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985/986: Erik der Rote und die nordische Besiedlung Grönlands

13.11.2024Verlag NorseStory · Berlinca. 22 Min. Lesezeit

Um 985/986 begann im Südwesten Grönlands eine der außergewöhnlichsten Siedlungsbewegungen des nordatlantischen Mittelalters. Männer und Frauen aus Island überquerten mit ihren Schiffen den offenen Nordatlantik und errichteten auf Grönland Höfe, Weideflächen und schließlich dauerhafte Gemeinschaften. Im Mittelpunkt der schriftlichen Überlieferung steht Erik der Rote – Eiríkr rauði Þorvaldsson. Seine Geschichte verbindet Verbannung, Erkundungsfahrten und die gezielte Anwerbung weiterer Siedler. Doch gerade bei Grönland ist es wichtig, zwischen den verschiedenen Phasen zu unterscheiden: Erik fuhr nicht erst 986 zufällig nach Westen, „entdeckte“ das Land und gründete unmittelbar eine Siedlung. Nach der mittelalterlichen Überlieferung lagen zwischen seiner Erkundung der grönländischen Küsten und der eigentlichen Siedlungsfahrt mehrere Jahre.

Auch die häufig genannte Jahreszahl 986 ist keine moderne, taggenau dokumentierte Gründungsangabe. Die schriftlichen Quellen erlauben eine Einordnung der Siedlungsbewegung in die Mitte der 980er Jahre, weshalb in der Forschung häufig von um 985 oder 985/986 gesprochen wird. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen bestätigen unabhängig davon, dass im ausgehenden 10. Jahrhundert nordische Bauern aus dem nordatlantischen Raum im Südwesten Grönlands siedelten. Das dänische Nationalmuseum datiert die Ansiedlung entsprechend auf ungefähr 985.

Die Geschichte der Besiedlung Grönlands ist deshalb ein hervorragendes Beispiel dafür, wie historische Forschung funktioniert. Íslendingabók, Landnámabók und die späteren Sagas erzählen nicht aus derselben zeitlichen Nähe und mit derselben Absicht. Ihnen gegenüber stehen archäologische Höfe, Tierknochen, Pollenprofile, Landschaftsveränderungen, Kirchenruinen und weitere materielle Spuren. Erst wenn diese unterschiedlichen Zeugnisse nebeneinander betrachtet werden, entsteht ein belastbares Bild davon, wie aus einer riskanten Fahrt nach Westen eine Gesellschaft hervorging, die fast fünf Jahrhunderte in Grönland bestehen konnte.

Grönland war nicht unentdeckt

Bevor von Erik dem Roten gesprochen wird, ist eine wichtige begriffliche Korrektur notwendig. Die nordischen Siedler des späten 10. Jahrhunderts waren nicht die ersten Menschen, die Grönland erreichten. Die Insel besitzt eine wesentlich ältere Besiedlungsgeschichte mit verschiedenen paläo-eskimoischen Kulturen. Die nordische Landnahme war deshalb keine „Entdeckung Grönlands“ im absoluten Sinn, sondern die Erschließung des südwestlichen Grönlands durch Menschen aus dem nordatlantisch-europäischen Kulturraum.

Auch innerhalb der nordischen Überlieferung gilt Erik nicht völlig uneingeschränkt als erster Seefahrer, der Land im Westen kannte. Die Landnámabók bewahrt Erinnerungen an frühere Sichtungen beziehungsweise Fahrten in Richtung Grönland. Solche Nachrichten sind aufgrund ihres Überlieferungsalters schwer im Einzelnen zu überprüfen, zeigen aber, dass die Sagaautoren selbst die Geschichte nicht einfach mit einem einzigen „Entdeckungsmoment“ Eriks beginnen ließen. Eriks entscheidende historische Bedeutung liegt deshalb weniger darin, als erster Mensch eine unbekannte Insel gesehen zu haben. Mit ihm verbindet die Überlieferung die systematische Erkundung geeigneter Siedlungsgebiete und vor allem die erfolgreiche Organisation einer größeren Siedlungsbewegung von Island nach Grönland.

Erik der Rote – ein Isländer mit norwegischer Herkunft

Erik war nach der mittelalterlichen Überlieferung der Sohn eines Mannes namens Þorvaldr Ásvaldsson. Die Familie stammte aus Norwegen und wanderte nach Island aus. Auch hier nennen die späteren Quellen Gewalttaten als Hintergrund des Ortswechsels. Erik wuchs somit in einer Gesellschaft auf, die selbst erst seit wenigen Generationen von nordischen Siedlern dauerhaft erschlossen worden war.

Island besaß keine königliche Zentralgewalt. Konflikte wurden über lokale Bündnisse, Rechtsversammlungen, Entschädigungen und Fehden geregelt. Gewalt konnte dabei weitreichende Folgen haben. Erik geriet nach der Überlieferung mehrfach in Auseinandersetzungen, bei denen Menschen getötet wurden. Schließlich wurde er für eine bestimmte Zeit aus Island verbannt.

Die populäre Vorstellung, Erik habe aus Abenteuerlust beschlossen, den unbekannten Westen zu erforschen, verkürzt deshalb den historischen Zusammenhang. Seine Fahrt nach Grönland war eng mit seiner politischen und rechtlichen Situation auf Island verbunden. Die Verbannung entzog ihm zeitweise die Möglichkeit, dort normal weiterzuleben, und machte die Suche nach einem anderen Aufenthaltsraum zu einer durchaus praktischen Notwendigkeit.

Was bedeutet Eriks Verbannung?

