Am 18. Juni 860 erschien überraschend eine Flotte der Rus vor Konstantinopel. Für das Byzantinische Reich war der Angriff ein Schock. Die Hauptstadt am Bosporus gehörte zu den mächtigsten und am stärksten befestigten Städten der damaligen Welt, doch Kaiser Michael III. und bedeutende Teile der byzantinischen Streitkräfte befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt. Die Angreifer verwüsteten Gebiete in der Umgebung der Metropole und bedrohten einen Ort, dessen Reichtum, Größe und politische Bedeutung weit über das östliche Mittelmeer hinausreichten.
Der Angriff gehört zu den frühesten sicher belegten großen Begegnungen zwischen den Rus und dem Byzantinischen Reich. Für die nordische Kulturgeschichte besitzt er deshalb besondere Bedeutung. Er zeigt, wie weit die Verkehrs- und Kontaktnetze skandinavisch geprägter Gruppen bereits im 9. Jahrhundert nach Osten und Süden reichten. Von der Ostsee führten Flüsse und Landpassagen durch Osteuropa in Richtung Schwarzes Meer und von dort weiter nach Konstantinopel. Aus diesen Verbindungen entstanden im Verlauf der folgenden Jahrhunderte nicht nur militärische Unternehmungen, sondern ebenso Handel, diplomatische Beziehungen, Militärdienst und schließlich enge politische und kulturelle Verflechtungen.
Gerade bei den Ereignissen des Jahres 860 ist jedoch eine sorgfältige Trennung der Quellen notwendig. Zu den wichtigsten zeitnahen Zeugnissen gehören zwei Predigten des Patriarchen Photios von Konstantinopel, der den Angriff selbst miterlebte und die Bedrohung der Stadt aus byzantinischer Perspektive beschrieb. Wesentlich später entstandene ostslawische Chroniken erzählen ebenfalls vom Angriff auf Konstantinopel und verbinden ihn mit bestimmten Herrschern. Diese spätere Überlieferung darf jedoch nicht ohne Weiteres mit den zeitgenössischen Nachrichten gleichgesetzt werden. Gerade die Identität der Anführer der Flotte von 860 bleibt deshalb weniger eindeutig, als spätere Erzählungen vermuten lassen.
Auch der Begriff Rus verdient Aufmerksamkeit. Die Rus des 9. Jahrhunderts waren weder eine moderne Nation noch lassen sie sich schlicht mit allen Menschen Skandinaviens gleichsetzen. Für die frühe Phase sprechen sprachliche, archäologische und schriftliche Hinweise für eine starke skandinavische Komponente, insbesondere aus dem ostskandinavischen Raum. Zugleich bewegten und etablierten sich diese Gruppen innerhalb einer vielfältigen osteuropäischen Welt, in der unter anderem slawische und finno-ugrische Bevölkerungen lebten. Aus diesen Kontakten entstanden neue politische und kulturelle Strukturen. Der Angriff von 860 gehört damit in eine größere Geschichte: die Entstehung einer Verbindung zwischen Ostsee, den Flusslandschaften Osteuropas, dem Schwarzen Meer und Byzanz.
Konstantinopel – die mächtige Hauptstadt am Bosporus
Im 9. Jahrhundert war Konstantinopel eine der bedeutendsten Metropolen Europas und des Mittelmeerraumes. Seit Kaiser Konstantin I. die alte griechische Stadt Byzantion im Jahr 330 als neue kaiserliche Residenz ausgebaut hatte, war sie zum Zentrum des Oströmischen beziehungsweise Byzantinischen Reiches geworden. Ihre Lage am Bosporus zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer sowie zwischen Europa und Asien machte sie zugleich zu einem strategischen, wirtschaftlichen und politischen Schlüsselpunkt.
Die Stadt war durch gewaltige Befestigungen geschützt. Besonders die im 5. Jahrhundert errichteten Theodosianischen Mauern machten einen Angriff von der Landseite außerordentlich schwierig. Mehrere Verteidigungslinien, mächtige Türme und Gräben schützten die Metropole, während entlang der Küsten weitere Befestigungen bestanden. Konstantinopel war deshalb kein vergleichbares Ziel zu einem offenen Kloster oder einem nur schwach geschützten Handelsplatz an den Küsten Nord- und Westeuropas.
Zugleich war die Stadt ein Zentrum kaiserlicher Repräsentation und christlicher Kultur. Der Große Palast, die Hagia Sophia, zahlreiche Kirchen, öffentliche Plätze, Häfen und Märkte vermittelten eine Form urbaner Größe, die in Skandinavien des 9. Jahrhunderts keine Entsprechung besaß. Für Menschen, die aus den Siedlungslandschaften des Nordens oder über die osteuropäischen Flüsse nach Süden gelangten, muss Konstantinopel eine außergewöhnliche Erscheinung gewesen sein.
