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Die Rus und Kiew im 9. Jahrhundert – zwischen Archäologie und später Überlieferung

22.11.2024Verlag NorseStory · Berlinca. 19 Min. Lesezeit

Kiew im 9. Jahrhundert lässt sich nicht auf ein einzelnes Gründungsjahr und ebenso wenig auf die Tat eines einzigen Herrschers reduzieren. Die Entstehung jener politischen Ordnung, die wir rückblickend mit der frühen Rus verbinden, war ein längerer Prozess. Handelswege, lokale Herrschaftsstrukturen, Tribute, militärische Gefolgschaften und die zunehmende Bewegung skandinavisch geprägter Gruppen durch die Flusslandschaften Osteuropas wirkten über Generationen zusammen. Kiew gewann innerhalb dieses Geflechts eine immer größere Bedeutung – nicht weil im Jahr 860 plötzlich ein neues Reich gegründet wurde, sondern weil der mittlere Dnepr zu einem entscheidenden Verbindungsglied zwischen dem nördlichen Ostseeraum und dem Schwarzen Meer wurde.

Gerade bei der frühen Geschichte der Rus ist Quellenkritik unverzichtbar. Die bekannteste zusammenhängende Erzählung über Rurik, Askold, Dir und Oleg stammt aus der sogenannten Primary Chronicle, der Povest’ vremennych let oder „Erzählung der vergangenen Jahre“. Ihre erhaltene Gestalt entstand jedoch erst im frühen 12. Jahrhundert – mehr als zweihundert Jahre nach den Ereignissen, die sie für die Mitte und das Ende des 9. Jahrhunderts schildert. Die Chronik bewahrt ältere Traditionen und Erinnerungen, ist für die Erforschung der Rus von unschätzbarem Wert, kann aber nicht wie ein zeitgenössisches Protokoll der Jahre 860 oder 882 gelesen werden.

Andere Quellen erlauben einzelne Blicke aus größerer zeitlicher Nähe. Fränkische Annalen kennen bereits 839 eine Gruppe namens Rhos, deren Mitglieder am Hof Ludwigs des Frommen als Schweden eingeordnet wurden. Byzantinische Autoren berichten 860 vom Angriff der Rus auf Konstantinopel. Archäologische Funde wiederum zeigen schon seit dem 8. Jahrhundert intensive Kontakte zwischen dem Ostseeraum und Handelsplätzen wie Staraja Ladoga. Zusammengenommen entsteht daraus kein einfacher Gründungsmythos, sondern das Bild einer vielschichtigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Skandinavien, Osteuropa, dem Kalifat, den Steppengebieten und Byzanz.

Osteuropa als Landschaft der Flüsse und Verbindungen

Die Entstehung der Rus lässt sich kaum verstehen, wenn Osteuropa lediglich als riesiger Landraum betrachtet wird. Seine großen Flusssysteme bildeten die entscheidenden Verkehrsadern. Wolchow, Lovat, Düna, Dnepr, Wolga und weitere Flüsse verbanden Seen, Siedlungsräume und Handelsplätze miteinander. Zwischen einzelnen Wasserwegen lagen Portagen, an denen Schiffe beziehungsweise ihre Ladungen über Land umgesetzt werden mussten. Zusammen entstand ein Netz, das die Ostsee sowohl mit dem Kaspischen als auch mit dem Schwarzen Meer verbinden konnte.

Diese Wege waren keine fertig angelegten „Handelsstraßen“ mit einheitlicher Kontrolle. Sie führten durch Gebiete unterschiedlicher Bevölkerungen und politischer Gruppen. Slawisch-, finno-ugrisch- und baltischsprachige Gemeinschaften lebten entlang der Routen, während weiter südlich das Khazarenreich eine bedeutende politische und wirtschaftliche Macht darstellte. Händler und bewaffnete Gefolgschaften mussten Abgaben entrichten, Beziehungen herstellen, lokale Herrscher berücksichtigen und gefährliche Abschnitte überwinden.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur Vorstellung einer einfachen „Eroberung des Ostens“. Skandinavisch geprägte Gruppen bewegten sich nicht durch ein leeres Gebiet. Sie traten in bestehende Siedlungs-, Handels- und Herrschaftslandschaften ein, wurden Teil ihrer Netzwerke und beeinflussten diese zugleich. Politische Strukturen entstanden aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Bevölkerungen und Interessen.

