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1066 – Das Ende Haithabus und der Aufstieg Schleswigs

04.11.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 16 Min. Lesezeit

Im Jahr 1066 wurde Haithabu von einem slawischen Heer angegriffen. Der Überfall traf einen der bedeutendsten Handelsplätze Nordeuropas, der bereits sechzehn Jahre zuvor durch einen norwegischen Angriff schwer zerstört worden war. Diesmal wurde die Siedlung nicht wieder als Handelsstadt aufgebaut. Ihre wirtschaftlichen und politischen Aufgaben gingen auf einen neuen Standort am gegenüberliegenden Nordufer der Schlei über. Dort entwickelte sich das mittelalterliche Schleswig.

Das Jahr 1066 gilt deshalb als entscheidender Einschnitt in der Geschichte Haithabus. Die Stadt hatte fast drei Jahrhunderte lang Händler, Handwerker und Reisende aus unterschiedlichen Regionen verbunden. Über ihren Hafen gelangten Waren aus Skandinavien, dem Frankenreich, dem slawischen Ostseeraum und weit entfernten Handelsgebieten an die Schlei. Nun endete die Geschichte dieses außergewöhnlichen Handelsplatzes an seinem bisherigen Standort.

Die Zerstörung wird gewöhnlich einem westslawischen Angriff zugeschrieben. Eine Nachricht aus der Überlieferung Adams von Bremen berichtet von der Verwüstung einer reichen und bevölkerungsreichen Stadt namens Schleswig durch Heiden. Archäologische Untersuchungen bestätigen, dass Haithabu in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Sie zeigen aber auch, dass die Stadt vor ihrem Ende wirtschaftlich keineswegs bedeutungslos geworden war.

Gerade die neuere Forschung hat das Bild vom Untergang Haithabus verändert. Die Bewohner verloren ihren alten Siedlungsplatz, doch Handel, Handwerk und königliche Herrschaft verschwanden nicht aus der Region. Vieles spricht dafür, dass der Standortwechsel nach Schleswig bewusst organisiert wurde. Der Angriff von 1066 war damit zugleich das Ende einer Stadt und ein wichtiger Schritt bei der Entstehung einer neuen.

Haithabu – ein Handelszentrum zwischen Nord- und Ostsee

Haithabu lag am westlichen Ende der Schlei, einem langen Meeresarm der Ostsee im heutigen Schleswig-Holstein. Die Siedlung befand sich am Haddebyer Noor, südlich der heutigen Stadt Schleswig. Ihre Lage war für den Fernhandel besonders günstig, denn hier ließ sich der gefährliche Seeweg um die Halbinsel Jütland durch eine Kombination aus Schifffahrt und Landtransport umgehen.

Von der Schlei führten Wasserwege in die Ostsee. Westlich davon verlief eine kurze Landverbindung zur Treene, über die Waren weiter zur Eider und schließlich in Richtung Nordsee gelangen konnten. Kaufleute mussten ihre Güter auf dieser Strecke umladen und über Land transportieren. Trotzdem bot die Verbindung einen erheblichen Vorteil gegenüber der langen Fahrt um Jütland.

Hinzu kam der alte Nord-Süd-Verkehrsweg durch die jütische Halbinsel, der später als Ochsenweg bekannt wurde. Haithabu lag damit an einem Knotenpunkt wichtiger Verkehrsverbindungen. Die dänischen Herrscher konnten hier Handel überwachen, Abgaben erheben und ihre Macht an der südlichen Grenze ihres Herrschaftsbereichs sichern.

Die Anfänge der Siedlung reichen in das späte 8. Jahrhundert zurück. In den fränkischen Reichsannalen wird der Ort im Zusammenhang mit dem dänischen König Godfred erwähnt. Im Jahr 808 ließ Godfred nach dieser Quelle den slawischen Handelsplatz Reric zerstören und dort ansässige Kaufleute nach Haithabu bringen. Die Nachricht zeigt, wie eng Handel und königliche Politik bereits damals miteinander verbunden waren.

Während des 9. und 10. Jahrhunderts entwickelte sich Haithabu zu einem bedeutenden Handels- und Handwerkszentrum. Im Schutz der Siedlung entstanden Werkstätten, Wohnhäuser, Wege und Hafenanlagen. Archäologische Funde belegen Metallverarbeitung, Glasherstellung, Geweih- und Knochenhandwerk, Textilproduktion sowie zahlreiche weitere Tätigkeiten.