In der späteren altnordischen Überlieferung wurde Konstantinopel als Miklagarðr – die große Stadt bezeichnet. Dieser Name spiegelt die herausragende Stellung wider, welche die byzantinische Hauptstadt in der Vorstellungswelt späterer skandinavischer Reisender und Krieger einnahm. Für das Jahr 860 selbst ist jedoch die byzantinische Überlieferung unsere wesentlich unmittelbarere Stimme.
Byzanz als wirtschaftlicher Anziehungspunkt
Konstantinopel kontrollierte einen Raum, der im 9. Jahrhundert große Teile Anatoliens, Gebiete des Balkans und zahlreiche Inseln des östlichen Mittelmeeres umfasste. Trotz territorialer Verluste gegenüber der Spätantike blieb das Reich militärisch, administrativ und wirtschaftlich leistungsfähig. Seine Münzen, Luxuswaren und handwerklichen Erzeugnisse besaßen weit über die Reichsgrenzen hinaus Ansehen.
Für Menschen, die über die osteuropäischen Flussrouten nach Süden gelangten, eröffnete Konstantinopel Zugang zu Silber und Gold, Seide, Wein, hochwertigen Metallarbeiten und Waren aus dem mediterranen und darüber hinausreichenden Handel. In die Gegenrichtung gelangten unter anderem Pelze, Wachs, Honig und versklavte Menschen aus nördlichen und osteuropäischen Gebieten. Damit bestand eine wirtschaftliche Grundlage für Kontakte, die weit über einzelne militärische Auseinandersetzungen hinausging.
Die späteren Beziehungen zwischen den Rus und Byzanz zeigen deutlich, dass Konstantinopel nicht nur als Ziel für Beute wahrgenommen wurde. Die Stadt wurde zum Handelspartner, diplomatischen Gegenüber und Arbeitgeber für Krieger aus dem Norden. Der Angriff von 860 steht am Beginn einer Beziehung, die zunächst gewaltsam sichtbar wird, sich aber keineswegs auf Gewalt beschränken sollte.
Eine mächtige Stadt konnte dennoch verwundbar sein
Die gewaltigen Mauern Konstantinopels erzeugen leicht den Eindruck einer vollkommen unverwundbaren Stadt. Tatsächlich boten die Befestigungen hervorragenden Schutz gegen eine Eroberung. Das bedeutete jedoch nicht, dass das Umland, Klöster, Siedlungen und Küstenbereiche außerhalb der eigentlichen Befestigungen gleichermaßen geschützt waren.
Genau hier lag die Gefahr des Angriffs von 860. Die Rus mussten die Theodosianischen Mauern nicht überwinden, um erhebliche Verwüstungen im Umfeld der Hauptstadt anzurichten. Ein schnell auftauchender maritimer Verband konnte das Umland treffen, bevor größere kaiserliche Streitkräfte zusammengezogen wurden. Für die Bewohner Konstantinopels war bereits die Anwesenheit einer feindlichen Flotte unmittelbar vor der Hauptstadt ein erschütterndes Ereignis.
Wer waren die Rus des 9. Jahrhunderts?
Kaum ein Begriff der frühmittelalterlichen Geschichte Osteuropas ist so intensiv diskutiert worden wie der Name Rus. Bereits die Frage nach seiner Herkunft führte über lange Zeit zu kontroversen Debatten. Heute wird eine bedeutende skandinavische Beteiligung an der frühen Geschichte der Rus von einem großen Teil der Forschung anerkannt. Besonders Kontakte aus dem ostskandinavischen beziehungsweise heutigen schwedischen Raum spielten innerhalb der Handels- und Verkehrsnetze zwischen Ostsee und Osteuropa eine wichtige Rolle.
Damit ist jedoch nicht gesagt, dass die Rus einfach ein anderes Wort für „Schweden“ oder „Wikinger“ gewesen seien. Die Gruppen, die über die Flüsse Osteuropas zogen, bewegten sich in einer Landschaft, die von unterschiedlichen Bevölkerungen bewohnt wurde. Handel, Tribute, militärische Gefolgschaften, Migration und politische Herrschaft führten dazu, dass skandinavische, slawische und finno-ugrische Elemente miteinander in Kontakt kamen.
Die Rus entwickelten sich deshalb innerhalb eines kulturellen Grenzraumes. Einzelne Führungsschichten und Gefolgschaften konnten stark skandinavisch geprägt sein, während die von ihnen kontrollierten Gebiete überwiegend von anderen Bevölkerungen bewohnt wurden. Im Laufe der Generationen veränderten sich Sprache, politische Strukturen und Identitäten. Die Rus des 10. und 11. Jahrhunderts waren deshalb nicht mehr ohne Weiteres mit den mobilen Gruppen des frühen 9. Jahrhunderts gleichzusetzen.
Was sagen westliche Quellen über die frühen Rus?
