute eines der wichtigsten Zeugnisse für das Handwerk der Wikingerzeit. Er zeigt, welche Geräte einem Handwerker im 10. oder frühen 11. Jahrhundert zur Verfügung stehen konnten. Manche Werkzeuge würden auch einem heutigen Zimmermann oder Schmied sofort vertraut vorkommen. Andere lassen sich erst durch einen genaueren Blick auf ihre Form und die erhaltenen Gebrauchsspuren verstehen.
Solche Funde erzählen von einer Seite der Wikingerzeit, die hinter Schiffen, Waffen und Fernreisen leicht verschwindet. Dabei musste jedes Schiff erst gebaut werden. Für Häuser brauchte man Balken, für Wagen passende Holzverbindungen und für Kleidung Garn, Stoff und Nähwerkzeuge. Messer mussten geschärft, eiserne Beschläge hergestellt und beschädigte Gegenstände repariert werden. Ein großer Teil des täglichen Lebens beruhte auf handwerklicher Arbeit.
Erhalten geblieben sind vor allem Werkzeuge aus Eisen, Stein, Knochen und Geweih. Viele hölzerne Griffe, Schäfte und Arbeitsgestelle sind vergangen. Deshalb zeigen archäologische Funde oft nur einen Teil der ursprünglichen Ausstattung. Trotzdem lässt sich erstaunlich viel darüber sagen, womit die Menschen der Wikingerzeit arbeiteten und welche Fähigkeiten sie dafür benötigten.
Mästermyr – ein Werkzeugkasten aus der Wikingerzeit
Der Fund von Mästermyr auf Gotland wurde 1936 entdeckt. In einem eisernen Kasten lagen zahlreiche Werkzeuge und weitere Metallgegenstände. Die Sammlung wird gewöhnlich in das 10. oder frühe 11. Jahrhundert eingeordnet. Greta Arwidsson und Gösta Berg veröffentlichten 1983 mit The Mästermyr Find: A Viking Age Tool Chest from Gotland eine ausführliche wissenschaftliche Untersuchung der erhaltenen Stücke.
Besonders auffällig ist die Vielfalt. Neben Hämmern und Zangen fanden sich Bohrer, Meißel, Feilen und Geräte für unterschiedliche Holzarbeiten. Der Besitzer oder die Besitzer dieser Ausrüstung konnten damit verschiedene Materialien bearbeiten. Das ist interessant, weil sich moderne Vorstellungen von klar getrennten Berufen nur bedingt auf das frühmittelalterliche Handwerk übertragen lassen.
Ein Zimmermann benötigte beispielsweise nicht ausschließlich Werkzeuge für Holz. Musste er einen eisernen Beschlag anpassen oder ein beschädigtes Gerät instand setzen, waren Kenntnisse der Metallbearbeitung hilfreich. Auch beim Bau eines Wagens oder Schiffes griffen unterschiedliche Arbeiten ineinander. Holz musste zugeschnitten, verbunden und mit passenden Beschlägen versehen werden.
Wem der Kasten gehörte, ist unbekannt. Vielleicht war es die Ausrüstung eines einzelnen Handwerkers, vielleicht wurden die Werkzeuge von mehreren Menschen genutzt. Auch weshalb sie im Moor zurückblieben, lässt sich nicht sicher feststellen. Der Fund allein beweist weder einen Unfall noch eine absichtliche Niederlegung.
Sein besonderer Wert liegt in der gemeinsamen Überlieferung der Geräte. Normalerweise werden Werkzeuge einzeln gefunden oder nach ihrer letzten Verwendung weiterverarbeitet. In Mästermyr blieb dagegen eine umfangreiche Ausstattung erhalten. Dadurch lässt sich erkennen, welche Werkzeuge gleichzeitig verfügbar sein konnten und wie vielseitig die damalige Arbeit war.