Von der Ostsee nach Süden

Eine der später besonders bekannten Routen verlief aus dem Ostseeraum über den Ladogasee, den Wolchow und weiter über verschiedene Fluss- und Landverbindungen zum Dnepr. Von dort führte der Weg nach Süden in Richtung Schwarzes Meer und schließlich nach Konstantinopel. Die Primary Chronicle beschreibt diese Verbindung später als Weg „von den Warägern zu den Griechen“.

Diese berühmte Bezeichnung stammt aus einer wesentlich späteren Quelle, doch die wirtschaftliche Verbindung selbst lässt sich auch archäologisch und durch andere Schriftzeugnisse erfassen. Arabische Silbermünzen gelangten in großer Zahl über osteuropäische Netzwerke bis in den Ostseeraum und nach Skandinavien. In die Gegenrichtung wurden unter anderem Pelze, Wachs, Honig und versklavte Menschen gehandelt. Byzanz wiederum bot Zugang zu mediterranen Luxuswaren und einem der wirtschaftlich mächtigsten Zentren der damaligen Welt.

Handel, Tribut und Gewalt gehörten nebeneinander

Diese Netzwerke dürfen nicht ausschließlich als friedlicher Fernhandel verstanden werden. Händler konnten bewaffnet sein, Gefolgschaften konnten Tribute erheben, und politische Kontrolle über einen Flussabschnitt konnte wirtschaftlichen Gewinn bedeuten. Raub, Handel und Herrschaft waren in frühmittelalterlichen Gesellschaften nicht immer klar voneinander getrennt.

Wer wichtige Knotenpunkte kontrollierte, konnte von den Warenströmen profitieren. Tribute und Abgaben waren deshalb ein wesentlicher Bestandteil der frühen politischen Entwicklung. Gerade entlang der großen Flüsse entstanden Zentren, deren Bedeutung aus der Verbindung von Handel, lokaler Landwirtschaft, Handwerk und militärischer Kontrolle erwuchs.

Staraja Ladoga – ein früher Knotenpunkt im Norden

Einer der wichtigsten Orte für das Verständnis dieser Entwicklung ist Staraja Ladoga am Wolchow südlich des Ladogasees. Dendrochronologische Untersuchungen datieren frühe Holzbauten dort spätestens in die Mitte des 8. Jahrhunderts. Der Platz existierte damit bereits Jahrzehnte vor den berühmten dynastischen Erzählungen um Rurik.

Archäologische Funde zeigen Kontakte in unterschiedliche Regionen und eine skandinavische Präsenz innerhalb der Siedlung. Handwerker, Händler und andere Menschen aus dem Ostseeraum kamen dort mit lokalen Bevölkerungsgruppen zusammen. Staraja Ladoga entwickelte sich zu einem bedeutenden Emporium innerhalb der nordeuropäischen Handelswelt und blieb während der folgenden Jahrhunderte eng mit den Verbindungen nach Skandinavien verbunden.

Gerade dieser Befund verändert unser Bild der frühen Rus. Die Geschichte beginnt nicht damit, dass ein einzelner Fürst aus dem Norden im Jahr 862 plötzlich eine politische Ordnung erschuf. Bereits lange zuvor existierten Handelsplätze und Kontakte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammentrafen. Die politischen Entwicklungen des späteren 9. Jahrhunderts wuchsen auf einem Fundament auf, das bereits im 8. Jahrhundert entstanden war.

Ladoga, Ilmensee und weitere Zentren

Von Ladoga aus führte der Wolchow zum Ilmensee und in jene Region, in der sich später Nowgorod zu einem der bedeutendsten Zentren der Rus entwickeln sollte. Für das 9. Jahrhundert ist allerdings Vorsicht mit dem Stadtnamen „Nowgorod“ notwendig. Das archäologisch bedeutende Rjurikowo Gorodischtsche südlich der späteren mittelalterlichen Stadt besitzt für die frühe Phase besondere Bedeutung.

Weiter südlich lagen andere Knotenpunkte wie Smolensk und schließlich Kiew. Diese Orte bildeten kein von Beginn an einheitlich kontrolliertes Reich. Vielmehr entwickelten sich entlang der Flüsse unterschiedliche Zentren mit eigenen regionalen Beziehungen. Erst im Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts wurden mehrere dieser Räume zunehmend unter miteinander verbundenen Fürstenherrschaften zusammengeführt.

Keine einheitliche „Nordmännerkolonie“

Auch an Orten mit deutlichen skandinavischen Funden sollte nicht von vollständig skandinavischen Kolonien gesprochen werden. Gegenstände bestimmter Herkunft belegen Kontakte und Anwesenheit, nicht automatisch die ethnische Zugehörigkeit jedes Bewohners. Die Siedlungen Osteuropas waren Kontaktzonen.