Die späteren Quellen verbinden Eriks Verbannung mit Tötungsdelikten und Konflikten im Breiðafjörður und anschließend im Gebiet von Haukadalr. Die Einzelheiten unterscheiden sich in der Überlieferung und sollten nicht so behandelt werden, als läge uns ein vollständiges zeitgenössisches Gerichtsprotokoll vor. Der historische Kern ist dennoch plausibel: Erik geriet in schwere Konflikte, wurde zeitweise aus bestimmten Gebieten und schließlich für mehrere Jahre aus Island ausgeschlossen. Diese Verbannungszeit bildet den unmittelbaren Hintergrund seiner Erkundung Grönlands.

Eriks Erkundungsfahrt nach Grönland

Nach der Überlieferung segelte Erik nach Westen und suchte nach einem Land, von dem bereits frühere Seefahrer berichtet haben sollen. Seine Erkundung wird gewöhnlich in die frühen 980er Jahre eingeordnet. Dabei soll er mehrere Jahre entlang der Küsten und Fjorde verbracht haben, bevor er nach Island zurückkehrte.

Dieser Abschnitt ist für die Chronologie entscheidend. Die Erkundung Grönlands und die spätere Siedlungsfahrt waren zwei verschiedene Vorgänge. Erik musste zunächst herausfinden, ob die Landschaft überhaupt geeignete Lebensräume bot. Erst nach seiner Rückkehr nach Island konnte er weitere Menschen für eine dauerhafte Übersiedlung gewinnen.

Grönland ist zu großen Teilen von Eis bedeckt. Die nordischen Siedlungen entstanden deshalb keineswegs irgendwo im Inneren der Insel, sondern in vergleichsweise geschützten Fjordlandschaften des Südens und Südwestens. Dort ermöglichten klimatische und geographische Bedingungen Viehhaltung, Heugewinnung und die Anlage von Höfen. Die Bezeichnung eines ganzen Landes als unwirtliche Eiswüste würde die tatsächlichen Bedingungen dieser Regionen ebenso verfehlen wie die Vorstellung eines üppig grünen Agrarlandes.

Die Suche nach bewohnbarem Land

Die nordischen Siedler brachten eine Wirtschaftsweise mit, die bereits auf Island an die Bedingungen des Nordatlantiks angepasst worden war. Entscheidend waren Weideland und Flächen zur Gewinnung von Winterfutter. Rinder, Schafe und Ziegen mussten durch die langen Winter gebracht werden können. Dafür benötigten die Siedler geschützte Täler und Fjorde mit ausreichender Vegetation.

Gerade die inneren Bereiche einiger südgrönländischer Fjorde boten solche Bedingungen. Archäologische und paläoökologische Untersuchungen zeigen, dass mit der nordischen Landnahme Veränderungen der Vegetation und Bodennutzung einsetzten. Bei Tasiusaq lassen sich beispielsweise Rodung, Weidenutzung und Veränderungen der Böden im Zeitraum der frühen nordischen Besiedlung nachweisen.

Eriks mehrjährige Erkundung ergibt vor diesem Hintergrund praktischen Sinn. Eine Siedlung konnte nur überleben, wenn genügend geeignete Hofstellen vorhanden waren. Die Fahrt war damit nicht lediglich geographische Erkundung, sondern wahrscheinlich auch eine Suche nach wirtschaftlich nutzbaren Landschaften.

Warum heißt Grönland „Grünes Land“?

Zu den bekanntesten Geschichten über Erik gehört die Erklärung des Namens Grœnland – „Grünes Land“. In der mittelalterlichen Überlieferung wird erzählt, Erik habe das Land bewusst so genannt, weil Menschen eher dorthin ziehen würden, wenn es einen attraktiven Namen trage. Diese Nachricht wird heute gerne als früher „Marketingtrick“ bezeichnet. Genau hier ist Quellenkritik notwendig. Wir besitzen keine zeitgenössische Aussage Eriks, in der er seine Namensstrategie erklärt. Die Geschichte ist Teil der mittelalterlichen isländischen Überlieferung und kann nicht ohne Weiteres als dokumentiertes Zitat oder psychologisch gesicherte Absicht behandelt werden. Sie ist dennoch interessant, denn sie zeigt, wie spätere Isländer Eriks Rolle verstanden: nicht nur als Seefahrer, sondern als Mann, der andere Menschen überzeugen musste, ihm in ein weit entferntes Land zu folgen. Der Name selbst passt außerdem keineswegs völlig schlecht zu den im Sommer tatsächlich grünen Fjordlandschaften Südgrönlands.

Die Rückkehr nach Island und die Vorbereitung der Siedlungsfahrt

Nach Ablauf seiner Verbannung kehrte Erik nach Island zurück. Nun begann die entscheidende zweite Phase: Aus einer persönlichen Erkundungsfahrt sollte eine organisierte Migration werden. Die Überlieferung berichtet, dass Erik Menschen für die Übersiedlung nach Grönland gewann.

Eine solche Unternehmung erforderte erheblich mehr als Mut. Schiffe mussten verfügbar sein, Vorräte vorbereitet und Vieh transportiert werden. Eine dauerhafte Siedlung benötigte Frauen und Männer mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Haushalte, Werkzeuge und Tiere. Wer nach Grönland zog, plante nicht lediglich eine saisonale Fahrt, sondern verlegte seinen Lebensmittelpunkt über Hunderte Seemeilen des Nordatlantiks.