Äxte und Beile – die wichtigsten Werkzeuge für Holz
Holz gehörte zu den meistverwendeten Materialien der Wikingerzeit. Häuser, Schiffe, Wagen, Möbel, Gefäße und zahlreiche kleinere Gegenstände wurden daraus hergestellt. Entsprechend wichtig waren Äxte und Beile. Mit ihnen konnte man Bäume fällen, Stämme spalten, Balken zurichten und Holzoberflächen bearbeiten.
Archäologische Axtfunde unterscheiden sich in Größe, Gewicht und Schneidenform. Manche hatten schmale, kräftige Klingen, andere breite Schneiden. Die jeweilige Form beeinflusste, für welche Arbeiten das Gerät besonders geeignet war. Zum Spalten eines Stammes brauchte man andere Eigenschaften als zum Glätten eines Balkens.
Eine klare Grenze zwischen Arbeits- und Streitaxt lässt sich allerdings nicht bei jedem Fund ziehen. Manche Axtformen waren besonders für den Kampf geeignet, andere eindeutig für bestimmte Holzarbeiten. Dazwischen gab es Geräte, die mehrere Zwecke erfüllen konnten. Deshalb reicht die äußere Form allein nicht immer aus, um die Verwendung sicher zu bestimmen.
Wie genau die Menschen mit Holz umgehen konnten, zeigen die erhaltenen Schiffe aus Norwegen. Das Osebergschiff wurde im frühen 9. Jahrhundert gebaut und 834 für eine Bestattung verwendet. Das Gokstadschiff stammt aus dem späten 9. Jahrhundert. Beide besitzen sorgfältig bearbeitete Planken und präzise Verbindungen.
Beim Schiffbau kam es besonders auf die Auswahl des Holzes an. Ein Stamm musste so gespalten und zugerichtet werden, dass die entstehenden Bauteile ausreichend fest und zugleich elastisch blieben. Die Richtung der Holzfasern spielte dabei eine wichtige Rolle. Ein erfahrener Handwerker konnte diese Eigenschaften bereits beim Bearbeiten berücksichtigen.
Auch Breitbeile waren für die Holzbearbeitung geeignet. Ihre breite Schneide erlaubte es, größere Flächen kontrolliert zu bearbeiten. Eine sorgfältig geführte Axt konnte erstaunlich gleichmäßige Oberflächen hinterlassen. Wer bei historischen Holzarbeiten nur an grob behauene Balken denkt, unterschätzt die Möglichkeiten dieser Werkzeuge.
Dechsel, Bohrer und Meißel – wenn Holz genau passen musste
Mit einer Axt ließ sich ein Balken auf die richtige Größe bringen. Für eine stabile Verbindung war damit aber noch nicht alles getan. Zapfen, Löcher und Aussparungen mussten genau ausgearbeitet werden. Dafür brauchten Handwerker kleinere Werkzeuge, die sich gezielter führen ließen.
Zu diesen Geräten gehörten Dechsel. Bei ihnen steht die Schneide anders zum Stiel als bei einer gewöhnlichen Axt. Dadurch lässt sich Holz auf eine andere Weise abtragen. Dechsel eignen sich beispielsweise zum Bearbeiten von Flächen und zum Aushöhlen bestimmter Werkstücke. Welche Arbeiten mit einem einzelnen Fundstück ausgeführt wurden, hängt von seiner Form und Größe ab.
Bohrer sind ebenfalls aus der Wikingerzeit erhalten. Der Werkzeugkasten von Mästermyr enthält mehrere eiserne Geräte, die für Bohrarbeiten bestimmt waren. Mit ihnen konnten Löcher für Verbindungen, Holznägel oder Beschläge hergestellt werden. Die ursprünglichen Holzgriffe sind häufig nicht erhalten, weshalb sich die genaue Handhabung nicht immer rekonstruieren lässt.
Meißel ermöglichten weitere Arbeiten an Holzverbindungen. Mit einer schmalen Schneide konnten Aussparungen ausgearbeitet oder bereits vorbereitete Flächen angepasst werden. Unterschiedliche Klingenbreiten waren für verschiedene Arbeitsschritte geeignet. Solche Werkzeuge waren besonders dort wichtig, wo zwei Bauteile möglichst genau ineinandergreifen mussten.