Ein besonders bedeutendes Zeugnis stammt aus dem Jahr 839, also gut zwei Jahrzehnte vor dem Angriff auf Konstantinopel. Die fränkischen Annales Bertiniani berichten von einer Gesandtschaft, die zusammen mit byzantinischen Gesandten am Hof Kaiser Ludwigs des Frommen erschien. Die Männer bezeichneten sich als Rhos. Bei der Untersuchung ihrer Herkunft stellte sich nach Darstellung der Annalen heraus, dass sie dem Volk der Schweden zugeordnet wurden.
Diese Nachricht ist für die frühe Geschichte der Rus außerordentlich wichtig. Sie zeigt, dass der Name Rus bereits vor 860 in diplomatischen Zusammenhängen auftauchte und dass zeitgenössische westliche Beobachter zumindest diese konkrete Gruppe mit Skandinavien verbanden. Gleichzeitig zeigt die Gesandtschaft, dass Kontakte mit Byzanz bereits vor dem großen Angriff bestanden. Damit erscheint der Überfall von 860 nicht als erste Begegnung zweier vollkommen unbekannter Welten. Diplomatische und wirtschaftliche Kontakte hatten bereits begonnen, während militärische Gewalt eine weitere Form derselben zunehmenden Verbindung darstellte.
Rus, Varäger und Nordmänner sind nicht dasselbe
Für eine quellenbewusste Darstellung ist es wichtig, Begriffe nicht beliebig auszutauschen. Rus, Varäger und Nordmänner können sich in bestimmten historischen Zusammenhängen überschneiden, sind aber nicht grundsätzlich Synonyme. „Rus“ bezeichnet in den Quellen unterschiedliche Gruppen und später politische Herrschaftsverbände Osteuropas. „Varäger“ wurde insbesondere in byzantinischen und osteuropäischen Zusammenhängen für Menschen aus dem skandinavischen beziehungsweise nordischen Raum verwendet und erhielt später eine besondere Verbindung zum Militärdienst in Byzanz.
Statt sämtliche Akteure des osteuropäischen 9. Jahrhunderts pauschal als „Wikinger“ zu bezeichnen, ist es deshalb präziser, die Bezeichnungen der jeweiligen Quellen und historischen Zusammenhänge zu verwenden. Beim Angriff von 860 sprechen die byzantinischen Zeugnisse von den Rhos beziehungsweise Rus.
Die Wege aus dem Norden nach Konstantinopel
Dass Menschen aus dem Ostseeraum überhaupt vor Konstantinopel erscheinen konnten, gehört zu den beeindruckendsten Entwicklungen der frühmittelalterlichen Mobilität. Osteuropa wurde von großen Flusssystemen durchzogen, die als Verkehrsadern dienten. Über Flüsse, Seen und kurze Landpassagen konnten Reisende gewaltige Entfernungen überwinden.
Besonders bekannt ist die später ausführlicher belegte Route, die von der Ostsee über Flusssysteme in Richtung Dnepr und Schwarzes Meer führte. Zwischen einzelnen Flüssen mussten Schiffe und Waren über Land transportiert werden. Stromschnellen und andere natürliche Hindernisse machten die Reise gefährlich und verlangten erhebliche Kenntnisse der Landschaft.
Diese Wege waren keine befestigten Straßen und auch keine durchgehend kontrollierten Wasserstraßen. Sie bestanden aus einem komplexen Netzwerk aus Flüssen, Seen, Portagen und regionalen Handelsplätzen. Wer sie nutzen wollte, benötigte lokale Kenntnisse, Kontakte und die Fähigkeit, Boote und Waren notfalls über Land zu bewegen.
Staraja Ladoga und die frühen Kontakte
Im Gebiet des heutigen nordwestlichen Russlands entstanden bereits im 8. Jahrhundert bedeutende Plätze, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammentrafen. Besonders Staraja Ladoga gehört zu den wichtigsten archäologischen Fundorten für die frühen skandinavischen Kontakte mit Osteuropa. Dort finden sich deutliche Hinweise auf weitreichenden Handel und die Anwesenheit von Menschen aus dem Ostseeraum. Von der Ladoga-Region aus bestanden Verbindungen weiter in das russische Binnenland. Orte wie Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod und später weitere Zentren zeigen, dass sich entlang dieser Verkehrswege neue politische und wirtschaftliche Knotenpunkte entwickelten.
Archäologische Funde aus diesen Regionen verbinden den Ostseeraum mit Silberströmen aus dem islamischen Osten, lokalen Handelsnetzwerken und später den südlichen Routen zum Schwarzen Meer. Die nordische Expansion nach Osten war damit keineswegs ausschließlich eine militärische Bewegung. Handel gehörte von Beginn an zu ihren wichtigsten Triebkräften.
