Unter einem Bild von Odin steht es als Abschiedsgruß. In Wikingergruppen taucht es unter Beiträgen auf, auf Veranstaltungen hört man es zwischen Menschen, die sich der nordischen Mythologie verbunden fühlen: „Asa og Vana“. Gemeint ist gewöhnlich etwas Wohlwollendes, häufig erklärt als „Asenheil und Wanensegen“ oder freier als Wunsch, die Asen und Wanen mögen einem Menschen gewogen sein. Die Formel klingt nordisch, nennt zwei tatsächlich alte Götterbezeichnungen und ist inzwischen so verbreitet, dass sie leicht den Eindruck einer überlieferten Grußformel aus der Wikingerzeit erweckt.
Genau dieser Eindruck hält einer Quellenprüfung jedoch nicht stand. In den erhaltenen eddischen Gedichten, der skaldischen Dichtung, den Runeninschriften und den mittelalterlichen Sagas lässt sich „Asa og Vana“ nicht als Grußformel der Wikingerzeit nachweisen. Auch eine altnordische Ausgangsformel, die sich einfach als moderne Schreibweise erhalten hätte, ist nicht belegt. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles daran erfunden wäre. Im Gegenteil: Gerade die Mischung aus echten alten Begriffen, tatsächlich überlieferten Grußformeln und moderner religiöser beziehungsweise populärkultureller Neuschöpfung macht „Asa og Vana“ so interessant.
Wo begegnet „Asa og Vana“ heute?
Die Formel ist in der Gegenwart durchaus real. Sie begegnet vor allem in deutschsprachigen Ásatrú- und neuheidnischen Zusammenhängen, in Wikinger- und Mittelalterszenen sowie in sozialen Netzwerken und verwandten Onlinegemeinschaften. Der Eldaring, ein heutiger deutschsprachiger Ásatrú-Verband, widmete der Frage nach der Herkunft von „asa og vana“ bereits einen eigenen Beitrag und beschreibt die Formel ausdrücklich als etwas, über das man häufig in Social-Media-Beiträgen deutscher heidnischer und Ásatrú-Gruppen stolpert. Auch außerhalb organisierter religiöser Gemeinschaften lässt sich die Verwendung seit Jahren als Gruß oder Signatur beobachten.
Die Bedeutung wird dabei nicht immer exakt gleich verstanden. Besonders verbreitet ist die deutsche Wiedergabe „Asenheil und Wanensegen“. Manchmal wird daraus freier „Mögen die Asen und Wanen mit dir sein“, manchmal einfach ein gemeinschaftlicher nordischer Gruß. Schon diese unterschiedlichen Übersetzungen sind ein Hinweis darauf, dass keine eindeutig überlieferte historische Formel dahintersteht. Eine alte feste Grußformel hätte zunächst einen eigenen sprachlichen Wortlaut, dessen Bedeutung übersetzt werden könnte. Bei „Asa og Vana“ geschieht häufig das Gegenteil: Eine moderne Vorstellung wird mit nordisch wirkenden Wörtern ausgedrückt.
Ist „Asa og Vana“ überhaupt Altnordisch?
Hier beginnt das eigentliche Problem bereits bei drei Wörtern. Die altnordischen Bezeichnungen für die beiden bekannten Göttergruppen lauten Æsir und Vanir. Der Singular zu Æsir ist áss, der Singular zu Vanir vanr. Daneben existieren natürlich gebeugte Formen. Deshalb können in altnordischen Texten beispielsweise ása und vana erscheinen, wenn der grammatische Zusammenhang genau diese Formen verlangt.
Das kleine Wort in der Mitte ist ebenso aufschlussreich. Altnordisch lautet „und“ ok. Das heute vertraute skandinavische og gehört zu späteren beziehungsweise modernen Sprachformen, etwa im Norwegischen und Dänischen; auch im modernen Isländischen wird og geschrieben. Schon die Form „Asa og Vana“ ist deshalb keine sauber erhaltene altnordische Grußformel. Sie sieht für moderne Augen skandinavisch aus, vermischt aber Formen auf eine Weise, die nicht einfach mit „So sagten es die Wikinger“ gleichgesetzt werden kann.