Gerade diese Mischung ist für die Entstehung der Rus entscheidend. Skandinavische Gefolgschaften bildeten einen wichtigen Teil der Entwicklung, aber nicht ihre gesamte Bevölkerung. Die späteren Herrschaftsgebiete der Rus waren überwiegend von lokalen slawischen, finno-ugrischen und anderen Gemeinschaften bewohnt.

Wer oder was waren die Rus?

Der Ursprung des Namens Rus gehört zu den am intensivsten diskutierten Fragen der osteuropäischen Frühgeschichte. Eine skandinavische beziehungsweise genauer ostskandinavische Herkunft des Namens wird von einem großen Teil der modernen Forschung vertreten, doch die Geschichte des Begriffes ist komplex. Seine Bedeutung veränderte sich im Laufe der Zeit.

Frühe auswärtige Quellen verwenden Rus zunächst für bestimmte Gruppen. Besonders wichtig sind die Annales Bertiniani für das Jahr 839. Sie berichten von Männern, die sich Rhos nannten und zusammen mit einer byzantinischen Gesandtschaft an den Hof Ludwigs des Frommen gelangten. Bei einer Untersuchung ihrer Herkunft wurden sie als Schweden eingeordnet. Dies ist eines der frühesten zeitnahen Zeugnisse, das den Namen Rus mit Menschen skandinavischer Herkunft verbindet.

Schon daraus folgt jedoch nicht, dass „Rus“ dauerhaft nur „Schweden“ bedeutete. Im Laufe des 9. und 10. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff weiter und konnte eine Herrschaftsgruppe, ein politisches Gemeinwesen und schließlich dessen Land und Bevölkerung bezeichnen. Genau deshalb ist es irreführend, die Rus als einen einheitlichen „nordischen Stamm“ zu beschreiben.

Von einer Gruppe zum Namen eines Herrschaftsraumes

Politische Gemeinschaften können ihren Namen von einer vergleichsweise kleinen Führungsschicht erhalten, ohne dass sämtliche Bewohner derselben Herkunft angehören. Ein vergleichbarer Prozess ist auch für die Rus denkbar. Skandinavisch geprägte Gefolgschaften spielten bei Herrschaft, Handel und militärischer Organisation eine wichtige Rolle, während die Bevölkerungsmehrheit vieler kontrollierter Gebiete anderen sprachlichen und kulturellen Gruppen angehörte.

Über Generationen veränderte sich dadurch auch die Führungsschicht selbst. Namen skandinavischer Herkunft wie Oleg beziehungsweise Helgi oder Igor beziehungsweise Ingvar zeigen die frühen nordischen Verbindungen. Gleichzeitig wurden die Fürsten und ihre Gefolgschaften zunehmend Bestandteil der slawisch geprägten Welt Osteuropas.

Die Rus waren ein historischer Prozess

Gerade deshalb ist es sinnvoller, von der Entstehung der Rus zu sprechen als von einem Volk, das fertig aus Skandinavien nach Osteuropa wanderte. Identität, politische Zugehörigkeit und Herrschaft entwickelten sich innerhalb der neuen Umgebung weiter. Die Flüsse verbanden Menschen, aber sie veränderten sie auch. Ein skandinavischer Händler oder Krieger, der dauerhaft im Dneprraum lebte, bewegte sich in einer anderen gesellschaftlichen Welt als seine Verwandten am Mälarsee. Nach einigen Generationen waren solche Unterschiede noch größer. Die Rus entstanden aus diesen Beziehungen – sie wurden nicht vollständig aus dem Norden importiert.

Kiew vor der Rus-Herrschaft

Auch Kiew entstand nicht erst mit der Ankunft skandinavisch geprägter Gruppen. Der Ort lag an einer außergewöhnlich günstigen Stelle am mittleren Dnepr und war bereits zuvor besiedelt. Archäologische und historische Forschung weisen auf ältere befestigte und besiedelte Bereiche hin. Die genaue Entwicklung der frühen Siedlung ist komplex und nicht jede traditionelle Datierung lässt sich gleichermaßen absichern.

Die Lage war jedoch unbestreitbar bedeutend. Der Dnepr verband nördliche Flusssysteme mit dem Schwarzen Meer. Gleichzeitig führten Land- und Wasserwege in andere Teile Osteuropas. Wer Kiew und seine Umgebung kontrollierte, befand sich deshalb an einer strategischen Schnittstelle zwischen nördlichen Handelsverbindungen, den Steppengebieten und dem byzantinischen Süden.