Auch Ziehmesser gehörten zur Ausstattung der Holzhandwerker. Ihre Klinge wurde zwischen zwei Griffen geführt und über das Werkstück gezogen. Damit ließ sich Holz kontrolliert abtragen. Das war beispielsweise beim Zurichten länglicher Teile oder beim Glätten bestimmter Oberflächen nützlich.
Die erhaltenen Holzgegenstände aus Haithabu zeigen, wie vielfältig diese Arbeiten waren. Dort wurden Schalen, Gefäße und zahlreiche andere Gegenstände gefunden. Manche besitzen einfache Formen, andere wurden sorgfältig ausgearbeitet. Die fertigen Stücke lassen erkennen, dass verschiedene Schneid- und Bearbeitungstechniken beherrscht wurden, auch wenn nicht jedes verwendete Werkzeug selbst erhalten geblieben ist.
Hämmer, Zangen und Ambosse – die Ausstattung einer Schmiede
Für die Eisenverarbeitung brauchte man eine Feuerstelle, geeigneten Brennstoff und Werkzeuge, mit denen sich erhitztes Metall bearbeiten ließ. Zu den wichtigsten Geräten gehörten Hämmer, Zangen und Ambosse. Alle drei sind aus wikingerzeitlichen Fundzusammenhängen bekannt.
Mit einem Hammer konnte der Schmied das erhitzte Eisen strecken, verbreitern oder in eine bestimmte Form bringen. Je nach Arbeit kamen unterschiedliche Hammerformen infrage. Eine breite Schlagfläche eignete sich für andere Aufgaben als eine schmale oder besonders geformte Arbeitsfläche.
Zangen waren notwendig, um heiße Werkstücke festzuhalten und während der Bearbeitung zu bewegen. Ihre Form konnte an die Größe und Gestalt des Metalls angepasst sein. Kleine Werkstücke stellten andere Anforderungen als größere eiserne Gegenstände. Auch Ambosse und andere feste Arbeitsunterlagen waren entsprechend unterschiedlich ausgeführt.
Der Werkzeugfund von Mästermyr enthält mehrere Geräte, die mit der Schmiedearbeit verbunden werden. Er zeigt, dass die damaligen Handwerker über eine vielseitige Ausstattung verfügten. Doch eine Schmiede bestand aus mehr als den Werkzeugen, die der Schmied in den Händen hielt.
Das Feuer musste ausreichend heiß werden. Dafür verwendete man Blasebälge, mit denen zusätzliche Luft zugeführt wurde. Ihre hölzernen und ledernen Bestandteile sind selten erhalten. Keramische Düsen, sogenannte Windformen, können dagegen im Boden überdauern. Sie geben Hinweise darauf, wie die Luft in den Feuerbereich geleitet wurde.
Archäologen erkennen ehemalige Schmiedeplätze außerdem an den Rückständen der Arbeit. Dazu gehören Schlacken, Reste von Feuerstellen und Hammerschlag. Hammerschlag entsteht, wenn sich beim Erhitzen und Bearbeiten kleine Partikel von der Oberfläche des Eisens lösen. Solche Rückstände können sich im Boden erhalten, selbst wenn die Werkzeuge später mitgenommen wurden.
Ein einzelner Hammer beweist daher noch keine Schmiedewerkstatt. Finden sich dagegen eine geeignete Feuerstelle, metallurgische Rückstände und weitere passende Gegenstände, lässt sich die Tätigkeit wesentlich besser nachweisen.
Feilen und Wetzsteine – Werkzeuge mussten gepflegt werden
Nach dem Schmieden war ein Gegenstand häufig noch nicht fertig. Schneiden mussten nachbearbeitet, Beschläge angepasst und Oberflächen geglättet werden. Dafür verwendete man Feilen und Schleifgeräte. Auch diese Werkzeuge sind archäologisch belegt.