Noch wichtiger ist etwas anderes: Selbst eine grammatisch perfekt ins Altnordische übertragene Wendung wäre dadurch nicht historisch. Man könnte heute mit einem Wörterbuch einen vollkommen korrekten altnordischen Satz bilden, den im Mittelalter nachweislich niemand verwendet hat. Sprachliche Möglichkeit und historische Überlieferung sind zwei verschiedene Dinge. Genau diese Unterscheidung ist bei modernen „Wikingerbegriffen“ entscheidend.
Aber Æsir und Vanir sind tatsächlich alte Begriffe
Der moderne Gruß hängt seine Wirkung nicht an beliebige Fantasiewörter. Æsir und Vanir gehören tatsächlich zur mittelalterlich überlieferten mythologischen Sprache. Die eddischen Gedichte kennen beide Begriffe, und besonders die Wanen erscheinen an mehreren Stellen als erkennbare Gruppe. Ihre Stellung ist allerdings komplizierter, als moderne Götterlisten mit zwei sauber getrennten Familien vermuten lassen.
Eine besonders klare Stelle bietet das Skírnismál. Gerðr fragt den angekommenen Skírnir in Strophe 17 nach seiner Herkunft:
„Hvat er þat álfa
né ása sona
né víssa vana?“
Sinngemäß: „Bist du von den Alben, von den Söhnen der Asen oder von den weisen Wanen?“ Skírnismál, Strophe 17; die Orthographie variiert je nach Edition. In der unmittelbar folgenden Strophe antwortet Skírnir entsprechend, er sei weder von den Alben noch von den Asensöhnen noch von den weisen Wanen. Die Begriffe sind also keineswegs moderne Erfindungen. Ein eddisches Gedicht unterscheidet tatsächlich zwischen álfar, Æsir und Vanir.
Das ist für „Asa og Vana“ wichtig, beweist den Gruß aber gerade nicht. Eine Quelle kann Asen und Wanen kennen, ohne dass daraus eine Grußformel „Asen und Wanen“ folgt. Vergleichbar wäre es, aus zwei historisch belegten Personengruppen eine neue Segensformel zu bilden: Die einzelnen Wörter wären alt, ihre Kombination als Gruß bliebe trotzdem neu.
Auch der Konflikt zwischen Asen und Wanen ist tatsächlich überliefert
Die Völuspá kennt einen rätselhaften Konflikt, der gewöhnlich mit dem Krieg zwischen Asen und Wanen verbunden wird. In der verbreiteten Strophenzählung beschreibt Strophe 24 einen Angriff auf die Befestigung der Asen und nennt ausdrücklich die Wanen:
„brotinn var borðveggr
borgar ása,
knáttu vanir vígspá
völlu sporna.“
Sinngemäß: Der Wall der Burg der Asen wurde gebrochen; die Wanen konnten im Kampf beziehungsweise mit Kampfzauber das Feld betreten. Völuspá, Strophe 24 nach verbreiteter Zählung; Wortlaut und Interpunktion unterscheiden sich zwischen den Editionen. Die Passage gehört zu den wichtigsten frühen poetischen Belegen dafür, dass die Vorstellung verschiedener göttlicher Gruppen nicht erst von Snorri Sturluson erfunden wurde.
Auch hier ist die Grenze jedoch deutlich. Die Völuspá kennt ása und vanir, aber sie lässt keinen Menschen „Asa og Vana“ sagen. Sie berichtet von einem mythologischen Konflikt. Die beiden Wörter sind alt; ihre heutige Funktion als gemeinschaftlicher Gruß ist es nach der erhaltenen Quellenlage nicht.