Die spätere Chronik verbindet Kiew zunächst mit den Poljanen und erzählt die Gründungslegende von Kyi, Schtschek und Choryw. Auch diese Erzählung ist keine zeitgenössische Nachricht aus der Gründungszeit. Sie zeigt jedoch, dass die Chronisten selbst Kiew eine Geschichte zuschrieben, die vor der Herrschaft der späteren Rus-Fürsten begann.

Kiew und der Einfluss der Khazaren

Die Region des mittleren Dnepr stand im 8. und 9. Jahrhundert zudem in Beziehung zum Khazarenreich. Die spätere Chronik berichtet, dass verschiedene ostslawische Gruppen den Khazaren Tribut entrichteten. Auch für Kiew und seine Umgebung spielte der khazarische Machtbereich wahrscheinlich eine wichtige Rolle.

Damit wird deutlich, warum Begriffe wie ein angebliches „Machtvakuum“ problematisch sind. Osteuropa wartete nicht auf einen skandinavischen Fürsten, der Ordnung in ein herrschaftsloses Gebiet brachte. Es existierten bereits unterschiedliche Formen politischer Abhängigkeit, lokaler Herrschaft und überregionaler Macht. Die Rus traten in diese Verhältnisse ein und veränderten sie.

Warum Kiew immer wichtiger wurde

Im Verlauf des 9. Jahrhunderts verschob sich das politische Gewicht der Rus zunehmend nach Süden. Die Verbindung zu Byzanz war wirtschaftlich ausgesprochen attraktiv, und Kiew bot für Unternehmungen in Richtung Schwarzes Meer eine wesentlich günstigere Ausgangslage als die nördlichen Zentren.

Dieser Wandel lässt sich nicht auf einen einzigen Tag reduzieren. Die Forschung erkennt vielmehr eine schrittweise Verlagerung und Verdichtung politischer Macht im mittleren Dneprraum. Kiew wurde dadurch zu jenem Zentrum, das die Geschichte der Rus im 10. und 11. Jahrhundert dominieren sollte.

Rurik – zwischen Dynastietradition und historischer Rekonstruktion

Kaum eine Gestalt ist mit der Entstehung der Rus stärker verbunden als Rurik. Nach der Primary Chronicle hätten slawische und finno-ugrische Gruppen zunächst Waräger vertrieben, seien anschließend in Konflikte geraten und hätten schließlich beschlossen, Fürsten von jenseits des Meeres einzuladen. Daraufhin seien Rurik und seine Brüder gekommen, um zu herrschen. Die Chronik datiert dieses Ereignis auf das Jahr 862.

Diese berühmte Erzählung gehört zu den Gründungsnarrativen der späteren Dynastie. Sie kann Erinnerungen an tatsächliche politische Veränderungen und die Etablierung skandinavisch geprägter Führungsschichten bewahren. Ihre konkrete Dramaturgie und exakte Jahreszahl können jedoch nicht wie der Bericht eines Augenzeugen behandelt werden. Die Chronik wurde erst rund zweieinhalb Jahrhunderte später zusammengestellt. Auch die Vorstellung, Rurik habe 860 bereits in Kiew geherrscht oder in diesem Jahr die „Kiewer Rus“ gegründet, besitzt keine belastbare Grundlage. Selbst innerhalb der späteren Chronikerzählung ist Ruriks Herrschaft zunächst mit dem nördlichen Raum verbunden – nicht mit Kiew.

Warum Rurik trotzdem historisch wichtig ist

Quellenkritik bedeutet nicht, Rurik einfach aus der Geschichte zu streichen. Der Name wurde zum dynastischen Bezugspunkt jener Fürstenfamilie, die über Jahrhunderte zahlreiche Herrschaftsgebiete der Rus kontrollierte. Spätere Generationen verstanden ihn als Ursprung ihrer Dynastie.

Gerade deshalb müssen zwei Ebenen unterschieden werden: Rurik als möglicher historischer Akteur des 9. Jahrhunderts und Rurik als dynastischer Gründervater der späteren Überlieferung. Für die zweite Rolle besitzen wir eindeutige Quellen. Wie präzise die Chronik dagegen das Leben und die Herrschaft des historischen Rurik wiedergibt, bleibt wesentlich schwerer zu bestimmen.

Ein Gründungsmythos kann historische Veränderungen bewahren

Gründungserzählungen sind nicht wertlos, nur weil sie später niedergeschrieben wurden. Sie können tatsächliche Erinnerungen an Migration, Herrschaftswechsel und politische Neuordnungen bewahren. Zugleich ordnen sie diese Vergangenheit so, dass sie für spätere Gemeinschaften verständlich und legitimierend wird.