Arabische Silbermünzen, Gewichte, Schmuckstücke und importierte Waren zeigen die weiträumigen Handelsverbindungen. Haithabu war Teil eines Netzes, das den Ostseeraum mit Skandinavien, Westeuropa und den Handelswegen Osteuropas verband. Die Bevölkerung bestand aus Menschen unterschiedlicher Herkunft, die als Händler, Handwerker, Dienstleister oder Angehörige königlicher Gefolgschaften in der Stadt lebten.

Im 10. Jahrhundert wurde das zentrale Siedlungsgebiet durch einen mächtigen Halbkreiswall geschützt. Er umschloss ungefähr 25,5 Hektar und war mit dem Danewerk verbunden, einem umfangreichen Befestigungssystem im südlichen Grenzraum des dänischen Herrschaftsgebiets. Der Wall verdeutlicht, dass Haithabu wirtschaftlich wertvoll und militärisch gefährdet war.

Haithabu blieb bis ins 11. Jahrhundert wirtschaftlich bedeutend

Lange wurde angenommen, Haithabu habe bereits seit dem späten 10. Jahrhundert allmählich an Bedeutung verloren. Veränderungen im Fernhandel und die Entwicklung neuer Siedlungen schienen auf einen wirtschaftlichen Niedergang hinzudeuten. Neuere archäologische Untersuchungen haben diese Vorstellung wesentlich verändert.

Besonders wichtig sind die Forschungen des Archäologen Volker Hilberg. Für seine umfangreiche Untersuchung Haithabu 983–1066. Der Untergang eines dänischen Handelszentrums in der späten Wikingerzeit wertete er Tausende von Kleinfunden aus, die seit 2002 durch systematische Geländebegehungen und Metalldetektoruntersuchungen erfasst wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Haithabu noch bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts am überregionalen Handel beteiligt war. Münzen und Wägegewichte belegen wirtschaftliche Aktivitäten, die sich nicht mit der Vorstellung eines bereits weitgehend verlassenen Handelsplatzes vereinbaren lassen. Auch andere Funde zeigen, dass die Stadt weiterhin mit entfernten Regionen verbunden blieb.

Die jüngsten Siedlungsschichten sind allerdings schwer zu untersuchen. Anders als die tiefer liegenden, durch feuchte Bodenverhältnisse gut erhaltenen Befunde des 9. und 10. Jahrhunderts befinden sich viele Reste des 11. Jahrhunderts unmittelbar unter der heutigen Oberfläche. Landwirtschaftliche Nutzung und Bodenerosion haben sie stark beeinträchtigt.

Deshalb besitzen Archäologen für die letzten Jahrzehnte Haithabus weniger geschlossene Haus- und Straßengrundrisse als für ältere Siedlungsphasen. Die zahlreichen Metallfunde ergänzen diese Lücke. Sie zeigen, dass Haithabu unmittelbar vor den Zerstörungen von 1050 und 1066 noch ein bedeutender Handelsplatz war.

1050 – Harald der Harte lässt Haithabu niederbrennen

Der erste große Einschnitt des 11. Jahrhunderts ereignete sich um 1050. Damals kämpften der norwegische König Harald Sigurðarson, bekannt als Harald Hardråde oder Harald der Harte, und der dänische König Sven Estridsen um die Vorherrschaft im skandinavischen Raum.

Harald Hardråde war seit 1046 beziehungsweise 1047 König von Norwegen. Zuvor hatte er viele Jahre außerhalb Skandinaviens verbracht und unter anderem in der Warägergarde des Byzantinischen Reiches gedient. Nach seiner Rückkehr beanspruchte er auch die dänische Königsherrschaft. Daraus entstand ein langjähriger Konflikt mit Sven Estridsen.

Haithabu war für diesen Machtkampf ein lohnendes Ziel. Der Hafen lag in einem wichtigen Grenzgebiet und besaß erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Ein Angriff konnte dem dänischen König Einnahmen entziehen und zugleich seine politische Stellung schwächen.

