Das Danelag gehört zu den prägendsten Folgen der skandinavischen Expansion nach England. Der Begriff wird heute gewöhnlich für jene großen Teile Nord- und Ostenglands verwendet, in denen sich seit dem späten 9. Jahrhundert skandinavische Herrschaft, Ansiedlung und besondere rechtliche Traditionen entwickelten. Doch das Danelag wurde nicht an einem bestimmten Tag gegründet. Es entstand weder durch eine einzelne Schlacht noch durch einen einzigen Friedensvertrag. Vielmehr war es das Ergebnis eines jahrzehntelangen politischen, militärischen und gesellschaftlichen Wandels, der mit der Ankunft des sogenannten Großen Heidnischen Heeres im Jahr 865 eine neue Dynamik erhielt.
Innerhalb weniger Jahre veränderten skandinavische Heere die politische Ordnung des angelsächsischen England tiefgreifend. Northumbria geriet unter neue Herrschaft, East Anglia wurde erobert und Mercia verlor große Teile seiner bisherigen Machtstellung. Gleichzeitig wandelten sich Teile der angreifenden Heere selbst. Aus mobilen Kriegerverbänden wurden in mehreren Regionen Landbesitzer und Siedler. Die Anglo-Saxon Chronicle berichtet ausdrücklich davon, dass Land aufgeteilt und anschließend bewirtschaftet wurde. Herrschaft und Ansiedlung gingen damit zunehmend über die frühere Logik saisonaler Raubzüge hinaus.
Das Ergebnis war jedoch kein einheitlicher skandinavischer Staat. York und das nördliche Northumbria entwickelten sich anders als East Anglia oder die östlichen Gebiete Mercias. Unterschiedliche Herrscher und lokale Eliten kontrollierten verschiedene Regionen, politische Grenzen konnten sich verändern, und angelsächsische Bevölkerungen verschwanden keineswegs aus den eroberten Gebieten. Gerade deshalb ist „Danelag“ am sinnvollsten als Bezeichnung eines historisch gewachsenen Herrschafts-, Siedlungs- und später Rechtsraumes zu verstehen – nicht als Name eines zentral regierten Reiches.
865 – das Große Heidnische Heer erreicht England
Im Jahr 865 berichtet die Anglo-Saxon Chronicle von der Ankunft eines micel here, eines „großen Heeres“, in East Anglia. Bereits zuvor hatten skandinavische Flotten England über Jahrzehnte hinweg angegriffen. Neu war nun vor allem die Größenordnung und die Dauer der militärischen Präsenz. Das Heer überwinterte in England, bewegte sich zwischen verschiedenen angelsächsischen Königreichen und blieb über Jahre hinweg ein bestimmender Faktor der politischen Entwicklung.
Die genaue Zusammensetzung dieses Heeres lässt sich nicht vollständig rekonstruieren. Der traditionelle Name „Großes Heidnisches Heer“ stammt aus der angelsächsischen Überlieferung und spiegelt die christliche Perspektive der Chronisten. Wahrscheinlich handelte es sich nicht um eine einheitliche Armee im modernen Sinn, sondern um einen größeren Zusammenschluss verschiedener Gefolgschaften und Führungspersönlichkeiten. Einzelne Verbände konnten sich trennen, wieder vereinigen oder eigene Unternehmungen verfolgen.
Spätere nordische Traditionen verbinden mehrere Anführer dieses Heeres mit den Söhnen des legendären Ragnar Loðbrók. Historisch sind einzelne Namen wie Ívarr, Halfdan und Ubba beziehungsweise entsprechende Namensformen auch in zeitnäheren Quellen greifbar. Ihre Einordnung in eine geschlossene Familie Ragnars gehört jedoch stärker in die spätere Überlieferung und sollte nicht unkritisch zur gesicherten Organisationsstruktur des Heeres gemacht werden.
Von East Anglia nach York
East Anglia stellte dem Heer zunächst offenbar Pferde zur Verfügung. Bereits im folgenden Jahr zog der Verband nach Norden und erreichte York. Die politische Lage Northumbrias war zu diesem Zeitpunkt von inneren Konflikten geprägt. Zwei rivalisierende Könige, Ælle und Osberht, standen einander gegenüber, bevor sie angesichts der äußeren Bedrohung gemeinsam gegen die Eindringlinge vorgingen.