Die Einladung Ruriks erklärt beispielsweise, warum eine auswärtige Dynastie das Recht besitzen sollte, über unterschiedliche Bevölkerungen zu herrschen. Sie erzählt damit ebenso viel über das politische Selbstverständnis der Chronistenzeit wie über das 9. Jahrhundert selbst.

Askold und Dir – Herrscher von Kiew?

Die Primary Chronicle berichtet weiter von Askold und Dir, die sich von Ruriks Umfeld gelöst beziehungsweise nach Süden begeben hätten und schließlich in Kiew Herrschaft ausübten. Sie werden in der späteren Tradition außerdem mit einem Angriff auf Konstantinopel verbunden. Auch hier ist eine klare zeitliche Trennung notwendig. Die zeitnahen byzantinischen Quellen zum Angriff der Rus auf Konstantinopel im Jahr 860 nennen Askold und Dir nicht als Anführer. Ihre Verbindung mit diesem Ereignis stammt aus der wesentlich späteren ostslawischen Chronistik.

Es ist durchaus möglich, dass die Chronik Erinnerungen an frühe Herrscher beziehungsweise Gefolgschaften in Kiew bewahrt. Ihre Erzählung kann jedoch nicht allein dazu dienen, eine lückenlose politische Chronologie des 9. Jahrhunderts zu erstellen.

Kiew war vor Oleg bereits politisch bedeutend

Gerade die Überlieferung um Askold und Dir zeigt zugleich einen wichtigen Punkt: Selbst die spätere Chronik stellt Kiew nicht als bedeutungslosen Ort dar, der erst durch die sogenannte Rurik-Dynastie geschaffen wurde. Vielmehr existiert dort bereits eine Herrschaft, bevor Oleg erscheint. Damit passt die Erzählung zumindest grundsätzlich zum größeren historischen Bild: Der mittlere Dneprraum besaß eigene politische Strukturen, bevor die spätere Dynastietradition Kiew zum Zentrum machte.

Keine sichere Herrscherliste für das Jahr 860

Für eine historische Zeitlinie sollte deshalb auf eine scheinbar exakte Abfolge „Rurik – Askold und Dir – Oleg“ verzichtet werden, wenn sie den Eindruck vollständig gesicherter Jahresdaten vermittelt. Diese Namen gehören zur Geschichte der frühen Rus, aber ihre Beziehungen und Chronologie stammen zu großen Teilen aus einer späteren Rekonstruktion. Das Jahr 860 lässt sich sicher mit dem Angriff der Rus auf Konstantinopel verbinden. Als Jahr einer Gründung Kiews oder der Kiewer Rus eignet es sich dagegen nicht.

Oleg und das Jahr 882 – eine bedeutende spätere Tradition

Nach der Primary Chronicle übernahm nach Ruriks Tod Oleg die Führung für den noch jungen Igor. Im Jahr 882 sei er nach Süden gezogen, habe Smolensk und weitere Orte unter seine Kontrolle gebracht und schließlich Kiew erreicht. Askold und Dir seien getötet worden, worauf Oleg Kiew zu seinem Herrschaftszentrum gemacht habe.

Berühmt ist die ihm zugeschriebene Erklärung, Kiew solle die „Mutter der Städte der Rus“ sein. Diese Erzählung macht 882 zu einem klassischen Gründungsdatum der Kiewer Rus. Auch hier gilt jedoch: Die Jahreszahl und die konkrete Abfolge stammen aus der rund zwei Jahrhunderte später zusammengestellten Chronik.

Die Geschichte darf daher nicht als zweifelsfrei belegtes Ereignisprotokoll behandelt werden. Trotzdem weist sie auf eine historisch bedeutende Entwicklung hin: Gegen Ende des 9. und im frühen 10. Jahrhundert gewann Kiew innerhalb der Rus-Herrschaft zunehmend eine zentrale Stellung.

Die Verlagerung nach Süden

Diese Verlagerung lässt sich wirtschaftlich gut nachvollziehen. Während Ladoga und die nördlichen Plätze den Zugang zum Ostseeraum ermöglichten, lag Kiew wesentlich näher an den Verkehrswegen zum Schwarzen Meer und nach Byzanz. Wer dort Herrschaft ausübte, konnte den Austausch über den Dnepr kontrollieren und Tributsysteme in den angrenzenden Gebieten ausbauen.