Die Zerstörung wird in der altnordischen Überlieferung mit einem norwegischen Angriff verbunden. Besonders wichtig ist eine Skaldenstrophe des Dichters Þjóðólfr Arnórsson, der am Hof Harald Hardrådes wirkte. Sie beschreibt die Verbrennung der Stadt und gehört zu den älteren dichterischen Zeugnissen über das Ereignis.

Die Strophe ist in der späteren Königssagaüberlieferung erhalten, unter anderem in der Haralds saga Sigurðarsonar innerhalb der Heimskringla. Ihre Aussage ist für die historische Einordnung wertvoll, weil die Dichtung auf einen Zeitgenossen Haralds zurückgeht. Die mittelalterlichen Prosatexte, die sie überliefern, entstanden dagegen erst deutlich später.

Der Angriff wird gewöhnlich auf das Jahr 1050 datiert. Haralds Truppen setzten Haithabu in Brand und verursachten schwere Zerstörungen. Die Stadt wurde dadurch erheblich geschwächt, aber nicht endgültig aufgegeben.

Die archäologischen Untersuchungen der jüngeren Zeit bestätigen, dass Haithabu auch nach diesem Angriff noch genutzt wurde. Das ist ein entscheidender Punkt: Die Zerstörung von 1050 bedeutete nicht das Ende der Siedlung. Menschen lebten und arbeiteten weiterhin am alten Standort. Der endgültige Bruch folgte erst später.

1066 – der slawische Angriff auf Haithabu

Sechzehn Jahre nach dem norwegischen Überfall wurde Haithabu erneut angegriffen. Die Zerstörung von 1066 wird in der historischen Forschung einem westslawischen Heer zugeschrieben. Anders als für den Angriff Harald Hardrådes besitzen wir jedoch keine zeitgenössische ausführliche Erzählung über den Ablauf der Kämpfe.

Die wichtigste schriftliche Nachricht findet sich in einem Scholion zur Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum des Chronisten Adam von Bremen. Scholien sind ergänzende Anmerkungen, die in der handschriftlichen Überlieferung eines Werkes stehen können. Nicht jedes Scholion muss vom ursprünglichen Autor selbst stammen.

Die betreffende Nachricht beschreibt die Zerstörung einer reichen und bevölkerungsreichen Stadt namens Schleswig durch einen überraschenden Angriff von Heiden. Ein kurzer lateinischer Auszug lautet:

„ex improviso paganorum incursu funditus excisa est“

„Sie wurde durch einen unerwarteten Angriff von Heiden vollständig zerstört.“

Die Formulierung steht im Scholion 84 der Adam-Überlieferung, wobei die Zählung je nach Edition abweichen kann. Die Quelle spricht von Sliaswig, also Schleswig. Dieser Name konnte in der damaligen Überlieferung den Handelsplatz am inneren Ende der Schlei bezeichnen, dessen älterer Siedlungskern heute als Haithabu bekannt ist.

Der Text nennt die Angreifer nicht mit einem bestimmten Stammesnamen. Er bezeichnet sie als Heiden. Die Zuordnung zu westslawischen Gruppen ergibt sich aus dem historischen Zusammenhang und der Verbindung der Nachricht mit den Unruhen im slawischen Ostseeraum.

Auch die genaue Datierung ist quellenkritisch zu betrachten. Das Jahr 1066 ergibt sich aus der zeitlichen Einordnung der überlieferten Ereignisse. Ein exakter Tag oder Monat des Angriffs ist nicht bekannt. Ebenso wenig besitzen wir eine zuverlässige Nachricht über die Größe des angreifenden Heeres, den Verlauf der Kämpfe oder die Zahl der Opfer.

Der Bericht liefert damit einen wichtigen historischen Anhaltspunkt für die Zerstörung Haithabus. Er ist aber keine ausführliche Augenzeugenbeschreibung. Die archäologische Forschung muss ergänzen, was die schriftliche Überlieferung offenlässt.

Wer waren die slawischen Angreifer?

Im 11. Jahrhundert lebten südlich und östlich der westlichen Ostsee zahlreiche westslawische Gemeinschaften. Dazu gehörten die Abodriten und weitere Gruppen im Gebiet des heutigen Mecklenburg, Holstein und der angrenzenden Regionen. Ihre politischen Verhältnisse waren von wechselnden Bündnissen, inneren Konflikten und Auseinandersetzungen mit dänischen und sächsischen Herrschern geprägt.