Die Entscheidung war riskant. Selbst die Überfahrt zwischen Island und Grönland konnte gefährlich sein. Wetterumschwünge, Treibeis, schlechte Sicht und Navigationsfehler konnten ein Schiff vom Kurs abbringen oder zerstören. Dass die Siedlungsfahrt tatsächlich Verluste forderte, gehört zu den markantesten Nachrichten der Überlieferung.

Die berühmten 25 Schiffe

Die Landnámabók überliefert, dass 25 Schiffe von Island nach Grönland aufgebrochen seien, von denen nur 14 ihr Ziel erreicht hätten. Andere seien umgekehrt oder verloren gegangen. Diese Zahlen werden häufig als exakte Flottenstatistik wiedergegeben.

Auch hier gilt: Die Landnámabók ist keine zeitgenössische Passagierliste des Jahres 985. Ihre Angaben stammen aus einer später schriftlich fixierten Tradition. Die konkrete Zahl sollte deshalb als überlieferte Angabe gekennzeichnet werden.

Der grundlegende historische Vorgang wird dagegen von der archäologischen Situation gestützt. In der Zeit um 985 entstand tatsächlich eine nordische Siedlungsgesellschaft in Südwestgrönland. Das Nationalmuseum Dänemarks beschreibt die Besiedlung durch eine von Erik geführte Gruppe von Isländern ebenfalls um 985.

985 oder 986?

Die Jahreszahlen 985 und 986 begegnen beide in modernen Darstellungen. Das liegt nicht daran, dass zwei völlig unterschiedliche Siedlungsfahrten zweifelsfrei dokumentiert wären. Vielmehr ergeben sich Datierungsunterschiede aus der Rekonstruktion der mittelalterlichen Chronologie. Für einen quellenbewussten historischen Artikel ist deshalb 985/986 beziehungsweise „um 985“ die sinnvollere Formulierung. Sie gibt den historischen Zeitraum präzise genug wieder, ohne eine Genauigkeit vorzutäuschen, die unsere Quellen nicht besitzen.

Die Entstehung der grönländischen Siedlungen

Die erfolgreichen Siedler ließen sich vor allem in zwei voneinander getrennten Gebieten an der südwestlichen Küste nieder. Die mittelalterlichen Bezeichnungen lauten Eystribyggð – Ostsiedlung – und Vestribyggð – Westsiedlung. Diese Namen können aus moderner geographischer Sicht irritieren, denn beide Siedlungsräume lagen an der Westseite beziehungsweise im Südwesten Grönlands.

Die Ostsiedlung lag weiter südlich in den heutigen Regionen um Qaqortoq, Narsaq und Nanortalik. Die Westsiedlung befand sich erheblich weiter nördlich im Gebiet des heutigen Nuuk. Das Nationalmuseum Dänemarks weist darauf hin, dass beide Hauptsiedlungsgebiete offenbar bereits ungefähr gleichzeitig in der frühen Siedlungsphase erschlossen wurden.

Es handelte sich nicht um Städte im modernen Sinn. Die grönländische Gesellschaft bestand aus verstreuten Höfen und Hofgruppen, die über die nutzbaren Fjordlandschaften verteilt waren. Manche Höfe entwickelten sich zu bedeutenden politischen oder kirchlichen Zentren, während andere wesentlich kleiner blieben.

Eystribyggð – die Ostsiedlung

Die Eystribyggð war das größte Siedlungsgebiet. Hier lagen zahlreiche Höfe in geschützten Fjorden, deren Vegetation Viehhaltung und Heugewinnung ermöglichte. Archäologische Untersuchungen haben eine große Zahl nordischer Hofstellen nachgewiesen und zeigen eine differenzierte bäuerliche Gesellschaft mit Höfen unterschiedlicher Größe und sozialer Stellung. Untersuchungen in Vatnahverfi verdeutlichen, wie dicht einzelne Landschaftsräume während des Mittelalters genutzt wurden.

In der Ostsiedlung lagen später auch wichtige kirchliche Zentren. Mit der fortschreitenden Christianisierung entstanden Kirchen und Friedhöfe. Bei Garðar, dem heutigen Igaliku, entwickelte sich schließlich der Sitz des grönländischen Bischofs. Die Gesellschaft Grönlands war damit keineswegs ein dauerhaft isolierter Außenposten, der nach der ersten Landnahme unverändert blieb. Sie entwickelte über Generationen eigene soziale, kirchliche und wirtschaftliche Strukturen und blieb zugleich Teil der nordatlantischen Welt.

Vestribyggð – die Westsiedlung

Die Vestribyggð lag deutlich weiter nördlich in der Region des heutigen Nuuk. Trotz des Namens lag sie nicht einfach „westlich“ der Ostsiedlung, sondern vor allem nordwestlich beziehungsweise nördlich davon. Auch dort entstanden bäuerliche Hofgemeinschaften.

Die klimatischen Bedingungen waren schwieriger und die Vegetationsperiode kürzer. Dennoch bestand die Westsiedlung über mehrere Jahrhunderte. Schriftliche Quellen deuten darauf hin, dass sie im Verlauf des 14. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Die Gründe sind nicht in einem einzelnen Ereignis greifbar. Gerade die Existenz der Westsiedlung zeigt, wie weit sich die nordischen Bauern an arktische Randbedingungen anpassen konnten. Sie lebten dort nicht nur für wenige Jahrzehnte, sondern über viele Generationen.

Brattahlíð – Eriks Hof in Grönland

Erik selbst wird mit Brattahlíð verbunden, einem Hof im Gebiet des heutigen Qassiarsuk am Tunulliarfik-Fjord. Die Lage gehört zu den günstigeren landwirtschaftlichen Gebieten Südgrönlands. Archäologische Überreste bestätigen dort eine bedeutende nordische Siedlungsstelle, die über einen langen Zeitraum genutzt wurde.