Der spätere Aufstieg Kiews war deshalb nicht allein das Ergebnis einer militärischen Eroberung. Geographie, Handel und politische Herrschaft verstärkten einander. Eine Stadt an einer solchen Verbindung konnte Ressourcen anziehen, Gefolgschaften versorgen und neue Beziehungen zu südlichen Mächten entwickeln.

Vom Netzwerk zur Fürstenherrschaft

Im Verlauf des 10. Jahrhunderts werden die politischen Strukturen deutlicher. Herrscher wie Igor, Olga und Swjatoslaw sind in einer breiteren Quellenbasis greifbar als Rurik selbst. Tribute wurden erhoben, militärische Unternehmungen durchgeführt und diplomatische Beziehungen zu Byzanz gepflegt.

Damit entwickelte sich aus den älteren Handels- und Gefolgschaftsnetzwerken zunehmend eine Fürstenherrschaft, die verschiedene Regionen miteinander verband. Sie blieb jedoch keineswegs ein moderner Zentralstaat. Lokale Herrschaften, Tributbeziehungen und persönliche Gefolgschaften spielten weiterhin eine zentrale Rolle.

Warum „Kiewer Rus“ für das 9. Jahrhundert mit Vorsicht verwendet werden sollte

Der Begriff „Kiewer Rus“ ist eine moderne historiographische Bezeichnung. Die Menschen des Mittelalters nannten ihr Gemeinwesen nicht „Kiewer Rus“, um es von einer späteren russischen oder anderen Rus zu unterscheiden. Für die Geschichtswissenschaft ist der Begriff nützlich, weil er eine Epoche bezeichnet, in der Kiew eine besonders bedeutende politische Rolle innerhalb der Rus spielte.

Problematisch wird er, wenn daraus die Vorstellung entsteht, im Jahr 860 oder 882 sei plötzlich ein klar abgegrenzter Staat mit festen Grenzen, Hauptstadt und einheitlichem Staatsvolk gegründet worden. Die Entwicklung war wesentlich langsamer. Herrschaft verdichtete sich über Jahrzehnte und Generationen, und selbst im 10. und 11. Jahrhundert blieb die politische Ordnung stark von dynastischen und persönlichen Beziehungen geprägt.

Keine einfache Vorgeschichte moderner Staaten

Ebenso wichtig ist es, die Rus nicht rückwirkend ausschließlich als Frühgeschichte eines einzigen modernen Staates zu behandeln. Ihr historischer Raum umfasste Gebiete, die heute unter anderem zu Ukraine, Belarus und Russland gehören. Verschiedene spätere politische und kulturelle Traditionen bezogen sich auf das Erbe der Rus.

Für das 9. Jahrhundert helfen heutige nationale Grenzen jedoch kaum weiter. Die Menschen jener Zeit lebten in einer vollkommen anderen politischen Landschaft. Wer ihre Geschichte verstehen möchte, muss sie deshalb zunächst aus den Bedingungen ihrer eigenen Epoche erklären.

Kiew gehört ins Zentrum seiner eigenen Geschichte

Dass Kiew später zum bedeutendsten Zentrum der Rus wurde, ist historisch unbestritten. Gerade deshalb sollte seine Geschichte nicht auf einen vermeintlichen skandinavischen Gründungsakt reduziert werden. Der Ort besaß ältere Wurzeln und entwickelte sich in einer Region, die lange vor der Rus in überregionale Netzwerke eingebunden war.

Skandinavisch geprägte Gruppen waren ein wichtiger Teil dieser Entwicklung. Sie brachten maritime und militärische Netzwerke ein, beteiligten sich am Fernhandel und spielten bei der Ausbildung der späteren Fürstendynastie eine bedeutende Rolle. Sie trafen jedoch auf bestehende Gesellschaften und wurden selbst Teil einer neuen osteuropäischen Welt.

Die Rus zwischen Skandinavien und Osteuropa

Für die nordische Kulturgeschichte ist die frühe Rus gerade deshalb so faszinierend. Sie zeigt eine Form skandinavischer Expansion, die sich deutlich von den Entwicklungen in England oder dem Frankenreich unterschied. Im Westen begegnen uns zunächst besonders häufig maritime Raubzüge, später Siedlung und territoriale Herrschaft. Im Osten spielten Flüsse, Handel, Tribute, Migration und die Einbindung in bestehende politische Netzwerke von Anfang an eine besonders starke Rolle.

Archäologische Funde in Schweden und Osteuropa zeigen, wie intensiv diese Beziehungen waren. Arabische Silbermünzen gelangten in enormer Zahl in den Ostseeraum. Schmuckformen und andere Gegenstände wanderten in beide Richtungen. Menschen reisten über große Entfernungen und konnten sich dauerhaft in neuen Regionen niederlassen.