Die Bezeichnung „Slawen“ beschreibt deshalb keine einheitliche politische Macht. Die westslawischen Gruppen besaßen unterschiedliche Herrschaftsstrukturen und Interessen. Sie standen mit den skandinavischen Gesellschaften durch Handel, Heiratsverbindungen, militärische Bündnisse und Kriege in Kontakt.

Besonders wichtig waren die Ereignisse des Jahres 1066 im abodritischen Herrschaftsgebiet. Der christliche Fürst Gottschalk, der enge Verbindungen zu Sachsen und Dänemark unterhielt, wurde während eines Aufstandes getötet. In der Folge kam es zu Angriffen auf christliche Einrichtungen und zu schweren politischen Veränderungen im südwestlichen Ostseeraum.

Adam von Bremen berichtet ausführlich über diese Unruhen. Sie zeigen, dass der Angriff auf Haithabu in eine Phase größerer Konflikte fiel. Der südliche Ostseeraum war damals keineswegs durch eine stabile Grenze zwischen skandinavischen und slawischen Herrschaftsgebieten getrennt.

Ob die Angreifer von Haithabu unmittelbar zu den Aufständischen gegen Gottschalk gehörten, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Auch ein bestimmter Anführer des Angriffs ist nicht gesichert überliefert.

Die Verbindung mit den westslawischen Auseinandersetzungen bleibt dennoch die überzeugendste historische Einordnung. Haithabu lag in Reichweite dieser Konflikte und war als bedeutender Handelsplatz ein wirtschaftlich wie politisch wertvolles Ziel.

Warum wurde Haithabu angegriffen?

Die schriftlichen Quellen nennen kein eindeutiges Motiv für die Zerstörung von 1066. Mehrere politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kommen als Erklärung infrage.

Haithabu gehörte zum Einflussbereich des dänischen Königtums. Ein Angriff auf den Handelsplatz konnte deshalb auch als Angriff auf dänische Herrschaft verstanden werden. Die Stadt besaß einen Hafen, wirtschaftliche Einrichtungen und Verbindungen zu weit entfernten Handelsräumen. Ihre Zerstörung konnte erhebliche Schäden verursachen.

Auch die Konflikte um die Christianisierung und die politische Neuordnung des südlichen Ostseeraums spielten in dieser Zeit eine Rolle. Der Aufstand gegen Gottschalk richtete sich unter anderem gegen christliche Herrschaftsstrukturen. Daraus folgt allerdings nicht, dass Haithabu ausschließlich aus religiösen Gründen angegriffen wurde.

Die Stadt selbst war bereits seit dem 9. Jahrhundert ein Ort christlicher Mission. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts erhielt Ansgar die Erlaubnis, dort eine Kirche einzurichten. Im Jahr 948 wurde Schleswig beziehungsweise Haithabu als Bischofssitz genannt. Christliche Einrichtungen gehörten somit schon lange vor 1066 zur Geschichte des Handelsplatzes.

Ein Angriff konnte sich gegen königliche Macht, wirtschaftliche Ressourcen oder politische Gegner richten. Welche dieser Motive für die Angreifer ausschlaggebend waren, wissen wir nicht. Eine eindeutige Erklärung wäre angesichts der Quellenlage spekulativ.

Was zeigen die archäologischen Spuren der Zerstörung?

Haithabu gehört zu den am intensivsten erforschten Siedlungsplätzen der Wikingerzeit. Seit dem Jahr 1900 finden dort systematische archäologische Untersuchungen statt. Besonders die feuchten Bodenverhältnisse am ehemaligen Hafen haben außergewöhnlich gut erhaltene Holzreste und andere organische Materialien bewahrt.

Die Ausgrabungen dokumentieren Wohnhäuser, Werkstätten, Wege, Brunnen, Hafenanlagen und Befestigungen. Auch Brandschäden und Zerstörungen gehören zum archäologischen Befund. Sie zeigen, dass die Siedlung wiederholt von Feuer und gewaltsamen Ereignissen betroffen war.

Die genaue Zuordnung einzelner Brandschichten zu den Angriffen von 1050 und 1066 ist allerdings schwierig. Archäologische Schichten lassen sich nicht immer auf ein bestimmtes Kalenderjahr datieren. Besonders die jüngsten Siedlungsreste wurden durch spätere Bodennutzung beschädigt.

