Der Blog zur nordischen Mythologie und den Wikingern

Berufe der Wikinger: Knochenschnitzer

Zwischen den rauchenden Essen der Schmiede, den Werkplätzen der Schiffbauer und den Webstühlen der nordischen Haushalte arbeitete ein Handwerker, dessen Erzeugnisse nahezu jeden Bereich des täglichen Lebens berührten. Der Knochenschnitzer, der zugleich häufig Geweih, Horn, Zähne und verschiedene Formen tierischen Elfenbeins bearbeitete, verwandelte die Überreste geschlachteter oder gejagter Tiere in langlebige Werkzeuge, persönliche Gebrauchsgegenstände, Schmuckstücke und kunstvoll verzierte Objekte. Seine Arbeit zeigt besonders eindrucksvoll, dass die Menschen der Wikingerzeit ihre Umwelt nicht in wertvolle Rohstoffe und bedeutungslose Abfälle unterteilten. Was nach dem Verzehr eines Tieres zurückblieb, konnte weiterhin einen erheblichen praktischen und wirtschaftlichen Wert besitzen.

Aus Rinder- und Pferdeknochen, Hirsch- und Rentiergeweih, Walrosszähnen oder Walbein entstanden Kämme, Nadeln, Spinnwirtel, Spielsteine, Würfel, Messergriffe, Riemenverteiler, Beschläge, Schnallen, Anhänger, Löffel und zahlreiche weitere Gegenstände. Viele Dinge, die in der modernen Welt aus Kunststoff oder industriell verarbeitetem Metall bestehen, wurden im frühmittelalterlichen Norden aus tierischen Materialien hergestellt. Das Wikingermuseum Haithabu beschreibt Knochen und Geweih deshalb ausdrücklich als wichtige Rohstoffe des täglichen Lebens. Dort wurde vor allem Rothirschgeweih verarbeitet, während Rentier-, Elch- und Rehgeweih teilweise aus nördlicheren Gebieten eingeführt wurde.

Die Bezeichnung Knochenschnitzer darf allerdings nicht zu eng verstanden werden. In den archäologischen Befunden lassen sich die Grenzen zwischen einem allgemeinen Knochenbearbeiter, einem spezialisierten Kammmacher und einem Handwerker, der zusätzlich Horn oder Geweih nutzte, nicht immer eindeutig ziehen. Besonders in großen Handelsorten scheint es jedoch Werkstätten gegeben zu haben, die sich auf bestimmte Produktgruppen konzentrierten. Dort arbeiteten keine Menschen, die gelegentlich aus einem übrig gebliebenen Knochen einen einfachen Gegenstand schnitzten, sondern erfahrene Fachleute, die Rohstoffe auswählten, zerlegten, formten, verzierten und in wiederkehrenden Arbeitsabläufen zu standardisierten Waren verarbeiteten.

Berufe der Wikinger: Knochenschnitzer

 

Ein Rohstoff, der nach der Schlachtung weiterlebte

In einer überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft war die Schlachtung eines Tieres niemals allein auf die Gewinnung von Fleisch ausgerichtet. Haut, Sehnen, Hörner, Fett, Knochen und Innereien konnten weiterverarbeitet werden und erfüllten jeweils eigene Aufgaben. Knochen und Geweih waren dabei besonders vielseitig. Sie waren vielerorts verfügbar, ließen sich mit eisernen Werkzeugen vergleichsweise gut bearbeiten und besaßen dennoch ausreichend Härte, um über lange Zeit im täglichen Gebrauch zu bestehen.

Knochen besteht aus einer dichten äußeren Schicht und einem poröseren Inneren. Für die Herstellung glatter und belastbarer Objekte waren deshalb vor allem die langen Röhrenknochen größerer Tiere geeignet. Rinderknochen lieferten breite und relativ gerade Materialflächen, aus denen schmale Platten, Nadeln, Griffschalen oder andere kleine Werkstücke herausgetrennt werden konnten. Auch Knochen von Pferden, Schafen, Ziegen, Schweinen, Vögeln oder Meeressäugern wurden verwendet, wobei sich nicht jede Knochenart für denselben Zweck eignete.