Im Jahr 866 nahmen die nordischen Kräfte York ein. Im Frühjahr 867 versuchten die Northumbrier, die Stadt zurückzuerobern. Ælle und Osberht kamen dabei ums Leben. Die alte Königsherrschaft Northumbrias wurde dadurch schwer erschüttert. Ein Teil des Königreichs blieb unter einheimischen Herrschaftsstrukturen bestehen, während York und weite Teile des südlichen Northumbria zunehmend in eine skandinavisch geprägte politische Ordnung eingebunden wurden.
York – später in altnordischer Überlieferung als Jórvík bekannt – entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren der nordischen Welt auf den britischen Inseln. Doch auch hier entstand kein vollständig von der angelsächsischen Vergangenheit abgeschnittener Neubeginn. Die Stadt existierte seit römischer Zeit und blieb von einer Bevölkerung geprägt, in der unterschiedliche Traditionen miteinander in Kontakt kamen.
Northumbria wurde nicht einfach „dänisch“
Die politische Entwicklung im Norden zeigt bereits, warum der spätere Begriff Danelag nicht mit einem homogenen Herrschaftsgebiet gleichgesetzt werden darf. Northumbria blieb regional geteilt, und die Herrschaft über York wechselte im 9. und 10. Jahrhundert mehrfach zwischen unterschiedlichen skandinavischen und englischen Akteuren.
Auch kulturell entstand kein vollständig abgeschlossener nordischer Raum. Angelsächsische und skandinavische Traditionen bestanden nebeneinander und beeinflussten einander. Gerade die spätere materielle Kultur Yorks macht diese Verflechtung deutlich. Die politische Eroberung war ein wichtiger Einschnitt – sie bedeutete jedoch weder den Austausch der gesamten Bevölkerung noch die sofortige Entstehung einer einheitlichen neuen Gesellschaft.
East Anglia und Mercia – die alte Ordnung zerbricht
Nach weiteren Feldzügen traf die Expansion auch East Anglia besonders schwer. 869 beziehungsweise nach der Chronologie einzelner Überlieferungen 869/870 wurde König Edmund besiegt und getötet. Seine spätere Verehrung als Heiliger machte seinen Tod zu einem zentralen Bestandteil der angelsächsischen Erinnerung. Die historischen Details seines Todes sind allerdings schwer von der späteren Heiligenlegende zu trennen.
Politisch ist die Folge klarer: East Anglia geriet unter skandinavische Kontrolle. Damit war ein weiteres der traditionellen angelsächsischen Königreiche entscheidend geschwächt worden. Die Region sollte später zum Herrschaftsgebiet Guthrums werden, der nach seiner Taufe den christlichen Namen Æthelstan annahm.
Auch Mercia geriet zunehmend unter Druck. Das einst mächtige mittelenglische Königreich musste wiederholt mit dem großen Heer verhandeln. 874 wurde König Burgred vertrieben. Die politische Einheit Mercias zerfiel zunehmend, wobei der westliche Teil später stärker unter den Einfluss von Wessex gelangte, während östliche Gebiete Bestandteil jener skandinavisch geprägten Herrschaftsräume wurden, die rückblickend mit dem Danelag verbunden werden.
Die Five Boroughs
Besonders wichtig wurden im östlichen Mercia später die sogenannten Five Boroughs – die fünf Boroughs Derby, Leicester, Lincoln, Nottingham und Stamford. Diese Orte entwickelten sich zu bedeutenden regionalen Zentren innerhalb des skandinavisch beeinflussten Ostenglands.
Ihre Geschichte verdeutlicht erneut die regionale Vielfalt. Es gab keinen einzigen Herrscher, der dauerhaft von einer Hauptstadt aus alle Gebiete des späteren Danelag kontrollierte. Lokale Machtzentren, unterschiedliche Gefolgschaften und wechselnde politische Bündnisse prägten die Entwicklung.