Brattahlíð war mehr als nur ein beliebiger Bauernhof. Die Überlieferung verbindet den Ort mit Eriks Familie, und archäologisch zeichnet sich eine herausgehobene Stellung innerhalb der Siedlungslandschaft ab. Die UNESCO-Unterlagen zur Kulturlandschaft von Kujataa beschreiben Brattahlíð als bedeutenden Ort der frühen nordischen Besiedlung und späterer weltlicher Autorität.

Von dieser Region aus entwickelte sich eine Gemeinschaft, deren Geschichte bald weit über Grönland hinausreichen sollte. Die späteren Überlieferungen über Leif Eriksson und die Fahrten nach Vinland sind eng mit den grönländischen Siedlungen verbunden. Ohne die erfolgreiche Landnahme der 980er Jahre wäre Grönland kaum zum Ausgangspunkt weiterer nordischer Fahrten nach Westen geworden.

Erik der Rote als Anführer – aber nicht als König

Erik wird häufig in einer Sprache beschrieben, die ihn beinahe zum Herrscher eines neu gegründeten Reiches macht. Dafür gibt es keinen belastbaren Grund. Er war kein König von Grönland. Seine herausgehobene Stellung als Initiator der Siedlungsbewegung und Besitzer eines bedeutenden Hofes dürfte ihm erheblichen Einfluss verschafft haben, doch die grönländische Gesellschaft entstand innerhalb der nordatlantisch-isländischen politischen Tradition.

Große Hofbesitzer konnten wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht besitzen. Politische Autorität beruhte auf Besitz, Gefolgschaft, Verwandtschaft und persönlichem Ansehen. Erik dürfte innerhalb dieser Strukturen zu den mächtigsten Männern der ersten Generation gehört haben. Das ist historisch bereits bemerkenswert genug. Aus einem verbannten Isländer wurde innerhalb weniger Jahre eine Schlüsselfigur bei der Entstehung einer neuen nordatlantischen Siedlungsgesellschaft.

Þjóðhildr und die Christianisierung

Mit Brattahlíð verbindet die Sagaüberlieferung auch Eriks Frau Þjóðhildr. Nach den späteren Erzählungen nahm sie das Christentum an und ließ eine kleine Kirche errichten, während Erik selbst dem neuen Glauben zunächst ablehnend gegenübergestanden habe. Archäologisch wurden bei Qassiarsuk tatsächlich frühe christliche Strukturen und Bestattungen gefunden. Die genaue Gleichsetzung eines bestimmten Gebäudes mit der in der Saga beschriebenen Kirche Þjóðhildrs ist jedoch vorsichtiger zu behandeln als die populäre Bezeichnung „Þjóðhilds Kirche“ vermuten lässt.

Unabhängig davon wurde Grönland im 11. Jahrhundert Teil der christlichen Welt des Nordatlantiks. Kirchen, Friedhöfe und später ein eigener Bischofssitz zeigen, dass die grönländischen Gemeinschaften an denselben tiefgreifenden religiösen Veränderungen teilnahmen wie Island und Skandinavien.

Wie lebten die nordischen Siedler in Grönland?

Das Leben der grönländischen Bauern beruhte zunächst auf einer Wirtschaftsweise, die sie aus Island und Norwegen kannten. Rinder, Schafe und Ziegen spielten eine zentrale Rolle. Besonders wichtig war die Produktion von Heu, denn die Tiere mussten während langer Winterperioden versorgt werden. Der Erfolg eines Hofes hing deshalb nicht allein von der Zahl seiner Tiere ab, sondern davon, wie viel Winterfutter er erzeugen und lagern konnte.

Archäologische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Ernährung keineswegs starr auf Landwirtschaft beschränkt blieb. Die Bewohner nutzten zunehmend auch maritime Ressourcen. Robbenjagd wurde besonders wichtig. Damit reagierten die grönländischen Gemeinschaften durchaus auf ihre Umwelt und passten ihre Wirtschaftsweise an die arktischen Bedingungen an.

Das verbreitete Bild von Bauern, die stur versuchten, europäische Landwirtschaft in einer ungeeigneten Landschaft zu betreiben und deshalb zwangsläufig scheiterten, ist zu einfach. Die nordischen Grönländer passten sich über Jahrhunderte an – allerdings innerhalb der Möglichkeiten und sozialen Strukturen ihrer eigenen Gesellschaft. Forschungen zur Ernährung und Umweltgeschichte zeigen diese Anpassungsprozesse deutlich.

Landwirtschaft unter arktischen Bedingungen

Die Landwirtschaft konzentrierte sich auf besonders geeignete Mikroregionen. Fjorde konnten im Inneren deutlich günstigere Bedingungen bieten als die offene Küste. Während der kurzen Sommermonate mussten Weiden genutzt und große Mengen Winterfutter eingebracht werden.

Die Landnutzung hinterließ archäologisch nachweisbare Spuren. Pollenanalysen und Sedimente zeigen Rodungen, Veränderungen der Vegetation und Auswirkungen von Weidewirtschaft. Bei Tasiusaq lässt sich die frühe Siedlungsphase naturwissenschaftlich in einen Zeitraum einordnen, der mit der schriftlich überlieferten Landnahme um das Ende des 10. Jahrhunderts vereinbar ist. Damit liefert die Umweltarchäologie eine von den Sagas unabhängige Bestätigung: Menschen veränderten in dieser Zeit tatsächlich die Landschaft Südgrönlands durch eine nordatlantische bäuerliche Wirtschaftsweise.