Geweih unterscheidet sich in seiner Struktur deutlich von Knochen. Es wächst jährlich neu, wird nach der Paarungszeit abgeworfen und besteht aus einem besonders widerstandsfähigen, zugleich leicht elastischen Material. Diese Verbindung aus Härte und Zähigkeit machte Geweih für stark beanspruchte Gegenstände besonders wertvoll. Bei dünnen Kammzähnen war eine gewisse Elastizität beispielsweise entscheidend, denn ein vollkommen sprödes Material wäre leicht gebrochen. Rothirschgeweih gehörte deshalb zu den bevorzugten Rohstoffen der Kammherstellung.

Geweih musste zudem nicht immer durch die Jagd gewonnen werden. Abgeworfene Stangen konnten in den Wäldern gesammelt werden. Bei der archäologischen Untersuchung lässt sich jedoch nicht in jedem Fall feststellen, ob ein Geweih von einem erlegten Tier stammte oder nach dem natürlichen Abwurf aufgenommen worden war. Sägespuren, Bearbeitungsreste und die Auswahl bestimmter Partien geben Auskunft über den handwerklichen Prozess, aber nicht zwingend über die ursprüngliche Beschaffung.

In Handelsplätzen wie Haithabu reichte das lokal verfügbare Material offenbar nicht immer aus, um den Bedarf der Werkstätten zu decken. Der Nachweis von Rentier- und Elchgeweih verweist auf Verbindungen in weiter nördlich gelegene Regionen. Der Knochenschnitzer war dadurch nicht nur Teil einer lokalen Verwertungskette, sondern auch in größere Handels- und Versorgungsnetze eingebunden. Der Rohstoff konnte über weite Entfernungen transportiert werden, bevor er schließlich auf der Werkbank eines Handwerkers landete.

Knochen, Geweih, Horn und Elfenbein waren nicht dasselbe

Obwohl diese Materialien im alltäglichen Sprachgebrauch häufig gemeinsam genannt werden, besaßen sie unterschiedliche Eigenschaften. Ein erfahrener Handwerker musste wissen, wie sich Knochen, Geweih, Horn, Zahnbein und Walbein beim Sägen, Bohren, Schaben und Polieren verhielten. Das Material entschied darüber, welche Form möglich war, wie dünn ein Werkstück gearbeitet werden konnte und wie es auf Belastung oder Feuchtigkeit reagierte.

Horn besteht nicht aus Knochen, sondern überwiegend aus Keratin, also einem Material, das auch in Haaren und Fingernägeln vorkommt. Es lässt sich durch Wärme und Feuchtigkeit erweichen, formen und teilweise in dünne Platten pressen. Gerade diese Eigenschaft eröffnete andere Möglichkeiten als die Bearbeitung von Geweih. Horn wurde beispielsweise für Löffel, Trinkgefäße, Einlagen, Beschläge oder durchscheinende Plättchen genutzt. Da es sich im Boden meist schlechter erhält als Knochen oder Geweih, dürfte seine tatsächliche Bedeutung archäologisch eher unterschätzt werden.

Auch das häufig als Walrosselfenbein bezeichnete Zahnmaterial war ein besonderer Werkstoff. Walrosszähne bestanden aus hartem Zahnbein und konnten zu wertvollen Schnitzarbeiten verarbeitet werden. Der Zugang zu diesem Material setzte allerdings Verbindungen in arktische oder nordatlantische Räume voraus. Mit der Ausweitung der skandinavischen Besiedlung in den Nordatlantik gewann Walrosselfenbein später erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Es eignete sich für hochwertige Objekte, war aber keineswegs das alltägliche Grundmaterial jedes Handwerkers.