Schiffe mussten an die Flüsse angepasst werden
Die für diese Reisen verwendeten Wasserfahrzeuge mussten andere Anforderungen erfüllen als reine Hochseeschiffe. Ein Fahrzeug, das auf Flüssen eingesetzt wurde, musste vergleichsweise flach im Wasser liegen und sich gegebenenfalls über Land bewegen lassen. Die osteuropäischen Routen verlangten deshalb große Flexibilität.
Byzantinische Quellen des 10. Jahrhunderts beschreiben später sogenannte monoxyla, einfache beziehungsweise aus großen Baumstämmen gefertigte oder darauf basierende Fahrzeuge, die von den Rus für die Fahrt nach Süden genutzt wurden. Diese späteren Beschreibungen dürfen nicht unverändert auf das Jahr 860 übertragen werden, zeigen jedoch die besondere maritime Infrastruktur der osteuropäischen Flusswelt.
Der 18. Juni 860 – die Flotte erscheint vor Konstantinopel
Der Angriff begann am 18. Juni 860. Die Datierung gehört zu den vergleichsweise gut gesicherten Aspekten des Ereignisses. Die Rus erschienen über den Bosporus im Umfeld Konstantinopels und trafen das Reich in einer ungünstigen Situation. Kaiser Michael III. war mit einem Heer im Osten gebunden, wo das Byzantinische Reich gegen arabische Gegner kämpfte.
Auch die byzantinische Flotte war nicht in voller Stärke verfügbar. Für die Hauptstadt entstand dadurch eine außergewöhnliche Bedrohungslage. Die Angreifer konnten im Umland operieren und trafen auf Gebiete, die nicht durch dieselben gewaltigen Befestigungen geschützt waren wie der innere Kern Konstantinopels.
Der Patriarch Photios erlebte diese Situation unmittelbar. Seine Predigten gehören deshalb zu den wichtigsten Quellen. Sie zeigen nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die emotionale Wirkung des Angriffs auf die Bevölkerung. Die Rus erscheinen bei ihm als plötzlich auftauchende, bedrohliche Macht, deren Anwesenheit als schwere Prüfung der christlichen Gemeinschaft interpretiert wurde.
Photios als Zeitzeuge
Photios war seit 858 Patriarch von Konstantinopel und gehörte zu den bedeutendsten Gelehrten seiner Epoche. Seine Schilderungen des Angriffs entstanden nicht aus der Distanz späterer Jahrhunderte, sondern im unmittelbaren Zusammenhang mit der Bedrohung. Gerade deshalb besitzen sie einen hohen Quellenwert.
Gleichzeitig sind seine Predigten keine modernen militärischen Einsatzberichte. Photios sprach als christlicher Patriarch zu einer verängstigten Bevölkerung. Er deutete die Ereignisse religiös, verwendete rhetorische Überhöhungen und verstand die Bedrohung im Rahmen christlicher Vorstellungen von Sünde, Strafe und göttlichem Schutz.
Diese doppelte Perspektive ist entscheidend. Seine Texte liefern uns unmittelbare Eindrücke, müssen aber als Predigten gelesen werden. Zahlen, Beschreibungen der Gegner und dramatische Formulierungen dürfen deshalb nicht unkritisch als nüchterne militärische Protokolle behandelt werden.
Das Umland wird verwüstet
Die Rus konnten Konstantinopel selbst nicht erobern. Dennoch war der Angriff keineswegs bedeutungslos. Gebiete außerhalb der Mauern wurden verwüstet, Menschen getötet oder gefangen genommen und Besitz geplündert. Für die Bevölkerung des Umlandes waren die mächtigen Befestigungen der Hauptstadt kein ausreichender Schutz.
Gerade darin zeigt sich eine Parallele zu anderen maritimen Unternehmungen des 9. Jahrhunderts. Mobilität konnte zeitweise wichtiger sein als zahlenmäßige oder militärische Überlegenheit. Ein Verband musste nicht das Byzantinische Reich besiegen, um erheblichen Schaden anzurichten. Er musste schnell erscheinen, verwundbare Ziele erreichen und sich zurückziehen, bevor die überlegenen Ressourcen des Reiches vollständig mobilisiert werden konnten.
Wie groß war die Flotte der Rus?
Spätere Quellen nennen teilweise sehr hohe Schiffszahlen für den Angriff. Solche Angaben müssen jedoch mit Vorsicht behandelt werden. Frühmittelalterliche Chronisten verwendeten Zahlen nicht immer im modernen statistischen Sinn, und gerade bei feindlichen Heeren konnten Größenangaben Teil der literarischen Dramatisierung sein.
Dass es sich um eine bedeutende maritime Streitmacht handelte, steht außer Frage. Wie viele Schiffe und Menschen tatsächlich vor Konstantinopel erschienen, lässt sich dagegen nicht mit derselben Sicherheit bestimmen. Eine genaue Zahl sollte deshalb nicht als gesicherte Tatsache präsentiert werden.