Gerade diese Struktur erklärt, warum spätere englische Könige einzelne Gebiete Schritt für Schritt zurückgewinnen konnten. Die politische Landschaft war fragmentiert und beweglich. „Das Danelag“ ist für diese Zeit deshalb eine nützliche historische Sammelbezeichnung, darf aber nicht die Vielfalt der tatsächlichen Herrschaftsformen verdecken.
Vom Heer zur Landnahme
Der tiefgreifendste Wandel begann, als Teile der großen Heeresverbände nicht mehr nur kämpften, sondern sich dauerhaft niederließen. Die Anglo-Saxon Chronicle berichtet für 876, dass Halfdan Land in Northumbria unter seinen Leuten aufteilte und diese anschließend pflügten und sich selbst versorgten. 877 folgte eine Landaufteilung in Teilen Mercias.
Diese knappen Nachrichten gehören zu den wichtigsten Quellen für die Entstehung der skandinavischen Siedlungslandschaft in England. Aus Mitgliedern eines mobilen Heeres wurden Landbesitzer und Bauern. Das bedeutete einen grundlegenden Wechsel von militärischer Präsenz zu gesellschaftlicher Verwurzelung.
Guthrum, Wessex und die Schlacht von Edington
Nicht alle Verbände entschieden sich gleichzeitig für Landnahme. Ein bedeutender Teil des Heeres unter Guthrum setzte den Kampf gegen Wessex fort. Dieses Königreich hatte unter Alfred eine besondere Stellung gewonnen, weil es den skandinavischen Heeren trotz schwerer Krisen widerstand.
Anfang 878 überraschte Guthrums Heer Alfred in Chippenham. Der west-sächsische König zog sich in die schwer zugänglichen Gebiete von Athelney zurück und begann von dort aus, neue Kräfte zu sammeln. Einige Monate später trafen die Heere bei Edington aufeinander. Alfred errang einen entscheidenden Sieg.
Die Schlacht war für das weitere Verhältnis zwischen Wessex und Guthrum von großer Bedeutung. Sie sollte jedoch nicht mit der „Gründung des Danelag“ gleichgesetzt werden. Northumbrische und mercische Landnahmen hatten bereits vorher stattgefunden. Edington entschied vor allem über die unmittelbare militärische Auseinandersetzung zwischen Alfred und Guthrums Verband.
Kapitulation und Taufe Guthrums
Nach seiner Niederlage zog sich Guthrum mit seinen Männern in eine befestigte Stellung zurück und kapitulierte schließlich. Die anschließende Vereinbarung verlangte unter anderem Geiseln und Guthrums Taufe. Wenig später wurde Guthrum christlich getauft, wobei Alfred als sein Taufpate auftrat. Guthrum erhielt den christlichen Namen Æthelstan.
Diese Taufe war politisch ebenso bedeutend wie religiös. Taufpatenschaft konnte Beziehungen zwischen Herrschern schaffen und Guthrum innerhalb der christlichen politischen Ordnung Englands neu positionieren. Dennoch lässt sich daraus keine plötzliche Bekehrung aller skandinavischen Bewohner Ostenglands ableiten. Die Taufe eines Herrschers und die Christianisierung einer Bevölkerung sind unterschiedliche Prozesse.
Im Jahr 880 zog Guthrums Heer nach East Anglia und teilte dort Land auf. Auch hier wird die Entwicklung von der mobilen Kriegergemeinschaft zur dauerhafteren Herrschaft und Ansiedlung sichtbar.
Der sogenannte Vertrag von Wedmore
In populären Darstellungen wird häufig von einem „Vertrag von Wedmore“ gesprochen, der nach Edington das Danelag geschaffen und England zwischen Alfred und Guthrum geteilt habe. Ein solcher umfassender Vertrag ist jedoch nicht als eigenständiges Dokument erhalten.
Die Quellen berichten von Guthrums Kapitulation und Taufe im Zusammenhang mit den Ereignissen von 878. Ein tatsächlich überlieferter schriftlicher Vertrag zwischen Alfred und Guthrum gehört dagegen in eine spätere Phase ihrer Beziehungen. Diese Vorgänge dürfen nicht zu einer einzigen Friedensurkunde verschmolzen werden.