Ein wichtiger Teil der jüngeren Forschung beschäftigt sich deshalb mit Kleinfunden. Münzen, Gewichte, Schmuckstücke und andere Metallgegenstände ermöglichen es, die Nutzung des Siedlungsplatzes im 11. Jahrhundert genauer zu untersuchen.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Haithabu bis in die Mitte des Jahrhunderts wirtschaftlich aktiv blieb. Nach den Zerstörungen wurde der alte Standort dagegen nicht erneut als bedeutendes städtisches Zentrum aufgebaut.

Die Archäologie bestätigt somit den grundlegenden historischen Wandel. Sie liefert aber keine vollständige Rekonstruktion des Angriffs. Weder die Zahl der Angreifer noch der genaue Verlauf der Kämpfe oder das Ausmaß der unmittelbaren menschlichen Verluste lassen sich aus den Funden zuverlässig bestimmen.

Warum schützten der Halbkreiswall und das Danewerk die Stadt nicht?

Haithabu verfügte über umfangreiche Befestigungen. Der mächtige Halbkreiswall umschloss das zentrale Siedlungsgebiet auf der Landseite. Zusammen mit dem Danewerk gehörte er zu einem größeren System von Verteidigungsanlagen im südlichen Grenzraum des dänischen Herrschaftsgebiets.

Der Wall war ein erheblicher Schutz gegen Angriffe. Seine Existenz zeigt, wie wichtig die Sicherung des Handelsplatzes war. Er konnte aber keine dauerhafte Unverwundbarkeit gewährleisten.

Die Stadt lag unmittelbar am Wasser. Ihr Hafen musste für Handelsschiffe erreichbar bleiben. Gleichzeitig konnten Angreifer aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Die Verteidigung einer solchen Siedlung erforderte Menschen, Waffen und eine funktionierende militärische Organisation.

Für den Angriff von 1066 fehlen genaue Nachrichten über die eingesetzten Truppen und den Verlauf der Kämpfe. Wir wissen deshalb nicht, ob die Angreifer den Wall überwanden, über den Hafen eindrangen oder die Siedlung auf andere Weise erreichten.

Auch die Frage, ob Haithabu nach dem Angriff von 1050 militärisch geschwächt war, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die erneute Zerstörung zeigt lediglich, dass die vorhandenen Befestigungen den Handelsplatz letztlich nicht vor einem weiteren schweren Angriff bewahren konnten.

Was geschah mit den Bewohnern Haithabus?

Die schriftlichen Quellen berichten nicht, wie viele Menschen beim Angriff von 1066 starben oder gefangen genommen wurden. Auch über eine mögliche Flucht der Bevölkerung besitzen wir keine ausführlichen zeitgenössischen Nachrichten.

Die Aufgabe des alten Siedlungsplatzes bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Bewohner die Region verließen. Nur wenige Kilometer entfernt entstand am Nordufer der Schlei ein neues städtisches Zentrum. Die räumliche Nähe und die Fortsetzung wirtschaftlicher Funktionen sprechen dafür, dass Menschen und Tätigkeiten aus Haithabu in die Entwicklung Schleswigs einbezogen wurden.

Ob einzelne Familien unmittelbar nach dem Angriff umzogen oder ob die Verlagerung schrittweise erfolgte, ist nicht vollständig geklärt. Die archäologischen Untersuchungen zeigen einen Übergang, dessen genaue Abläufe sich nur teilweise rekonstruieren lassen.

Für die Bewohner bedeutete der Standortwechsel vermutlich erhebliche Veränderungen. Wohnhäuser, Werkstätten, Lagerplätze und Hafenanlagen mussten am neuen Ort eingerichtet werden. Auch die Organisation des Handels und die Nutzung der verfügbaren Flächen veränderten sich.

Die wirtschaftlichen Beziehungen der Region bestanden aber weiter. Die Schlei blieb ein wichtiger Verkehrsweg, und die Verbindung zwischen Nord- und Ostsee verlor ihre Bedeutung nicht. Die Menschen gaben den alten Handelsplatz auf, ohne die wirtschaftlichen Möglichkeiten seiner Umgebung aufzugeben.

Der Aufstieg Schleswigs – eine Stadt zieht um

Nach 1066 entwickelte sich am nördlichen Ufer der Schlei die mittelalterliche Stadt Schleswig. Die ältesten archäologisch nachgewiesenen Bautätigkeiten werden dort auf das Jahr 1071 datiert. Der zeitliche Abstand zur Zerstörung Haithabus ist damit gering.