Njörðr zeigt besonders schön, dass „Vanir“ kein modernes Fantasiewort ist
Ein weiterer starker Quellenanker steht im Vafþrúðnismál. Odin fragt dort nach der Herkunft Njörðrs, weil dieser zahlreiche Heiligtümer beherrsche, aber nicht unter den Asen geboren worden sei. Vafþrúðnir antwortet in Strophe 39:
„Í Vanaheimi
skópu hann vís regin
ok seldu at gíslingu goðum;
í aldar rök
hann mun aftr koma
heim með vísum vönum.“
Sinngemäß: „In Vanaheim schufen ihn weise Mächte und gaben ihn den Göttern als Geisel; am Ende des Zeitalters wird er wieder heimkehren zu den weisen Wanen.“ Vafþrúðnismál, Strophe 39. Die Passage ist bemerkenswert, weil sie nicht nur die Wanen nennt, sondern Njörðr ausdrücklich mit Vanaheim und einem Geiselaustausch verbindet.
Damit lässt sich etwas Wichtiges festhalten: Wer heute mit Asen und Wanen Bezug auf nordische Mythologie nimmt, greift durchaus auf Begriffe zurück, die tief in der mittelalterlichen Überlieferung verankert sind. Es wäre deshalb ebenso falsch, „Asa og Vana“ als vollkommen bedeutungsloses Fantasy-Kauderwelsch abzutun. Modern ist nicht der Bezug auf Asen und Wanen. Modern ist nach allem, was sich derzeit nachweisen lässt, ihre Verwendung in genau dieser Grußformel.
Selbst die Grenze zwischen Asen und Wanen ist weniger ordentlich als gedacht
Ein besonders schönes Beispiel liefert die Þrymskviða. Als die Götter beraten, wie Thors gestohlener Hammer zurückgewonnen werden könnte, meldet sich Heimdallr zu Wort. In Strophe 15 heißt es über ihn:
„Þá kvað þat Heimdallr,
hvítastr ása,
vissi hann vel fram
sem vanir aðrir.“
Sinngemäß: „Da sprach Heimdallr, der weißeste der Asen; er wusste gut voraus wie die anderen Wanen.“ Þrymskviða, Strophe 15. Schon die Übersetzung des letzten Ausdrucks ist nicht völlig unproblematisch, weil sem vanir aðrir unterschiedlich aufgefasst werden kann. Gerade deshalb ist die Stelle interessant: Heimdallr wird innerhalb weniger Verse mit Asen und Wanen in Verbindung gebracht.
Das passt schlecht zu der Vorstellung zweier vollständig abgeschlossener göttlicher Mannschaften mit festen Mitgliederlisten. Die Forschung diskutiert deshalb seit langem, wie genau Æsir und Vanir in den unterschiedlichen Traditionen verstanden wurden. Für den modernen Gruß ergibt sich daraus eine kleine Ironie: „Asa og Vana“ klingt wie die Beschwörung zweier klar geordneter Pantheons, während schon die alten Gedichte selbst wesentlich unordentlicher sind.
Was sagten Menschen in den überlieferten Texten tatsächlich zur Begrüßung?
Hier wird der Vergleich besonders aufschlussreich. Denn mittelalterliche altnordische Texte kennen durchaus Grußformeln. Eine davon arbeitet mit heill und sæll, Wörtern, die ungefähr Gesundheit, Unversehrtheit, Glück und Wohlergehen ausdrücken können. Je nach Geschlecht und Zahl der angesprochenen Personen ändern sich die Formen entsprechend der altnordischen Grammatik.