Der Vertrag zwischen Alfred und Guthrum
Der erhaltene Alfred-Guthrum-Vertrag wird gewöhnlich in die Zeit zwischen ungefähr 886 und 890 eingeordnet. Er regelte mehrere praktische Fragen zwischen den Herrschaftsbereichen der beiden Könige. Dazu gehörten eine Grenzziehung, Regelungen für Tötungsdelikte, Eide sowie Bestimmungen zum Handel und zum Kontakt zwischen den jeweiligen Bevölkerungen.
Die beschriebene Grenze verlief vom Themsegebiet über den Lea in Richtung Bedford und schließlich zur Watling Street. Damit erhielt die politische Trennung bestimmter Herrschaftsbereiche eine schriftlich greifbare Form. Doch auch dieser Vertrag gründete keinen einheitlichen Danelag-Staat. Er regelte vor allem das Verhältnis zwischen Alfreds und Guthrums Herrschaftsgebieten.
Northumbria besaß beispielsweise eine eigene politische Geschichte und stand nicht einfach unter Guthrums Kontrolle. Auch die Five Boroughs entwickelten sich innerhalb anderer Machtstrukturen. Der Vertrag war deshalb ein bedeutendes Element der Herausbildung einer Grenze zwischen unterschiedlichen Herrschaftsräumen – aber keine Verfassung des gesamten skandinavischen England.
Was bedeutete „Danelaw“ ursprünglich?
Besonders wichtig ist, dass der Begriff Danelaw selbst wesentlich später belegt ist als die Eroberungen des 9. Jahrhunderts. Die altenglische Form Dena lage begegnet erst nach der Jahrtausendwende in Rechtsquellen und bezeichnet das „Recht der Dänen“ beziehungsweise jene Gebiete, in denen besondere rechtliche Traditionen galten.
Das bedeutet, dass Halfdans Männer im Jahr 876 nicht beschlossen, nun einen Staat namens Danelaw zu gründen. Auch Alfred und Guthrum verwendeten den Begriff nicht als Namen eines neuen Landes. Erst aus späterer Perspektive wurden die Regionen Nord- und Ostenglands mit ihren skandinavischen Siedlungs- und Rechtstraditionen unter dieser Bezeichnung zusammengefasst.
Gerade deshalb ist der deutsche Begriff Danelag hilfreich, wenn wir ihn bewusst verwenden: Er bezeichnet eine historische Entwicklung und einen später erkennbaren Rechts- und Kulturraum, nicht ein Gründungsereignis.
Recht war regional und entwickelte sich weiter
Auch das häufig gezeichnete Bild eines vollständig ausgearbeiteten „nordischen Rechtssystems“, das unmittelbar nach der Eroberung in ganz Ostengland eingeführt worden sei, greift zu kurz. Unsere detaillierteren Kenntnisse über besondere Rechtspraktiken des Danelag stammen vielfach erst aus Quellen des späten 10. und frühen 11. Jahrhunderts.
Dort erscheinen tatsächlich eigene Rechtsbegriffe und regionale Besonderheiten. Die Forschung kann daraus einen starken skandinavischen Einfluss erkennen. Wie genau Recht und Gerichtspraxis unmittelbar nach den Landnahmen der 870er Jahre funktionierten, lässt sich jedoch wesentlich schlechter rekonstruieren. Auch der Rechtsraum Danelag entstand und veränderte sich über Generationen.
Skandinavische Siedlung – wie viele Menschen kamen nach England?
Eine der großen Forschungsfragen betrifft den Umfang der skandinavischen Einwanderung. Lange wurde diskutiert, ob lediglich eine vergleichsweise kleine militärische Elite die Herrschaft über eine weitgehend unveränderte angelsächsische Bevölkerung übernahm oder ob größere Bevölkerungsgruppen aus Skandinavien nach England kamen.
Heute ergibt sich aus der Verbindung von Archäologie, Ortsnamenforschung und naturwissenschaftlichen Untersuchungen ein differenziertes Bild. Besonders in Yorkshire und den East Midlands gibt es starke Hinweise auf erhebliche skandinavische Ansiedlung. Zahlreiche Gegenstände skandinavischer Tradition stammen nicht nur aus Städten oder Elitegräbern, sondern auch aus ländlichen Kontexten.