Walbein wiederum konnte wegen seiner Größe für Gegenstände verwendet werden, die aus den Knochen gewöhnlicher Haustiere kaum herzustellen waren. Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde nennt unter anderem Klammern aus Walknochen, während aus Knochen und Geweih Messergriffe, Kämme, Spielsteine, Haarnadeln, Schnallen, Schachtelverzierungen und Löffel gefertigt wurden.

Die Wahl des Materials war deshalb niemals zufällig. Ein Kamm aus Geweih, eine Nadel aus Knochen und ein Anhänger aus Walrosszahn verlangten nicht nur unterschiedliche Rohstoffe, sondern auch jeweils angepasste Arbeitsweisen. Das Wissen um diese Unterschiede war einer der wichtigsten Bestandteile des handwerklichen Könnens.

Von der Schlachtung bis zur Werkbank

Bevor der eigentliche Schnitzvorgang beginnen konnte, musste der Rohstoff sorgfältig vorbereitet werden. Frische Knochen waren mit Fett, Fleischresten, Sehnen und Knochenhaut bedeckt. Diese organischen Bestandteile mussten entfernt werden, da sie faulen und die spätere Verarbeitung erschweren konnten. Wahrscheinlich wurden Knochen abgeschabt, gewässert, getrocknet oder teilweise erwärmt. Welche Methode verwendet wurde, hing vermutlich von der Tierart, dem gewünschten Gegenstand und den örtlichen Traditionen ab.

Das verbreitete Bild, Knochen seien grundsätzlich lange ausgekocht worden, sollte dabei vorsichtig behandelt werden. Starkes Kochen kann Fett lösen, verändert aber auch die Materialstruktur und kann Knochen spröder machen. Erfahrene Handwerker dürften daher Methoden bevorzugt haben, die den Rohstoff reinigten, ohne seine Festigkeit unnötig zu beeinträchtigen. Archäologisch lassen sich solche vorbereitenden Arbeitsschritte allerdings nur schwer nachweisen, weil sie meist keine eindeutigen Spuren hinterlassen.

Nach der Reinigung begann die Zerlegung des Materials. Geweihstangen wurden in einzelne Abschnitte gesägt, Verzweigungen entfernt und die besonders geeigneten Bereiche herausgetrennt. Lange Röhrenknochen mussten zunächst geöffnet werden, damit aus ihrer dichten Außenwand flache oder längliche Rohlinge gewonnen werden konnten. Schon dieser Arbeitsschritt erforderte Planung, denn ein falsch angesetzter Schnitt konnte ein wertvolles Stück unbrauchbar machen.

Die archäologischen Werkstattabfälle zeigen, dass der Handwerker keineswegs nur die endgültige Form aus einem Stück herausarbeitete. Vielmehr entstand eine längere Produktionskette. Zunächst wurde das Rohmaterial grob geteilt, anschließend wurden Platten, Stäbe oder Scheiben herausgetrennt. Diese Rohlinge wurden danach geglättet, auf Maß gebracht, gebohrt und erst zum Schluss verziert und poliert.

Gerade die Abfälle sind für die heutige Forschung von besonderer Bedeutung. Abgesägte Geweihrosen, Späne, Bohrkerne, misslungene Kammplatten und halbfertige Rohlinge erlauben es, die einzelnen Arbeitsschritte zu rekonstruieren. Fertige Gegenstände zeigen nur das Ergebnis. Der Werkstattabfall verrät dagegen, wie dieses Ergebnis erreicht wurde.

Die Werkzeuge des Knochenschnitzers

Der Knochenschnitzer benötigte keine geheimnisvollen Spezialinstrumente, sondern eine präzise Auswahl gut geschärfter Werkzeuge. Viele davon ähnelten den Geräten anderer Handwerker, wurden jedoch besonders kontrolliert und fein eingesetzt. Sägen, Messer, Meißel, Bohrer, Feilen, Raspeln und Schleifsteine gehörten zu seiner wichtigsten Ausstattung.