Das Ereignis bleibt auch ohne spektakuläre Zahlen bemerkenswert. Eine Flotte hatte die weiten Verkehrswege Osteuropas überwunden, das Schwarze Meer erreicht und war vor der Hauptstadt eines der mächtigsten Reiche der damaligen Welt erschienen. Allein diese logistische Leistung zeigt, wie weit entwickelt die Verbindungen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer bereits waren.
Wer führte den Angriff an?
Die zeitnahen byzantinischen Zeugnisse nennen die Anführer des Angriffes nicht eindeutig. Erst die wesentlich später entstandene Primary Chronicle verbindet einen Angriff auf Konstantinopel mit Askold und Dir. Die Chronik ist für die Geschichte der frühen Rus unverzichtbar, entstand in ihrer überlieferten Form jedoch erst im frühen 12. Jahrhundert.
Damit liegen zwischen dem Angriff und dieser Erzählung rund zweieinhalb Jahrhunderte. Die Chronisten griffen auf ältere Traditionen zurück, ordneten diese jedoch zugleich in ihre eigene Vorstellung von der Entstehung der Rus-Herrschaft ein. Besonders die frühe Chronologie der Chronik kann deshalb nicht ohne Abgleich mit zeitnäheren Quellen übernommen werden. Eine direkte Führung des Angriffs durch Rurik ist durch die zeitgenössischen byzantinischen Quellen nicht belegt. Für eine quellenbewusste Darstellung ist es deshalb besser, von einer Flotte beziehungsweise einem Verband der Rus zu sprechen, ohne einen historisch nicht sicher nachweisbaren Befehlshaber zu konstruieren.
Askold und Dir zwischen Überlieferung und Geschichte
Askold und Dir gehören dennoch zur Geschichte der frühen Rus-Tradition. Die spätere Chronik stellt sie als Männer dar, die sich in Kiew niederließen und von dort aus nach Konstantinopel zogen. Ob diese Darstellung tatsächliche Erinnerungen an historische Führungspersönlichkeiten bewahrt, lässt sich nicht abschließend beantworten. Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Überlieferung und Rekonstruktion. Eine mittelalterliche Chronik kann für das Selbstverständnis einer späteren Gesellschaft von enormer Bedeutung sein, ohne dass jede Einzelheit ihrer Erzählung für ein Ereignis Jahrhunderte zuvor historisch gesichert sein muss.
Warum zog sich die Flotte wieder zurück?
Der genaue Verlauf des Endes des Angriffs gehört zu den Punkten, an denen sich die Überlieferungen unterscheiden und spätere Erzählungen stärker ausgeschmückt wurden. Sicher ist, dass Konstantinopel nicht erobert wurde und die Rus schließlich abzogen. Wie genau dieser Rückzug zustande kam, lässt sich weniger eindeutig rekonstruieren. In späteren byzantinischen Traditionen wurde der Schutz der Stadt mit einem wundersamen Eingreifen der Gottesmutter verbunden. Berühmt wurde die Erzählung, nach der ein heiliges Gewand beziehungsweise der Schleier der Gottesmutter in einer Prozession zum Meer gebracht worden sei, worauf ein Sturm die feindliche Flotte getroffen habe.
Diese Geschichte besitzt große Bedeutung für die religiöse Erinnerung Konstantinopels. Als unmittelbare Beschreibung der Ereignisse von 860 ist sie jedoch problematisch. Besonders bemerkenswert ist, dass Photios als zeitnaher Zeuge einen solchen vernichtenden Sturm in seinen Predigten über den Angriff nicht in der Form beschreibt, die spätere Überlieferungen daraus machten.
Religiöse Deutung und historische Rekonstruktion
Für die Menschen Konstantinopels war die Rettung ihrer Stadt nicht lediglich ein militärisches Ereignis. Die byzantinische Gesellschaft verstand Geschichte innerhalb eines christlichen Weltbildes. Siege, Niederlagen, Naturkatastrophen und Angriffe konnten als Zeichen göttlichen Handelns interpretiert werden.
Die Verehrung der Gottesmutter als Beschützerin Konstantinopels besaß bereits eine lange Tradition. Dass die Abwehr einer gefährlichen Flotte später in diese religiöse Erinnerung eingebunden wurde, ist deshalb keineswegs überraschend. Historisch müssen wir jedoch zwischen dieser religiösen Deutung und dem rekonstruierbaren Ablauf unterscheiden. Wahrscheinlich spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Die Stadt selbst war hervorragend befestigt, eine dauerhafte Belagerung stellte enorme Anforderungen an die Angreifer, und die Rückkehr beziehungsweise Mobilisierung byzantinischer Streitkräfte erhöhte das Risiko. Ein erfolgreicher Raubzug musste nicht mit der Eroberung Konstantinopels enden.
Keine Eroberung – aber dennoch ein Erfolg?