Besonders wichtig ist außerdem der Nachweis von Frauen. Die Migration bestand damit nicht ausschließlich aus bewaffneten Männern. Familien und andere nichtmilitärische Personen gehörten ebenfalls zur Bewegung. Das spricht dafür, dass die Landnahme in bestimmten Regionen tatsächlich zu langfristigen neuen Gemeinschaften führte.
Die Ortsnamen des Danelag
Eine der bis heute sichtbarsten Spuren dieser Ansiedlung liegt in der englischen Landschaft selbst. Besonders in Yorkshire, Lincolnshire und den East Midlands treten zahlreiche Ortsnamen mit skandinavischen Elementen auf. Endungen wie -by und -thorpe sind typische Beispiele. Namen wie Derby oder Grimsby bewahren damit sprachliche Spuren der skandinavischen Besiedlung.
Solche Ortsnamen dürfen nicht wie eine exakte Volkszählung des 9. Jahrhunderts behandelt werden. Viele sind erst in wesentlich späteren Schriftquellen belegt, und ihre genaue Entstehungszeit lässt sich nicht immer bestimmen. In ihrer regionalen Dichte ergeben sie jedoch gemeinsam mit archäologischen Funden ein starkes Bild dauerhafter skandinavischsprachiger Gemeinschaften.
Gerade die Landschaft zeigt deshalb besonders deutlich, dass die Folgen der Landnahme weit über politische Herrscherwechsel hinausgingen. Menschen lebten auf Höfen, benannten Orte und gaben diese Namen an spätere Generationen weiter.
Sprache verändert sich durch Zusammenleben
Auch die englische Sprache wurde langfristig durch den Kontakt mit Altnordisch beeinflusst. Besonders im Norden und Osten Englands lebten Sprecher des Altenglischen und des Altnordischen über Generationen hinweg nebeneinander. Beide Sprachen waren miteinander verwandt, aber keineswegs identisch.
Der Einfluss zeigte sich im Wortschatz, in Orts- und Personennamen und langfristig auch in Teilen der Grammatik. Viele nordische Lehnwörter wurden Bestandteil des Englischen. Dieser sprachliche Wandel war jedoch kein Erlass eines skandinavischen Königs. Er entstand aus alltäglichem Kontakt, Handel, Nachbarschaft, Familienbeziehungen und gemeinsamer Arbeit.
Ein kultureller Kontaktgebiet statt zweier getrennter Welten
Der Begriff Danelag kann leicht den Eindruck einer harten kulturellen Grenze erzeugen: hier die Angelsachsen, dort die Skandinavier. Die historische Wirklichkeit war wesentlich durchlässiger. Politische Grenzen existierten, doch Menschen, Waren und Ideen bewegten sich über sie hinweg.
Auch religiös veränderten sich die skandinavisch geprägten Gemeinschaften. Guthrums Taufe war ein frühes politisch bedeutendes Beispiel, doch die langfristige Christianisierung vollzog sich über Generationen. Kirchen wurden weiter genutzt oder neu errichtet, christliche Symbolik und nordische Kunstformen konnten miteinander verbunden werden, und die Nachkommen der Einwanderer wurden zunehmend Teil der christlichen Gesellschaft Englands.
Archäologen sprechen deshalb häufig von anglo-skandinavischen Entwicklungen. Dieser Begriff beschreibt besser, was in vielen Regionen geschah. Es entstand nicht einfach eine kleine Kopie Dänemarks auf englischem Boden. Lokale angelsächsische Traditionen und skandinavische Einflüsse trafen aufeinander und entwickelten neue Formen.
York als Beispiel einer anglo-skandinavischen Stadt
Besonders eindrucksvoll lässt sich dies in York beobachten. Die Stadt entwickelte sich unter skandinavischen Herrschern zu einem bedeutenden Handels- und Handwerkszentrum. Archäologische Untersuchungen haben Häuser, Werkstätten und enorme Mengen an Alltagsgegenständen zutage gefördert.