Mit einer Säge ließ sich Geweih quer zerlegen oder ein länglicher Rohling aus einem Knochen heraustrennen. Die Sägespuren auf archäologischen Funden zeigen teilweise noch heute die Richtung und Breite der verwendeten Zähne. Für feine Arbeiten musste die Säge schmal und kontrollierbar sein, während gröbere Schnitte an einer Geweihstange ein kräftigeres Werkzeug verlangten.

Messer und kleine Schneidwerkzeuge dienten zum Abschaben, Glätten und Formen. Dabei wurde das Material nicht ausschließlich geschnitzt, wie man Holz schnitzen würde. Vielmehr konnte es gesägt, gespalten, geschabt und geschliffen werden. Der eigentliche Schnitt war nur ein Teil der Arbeit. Gerade bei dünnen Werkstücken durfte nicht zu viel Druck ausgeübt werden, da sonst Risse entstanden.

Bohrer waren unverzichtbar, sobald mehrere Teile miteinander verbunden oder Anhänger mit einer Aufhängung versehen werden sollten. Die Löcher in Kammplatten mussten so genau gesetzt werden, dass die einzelnen Bestandteile nach dem Vernieten fest und gerade zusammenlagen. Ein schräges Bohrloch konnte die gesamte Konstruktion beeinträchtigen.

Zur Verzierung verwendete der Handwerker feine Spitzen, Messer oder kleine Stichel. Linien, Kreise, Punktmuster, Flechtbänder und Tierornamente wurden in die Oberfläche eingeritzt. Die Vertiefungen konnten möglicherweise durch Schmutz, Wachs oder Farbstoffe stärker hervortreten, doch nicht jede dunkle Linie auf einem Fundstück muss ursprünglich bewusst eingefärbt worden sein.

Den Abschluss bildete meist das Schleifen und Polieren. Eine glatte Oberfläche war nicht nur schön, sondern auch praktisch. Nadeln mussten ohne Widerstand durch Stoff gleiten, Kämme durften die Haare nicht unnötig aufrauen und Griffe sollten angenehm in der Hand liegen. Durch sorgfältiges Polieren erhielt Knochen einen warmen, leicht glänzenden Charakter, während Geweih seine natürliche Maserung und Farbigkeit zeigte.

Der Kammmacher als besonderer Spezialist

Unter den Knochen- und Geweihhandwerkern nahm der Kammmacher vermutlich eine besondere Stellung ein. Kämme gehörten zu den bekanntesten und am häufigsten gefundenen persönlichen Gegenständen der Wikingerzeit. Sie waren Werkzeuge der Körperpflege, konnten aber zugleich Besitz, Geschmack und handwerkliche Qualität ausdrücken. Das Wikingerschiffsmuseum verweist darauf, dass Kämme unterschiedlicher Größe regelmäßig in Gräbern und Siedlungen gefunden werden und häufig aus Rothirschgeweih bestanden.

Die Herstellung eines zusammengesetzten Kammes war wesentlich komplizierter, als seine alltägliche Funktion vermuten lässt. Ein typischer Kamm bestand nicht aus einem einzigen Stück. Zunächst wurden mehrere dünne Zahnplatten zugeschnitten und nebeneinander angeordnet. Darüber legte man auf beiden Seiten längliche Verstärkungsleisten. Diese Platten wurden durch kleine Nieten aus Eisen oder einer Kupferlegierung miteinander verbunden.

Erst nachdem die Einzelteile fest zusammengesetzt waren, konnten die eigentlichen Zähne eingesägt werden. Die Säge musste in gleichmäßigen Abständen geführt werden, ohne die Verstärkungsleisten zu beschädigen. Zu tiefe Schnitte schwächten den Kamm, während ungleichmäßige Zähne seine Benutzung erschwerten. Die manchmal noch erhaltenen Sägespuren auf den Rückenleisten zeigen, wie nahe der Handwerker beim Einschneiden der Zähne an die Verbindungsteile herankam.