Ein schönes Beispiel steht in der Brennu-Njáls saga, einer im 13. Jahrhundert niedergeschriebenen Isländersaga. Als Flosi zu Hildigunnr kommt, begrüßt sie ihn mit den Worten:
„Kom heill ok sæll, frændi.“
Sinngemäß: „Komm heil und glücklich, Verwandter“ beziehungsweise natürlicher: „Sei willkommen, Verwandter.“ Njáls saga, Kapitel 116 in der verbreiteten Kapitelzählung; Kapitelzählungen können je nach Ausgabe abweichen. Der Ausdruck heill ok sæll und verwandte Formen sind auch lexikographisch als Grußwendungen belegt. Ebenso begegnen Formeln wie far heill oder far heill ok sæll für einen guten Abschied.
Diese Belege sind quellenkundlich wesentlich stärker als „Asa og Vana“, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Auch die großen Isländersagas wurden erst im Hochmittelalter schriftlich fixiert. Eine Sagaformel des 13. Jahrhunderts darf nicht automatisch als stenografische Aufzeichnung eines alltäglichen Gesprächs von 850 behandelt werden. Dennoch zeigt sie, wie eine tatsächlich überlieferte altnordische Grußformel aussieht – und wie deutlich sie sich von „Asa og Vana“ unterscheidet.
Das Hávamál kennt „heill“ – aber kein „Asa og Vana“
Auch die eddische Dichtung kennt heill in einem Zusammenhang von Ankunft und Gastfreundschaft. Schon die zweite Strophe des Hávamál beginnt:
„Gefendr heilir!
Gestr er inn kominn.“
Sinngemäß: „Heil den Gebenden! Ein Gast ist hereingekommen.“ Hávamál, Strophe 2. Das ist keine universelle Wikingerformel für „Hallo“, zeigt aber, dass heill tatsächlich in der überlieferten Sprache von Wohlergehen, Begegnung und guten Wünschen steht.
Gerade deshalb sollte man bei modernen Rekonstruktionen vorsichtig sein. Es existiert genügend echtes sprachliches Material, sodass keine Notwendigkeit besteht, eine moderne Formel künstlich in die Wikingerzeit zurückzuschieben. Altnordische Texte klingen oft weniger nach Hollywood-Wikinger, als moderne Menschen erwarten – und gerade das macht sie interessant.
Es gibt sogar echte Anrufungen der Götter
Vielleicht könnte „Asa og Vana“ trotzdem eine verkürzte alte Segensformel sein? Auch dafür lohnt sich der Blick auf die Quellen, denn eddische Dichtung kennt tatsächlich direkte Anrufungen göttlicher Mächte. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel steht im Sigrdrífumál. Dort heißt es in Strophe 4 nach verbreiteter Zählung:
„Heilir æsir!
heilar ásynjur!
heil sjá in fjölnýta fold!“
Sinngemäß: „Heil euch Asen! Heil euch Asinnen! Heil dir, fruchtbare Erde!“ Sigrdrífumál, Strophe 4; die Strophenzählung und einzelne Schreibweisen können editionsabhängig variieren. Anschließend werden Rede, Verstand und heilende Hände erbeten. Hier liegt also tatsächlich eine überlieferte religiös gefärbte Anrufung vor.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Heilir æsir ist nicht dasselbe wie „Asa og Vana“, und die Stelle dient innerhalb des Gedichts nicht als alltäglicher Abschiedsgruß zwischen zwei Wikingern. Aber sie zeigt, dass Menschen, die heute eine historisch inspirierte religiöse Sprache suchen, nicht auf frei erfundene „Wikingerformeln“ angewiesen sind. Die Überlieferung besitzt eigene Formulierungen – nur müssen sie in ihrem tatsächlichen Zusammenhang belassen werden.
Woher kommt dann „Asa og Vana“?
Hier endet die Sicherheit der alten Quellen und beginnt die Geschichte einer modernen Tradition. Für die Wikingerzeit und das skandinavische Mittelalter lässt sich die Formel nicht belegen. In der heutigen deutschsprachigen Wikinger- und Ásatrú-Szene ist sie dagegen nachweisbar. Onlineverwendungen lassen sich mindestens bis in die frühen 2010er-Jahre zurückverfolgen, und spätestens seitdem erscheint „Asa og Vana“ wiederholt als Gruß, Abschiedsformel oder Signatur. Das beweist nicht, dass die Formel damals entstand – nur, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits verwendet wurde.