Jagd war ebenso wichtig

Die Bewohner Grönlands waren jedoch nicht nur Bauern. Jagd auf Robben, Karibus und andere Tiere ergänzte die Ernährung und Rohstoffversorgung. Besonders weitreichende Bedeutung besaß die Jagd auf Walrosse.

Walrosselfenbein war im mittelalterlichen Europa ein begehrter Werkstoff. Grönland konnte dieses Material über die nordatlantischen Handelsnetze exportieren. Damit war selbst eine scheinbar weit entfernte arktische Gesellschaft in größere europäische Wirtschaftsbeziehungen eingebunden. Gerade diese Verbindung sollte langfristig von erheblicher Bedeutung sein – sowohl für den Wohlstand der Siedlungen als auch möglicherweise für ihre spätere Verwundbarkeit, als sich Handelswege und Nachfrage veränderten.

Grönland war mit Island und Norwegen verbunden

Die Entfernung zu Island und Norwegen war beträchtlich, doch Grönland war nicht von der übrigen nordischen Welt abgeschnitten. Schiffe verbanden die Siedlungen mit Island und dem europäischen Festland. Menschen, Nachrichten, kirchliche Amtsträger und Waren bewegten sich über den Nordatlantik.

Grönland exportierte unter anderem Walrosselfenbein, Tierhäute und andere arktische Produkte. Importiert werden mussten Waren, die vor Ort schwer oder gar nicht hergestellt werden konnten. Besonders Holz und Eisen besaßen große Bedeutung.

Diese Abhängigkeit von Schiffsverbindungen war zugleich Stärke und Schwäche. Solange die nordatlantischen Netzwerke funktionierten, konnte Grönland Teil eines weiträumigen Handels- und Kommunikationssystems bleiben. Wenn sich diese Verbindungen veränderten, hatte eine kleine und weit entfernte Gesellschaft nur begrenzte Alternativen.

Grönland als Ausgangspunkt weiterer Westfahrten

Die Besiedlung der 980er Jahre verschob den westlichen Horizont der nordischen Seefahrt erheblich. Von Grönland aus lagen weitere Landmassen Nordamerikas wesentlich näher als von Island oder Norwegen. In diesem Umfeld entstanden die später überlieferten Geschichten um Bjarni Herjólfsson, Leif Eriksson, Þorfinnr Karlsefni und Vinland.

Diese Fahrten gehören in einen eigenen historischen Zusammenhang und müssen besonders sorgfältig zwischen Sagaüberlieferung und Archäologie getrennt werden. Sicher ist jedoch, dass Menschen aus der nordischen Welt Nordamerika erreichten. Der archäologische Fundplatz L’Anse aux Meadows in Neufundland liefert dafür den eindeutigen materiellen Nachweis. Grönland war damit kein Endpunkt der westlichen Expansion. Die grönländischen Siedlungen wurden zur Ausgangsbasis für die weitesten nachweisbaren Fahrten nordischer Menschen über den Atlantik.

Eine neue Gesellschaft entsteht

Bereits die zweite und dritte Generation der Siedler war nicht mehr einfach eine Gruppe ausgewanderter Isländer. Menschen wurden in Grönland geboren, bewirtschafteten dort ihre Höfe, heirateten, gründeten Familien und begruben ihre Toten auf grönländischen Friedhöfen. Über die Jahrhunderte entstand eine eigene regionale Gesellschaft innerhalb der nordatlantischen Welt. Sie blieb kulturell eng mit Island und Norwegen verbunden, entwickelte ihr Leben aber unter Bedingungen, die sich deutlich von denen der Herkunftsgebiete unterschieden. Genau deshalb ist es problematisch, die Geschichte Grönlands nur als einzelne „Entdeckungsfahrt“ Eriks zu erzählen. Die eigentliche historische Leistung bestand nicht im Erreichen einer Küste, sondern im Aufbau einer Gesellschaft, die über viele Generationen Bestand hatte.

Die Siedlungen bestanden fast fünf Jahrhunderte

Die nordischen Gemeinschaften Grönlands verschwanden nicht nach wenigen Generationen. Die Ostsiedlung bestand bis in das 15. Jahrhundert. Das letzte bekannte schriftliche Zeugnis aus der dortigen nordischen Gemeinschaft berichtet von einer Hochzeit in Hvalsey im Jahr 1408. Archäologische Datierungen sprechen dafür, dass die Ostsiedlung noch bis etwa zur Mitte des 15. Jahrhunderts bewohnt war. Damit lagen zwischen Eriks Siedlungsfahrt und dem Ende der letzten Gemeinschaften rund 450 Jahre. Diese enorme Dauer widerspricht der Vorstellung eines von Anfang an zum Scheitern verurteilten Experiments.

Zum Vergleich: Zwischen der Besiedlung Grönlands um 985 und dem letzten schriftlichen Zeugnis von 1408 liegt ungefähr ebenso viel Zeit wie zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und unserer Gegenwart. Für Generationen von Menschen war Grönland keine riskante Kolonie am Rand der Welt, sondern schlicht ihre Heimat.

Warum verschwand die Westsiedlung?

Die Westsiedlung wurde bereits früher aufgegeben. Schriftliche Nachrichten aus dem 14. Jahrhundert deuten darauf hin, dass dort keine nordische Bevölkerung mehr angetroffen wurde. Was genau geschah, ist nicht vollständig geklärt. Es gibt keinen belastbaren Nachweis für ein einzelnes Ereignis, das die gesamte Bevölkerung plötzlich ausgelöscht hätte. Wahrscheinlicher ist ein längerer Prozess, in dem demographische, wirtschaftliche und ökologische Belastungen zusammenwirkten. Gerade die geringere Größe und nördlichere Lage der Westsiedlung könnten sie anfälliger gemacht haben. Doch auch hier gilt: Eine einfache Erklärung wird der Forschungslage nicht gerecht.