Auch die altnordische Erinnerung bewahrte diese Verbindungen. Spätere Quellen kennen Ladoga als Aldeigjuborg, Nowgorod als Hólmgarðr und Kiew als Kænugarðr. Diese Namen gehören überwiegend in spätere Überlieferungen, zeigen jedoch, dass die Welt der Rus fest im geografischen Wissen mittelalterlicher Skandinavier verankert war.

Aus Reisenden wurden Herrscher – und aus Herrschern Rus

Die Entwicklung war damit keineswegs eine Geschichte, in der Skandinavier dauerhaft als fremde Elite über eine unveränderte lokale Bevölkerung herrschten. Bereits innerhalb weniger Generationen wandelten sich die Verhältnisse. Politische Führung, Sprache, Religion und Kultur veränderten sich.

Am Ende des 10. Jahrhunderts, als Vladimir in Kiew herrschte und 988 das byzantinisch geprägte Christentum annahm, war die Rus längst etwas anderes als eine lose Gruppe skandinavischer Händler und Krieger. Ein neues politisches und kulturelles Gemeinwesen war entstanden, dessen Beziehungen nach Skandinavien weiterhin wichtig blieben, das aber fest in Osteuropa verwurzelt war.

Das 9. Jahrhundert als Entstehungsphase

Gerade deshalb sollte das 9. Jahrhundert nicht nach einem einzelnen Gründungsdatum durchsucht werden. Es war die Entstehungsphase. Handelsplätze wuchsen, Gefolgschaften bewegten sich entlang der Flüsse, Tribute wurden erhoben, regionale Herrschaften konkurrierten und die Verbindung nach Byzanz gewann an Bedeutung. Rurik, Askold, Dir und Oleg gehören zur Überlieferung dieses Prozesses. Archäologie, fränkische und byzantinische Zeugnisse zeigen zugleich, dass die größere Entwicklung auch unabhängig von den Details dieser späteren Erzählung greifbar ist. Die Rus entwickelte eigene Dynastien, Recht, Schriftkultur und internationale Heiratsverbindungen. Der Blick bis 1400 verhindert deshalb eine koloniale Verkürzung: Skandinavier waren an frühen Netzwerken beteiligt, doch Kiews Geschichte gehört nicht als Besitzstück in eine skandinavische Nationalerzählung.

Kiew im 11. und 12. Jahrhundert ist keine „Wikingerstadt“ mehr

Die Taufe Vladimirs und die Christianisierung der Kiewer Herrschaft gehören bereits in eine andere Phase als die frühen skandinavischen Fahrten. Nordische Namen und Verbindungen verschwanden nicht sofort, aber die politische Kultur wurde zunehmend christlich und ostkirchlich geprägt. Die Beziehungen der Rus zu Konstantinopel bestanden nicht nur aus Angriffen. Verträge, Handel, militärischer Dienst und schließlich Christianisierung verbanden beide Räume. Die Warägergarde ist ein späteres besonders sichtbares Ergebnis dieser Entwicklung.

Byzanz machte aus Fernfahrt Diplomatie

Die Nestorchronik erzählt, Oleg habe Kiew 882 übernommen und zum Zentrum seiner Herrschaft gemacht. Weil die Chronik Jahrhunderte später kompiliert wurde, ist das exakte Datum nicht wie eine zeitgenössische Urkunde zu behandeln. Der größere historische Prozess – die zunehmende Bedeutung Kiews an der Dnjeprroute – ist besser greifbar als jedes dramatische Detail.

Archäologie, Namenkunde und schriftliche Zeugnisse sprechen deutlich für skandinavische Beteiligung an frühen Rus-Netzwerken. Gleichzeitig entstand Herrschaft in einer Landschaft mit slawischen, finno-ugrischen, baltischen und weiteren Gruppen. Moderne nationalistische Entweder-oder-Modelle werden dieser Gemengelage nicht gerecht.

Die traditionelle Chronologie der Nestorchronik verbindet Oleg mit der Einnahme Kyjiws 882. Die Chronik wurde erst im frühen 12. Jahrhundert kompiliert; das Datum ist daher nicht wie eine zeitgenössische Urkunde zu behandeln. Die Chronik nennt Askold und Dir als frühere Herrscher. Ihre Identität, Herkunft und genaue historische Rolle bleiben umstritten. Der Dnjepr verband den nördlichen Raum mit dem Schwarzen Meer und Byzanz. Stromschnellen, Portagen und politische Kontrolle machten die Route anspruchsvoll.