Die neuere Forschung betrachtet beide Orte zunehmend als aufeinanderfolgende Standorte eines gemeinsamen Handelszentrums. Besonders Volker Hilbergs Untersuchungen zeigen, dass die Entwicklung Schleswigs nicht einfach als zufällige Neugründung neben einer untergegangenen Stadt verstanden werden sollte.

Vieles spricht für eine bewusste Verlagerung unter dem dänischen König Sven Estridsen, der von 1047 bis 1076 regierte. Der neue Standort bot andere Möglichkeiten für die städtische Entwicklung und die Ausübung königlicher Herrschaft.

Schleswig war kleiner als das frühere Haithabu und ließ sich möglicherweise leichter verteidigen. Zugleich konnten dort neue Gebäude, Hafenanlagen und Einrichtungen entstehen, die besser zu den veränderten politischen und wirtschaftlichen Anforderungen des späten 11. Jahrhunderts passten.

Besonders wichtig war die Rolle des Königtums und der Kirche. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts veränderten sich die skandinavischen Herrschaftsstrukturen. Könige bauten ihre Macht aus, während Bischofssitze und kirchliche Einrichtungen zunehmend an Bedeutung gewannen. Schleswig entwickelte sich zu einem Ort, an dem diese Veränderungen sichtbar wurden.

Die Verlagerung war damit wahrscheinlich mehr als eine unmittelbare Reaktion auf die Zerstörung. Sie bot die Möglichkeit, einen bedeutenden Handelsplatz an einem neuen Standort zu organisieren. Die wirtschaftliche Bedeutung der Schlei blieb erhalten, während sich die räumliche und politische Struktur der Stadt veränderte.

Warum wurde Haithabu nicht wieder aufgebaut?

Nach dem Angriff von 1050 war Haithabu weiterhin genutzt worden. Warum entschieden sich die Verantwortlichen nach 1066 für die Aufgabe des alten Standortes?

Eine vollständige Antwort besitzen wir nicht. Die wiederholten Zerstörungen dürften die Sicherheit der Siedlung erheblich beeinträchtigt haben. Gleichzeitig bot das Nordufer der Schlei Möglichkeiten für eine neue städtische Entwicklung.

Auch Veränderungen im Schiffbau und im Handel könnten eine Rolle gespielt haben. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts wurden größere Handelsschiffe verwendet, und Hafenanlagen mussten den Anforderungen des wachsenden Warenverkehrs entsprechen. Ob diese Entwicklung unmittelbar zur Verlagerung führte, ist allerdings nicht eindeutig nachgewiesen.

Ein besonders aufschlussreicher Fund aus Haithabu ist das sogenannte Wrack 3. Das große Handelsschiff wurde nach dendrochronologischen Untersuchungen um 1023 gebaut. Es zeigt, dass Haithabu noch in seiner Spätzeit mit leistungsfähigen Frachtschiffen und weitreichendem Handel verbunden war.

Die neue Stadt Schleswig konnte auf den vorhandenen Verkehrswegen aufbauen. Ihre Entstehung erforderte deshalb keine grundlegende Veränderung der regionalen Handelsgeografie. Der Hafen lag weiterhin am inneren Ende der Schlei, und die Landverbindung zur Nordsee blieb erreichbar.

Die Aufgabe Haithabus dürfte somit aus mehreren Gründen erfolgt sein. Die Zerstörung von 1066 war der unmittelbare historische Einschnitt. Die Entscheidung für Schleswig entsprach zugleich den wirtschaftlichen und politischen Veränderungen der Zeit.

1066 und das Ende der Wikingerzeit

Das Jahr 1066 gehört zu den bekanntesten Daten der europäischen Geschichte. Im September fiel Harald Hardråde bei der Schlacht von Stamford Bridge in England. Wenige Wochen später besiegte Wilhelm, Herzog der Normandie, den englischen König Harald Godwinson bei Hastings. Im selben Jahr wurde Haithabu zerstört.

Diese Ereignisse werden häufig mit dem Ende der Wikingerzeit verbunden. Sie markieren bedeutende Veränderungen in den politischen Verhältnissen Nordeuropas. Die skandinavischen Königreiche waren längst in die europäische Staatenwelt eingebunden, und das Christentum hatte ihre Herrschaftsstrukturen tiefgreifend verändert.