Ob die Unternehmung aus Sicht der Rus als Erfolg oder Niederlage bewertet wurde, wissen wir nicht. Sie nahmen Konstantinopel nicht ein. Gleichzeitig hatten sie das Umland einer der mächtigsten Städte der bekannten Welt erreicht, Beute gemacht und das Byzantinische Reich gezwungen, sie als ernstzunehmende Macht wahrzunehmen.
Gerade aus diesem Grund sollte der Angriff nicht allein nach dem Maßstab einer Stadteroberung bewertet werden. Maritime Unternehmungen des 9. Jahrhunderts konnten auf Beute, Gefangene, Tribute, Prestige oder politische Wirkung ausgerichtet sein. Welche Kombination dieser Motive 860 ausschlaggebend war, lässt sich nicht sicher bestimmen.
Nach dem Angriff – aus Feinden werden Handelspartner
Die Geschichte der Beziehungen zwischen Rus und Byzanz endete nicht mit dem Rückzug der Flotte. Im Gegenteil: In den folgenden Jahrzehnten verdichteten sich die Kontakte weiter. Militärische Konfrontationen wechselten sich mit diplomatischen Verhandlungen und Handel ab.
Für Byzanz war es grundsätzlich nicht ungewöhnlich, mit ehemaligen Gegnern Verträge zu schließen und sie in das eigene diplomatische System einzubinden. Das Reich verfügte über jahrhundertelange Erfahrung im Umgang mit Völkern und Herrschaften an seinen Grenzen. Geschenke, Titel, Handelsrechte, Mission und Militärdienst konnten ebenso politische Werkzeuge sein wie offene Kriegführung.
Auch die Rus hatten ein Interesse an geregeltem Zugang zu den byzantinischen Märkten. Konstantinopel bot Möglichkeiten, die durch reine Plünderung langfristig nicht erreicht werden konnten. Handel konnte profitabler und dauerhafter sein als ein einzelner Raubzug.
Die Rus und das Christentum
Photios berichtet wenige Jahre nach dem Angriff von einer bemerkenswerten Entwicklung: Die Rus hätten Interesse am Christentum gezeigt beziehungsweise eine Mission angenommen. Wie umfassend diese frühe Christianisierung tatsächlich war, ist umstritten. Von einer vollständigen Bekehrung der Rus im 9. Jahrhundert kann jedenfalls nicht gesprochen werden. Dennoch zeigt die Nachricht, dass religiöse Kontakte bereits früh Teil der Beziehungen zu Byzanz wurden. Das Christentum war für das Reich nicht nur Glaubensfrage, sondern zugleich ein wichtiger Bestandteil seiner Diplomatie und kulturellen Ausstrahlung. Die endgültige Christianisierung der Kiewer Rus wird gewöhnlich mit Vladimir dem Großen und der Taufe von 988 verbunden. Zwischen dem Angriff von 860 und diesem Ereignis lagen damit mehr als hundert Jahre intensiver Kontakte, Konflikte und politischer Veränderungen.
Konstantinopel als kultureller Einfluss
Der Einfluss von Byzanz auf die spätere Rus reichte weit über Religion hinaus. Schriftkultur, Kunst, Architektur, Herrschaftsvorstellungen und kirchliche Organisation wurden nachhaltig durch das Byzantinische Reich geprägt. Konstantinopel wurde damit von einem Ziel militärischer Unternehmungen zu einem der wichtigsten kulturellen Bezugspunkte Osteuropas. Gerade diese langfristige Entwicklung macht den Angriff von 860 historisch so bemerkenswert. Die Stadt, die zunächst als reiche Beute vor einer Flotte aus dem Norden erschien, sollte später zu einem Zentrum kultureller Orientierung für die Rus werden.
Von Miklagard zur Warägergarde
Für die skandinavische Geschichte entwickelte sich Konstantinopel in den folgenden Jahrhunderten zu einem außergewöhnlichen Anziehungspunkt. Männer aus Schweden, Norwegen, Dänemark und später auch aus anderen Regionen reisten nach Byzanz, um Handel zu treiben oder militärischen Dienst zu leisten. Runeninschriften und spätere nordische Überlieferungen bewahren Erinnerungen an Reisen nach Grikkland und Miklagarðr.
Besonders berühmt wurde die Warägergarde, die als Eliteeinheit im Dienst der byzantinischen Kaiser stand. Ihre institutionelle Ausprägung gehört allerdings in eine deutlich spätere Zeit als der Angriff von 860. Vor allem seit dem späten 10. Jahrhundert spielten Krieger aus dem nordischen und später auch angelsächsischen Raum eine herausragende Rolle innerhalb der kaiserlichen Leibwache.
Diese spätere Entwicklung sollte nicht rückwirkend auf die Rus-Flotte von 860 übertragen werden. Sie zeigt jedoch, wie sehr sich die Beziehungen verändern konnten. Nachkommen und Landsleute jener nördlichen Kriegerwelten, die Konstantinopel einst bedroht hatten, dienten später seinen Kaisern.