Und warum endete schließlich auch die Ostsiedlung?

Das Ende der nordischen Besiedlung Grönlands gehört zu den meistdiskutierten Fragen der mittelalterlichen Nordatlantikforschung. Lange wurde besonders die klimatische Abkühlung im Zusammenhang mit der sogenannten Kleinen Eiszeit hervorgehoben. Sinkende Temperaturen, Veränderungen des Meereises und kürzere Vegetationsperioden konnten Landwirtschaft und Schifffahrt zweifellos erschweren.

Doch Klima allein erklärt das Verschwinden der Siedlungen nicht. Die heutige Forschung betrachtet ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren: klimatische Veränderungen, wirtschaftliche Umbrüche, Veränderungen des europäischen Elfenbeinhandels, zunehmende Schwierigkeiten der Schiffsverbindungen, ökologische Belastungen, demographische Probleme und möglicherweise Abwanderung. Auch Veränderungen des Meeresspiegels konnten nutzbare Flächen beeinträchtigen.

Eine moderne Erklärung, nach der die nordischen Grönländer schlicht „zu unflexibel“ gewesen seien und deshalb am Klima scheiterten, wird der archäologischen Forschung ebenfalls nicht gerecht. Ihre Ernährung und Ressourcennutzung zeigen Anpassungen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, warum diese Anpassungsfähigkeit irgendwann nicht mehr ausreichte, um eine kleine und geographisch weit entfernte Gesellschaft dauerhaft zu erhalten.

Was die Archäologie über die Landnahme verrät

Die besondere Bedeutung Grönlands liegt darin, dass die schriftliche Überlieferung durch eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft ergänzt werden kann. Hunderte nordische Hofstellen, Kirchen, Friedhöfe, Wirtschaftsgebäude und Landschaftsspuren sind bekannt. Sie ermöglichen einen Blick auf das tatsächliche Leben der Bevölkerung, den keine Saga allein bieten könnte.

Archäologie kann dabei Fragen beantworten, die mittelalterliche Texte kaum interessierten. Tierknochen zeigen Ernährungsweisen und Viehbestände. Pollen und Sedimente dokumentieren Veränderungen der Landschaft. Gebäude verraten Unterschiede zwischen großen und kleinen Höfen. Gräber geben Einblicke in Christianisierung, Gesundheit und Bevölkerung.

Vor allem liefert die Archäologie eine unabhängige Kontrolle der schriftlichen Tradition. Die Quellen erzählen von einer Siedlungsbewegung im späten 10. Jahrhundert – und naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen tatsächlich Veränderungen der Landschaft und nordische Besiedlung in diesem Zeitraum.

Was Archäologie nicht beweisen kann

Gleichzeitig besitzt auch die Archäologie Grenzen. Ein ausgegrabener Hof trägt normalerweise kein Schild mit dem Namen seines ersten Besitzers. Dass eine Siedlung aus der Zeit Eriks stammt, bedeutet nicht automatisch, dass jede einzelne Sagaepisode über diesen Ort bestätigt wäre.

Deshalb sollten schriftliche und materielle Quellen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie beantworten unterschiedliche Fragen. Archäologie kann die Existenz und Entwicklung der grönländischen Gesellschaft untersuchen. Die mittelalterlichen Texte bewahren Namen, genealogische Traditionen und Erzählungen über die Entstehung dieser Gesellschaft – allerdings aus zeitlichem Abstand. Historisch belastbar wird das Bild dort, wo verschiedene Quellenarten miteinander vereinbar sind, ohne dass eine von ihnen mehr behaupten muss, als sie tatsächlich belegen kann.

Íslendingabók, Landnámabók und Sagas sind nicht dasselbe

Auch die schriftlichen Quellen sollten nicht pauschal als „die Sagas“ zusammengefasst werden. Ari Þorgilssons Íslendingabók entstand bereits im frühen 12. Jahrhundert und steht den Ereignissen zeitlich näher als die großen Vinland- und Familiensagas. Die Landnámabók bewahrt umfangreiche Traditionen zur Besiedlung Islands und zu den Familien der Siedlungszeit, liegt uns jedoch in späteren Fassungen vor. Werke wie die Grænlendinga saga und die Eiríks saga rauða wurden noch später schriftlich fixiert. Sie enthalten wertvolle Traditionen, unterscheiden sich aber in wichtigen Punkten voneinander.

Das bedeutet nicht, dass späte Sagas historisch wertlos wären. Es bedeutet, dass Alter, Gattung und Überlieferungsgeschichte jeder Quelle berücksichtigt werden müssen. Eine Erzählung des 13. Jahrhunderts kann ältere Erinnerungen bewahren – sie ist dennoch kein Augenzeugenbericht aus dem Jahr 985.

Erik der Rote zwischen Geschichte und Überlieferung

Gerade Erik selbst zeigt, wie leicht aus einer historischen Person eine beinahe archetypische Entdeckerfigur werden kann. Seine Lebensgeschichte enthält alles, was spätere Erzähler faszinieren musste: familiäre Gewalt, Verbannung, eine gefährliche Seereise, die Erkundung eines neuen Landes, die Rückkehr nach Island und schließlich die Führung einer Siedlergruppe über den Atlantik. Doch die historische Bedeutung Eriks benötigt keine zusätzliche Ausschmückung. Er gehörte offenbar tatsächlich zu den entscheidenden Initiatoren der nordischen Besiedlung Grönlands. Die Siedlungsbewegung selbst ist archäologisch eindeutig nachweisbar, und ihre Datierung passt grundsätzlich zur mittelalterlichen Überlieferung.