Haithabu zeigt diesen Wandel besonders deutlich. Der alte Handelsplatz war während der Wikingerzeit gewachsen und hatte seine wirtschaftliche Bedeutung aus den Verbindungen zwischen verschiedenen Regionen gewonnen. Seine Aufgabe fiel in eine Zeit, in der sich Städte, königliche Herrschaft und kirchliche Organisation neu entwickelten.

Das Ende der Wikingerzeit lässt sich allerdings nicht auf ein einzelnes Jahr festlegen. Handel, Seefahrt und kulturelle Traditionen bestanden nach 1066 weiter. Auch die skandinavischen Gesellschaften veränderten sich nicht überall gleichzeitig.

Für Haithabu besitzt das Jahr dennoch eine besondere Bedeutung. Der alte Siedlungsplatz wurde aufgegeben, während Schleswig seine Aufgaben übernahm. Damit endete eine konkrete städtische Geschichte, die im späten 8. Jahrhundert begonnen hatte.

Was blieb von Haithabu?

Nach seiner Aufgabe wurde das Gelände innerhalb des Halbkreiswalls nicht erneut als Stadt bebaut. Gerade dieser Umstand macht Haithabu heute zu einem außergewöhnlichen archäologischen Fundplatz. Anders als in vielen bis heute bewohnten Städten liegen große Teile der wikingerzeitlichen Siedlung unter unbebautem Gelände.

Die Forschungen begannen um 1900 und dauern bis heute an. Ausgrabungen, geophysikalische Untersuchungen und die Auswertung zahlreicher Fundgegenstände haben ein immer genaueres Bild des Handelsplatzes entstehen lassen.

Besonders bekannt sind die Funde aus dem Hafenbereich, die erhaltenen Holzreste der Häuser und Wege sowie die zahlreichen Gegenstände aus Handel und Handwerk. Sie zeigen, wie Menschen in Haithabu lebten, arbeiteten und mit weit entfernten Regionen verbunden waren.

Seit 2018 gehören Haithabu und das Danewerk gemeinsam zum UNESCO-Welterbe. Die Anerkennung würdigt ihre Bedeutung für die Geschichte des Handels, der Befestigungssysteme und der kulturellen Kontakte im Europa der Wikingerzeit.

Die jüngeren Untersuchungen zur Spätzeit Haithabus haben außerdem gezeigt, dass das Ende des Handelsplatzes noch längst nicht vollständig verstanden ist. Neue Fundauswertungen können das Bild der Jahre zwischen 983 und 1066 weiter verändern.

Fazit – warum endete Haithabus Geschichte im Jahr 1066?

Im Jahr 1066 wurde Haithabu nach der gängigen historischen Rekonstruktion durch einen westslawischen Angriff zerstört. Eine Nachricht aus der Überlieferung Adams von Bremen berichtet von der Verwüstung des reichen Handelsplatzes Schleswig durch Heiden. Die genaue Herkunft der Angreifer, der Ablauf des Überfalls und die Zahl der Opfer sind nicht bekannt. Archäologische Untersuchungen bestätigen den tiefgreifenden Einschnitt in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, erlauben aber keine vollständige Rekonstruktion der Kämpfe.

Haithabu war zu diesem Zeitpunkt noch immer ein bedeutendes Handelszentrum. Neuere Forschungen widerlegen die ältere Vorstellung eines bereits seit Jahrzehnten wirtschaftlich bedeutungslosen Ortes. Die Zerstörung von 1050 durch Harald Hardråde hatte die Stadt schwer getroffen, ohne ihre Nutzung zu beenden. Erst nach dem Angriff von 1066 wurde der alte Standort endgültig aufgegeben.

Der Handel an der Schlei bestand weiter. Am gegenüberliegenden Ufer entstand Schleswig, wahrscheinlich im Rahmen einer bewussten Verlagerung unter König Sven Estridsen. Das Jahr 1066 bezeichnet deshalb das Ende Haithabus als Siedlungsplatz, aber keinen Abbruch der wirtschaftlichen Geschichte der Region. Die Stadt verschwand, während ihre Aufgaben an einem neuen Ort fortgeführt wurden.

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