Feilen ermöglichten es, kleine Mengen Metall gezielt abzutragen. Das war wichtig, wenn zwei Teile genau zusammenpassen sollten oder eine Oberfläche nachgearbeitet werden musste. Verschiedene Feilenformen erlaubten unterschiedliche Arbeiten. Im Mästermyr-Fund sind solche Geräte ebenfalls vertreten.
Wetzsteine gehörten zu den weit verbreiteten Hilfsmitteln des Alltags. Sie bestanden aus geeignetem Gestein und dienten dazu, Schneiden zu schärfen. Manche waren klein und konnten mitgeführt werden. Größere Schleifgeräte wurden eher an festen Arbeitsplätzen verwendet.
Ein Wetzstein lässt sich keinem bestimmten Beruf zuordnen. Ein Zimmermann brauchte scharfe Werkzeuge ebenso wie jemand, der Leder bearbeitete oder auf einem Hof arbeitete. Messer, Äxte und andere Schneidgeräte verloren bei regelmäßigem Gebrauch ihre Schärfe und mussten nachgearbeitet werden.
Viele Werkzeuge dürften über längere Zeit verwendet worden sein. Solange ein Gerät funktionierte, bestand kein Grund, es sofort zu ersetzen. Beschädigte eiserne Teile konnten außerdem repariert oder umgearbeitet werden. Das macht es schwierig, die ursprüngliche Lebensdauer eines Werkzeugs zu bestimmen.
Haithabu – was Werkstattabfälle über das Handwerk verraten
Haithabu an der Schlei war einer der bedeutendsten Handels- und Handwerksplätze der Wikingerzeit. Bei den Ausgrabungen wurden zahlreiche Werkzeuge, Rohmaterialien, unfertige Gegenstände und Produktionsreste gefunden. Die feuchten Bodenverhältnisse sorgten dafür, dass auch viele organische Materialien erhalten blieben.
Besonders gut lässt sich dort die Verarbeitung von Knochen und Geweih untersuchen. Aus diesen Materialien stellte man unter anderem Kämme, Nadeln und Griffe her. Bei der Herstellung entstanden Späne, abgeschnittene Stücke und andere Abfälle. Solche Reste sind für Archäologen oft aufschlussreicher als ein vollständig fertiger Gegenstand.
Ein mehrteiliger Kamm musste aus mehreren Einzelstücken zusammengesetzt werden. Zunächst wurde das Rohmaterial zugeschnitten und zugerichtet. Anschließend mussten die Teile miteinander verbunden und die Kammzähne ausgearbeitet werden. Dafür brauchte man geeignete Schneid- und Bohrwerkzeuge sowie Erfahrung im Umgang mit dem Material.
Werden unfertige Kammteile und passende Produktionsabfälle an einem Ort gefunden, spricht das für eine Herstellung vor Ort. Ein einzelner fertiger Kamm könnte dagegen auch durch Handel dorthin gelangt sein. Dieser Unterschied ist wichtig, wenn aus archäologischen Funden auf bestimmte handwerkliche Tätigkeiten geschlossen werden soll.
Auch die Lederverarbeitung ist in Haithabu nachweisbar. Leder wurde für Schuhe, Riemen und andere Gegenstände benötigt. Zur Bearbeitung verwendete man Messer, Ahlen und Nadeln. Mit einer Ahle konnten Löcher vorbereitet werden, durch die anschließend Fäden oder Riemen geführt wurden.
Die genaue Funktion kleiner eiserner Spitzen lässt sich nicht immer bestimmen. Ähnliche Geräte konnten bei verschiedenen Materialien eingesetzt werden. Erst der Fundzusammenhang hilft dabei, ihre mögliche Verwendung einzugrenzen.
Haithabu zeigt, dass viele Handwerke in einem größeren Siedlungsraum nebeneinander ausgeübt wurden. Wie die Arbeit organisiert war, lässt sich daraus nur teilweise erkennen. Die Funde belegen Tätigkeiten und technische Kenntnisse, verraten aber nicht automatisch, wie viele Menschen davon lebten oder ob sie ausschließlich dieses Handwerk betrieben.