Unsicherer werden die Details dort, wo die Quellen Eriks Motive, Dialoge und persönliche Entscheidungen schildern. Dass er das Land bewusst „Grünland“ nannte, um Siedler anzulocken, ist eine überlieferte Erklärung. Dass er persönlich jede spätere Entwicklung kontrollierte oder eine Art grönländisches Reich gründete, wäre dagegen eine moderne Überhöhung.

Die eigentliche Bedeutung der Jahre 985/986

Die Jahre 985/986 markieren deshalb keinen exakt auf einen Tag festzulegenden „Gründungsmoment Grönlands“. Sie stehen für den Beginn einer dauerhaften nordischen Siedlungsphase im Südwesten der Insel. Aus den ersten Hofstellen entstanden über Generationen zwei größere Siedlungsräume. Landwirtschaft, Jagd und Handel bildeten die wirtschaftliche Grundlage. Das Christentum wurde etabliert, Kirchen entstanden, und Grönland erhielt schließlich sogar einen eigenen Bischofssitz. Von hier aus erreichten nordische Seefahrer außerdem Nordamerika. Damit wurde die Siedlungsbewegung um Erik zu einem entscheidenden Bindeglied in einer Entwicklung, die von Norwegen über Island und Grönland bis an die Küsten Nordamerikas führte.

Kein kurzer Außenposten, sondern eine mittelalterliche Gesellschaft

Vielleicht liegt die wichtigste Korrektur unseres modernen Blickes genau hier. Grönland war nicht für einige besonders abenteuerlustige Seefahrer ein exotischer Außenposten. Es war über Jahrhunderte Lebensraum einer bäuerlichen, christlichen und nordatlantisch vernetzten Gesellschaft.

Kinder wurden dort geboren, ohne Island oder Norwegen jemals gesehen zu haben. Menschen bewirtschafteten dieselben Höfe über Generationen. Kirchen wurden gebaut, Tote bestattet, Handel betrieben und Schiffe über den Atlantik geschickt.

Erst dieser lange Zeitraum macht deutlich, welche Bedeutung die Siedlungsfahrt der 980er Jahre tatsächlich hatte. Erik der Rote leitete nicht lediglich eine spektakuläre Expedition. Die Bewegung, mit der sein Name verbunden ist, schuf die Grundlage für fast fünf Jahrhunderte nordischer Geschichte auf Grönland.

Abkühlung, Weidebedingungen, Handelsveränderungen, Arbeitskraft, Isolation und Kontakte mit Inuit werden in unterschiedlichen Kombinationen diskutiert. Eine einzige Katastrophenerzählung ist nicht überzeugend. Gerade Grönland zeigt, warum NorseStory bis 1400 und darüber hinaus schauen muss.

Der „Untergang“ bleibt eine Mehrfaktorenfrage

Eine Hochzeit in Hvalsey von 1408 gehört zu den letzten gut datierten schriftlichen Nachrichten aus der Ostsiedlung. Dass wir danach immer weniger hören, bedeutet nicht, dass alle Menschen in diesem Jahr verschwanden. Archäologie und Schriftquellen setzen unterschiedliche Endpunkte.

Stoßzähne und weitere arktische Produkte waren wichtige Exportgüter. Dadurch hing die Gesellschaft von Schifffahrt und Nachfrage außerhalb Grönlands ab. Veränderungen europäischer Märkte konnten deshalb ebenso relevant werden wie lokale ökologische Bedingungen.

Walrosshandel verband die Siedlungen mit Europa

Kirchen, Friedhöfe und später der Bischofssitz Garðar zeigen die Einbindung in die lateinische Christenheit. Die Grönländer zahlten kirchliche Abgaben und hielten Verbindungen nach Norwegen und Island. Das mittelalterliche Grönland war peripher, aber keineswegs außerhalb Europas.

Die ersten Siedler kamen aus Island, doch ihre Nachfahren lebten in einer zunehmend eigenständigen grönländisch-nordischen Gesellschaft. Wer alle Bewohner bis ins 15. Jahrhundert „Wikinger“ nennt, friert sie kulturell im Moment der Landnahme ein.

Vor der Landnahme

Nordische Expansion über die Färöer und Island schafft die maritime und soziale Voraussetzung für Reisen weiter nach Westen. Die Sagas verbinden Erik mit Erkundung und anschließender Besiedlung Grönlands um 985/986. Die Texte sind später, während Archäologie die tatsächliche nordische Besiedlung bestätigt. Die sogenannten Eastern und Western Settlements lagen trotz ihrer Namen beide an der südwestlichen Küste Grönlands. Moderne Kartenbegriffe können hier täuschen. Die Siedler hielten Vieh, bewirtschafteten geeignete Flächen und kombinierten Landwirtschaft mit Jagd und maritimen Ressourcen.

Walrossprodukte waren wichtige Exportgüter und verbanden Grönland mit europäischen Märkten. Im 11. Jahrhundert wird die grönländische Gesellschaft christlich. Kirchen und Bestattungen machen die Einbindung in die lateinische Christenheit archäologisch sichtbar. Garðar wurde Bischofssitz. Das mittelalterliche Grönland war damit keine isolierte heidnische Wikingerkolonie, sondern Teil kirchlicher Strukturen. Von Grönland aus führten Reisen weiter nach Nordamerika. L’Anse aux Meadows beweist nordische Präsenz auf dem Kontinent um das Jahr 1000.