Die Funde zeigen Kontakte in verschiedene Regionen der britischen Inseln, nach Skandinavien und darüber hinaus. Gleichzeitig blieb York ein Ort mit tiefen angelsächsischen und christlichen Traditionen. Die Stadt war weder vollständig nordisch noch einfach unverändert angelsächsisch. Gerade diese Mischung charakterisiert viele Regionen des späteren Danelag.
Keine dauerhafte ethnische Trennlinie
Mit jeder Generation wurde eine scharfe Trennung zwischen „Einheimischen“ und „Neuankömmlingen“ schwieriger. Kinder konnten Eltern unterschiedlicher Herkunft haben, nordische Personennamen in englischen Familien auftreten und lokale Eliten kulturelle Elemente voneinander übernehmen.
Politische Identitäten konnten zugleich wichtiger sein als Herkunft. Ein skandinavischstämmiger Christ im 10. Jahrhundert konnte Untertan eines englischen Königs sein, während ein anderer Herrscher weiterhin eine nordische Dynastie in York unterstützte. Das Danelag war deshalb kein dauerhaft ethnisch geschlossenes Gebiet.
Das Ende der eigenständigen Herrschaften – aber nicht des Danelag-Erbes
Bereits im frühen 10. Jahrhundert begannen die Nachfolger Alfreds, insbesondere Edward der Ältere und Æthelflæd von Mercia, Gebiete unter skandinavischer Herrschaft zurückzugewinnen. Die Five Boroughs wurden schrittweise in die expandierende englische Königsherrschaft eingebunden. Auch East Anglia geriet wieder unter west-sächsische Kontrolle.
York und Teile Northumbrias behielten länger eine eigenständige politische Stellung. Erst 954 endete mit dem Sturz Erik Blutaxts die eigenständige skandinavische Königsherrschaft in York. Damit war die politische Landkarte erneut grundlegend verändert worden.
Der kulturelle Einfluss verschwand jedoch keineswegs mit der militärischen Rückeroberung. Gerade die Tatsache, dass spätere englische Rechtsquellen weiterhin zwischen Engla lage und Dena lage unterschieden, zeigt die Dauerhaftigkeit regionaler Traditionen. Noch Generationen nach dem Ende eigenständiger skandinavischer Herrschaften blieb erkennbar, dass Nord- und Ostengland eine besondere Geschichte besaßen.
Das Danelag als Rechtsraum
Nach der Jahrtausendwende wird der Begriff Dena lage in englischen Gesetzestexten deutlich greifbarer. Besonders im Umfeld des Erzbischofs Wulfstan von York erscheint er als Gegenbegriff zu Engla lage, dem „englischen Recht“. Nun lässt sich tatsächlich von einem benannten regionalen Rechtsraum sprechen.
Auch hier darf allerdings kein vollständig einheitliches Gesetzbuch angenommen werden, das in allen ehemaligen skandinavischen Gebieten identisch galt. Die Forschung betont vielmehr regionale Rechtspraktiken und Unterschiede. East Anglia, die Five Boroughs und Northumbria hatten unterschiedliche politische Entwicklungen durchlaufen.
Das Danelag war also selbst als Rechtsraum vielfältig. Seine Gemeinsamkeit lag vor allem darin, dass jahrzehntelange skandinavische Herrschaft und Besiedlung Institutionen, Begriffe und gesellschaftliche Praktiken hinterlassen hatten, die sich vom west- und südenglischen Raum unterschieden.
Warum der Begriff trotzdem sinnvoll ist
Trotz aller notwendigen Einschränkungen sollten wir den Begriff nicht vollständig aufgeben. Er bezeichnet eine reale historische Besonderheit Nord- und Ostenglands. Skandinavische Heere hatten dort angelsächsische Herrschaftsordnungen verändert, Menschen aus dem Norden hatten sich angesiedelt, neue politische Zentren waren entstanden und sprachliche sowie rechtliche Traditionen hatten sich entwickelt.