Auch innerhalb moderner heidnischer Gemeinschaften wird ihre Herkunft kritisch diskutiert. Der Eldaring untersuchte 2020 ausdrücklich die Frage, was es mit „asa og vana“ auf sich habe und bezeichnete sie als häufige Formel in deutschsprachigen Social-Media-Gruppen. Eine lückenlose Entstehungsgeschichte mit eindeutigem Urheber lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Es wäre daher genauso unseriös, einen modernen Erfinder zu benennen, wie es unseriös wäre, die Formel den Wikingern zuzuschreiben.
Wahrscheinlich liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie unmittelbar verständlich wirkt. „Asa“ erinnert an Asen, „Vana“ an Wanen, „og“ klingt hörbar skandinavisch. Wer die Formel liest, braucht kaum sprachwissenschaftliche Kenntnisse, um eine nordische Atmosphäre zu erkennen. Aus dieser Atmosphäre entwickelte sich eine Bedeutung, die heute häufig mit „Asenheil und Wanensegen“ erklärt wird. Das ist eine funktionierende moderne Tradition – nur eben keine nachweisbare frühmittelalterliche.
Ist „Asenheil und Wanensegen“ wenigstens die wörtliche Übersetzung?
Nein. Genau genommen ist das bereits eine Interpretation beziehungsweise Erweiterung. In „Asa og Vana“ steht weder ein eindeutig erkennbares Wort für „Segen“ noch eines, das einfach mit dem deutschen „Heil“ in dieser zusammengesetzten Bedeutung übersetzt werden könnte. Die populäre deutsche Formel erklärt vielmehr, was mit dem Gruß gemeint sein soll.
Das ist für moderne Verwendung völlig legitim. Gemeinschaften dürfen neue Grußformeln schaffen und ihnen Bedeutungen geben. Sprache funktioniert seit jeher auf diese Weise. Historisch problematisch wird es erst, wenn aus der modernen Bedeutungszuweisung eine angebliche Übersetzung eines wikingerzeitlichen Originals wird. „Asenheil und Wanensegen“ erklärt eine heutige Verwendung; es übersetzt keinen bislang bekannten alten Satz.
Und was ist mit „Ásaheill“?
Auch Formen wie Ásaheill oder Kombinationen daraus begegnen heute in neuheidnischen Zusammenhängen. Sie wirken noch altnordischer, weil heill tatsächlich ein altes Wort ist und ása tatsächlich eine grammatische Form von áss darstellt. Doch auch hier gilt dieselbe Regel: Aus historisch existierenden Wortbestandteilen entsteht nicht automatisch eine historisch belegte Formel.
Gerade bei rekonstruierten religiösen Wendungen muss zwischen drei Aussagen unterschieden werden: Eine Form kann sprachlich bildbar sein. Sie kann modern religiös verwendet werden. Und sie kann historisch belegt sein. Diese drei Kategorien sind nicht identisch. Eine moderne Gemeinschaft kann einen sprachlich plausiblen Gruß verwenden, ohne behaupten zu müssen, dass derselbe Gruß bereits vor tausend Jahren gesprochen wurde.
Warum wirkt „Asa og Vana“ trotzdem so überzeugend alt?
Der Gruß besitzt fast alle Eigenschaften einer erfolgreichen modernen Wikingertradition. Er ist kurz, klingt skandinavisch, enthält bekannte mythologische Begriffe und vermittelt Gemeinschaft. Gleichzeitig braucht er keine lange Erklärung. Wer Thor, Odin, Freyja oder die Begriffe Asen und Wanen kennt, erkennt sofort die gewünschte Welt.