Inuit und Thule-Kultur

Ab dem späteren Mittelalter lebten Thule-Inuit in Grönland. Kontakte zwischen nordischen und Inuit-Gruppen sind ein wichtiges, aber quellenmäßig schwieriges Forschungsfeld. Die Westsiedlung verschwindet früher aus den Quellen und dem archäologischen Befund; die Ostsiedlung besteht länger. Eine Hochzeit in Hvalsey 1408 gehört zu den letzten gut datierten schriftlichen Nachrichten aus der nordischen Siedlung. Damit führt die Geschichte unmittelbar an das obere Ende unseres Zeitrahmens. Klimaveränderung, Handelswandel, wirtschaftliche Verwundbarkeit und demografische Faktoren werden diskutiert. Eine einzige simple Ursache ist nicht gesichert.

Fazit

Die nordische Besiedlung Grönlands um 985/986 gehört zu den außergewöhnlichsten Entwicklungen des mittelalterlichen Nordatlantiks. Ihre Geschichte beginnt jedoch nicht mit einem einzelnen Moment, in dem Erik der Rote im Jahr 986 eine unbekannte Küste „entdeckte“. Die mittelalterliche Überlieferung beschreibt vielmehr mehrere Phasen: Eriks Verbannung aus Island, seine mehrjährige Erkundung der grönländischen Küsten, seine Rückkehr nach Island und schließlich die organisierte Siedlungsfahrt mit weiteren Männern, Frauen und Tieren. Die Jahreszahl 986 sollte deshalb nicht als zweifelsfrei dokumentiertes Gründungsdatum behandelt werden. Historisch angemessener ist eine Datierung auf um 985 beziehungsweise 985/986 . Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen bestätigen unabhängig von der späteren Erzähltradition, dass die nordische Besiedlung Südwestgrönlands tatsächlich gegen Ende des 10. Jahrhunderts begann. Auch die berühmte Geschichte vom Namen Grœnland verlangt Quellenkritik. Die Erklärung, Erik habe das Land absichtlich „Grünes Land“ genannt, weil ein ansprechender Name mehr Siedler anlocken würde, gehört zur mittelalterlichen Überlieferung. Sie kann eine ältere Erinnerung bewahren, ist aber kein zeitgenössisch dokumentierter Marketingplan Eriks. Aus der frühen Landnahme entstanden mit Eystribyggð und Vestribyggð zwei große Siedlungsräume. Brattahlíð, der mit Erik verbundene Hof im heutigen Qassiarsuk, gehörte zu den bedeutenden Orten der Ostsiedlung. Die Bevölkerung lebte vor allem von Viehhaltung, Heugewinnung, Jagd und der Nutzung maritimer Ressourcen. Gleichzeitig blieb sie über Handel und Schifffahrt mit Island, Norwegen und dem übrigen Europa verbunden. Diese Gesellschaft erwies sich als bemerkenswert langlebig. Fast fünf Jahrhunderte nordischer Besiedlung liegen zwischen der Landnahme des späten 10. Jahrhunderts und dem Verschwinden der letzten Gemeinschaften im 15. Jahrhundert. Das allein widerlegt die Vorstellung eines kurzfristigen und von Anfang an zum Scheitern verurteilten Siedlungsexperiments. Ebenso wenig lässt sich ihr Ende mit einem einzigen Satz erklären. Die klimatische Abkühlung spielte eine Rolle, doch die heutige Forschung diskutiert ein komplexes Zusammenspiel aus Klima, Veränderungen des Meereises, Landwirtschaft, demographischer Entwicklung, Handelsbeziehungen, Walrosselfenbein, europäischen Wirtschaftsveränderungen und möglicher Abwanderung . Die nordischen Grönländer passten ihre Lebensweise durchaus an die arktische Umwelt an; ihre Gesellschaft wurde jedoch zunehmend mit mehreren gleichzeitig wirkenden Belastungen konfrontiert. Für unser Wissen sind deshalb unterschiedliche Quellen notwendig. Íslendingabók, Landnámabók und die späteren Sagas dürfen nicht einfach auf dieselbe Stufe gestellt werden. Sie entstanden zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Zielen. Gleichzeitig besitzen wir mit den archäologischen Höfen, Kirchen, Gräbern, Tierknochen sowie pollen- und sedimentanalytischen Befunden eine zweite, von diesen Texten unabhängige Überlieferungsebene. Gerade dort, wo beide Ebenen zusammentreffen, wird die Geschichte besonders greifbar: Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erreichten Menschen aus Island den Südwesten Grönlands, brachten ihre Tiere und ihre bäuerliche Lebensweise mit und schufen dort eine dauerhafte Gesellschaft. Erik der Rote steht am Anfang dieser Entwicklung – nicht als mythischer Entdecker einer menschenleeren Welt, sondern als zentrale Gestalt einer realen Siedlungsbewegung über den Nordatlantik. Und diese Bewegung hatte Folgen weit über Grönland hinaus. Nur wenige Jahre später wurden die grönländischen Siedlungen zum Ausgangspunkt weiterer Fahrten nach Westen. Die Geschichte von Vinland und der nachweisbaren nordischen Anwesenheit in Nordamerika beginnt deshalb nicht erst an der Küste Neufundlands. Ihre unmittelbare Vorgeschichte liegt in den Fjorden Grönlands und in jener Siedlungsbewegung, die um 985/986 aus Eriks Erkundungsfahrten eine neue nordatlantische Gesellschaft entstehen ließ.
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