Die Verstärkungsleisten boten zugleich Raum für Verzierungen. Geometrische Linien, Kreisaugen, Flechtmuster und Tierornamente verwandelten den Gebrauchsgegenstand in ein persönliches Objekt. Manche Kämme besaßen zusätzlich ein passendes Futteral, das die empfindlichen Zähne vor Beschädigung schützte und möglicherweise am Gürtel getragen werden konnte.

Die Vielzahl archäologischer Kammfunde belegt nicht nur die Bedeutung der Körperpflege. Sie ermöglicht auch eine zeitliche und regionale Einordnung. Bestimmte Formen, Nietanordnungen und Verzierungsmuster verbreiteten sich in verschiedenen Regionen und veränderten sich im Verlauf der Jahrhunderte. Kämme können deshalb für Archäologen wichtige Hinweise auf Datierung, Handelskontakte und kulturelle Verbindungen liefern.

Neuere naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass fertige Kämme oder die für sie benötigten Geweihe über weite Entfernungen transportiert wurden. Ein in England gefundener wikingerzeitlicher Kamm konnte beispielsweise als Rentiergeweih identifiziert werden und verweist damit auf skandinavische oder nördliche Austauschverbindungen.

Nadeln, Ahlen und Werkzeuge der Textilherstellung

Weniger auffällig als ein reich verzierter Kamm, aber für den Alltag ebenso wichtig, waren Nadeln, Ahlen und andere Textilwerkzeuge. Kleidung, Segel, Säcke und viele weitere textile Erzeugnisse mussten regelmäßig hergestellt und ausgebessert werden. Eine gut geglättete Knochennadel war deshalb kein nebensächliches Objekt, sondern ein unverzichtbares Werkzeug.

Für eine Nadel musste ein schmaler, möglichst gleichmäßiger Rohling herausgearbeitet werden. Die Spitze durfte weder zu stumpf noch zu dünn sein. Anschließend musste das Nadelöhr gebohrt oder vorsichtig ausgeschnitten werden. Besonders in diesem Bereich bestand eine hohe Bruchgefahr, da das Material durch die Öffnung geschwächt wurde. Erst durch intensives Schleifen entstand eine Oberfläche, die den Faden und das Gewebe nicht beschädigte.

Größere Nadeln konnten für gröbere Textilien, Netze oder Lederarbeiten verwendet werden. Ahlen dienten dazu, Löcher vorzustechen, bevor ein Faden oder schmaler Lederriemen hindurchgeführt wurde. Auch Spinnwirtel und andere Hilfsmittel der Textilproduktion entstanden teilweise aus Knochen, obwohl hierfür ebenfalls Stein oder gebrannter Ton verwendet wurde.

Der Knochenschnitzer stand dadurch in enger Verbindung mit anderen Tätigkeitsfeldern. Seine Erzeugnisse wurden von Weberinnen, Schneidern, Segelmachern, Lederhandwerkern und Fischern benötigt. Das Handwerk war kein isolierter Bereich, sondern Teil eines verzweigten wirtschaftlichen Systems, in dem die Arbeit eines Spezialisten die Arbeit vieler anderer ermöglichte.

Messergriffe, Beschläge und Gegenstände des täglichen Lebens

Auch Messergriffe gehörten zu den häufigen Produkten aus Knochen und Geweih. Das Messer war eines der wichtigsten persönlichen Werkzeuge überhaupt. Es wurde beim Essen, bei handwerklichen Tätigkeiten, beim Schlachten, bei der Holzbearbeitung und in zahlreichen weiteren Situationen gebraucht. Ein sorgfältig angepasster Griff machte die Klinge sicherer und angenehmer nutzbar.

Geweih eignete sich durch seine Festigkeit besonders gut für Griffe. Ein passendes Stück konnte durchbohrt und auf den Erl der Klinge geschoben oder aus mehreren Griffschalen zusammengesetzt werden. Zusätzliche Rillen und eingeritzte Muster verbesserten möglicherweise die Griffigkeit und dienten zugleich als Schmuck.