De administrando imperio überliefert im 10. Jahrhundert Namen von Dnjepr-Stromschnellen in unterschiedlichen Sprachformen und ist eine wichtige Quelle für die gemischte Welt der Rus. Handel, Verträge, Krieg und später die Warägergarde verbanden die Rus eng mit Konstantinopel. Die Taufe Vladimirs und die Christianisierung der Rus verändern die politische und kulturelle Orientierung grundlegend. Auch hier ist Christianisierung ein Prozess. Kyjiw wird ein großes christliches Herrschafts- und Kulturzentrum. Skandinavische Dynastieverbindungen bleiben bestehen, während die Gesellschaft längst nicht als „Wikingerstaat“ beschrieben werden kann.

Fazit

Die frühe Geschichte der Rus und Kiews lässt sich nicht auf die Behauptung reduzieren, Rurik habe im Jahr 860 ein Kiewer Reich gegründet. Für ein solches Ereignis existiert keine belastbare zeitgenössische Grundlage. Kiew war bereits zuvor besiedelt, Rurik wird selbst in der späteren Chronik zunächst mit dem nördlichen Raum verbunden, und die politische Entwicklung der Rus erstreckte sich über mehrere Generationen. Archäologisch greifbar sind bereits seit dem 8. Jahrhundert weitreichende Netzwerke zwischen dem Ostseeraum und Osteuropa . Orte wie Staraja Ladoga entwickelten sich früh zu bedeutenden Handels- und Kontaktplätzen, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammentrafen. Über Flüsse und Portagen entstanden Verbindungen zur Wolga, zum Dnepr, zum Schwarzen Meer und schließlich nach Byzanz. Auch der Name Rus verweist auf einen Entwicklungsprozess. Frühe Quellen verbinden konkrete Rus-Gruppen deutlich mit skandinavischer Herkunft. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff jedoch zur Bezeichnung einer politischen Herrschaft und schließlich eines Landes und seiner Bevölkerung. Die Rus waren deshalb kein einheitlicher nordischer Stamm, der geschlossen nach Osteuropa auswanderte. Sie entstanden innerhalb einer vielfältigen Welt aus Handel, Migration, Gefolgschaften, lokalen Bevölkerungen und politischer Herrschaft. Kiew wurde innerhalb dieses Netzwerkes zunehmend wichtig, weil seine Lage am mittleren Dnepr den Norden mit dem Schwarzen Meer und Byzanz verband. Seine Bedeutung entstand nicht aus einem vermeintlichen Machtvakuum , sondern innerhalb bereits bestehender lokaler und überregionaler Herrschaftsverhältnisse, zu denen auch der Einfluss der Khazaren gehörte. Rurik, Askold, Dir und Oleg bleiben wichtige Gestalten der Überlieferung. Doch unser Wissen über sie stammt vor allem aus der Primary Chronicle , deren erhaltene Gestalt erst im frühen 12. Jahrhundert entstand. Ihre Erzählungen können Erinnerungen an tatsächliche politische Veränderungen bewahren, dürfen aber nicht wie zeitgenössische Jahresberichte des 9. Jahrhunderts behandelt werden. Besonders die berühmte Einnahme Kiews durch Oleg im Jahr 882 gehört deshalb zunächst zur späteren Chroniktradition, auch wenn sie einen realen historischen Wandel widerspiegeln kann: die zunehmende Verlagerung der Rus-Herrschaft in den mittleren Dneprraum. Im 10. Jahrhundert wird diese politische Ordnung deutlicher greifbar. Kiew entwickelte sich zum wichtigsten Zentrum einer Fürstenherrschaft, deren Beziehungen nach Skandinavien, zu den Steppenvölkern und besonders nach Byzanz weitreichend waren. Aus den älteren Netzwerken entstand ein Gemeinwesen, das sich gesellschaftlich und kulturell zunehmend von seinen skandinavischen Ursprüngen entfernte und tief in Osteuropa verwurzelt war. Die Entstehung der Rus ist deshalb keine Geschichte eines einzelnen Eroberers und keines einzelnen Jahres. Sie ist die Geschichte von Flüssen und Handelswegen, von Migration und Gewalt, von lokalen Gesellschaften und fremden Gefolgschaften, von kultureller Anpassung und politischer Verdichtung. Gerade diese Vielschichtigkeit macht Kiew und die Rus des 9. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Kapitel der nordischen und osteuropäischen Kulturgeschichte.
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