Runen erzählen von Reisen nach Süden
Besonders in Schweden sind Runensteine erhalten, die an Männer erinnern, die nach Griechenland beziehungsweise in den byzantinischen Raum gezogen waren. Die sogenannten Griechenland-Runensteine gehören zu den eindrucksvollsten materiellen Zeugnissen dieser Kontakte. Sie stammen überwiegend aus dem 11. Jahrhundert und liegen damit lange nach dem Angriff von 860. Dennoch zeigen sie, welche Bedeutung die südöstlichen Verbindungen für Teile der skandinavischen Gesellschaft besaßen. Menschen konnten Jahre fern ihrer Heimat verbringen, im Ausland Reichtum erwerben und mit Erfahrungen zurückkehren, die weit über die lokale Welt ihres Herkunftsortes hinausgingen. Konstantinopel war dadurch nicht nur ein ferner Name. Für manche Menschen aus Skandinavien war Miklagarðr ein tatsächlich erreichbarer Ort – auch wenn die Reise dorthin lang, gefährlich und keineswegs alltäglich war.
Der Norden war mit der Welt verbunden
Der Angriff von 860 widerspricht damit einem hartnäckigen Bild des frühmittelalterlichen Skandinaviens als isolierter Randregion Europas. Die Menschen des Nordens lebten zwar weit entfernt von den großen mediterranen Metropolen, waren aber über maritime und fluviale Netzwerke mit ihnen verbunden. Silber aus dem islamischen Osten gelangte bis nach Skandinavien. Skandinavische Gegenstände und Personen finden sich entlang der osteuropäischen Verkehrswege. Menschen aus dem Norden erreichten das Schwarze Meer und Byzanz. Die Welt des 9. Jahrhunderts war größer und zugleich stärker miteinander verbunden, als moderne Karten mit festen Staatsgrenzen vermuten lassen.
860 als Wendepunkt zwischen Ostsee und Byzanz
Der Angriff auf Konstantinopel besitzt deshalb eine Bedeutung, die weit über seine unmittelbaren Verwüstungen hinausreicht. Er macht sichtbar, dass die östliche Expansion skandinavisch geprägter Gruppen inzwischen eine geographische Reichweite erreicht hatte, die vom Ostseeraum bis an die Grenzen des Mittelmeeres führte. Im Westen erreichten nordische Flotten während derselben Epoche Irland, das Frankenreich und später tiefere Regionen Westeuropas. Im Osten verlief die Entwicklung jedoch unter anderen Bedingungen. Hier bildeten Flusssysteme, Handelsplätze und multiethnische Herrschaftsräume die Grundlage für eine Expansion, aus der schließlich die Rus hervorgingen. Deshalb sollte die Geschichte von 860 nicht einfach als östliche Variante eines gewöhnlichen Überfalls erzählt werden. Die Rus waren bereits Teil eines entstehenden politischen Netzwerkes, dessen Bedeutung in den folgenden Jahrhunderten enorm wachsen sollte.
Vom Angriff zur dauerhaften Beziehung
Gerade der weitere Verlauf macht dies deutlich. Die Beziehungen zwischen Byzanz und den Rus blieben konfliktreich. Weitere militärische Unternehmungen gegen Konstantinopel folgten im 10. Jahrhundert. Gleichzeitig entstanden Verträge, Handelsvereinbarungen und militärische Kooperationen. Schließlich wurde Byzanz zu einem entscheidenden kulturellen Bezugspunkt für die Christianisierung und politische Entwicklung der Kiewer Rus. Was 860 mit einer feindlichen Flotte vor Konstantinopel sichtbar wurde, entwickelte sich über Generationen zu einer der bedeutendsten Verbindungen des mittelalterlichen Osteuropas. Konflikt, Handel, Diplomatie, Migration und Religion gehörten dabei zu derselben Kontaktgeschichte. Genau deshalb lässt sich die Beziehung zwischen dem Norden und Byzanz nicht auf das Bild plündernder Krieger reduzieren.
Was wir über 860 wirklich sagen können
Historisch gesichert ist der Angriff der Rus auf Konstantinopel im Juni 860. Besonders die Predigten des Patriarchen Photios liefern eine zeitnahe Perspektive auf die Bedrohung. Sicher ist ebenfalls, dass die Stadt nicht erobert wurde und dass die Angreifer schließlich abzogen.
Vorsicht ist dagegen bei den Namen einzelner Anführer, exakten Schiffszahlen und späteren wundersamen Erzählungen geboten. Die mittelalterliche Überlieferung bewahrte und veränderte das Ereignis über Generationen. Wer diese Schichten voneinander trennt, verliert keineswegs die spannende Geschichte – im Gegenteil. Gerade die Unterschiede zwischen zeitgenössischem Bericht und späterer Erinnerung machen den Angriff von 860 zu einem besonders faszinierenden Beispiel historischer Quellenarbeit.