Das Wikingerschiffsmuseum nennt neben Messergriffen auch Haarnadeln, Gürtelschnallen, Schachtelbeschläge und Löffel als typische Erzeugnisse aus Knochen und Geweih. Diese Vielfalt verdeutlicht, wie tief das Handwerk in den Alltag hineinreichte. Ein einzelner Haushalt konnte zahlreiche Gegenstände besitzen, die aus unterschiedlichen tierischen Materialien gefertigt worden waren, ohne dass sie als besonders luxuriös gelten mussten.

Daneben entstanden kleine Riemenverteiler, Knöpfe, Knebel, Beschläge oder Hülsen. Manche Objekte lassen sich heute nicht mehr zweifelsfrei bestimmen, weil ihr ursprünglicher Zusammenhang verloren ging. Ein durchbohrtes Knochenstück kann Bestandteil einer Kleidung, eines Pferdegeschirrs, eines Werkzeugs oder eines Spiels gewesen sein. Die Deutung hängt deshalb stark von Fundort, Abnutzungsspuren und vergleichbaren Funden ab.

Spielsteine, Würfel und Zeitvertreib

Knochen und Geweih waren außerdem wichtige Materialien für Spielsteine und Würfel. Brettspiele gehörten zur nordischen Alltags- und Unterhaltungskultur und erscheinen sowohl in archäologischen Funden als auch in späteren schriftlichen Überlieferungen. Spielfiguren konnten aus Holz, Glas, Stein, Bernstein, Knochen, Horn oder Zahnmaterial bestehen. Das verwendete Material hing vermutlich von Verfügbarkeit, Wohlstand und gewünschter Wirkung ab.

Einfache Spielsteine ließen sich als kleine Scheiben oder Kegel fertigen. Aufwendigere Figuren wurden gedrechselt, geschnitzt oder durch Ritzmuster gekennzeichnet. Zwei Parteien konnten durch unterschiedliche Formen, Größen oder Materialfarben voneinander unterschieden werden. Würfel verlangten eine besonders genaue Formgebung, da ungleichmäßige Seiten das Spielergebnis beeinflussen konnten.

Das Wikingerschiffsmuseum weist darauf hin, dass Spielsteine und Würfel aus Glas, Knochen, Geweih, Zahn und Horn in zahlreichen Bestattungen vorkommen. Ihre Niederlegung im Grab zeigt, dass sie über die reine Spielfunktion hinaus eine persönliche Bedeutung besitzen konnten. Ob ein Spielset als Zeichen gesellschaftlicher Stellung, als Erinnerung an eine geschätzte Beschäftigung oder als symbolische Ausstattung für das Jenseits verstanden wurde, lässt sich im Einzelfall jedoch nicht sicher entscheiden.

Schmuck, Anhänger und vermeintliche Amulette

Aus Knochen und Geweih entstanden auch Perlen, Anhänger und dekorative Elemente. Solche Objekte konnten aufgrund des Materials heller und leichter sein als Metallschmuck. Sie ließen sich mit einfachen Linien, Punkten, Kreisaugen oder Tiermotiven versehen und konnten an Schnüren, Ketten oder Kleidungsstücken getragen werden.

Besonders vorsichtig muss jedoch mit der Bezeichnung Amulett umgegangen werden. Nicht jeder Anhänger hatte zwangsläufig eine religiöse oder magische Funktion. Ein kleiner geschnitzter Gegenstand konnte Schmuck, Besitzzeichen, Spielmarke, Werkzeug oder Bestandteil einer Kleidung gewesen sein. Erst eine eindeutig symbolische Form, eine besondere Fundlage oder der Vergleich mit besser dokumentierten Objekten erlaubt weiterführende Deutungen.

Anhänger in Form von Thorshämmern wurden teilweise auch aus Geweih oder Holz gefertigt. Dies zeigt, dass religiös oder identitätsstiftend deutbare Formen nicht ausschließlich aus Silber oder anderen Metallen bestanden. Dennoch darf daraus nicht geschlossen werden, dass sämtliche Knochenarbeiten mit Religion verbunden waren. Der weitaus größte Teil der nachweisbaren Produktion bestand aus Gegenständen des täglichen Gebrauchs.