Ribe – Werkzeuge für Schmuck und Metallguss
Im dänischen Ribe entwickelte sich bereits im 8. Jahrhundert ein bedeutender Handels- und Handwerksplatz. Archäologische Untersuchungen haben dort zahlreiche Hinweise auf spezialisierte Produktion erbracht. Dazu gehören die Verarbeitung von Buntmetallen und die Herstellung von Glasperlen.
Für gegossene Schmuckstücke benötigten Handwerker Schmelztiegel und Gussformen. Das Metall wurde erhitzt und anschließend in eine vorbereitete Form gegossen. Nach dem Erkalten konnte das Werkstück entnommen und weiterbearbeitet werden. Je nach Gegenstand waren zusätzliche Arbeitsschritte notwendig.
Schmelztiegel mussten hohe Temperaturen aushalten. Anhaftende Metallreste können heute Hinweise darauf geben, welche Materialien darin verarbeitet wurden. Gussformen zeigen dagegen, welche Gegenstände hergestellt werden sollten. Zusammen mit Produktionsabfällen entsteht so ein genaueres Bild der Arbeit.
Nach dem Gießen konnten Feilen, kleine Hämmer und andere Werkzeuge eingesetzt werden, um Oberflächen zu bearbeiten oder überstehendes Material zu entfernen. Bei verzierten Gegenständen waren weitere Arbeitsschritte möglich. Welche Geräte tatsächlich verwendet wurden, lässt sich jedoch nicht bei jedem Stück feststellen.
Die Funde aus Ribe zeigen, dass bestimmte Handwerke umfangreiche Fachkenntnisse verlangten. Ein gegossener Anhänger entstand nicht allein durch das Erhitzen von Metall. Die Form musste vorbereitet, die richtige Menge Material verarbeitet und das fertige Stück gegebenenfalls nachbearbeitet werden.
Auch bei der Glasperlenherstellung waren geeignete Geräte und kontrollierte Hitze notwendig. Viele Hilfsmittel sind nicht erhalten, doch Produktionsreste und misslungene Stücke können die Herstellung am Fundplatz belegen. Die Werkstatt hinterließ damit Spuren, selbst wenn ihre ursprüngliche Ausstattung längst verschwunden war.
Spinnwirtel, Webgewichte und Scheren – die Werkzeuge der Textilarbeit
Kleidung, Decken und andere Textilien mussten aus geeigneten Fasern hergestellt werden. Dafür waren mehrere Arbeitsschritte notwendig. Zunächst wurde das Rohmaterial vorbereitet und zu Garn versponnen. Anschließend konnte daraus Stoff gewebt werden, der schließlich zugeschnitten und vernäht wurde.
Zu den häufigsten archäologischen Funden aus diesem Bereich gehören Spinnwirtel. Sie waren Bestandteil einer Handspindel und halfen dabei, die Drehbewegung beim Spinnen aufrechtzuerhalten. Spinnwirtel konnten aus Stein, Ton oder anderen Materialien bestehen. Der hölzerne Spindelschaft ist wesentlich seltener erhalten.
Für das Weben verwendete man unter anderem Gewichtswebstühle. Bei ihnen wurden die senkrecht herabhängenden Kettfäden durch Gewichte gespannt. Solche Webgewichte sind aus zahlreichen Siedlungen bekannt. Wenn mehrere davon in einer auffälligen Anordnung gefunden werden, kann das Hinweise auf den ehemaligen Standort eines Webstuhls geben.
Auch Nadeln und Scheren gehörten zur Textilarbeit. Besonders Bügelscheren sind aus frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen bekannt. Ihre beiden Schneiden waren durch einen federnden Bügel verbunden. Sie konnten zum Schneiden von Fasern, Stoffen und anderen Materialien verwendet werden.