Predigten des Patriarchen Photios gehören zu den wichtigsten zeitnahen Stimmen. Seine religiöse Deutung des überraschenden Angriffs prägt die Überlieferung. Die Stadt war Hauptstadt eines hochentwickelten Imperiums. Der Angriff demonstriert Reichweite, führte aber nicht zur Eroberung der Stadt. Die Unternehmung setzt funktionierende Fluss- und Seeverbindungen zwischen Osteuropa und dem Schwarzen Meer voraus. Im 10. Jahrhundert dokumentieren byzantinisch-rusische Beziehungen Handel, Diplomatie und Krieg in dichterer Form.
Später dienen skandinavische und andere nördliche Krieger im byzantinischen Heer. Der Dienst ist eine andere Form von Mobilität als der Angriff von 860. Mit Vladimir und 988 verändert sich das Verhältnis zu Byzanz grundlegend und erhält eine starke kirchliche Dimension. Konstantinopels Geschichte führt über Kreuzzüge und spätbyzantinische Politik weit über die Wikingerzeit hinaus. Nordische Söldner sind Teil einer Phase, nicht die Identität der Stadt. Der Artikel trennt deshalb Skandinavier, Waräger und Rus dort, wo die Quellen keine vollständige Gleichsetzung erlauben.
Fazit
Der Angriff der Rus auf Konstantinopel im Jahr 860 gehört zu den bedeutendsten frühen Zeugnissen für die Verbindung zwischen dem skandinavisch geprägten Ostseeraum, Osteuropa und dem Byzantinischen Reich. Eine Flotte hatte die weitreichenden Verkehrswege nach Süden genutzt und erschien am 18. Juni überraschend vor einer der mächtigsten Metropolen der damaligen Welt. Die Rus konnten Konstantinopel nicht erobern. Dennoch verwüsteten sie Gebiete im Umfeld der Hauptstadt und versetzten deren Bevölkerung in erhebliche Angst. Besonders wertvoll sind die Predigten des Patriarchen Photios , weil sie unmittelbar aus der Zeit des Angriffes stammen. Zugleich erinnern sie daran, dass mittelalterliche Quellen immer innerhalb ihres eigenen religiösen und rhetorischen Umfeldes gelesen werden müssen. Wer genau die Flotte führte, lässt sich nicht mit derselben Sicherheit bestimmen. Die spätere ostslawische Überlieferung verbindet einen Angriff mit Askold und Dir , entstand jedoch Jahrhunderte nach den Ereignissen. Eine unmittelbare Verbindung mit Rurik ist durch die zeitgenössischen byzantinischen Zeugnisse nicht belegt. Ebenso müssen spektakuläre Angaben über die Größe der Flotte und spätere Wundererzählungen quellenkritisch betrachtet werden. Von besonderer Bedeutung ist dagegen die Identität der Rus . Ihre frühe Geschichte weist deutliche skandinavische Verbindungen auf, doch sie entwickelten sich innerhalb einer vielfältigen osteuropäischen Welt. Schon die fränkische Überlieferung von 839 zeigt eine Gruppe von Rhos, deren Mitglieder als Schweden identifiziert wurden. Im Verlauf der folgenden Generationen entstanden aus solchen Kontakten jedoch politische Gemeinschaften, die nicht mehr einfach als skandinavische Fremdgruppen verstanden werden können. Der Angriff von 860 war deshalb kein isolierter Vorstoß aus einem fernen Norden. Er gehörte zu einem wesentlich größeren Prozess. Ostsee, osteuropäische Flüsse, Schwarzes Meer und Konstantinopel wurden Teile eines zusammenhängenden Verkehrs- und Kontaktraumes. Händler bewegten Waren über enorme Entfernungen, Krieger suchten Beute und Dienst, Herrscher schlossen Verträge und religiöse Vorstellungen wanderten mit den Menschen. Aus der zunächst gewaltsamen Begegnung entwickelte sich schließlich eine dauerhafte Beziehung. Konstantinopel wurde Handelspartner und diplomatisches Gegenüber der Rus, später ein entscheidender Ausgangspunkt ihrer Christianisierung und für Menschen aus Skandinavien das sagenhafte Miklagarðr – die große Stadt . Im Dienst der byzantinischen Kaiser sollten nordische Krieger später sogar einen festen Platz innerhalb der militärischen Welt des Reiches erhalten. 860 steht damit nicht nur für einen Angriff auf Konstantinopel. Das Jahr macht sichtbar, wie weit die Welt des Nordens bereits reichte. Zwischen Ostsee und Bosporus lagen Tausende Kilometer, unterschiedliche Sprachen, Religionen und Gesellschaften. Dennoch verbanden Flüsse, Schiffe, Handel und menschliche Mobilität diese Räume miteinander. Der Angriff der Rus war ein gewaltsamer Ausdruck dieser Verbindung – aber längst nicht ihr letzter.


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