Damit gehört „Asa og Vana“ zu einem größeren Phänomen. Moderne Wikingerkultur besteht nicht ausschließlich aus historischen Rekonstruktionen. Sie besitzt längst eigene Traditionen, Symbole, Grußformen, Kleidungsstile und Vorstellungen. Manche davon greifen sehr alte Elemente auf, andere entstanden erst in den vergangenen Jahrzehnten, und häufig verbinden sich beide Ebenen so eng, dass ihre Herkunft kaum noch wahrgenommen wird.
Je vertrauter eine moderne Tradition wird, desto leichter fühlt sie sich alt an. Genau deshalb kann eine Formel, die in mittelalterlichen Quellen nicht nachweisbar ist, irgendwann selbstverständlich wie „der Gruß der Wikinger“ erscheinen. Häufige Wiederholung ersetzt in der Wahrnehmung den historischen Beleg.
Ist es also falsch, „Asa og Vana“ zu sagen?
Nein. Quellenkritik entscheidet nicht darüber, welche Grüße moderne Menschen verwenden dürfen. Wer „Asa og Vana“ als heutigen Ausdruck von Verbundenheit mit nordischer Mythologie, als neuheidnischen Gruß oder einfach innerhalb einer modernen Wikingercommunity benutzt, schafft beziehungsweise pflegt eine gegenwärtige Tradition. Daran ist historisch nichts problematisch.
Entscheidend ist lediglich die Bezeichnung. „Moderner nordisch inspirierter Gruß“ ist nach der derzeit greifbaren Quellenlage eine saubere Beschreibung. „Überlieferter Wikingergruß“ ist es nicht. Dieser Unterschied nimmt der Formel weder ihre heutige Bedeutung noch ihren symbolischen Wert. Er verhindert lediglich, dass moderne Kultur unbemerkt zur vermeintlichen Quelle für das Frühmittelalter wird.
Vielleicht macht genau diese Einordnung den Gruß sogar interessanter. Tradition muss nicht tausend Jahre alt sein, um für Menschen Bedeutung zu besitzen. Auch die Gegenwart erzeugt Traditionen. In hundert Jahren könnte „Asa og Vana“ tatsächlich auf eine lange Geschichte zurückblicken – nur hätte diese Geschichte dann ihren Platz in der modernen Rezeption nordischer Mythologie und nicht automatisch in der Wikingerzeit.
Fazit – ist „Asa og Vana“ ein echter Wikingergruß?
„Asa og Vana“ ist nach der erhaltenen Quellenlage kein belegter Gruß der Wikingerzeit. Weder die eddischen Gedichte noch die Sagas, Runeninschriften oder andere bekannte mittelalterliche Quellen liefern eine entsprechende Grußformel. Auch die verbreitete Deutung „Asenheil und Wanensegen“ ist keine wörtliche Übersetzung eines nachgewiesenen altnordischen Satzes, sondern eine moderne Erklärung der heutigen Formel. Ihre Bestandteile führen dennoch zu echter alter Überlieferung: Æsir und Vanir sind historische mythologische Begriffe, die Völuspá, das Skírnismál, das Vafþrúðnismál und weitere eddische Gedichte tatsächlich kennen. Auch Gruß- und Wunschformeln mit heill und sæll sind mittelalterlich überliefert, ebenso direkte Anrufungen wie „Heilir æsir! Heilar ásynjur!“. Gerade der Vergleich macht deshalb sichtbar, was bei „Asa og Vana“ geschehen ist: Alte Wörter und alte mythologische Vorstellungen wurden in der Moderne zu einer neuen Formel verbunden. Wer sie heute verwenden möchte, kann das tun, ohne ihr eine erfundene Vergangenheit geben zu müssen. „Asa og Vana“ ist keine überlieferte Stimme der Wikinger – sondern eine junge Tradition der modernen Welt, die sich auf sehr alte Namen beruft.


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