Die erhaltenen Textilien selbst zeigen, wie anspruchsvoll diese Arbeit war. Unterschiedliche Gewebestrukturen und Fadenstärken verlangten eine sorgfältige Vorbereitung. Die Textilfunde aus dem Oseberggrab geben einen Eindruck davon, welche Materialien und Verarbeitungstechniken im frühen 9. Jahrhundert bekannt waren.
Spinnwirtel und Webgeräte werden häufig mit der Arbeit von Frauen verbunden. Tatsächlich stammen zahlreiche entsprechende Funde aus Zusammenhängen, die auf weibliche Tätigkeiten hinweisen. Daraus lässt sich aber keine allgemeingültige Regel für alle Regionen und sozialen Gruppen ableiten. Ein Werkzeug belegt zunächst die Tätigkeit, für die es verwendet wurde. Wer sie ausführte und wie die Arbeit innerhalb eines Haushalts verteilt war, muss gesondert untersucht werden.
Sicheln, Sensen und Mahlsteine – Werkzeuge der Landwirtschaft
Ein großer Teil der Bevölkerung lebte auf landwirtschaftlichen Höfen. Felder mussten bearbeitet, Getreide geerntet, Gras geschnitten und Vorräte verarbeitet werden. Auch dafür standen unterschiedliche Werkzeuge zur Verfügung.
Sicheln und Sensen sind aus frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen bekannt. Sicheln eigneten sich zum Schneiden von Getreide und anderen Pflanzen. Sensen konnten unter anderem bei der Gewinnung von Gras und Heu verwendet werden. Ihre Formen unterschieden sich je nach Region und Verwendungszweck.
Für die Bodenbearbeitung kamen Geräte aus Holz und Eisen zum Einsatz. Von ihnen sind häufig nur die eisernen Bestandteile erhalten. Das erschwert die Rekonstruktion der ursprünglichen Konstruktion. Hinzu kommt, dass Bodenverhältnisse und landwirtschaftliche Arbeitsweisen regional unterschiedlich waren.
Auch Mahlsteine gehörten zur Ausstattung vieler Höfe. Mit Handdrehmühlen konnte Getreide zerkleinert werden. Sie bestanden aus zwei aufeinander abgestimmten Steinen, zwischen denen die Körner gemahlen wurden. Solche Geräte waren für die tägliche Versorgung wichtig und sind archäologisch vielfach nachgewiesen.
Daneben verwendete man Messer, Äxte und weitere Geräte, die auch aus anderen Arbeitsbereichen bekannt sind. Auf einem Hof mussten schließlich Gebäude instand gehalten, Zäune repariert und zahlreiche kleinere Gegenstände hergestellt werden. Nicht jede Arbeit erforderte einen eigenen spezialisierten Handwerker.
Oseberg – was die fertigen Werkstücke über die Werkzeuge verraten
Das Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen gehört zu den bedeutendsten archäologischen Funden der Wikingerzeit. Die Bestattung wurde 834 angelegt und enthielt neben dem Schiff zahlreiche Gegenstände aus Holz. Dazu gehören ein Wagen, Schlitten, Truhen und aufwendig verzierte Objekte.
Besonders die Holzschnitzereien zeigen, wie präzise die damaligen Handwerker arbeiten konnten. An manchen Stellen wurden größere Flächen bearbeitet, an anderen feine Linien und Muster ausgearbeitet. Dafür waren unterschiedliche Schneidwerkzeuge notwendig. Die genaue Form jedes einzelnen Gerätes lässt sich aus den fertigen Gegenständen allerdings nicht bestimmen.
Die erhaltenen Oberflächen geben Hinweise auf die Bearbeitung. Schnittspuren, Vertiefungen und Verbindungen können zeigen, welche Techniken angewendet wurden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass ein Werkstück während seiner Herstellung mehrere Arbeitsschritte durchlief.
Oseberg ist deshalb eine wichtige Ergänzung zu den Werkzeugfunden von Mästermyr. Während dort zahlreiche Geräte erhalten blieben, zeigen die Oseberg-Funde vor allem die Ergebnisse handwerklicher Arbeit. Beide Fundkomplexe helfen dabei, die technischen Möglichkeiten der Wikingerzeit besser zu verstehen.