Entscheidend ist lediglich, das Danelag als Prozess zu verstehen. Es hatte keinen Geburtstag, keine einzelne Gründungsurkunde und keinen dauerhaft einheitlichen König. Seine Geschichte begann mit militärischen Eroberungen, setzte sich in Landnahme und Ansiedlung fort und wurde erst später als besonderer Rechtsraum benannt.
Fazit – Das Danelag entstand über Generationen
Das Danelag wurde nicht gegründet – es entstand. Sein Ausgangspunkt lag in den tiefgreifenden politischen Veränderungen, die das sogenannte Große Heidnische Heer seit 865 in England auslöste. Northumbria, East Anglia und große Teile Mercias gerieten unter skandinavisch geprägte Herrschaft, während Wessex den militärischen Druck überstand und unter Alfred zunehmend zum politischen Gegenpol wurde.
Entscheidend war der Wandel von der mobilen Kriegergemeinschaft zur dauerhaften Landnahme. Die Anglo-Saxon Chronicle berichtet für 876 von der Aufteilung northumbrischen Landes und für 877 von Landverteilungen in Mercia. Später ließ sich Guthrums Heer in East Anglia nieder. Aus militärischer Kontrolle wurde damit in mehreren Regionen dauerhafte Ansiedlung.
Auch die Schlacht von Edington 878 schuf das Danelag nicht. Sie beendete eine entscheidende Phase des Kampfes zwischen Alfred und Guthrum. Guthrums anschließende Kapitulation und Taufe waren wiederum eigene Ereignisse. Der erhaltene Alfred-Guthrum-Vertrag entstand erst später und regelte Grenzen sowie praktische Beziehungen zwischen ihren Herrschaftsbereichen. Einen umfassenden erhaltenen „Vertrag von Wedmore“, der an einem Tag einen neuen nordischen Staat geschaffen hätte, gibt es nicht.
Hinzu kommt, dass der Begriff Danelaw beziehungsweise Dena lage selbst erst nach der Jahrtausendwende in den erhaltenen Rechtsquellen erscheint. Er bezeichnete nun Gebiete mit besonderen Rechtsgewohnheiten, die aus der skandinavisch geprägten Geschichte Nord- und Ostenglands hervorgegangen waren. Damit erhielt ein über Generationen entstandener Unterschied schließlich einen Namen.
Die Folgen der skandinavischen Ansiedlung reichten weit über Politik und Krieg hinaus. Ortsnamen mit Elementen wie -by und -thorpe, archäologische Funde aus ländlichen und städtischen Kontexten sowie der starke Einfluss des Altnordischen auf die englische Sprachentwicklung zeigen, dass in vielen Regionen nicht nur eine kleine militärische Elite präsent war. Menschen ließen sich nieder, gründeten Familien, bewirtschafteten Land und wurden Teil der englischen Gesellschaft.
Gleichzeitig war das Danelag niemals kulturell oder politisch vollkommen einheitlich. York, East Anglia und die Five Boroughs besaßen unterschiedliche Herrschaftsgeschichten. Angelsächsische Bevölkerungen blieben bestehen, religiöse und sprachliche Traditionen vermischten sich, und aus dem Zusammentreffen entstanden anglo-skandinavische Gesellschaften, die sich weder auf eine rein nordische noch auf eine rein angelsächsische Identität reduzieren lassen.
Gerade darin liegt die eigentliche historische Bedeutung des Danelag. Es war kein fremder Staat, der für einige Jahrzehnte auf englischem Boden existierte und anschließend spurlos verschwand. Es war ein Raum langfristiger politischer Veränderung, Migration und kultureller Begegnung. Selbst nachdem die eigenständigen skandinavischen Herrschaften im 10. Jahrhundert zunehmend unter englische Königsmacht gerieten, blieben ihre Spuren in Recht, Sprache, Ortsnamen und regionaler Kultur erhalten.
Das Danelag zeigt damit besonders deutlich, wie aus Eroberung Geschichte wird: Erst kamen Heere. Dann wurde Land verteilt. Menschen blieben, bauten Höfe, gründeten Familien und veränderten die Gesellschaft, in der sie lebten. Jahrhunderte später war die politische Herrschaft längst vergangen – doch ihre Spuren waren noch immer Teil Englands.