Allerdings handelt es sich bei Oseberg um eine außergewöhnlich reiche Bestattung. Die dort niedergelegten Gegenstände waren nicht repräsentativ für jeden Haushalt. Sie zeigen, was unter bestimmten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen hergestellt werden konnte, nicht welche Ausstattung überall üblich war.
Konnte ein Werkzeug den Beruf seines Besitzers verraten?
Ein Hammer wird schnell mit einem Schmied verbunden, eine Axt mit einem Zimmermann und ein Spinnwirtel mit der Textilherstellung. Doch so einfach lassen sich die Berufe der Wikingerzeit nicht bestimmen. Viele Geräte wurden für unterschiedliche Arbeiten gebraucht.
Ein Messer konnte beim Schnitzen, bei der Lederverarbeitung oder bei alltäglichen Arbeiten auf einem Hof verwendet werden. Eine Feile war für verschiedene Bearbeitungsschritte geeignet. Auch eine Axt musste nicht ausschließlich einem Zimmermann gehören.
Besonders bei Grabfunden ist deshalb Vorsicht notwendig. Ein Werkzeug könnte auf die Tätigkeit des Verstorbenen hinweisen. Es könnte aber auch aus anderen Gründen beigegeben worden sein. Grabbeigaben waren Teil einer Bestattung und wurden bewusst ausgewählt. Sie bilden den Besitz oder das Leben eines Menschen nicht vollständig ab.
Mehrere gemeinsam gefundene Werkzeuge können die Deutung erleichtern. Noch aussagekräftiger wird ein Fund, wenn zusätzlich Rohmaterialien, Produktionsabfälle und unfertige Gegenstände vorhanden sind. Dann lässt sich häufig erkennen, welche Arbeiten an diesem Ort tatsächlich ausgeführt wurden.
Auch der Begriff Beruf muss für die Wikingerzeit mit Bedacht verwendet werden. Manche Menschen dürften besondere handwerkliche Kenntnisse besessen und regelmäßig für andere gearbeitet haben. Auf vielen Höfen gehörten unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten dagegen zum Alltag. Eine feste Trennung zwischen einzelnen Berufen lässt sich nicht überall nachweisen.
Warum sind manche Werkzeuge kaum erhalten?
Die archäologischen Funde zeigen nur einen Teil der ursprünglichen Werkzeugausstattung. Eisen, Stein und manche anderen Materialien konnten Jahrhunderte im Boden überdauern. Holz, Leder und Textilien zerfielen dagegen unter gewöhnlichen Bedingungen häufig vollständig.
Von einer Axt bleibt deshalb oft nur der eiserne Kopf erhalten. Bei einer Spindel kann der Wirtel überdauern, während der hölzerne Schaft verschwunden ist. Auch größere Geräte wie Webstühle oder landwirtschaftliche Arbeitsgestelle sind meist nur durch einzelne Bestandteile und Spuren nachweisbar.
Hinzu kommt die Wiederverwendung von Rohstoffen. Eisen war wertvoll und konnte repariert oder umgearbeitet werden. Ein beschädigtes Werkzeug musste nicht weggeworfen werden. Sein Material konnte für einen anderen Gegenstand verwendet werden. Dadurch gelangten viele Geräte vermutlich nie dauerhaft in den Boden.
Die Fundumstände spielen ebenfalls eine große Rolle. In einem Grab wurden Gegenstände bewusst niedergelegt. In Siedlungen gingen Werkzeuge verloren oder blieben bei der Aufgabe eines Gebäudes zurück. In Feuchtgebieten konnten besondere Bedingungen für ihre Erhaltung sorgen.
Deshalb bedeutet eine geringe Zahl archäologischer Funde nicht automatisch, dass ein Werkzeug selten verwendet wurde. Manche Geräte waren möglicherweise weit verbreitet, sind aber wegen ihres Materials oder ihrer späteren Wiederverwendung kaum erhalten geblieben.
Was die Werkzeuge über das Handwerk der Wikingerzeit erzählen
Die Funde aus Mästermyr, Haithabu, Ribe und Oseberg zeigen, wie unterschiedlich die handwerklichen Tätigkeiten der Wikingerzeit waren. Holz wurde gefällt, gespalten und sorgfältig bearbeitet. Eisen wurde erhitzt, geschmiedet und nachgearbeitet. Aus Geweih entstanden Kämme, aus Metall Schmuckstücke und aus Garn gewebte Stoffe.
Viele dieser Arbeiten verlangten Erfahrung. Ein Schmied musste wissen, wie sich Eisen bei unterschiedlichen Temperaturen verhielt. Ein Zimmermann musste die Eigenschaften des Holzes kennen. Wer einen Kamm aus Geweih herstellte, brauchte Geduld und präzise Werkzeuge. Die Qualität eines fertigen Gegenstandes hing deshalb ebenso vom Können des Handwerkers ab wie von seiner Ausstattung.
In Handelsplätzen wie Haithabu und Ribe lassen sich spezialisierte Tätigkeiten nachweisen. Auf landwirtschaftlichen Höfen wurden dagegen viele Arbeiten wahrscheinlich innerhalb des Haushalts erledigt. Beides konnte nebeneinander bestehen. Die erhaltenen Werkzeuge geben Hinweise auf diese unterschiedlichen Arbeitsbedingungen, ohne dass sich daraus eine vollständige Berufsordnung rekonstruieren ließe.
Gerade einfache Geräte sind für das Verständnis dieser Arbeitswelt wichtig. Ein Wetzstein, ein Bohrer oder eine gebrauchte Feile mag heute unscheinbar erscheinen. Für die Menschen der Wikingerzeit waren solche Gegenstände notwendig, um ihre Arbeit zuverlässig ausführen zu können.
Fazit – welche Werkzeuge der Wikingerzeit sind überliefert?
Aus der Wikingerzeit sind zahlreiche Werkzeuge erhalten geblieben. Dazu gehören Äxte, Beile, Dechsel, Bohrer, Meißel, Ziehmesser, Hämmer, Zangen, Ambosse, Feilen und Wetzsteine. Auch Spinnwirtel, Webgewichte, Nadeln, Scheren, Sicheln, Sensen und Mahlsteine sind archäologisch nachgewiesen. Sie zeigen, wie vielfältig die Arbeiten waren, die Menschen im frühmittelalterlichen Skandinavien täglich ausführten.
Besonders wertvoll ist der Werkzeugkasten von Mästermyr auf Gotland. Er bewahrt eine umfangreiche Ausstattung, mit der unterschiedliche Materialien bearbeitet werden konnten. Die Funde aus Haithabu und Ribe zeigen, welche Arbeiten in größeren Handels- und Handwerksplätzen ausgeführt wurden. Oseberg liefert mit seinen erhaltenen Holzgegenständen einen Eindruck von der handwerklichen Qualität, die damals erreicht werden konnte.
Nicht jedes Werkzeug lässt sich einem bestimmten Beruf zuordnen. Viele Geräte wurden für unterschiedliche Tätigkeiten gebraucht. Außerdem sind große Teile der ursprünglichen Ausstattung verloren gegangen, vor allem Gegenstände aus Holz und anderen organischen Materialien.
Die erhaltenen Funde machen dennoch deutlich, wie wichtig handwerkliche Fähigkeiten für das Leben in der Wikingerzeit waren. Häuser, Schiffe, Kleidung und alltägliche Gebrauchsgegenstände entstanden durch Menschen, die ihre Werkstoffe kannten und geeignete Werkzeuge beherrschten. Ihre Arbeit ist heute oft nur noch an einzelnen Geräten und Produktionsspuren zu erkennen. Gerade diese Funde ermöglichen einen unmittelbaren Blick auf den Alltag jener Zeit.


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