Verzierungen zwischen Handwerk und Kunst

Die Grenze zwischen funktionalem Gegenstand und Kunstwerk war im frühmittelalterlichen Handwerk fließend. Ein Kamm musste seine praktische Aufgabe erfüllen, konnte aber zugleich sorgfältig verziert sein. Ein Messergriff musste stabil in der Hand liegen, konnte jedoch zusätzlich den Geschmack oder die gesellschaftliche Stellung seines Besitzers ausdrücken.

Zu den häufigen Verzierungen gehörten parallele Linien, Kreuzschraffuren, Punktreihen, Kreisaugen und Flechtmuster. Auf besonders hochwertigen Stücken konnten Tierkörper und ineinander verschlungene Ornamente erscheinen, wie sie auch aus Metall- und Holzarbeiten der Wikingerzeit bekannt sind. Nicht jeder Handwerker beherrschte jedoch dieselbe gestalterische Qualität. Einfache Linienmuster ließen sich schneller herstellen als komplexe Tierornamente, die eine genaue Planung und große Sicherheit verlangten.

Die Verzierung durfte die Stabilität des Werkstücks nicht beeinträchtigen. Zu tiefe Einschnitte konnten einen dünnen Kammrücken oder eine Nadel schwächen. Der Knochenschnitzer musste deshalb nicht nur zeichnerisches Geschick besitzen, sondern auch die innere Struktur des Materials beachten.

Ein sorgfältig verzierter Gegenstand konnte außerdem als wiedererkennbare Ware einer Werkstatt dienen. Bestimmte Muster und Herstellungsweisen wurden möglicherweise von Meistern an Lehrlinge weitergegeben und verbreiteten sich mit den Handwerkern oder ihren Produkten in neue Regionen. Archäologisch lassen sich solche Zusammenhänge nur vorsichtig rekonstruieren, doch die Ähnlichkeit bestimmter Objektgruppen spricht für überlieferte handwerkliche Traditionen.

Werkstätten in Haithabu, Ribe, Birka und Jórvík

Besonders aussagekräftige Funde stammen aus den großen Handels- und Handwerksorten der Wikingerzeit. Haithabu lag an einer bedeutenden Verbindung zwischen Nord- und Ostsee und entwickelte sich zu einem Zentrum von Handel, Produktion und kulturellem Austausch. Dort fanden sich umfangreiche Spuren der Knochen- und Geweihbearbeitung. Das Museum nennt ausdrücklich Kammmacher unter den dort tätigen Handwerkern.

Ähnliche Befunde sind aus Ribe in Dänemark, Birka in Schweden, Kaupang in Norwegen sowie aus skandinavisch geprägten Siedlungsgebieten wie York beziehungsweise Jórvík bekannt. Die Ausgrabungen in Coppergate in York brachten zehntausende archäologisch bedeutende Gegenstände und große Mengen tierischen Knochenmaterials hervor, darunter auch Kämme aus Geweih.

Solche Städte boten dem Handwerker mehrere Vorteile. Dort trafen Händler, Reisende, Bauern, Seeleute und wohlhabende Auftraggeber aufeinander. Rohstoffe konnten angeliefert und fertige Waren an eine größere Kundschaft verkauft werden. Gleichzeitig lagen andere Werkstätten in unmittelbarer Nähe, sodass Werkzeuge repariert, Nieten beschafft oder Nebenprodukte ausgetauscht werden konnten.

Die Konzentration von Produktionsabfällen in bestimmten Bereichen lässt auf dauerhafte oder wiederholt genutzte Werkplätze schließen. Dabei muss es sich nicht immer um abgeschlossene Werkstattgebäude im modernen Sinn gehandelt haben. Gearbeitet werden konnte in kleinen Häusern, Anbauten, offenen Höfen oder an Ständen entlang belebter Wege.

Der Geruch von frischem Knochen, Hornstaub, Rauch, Leim, Leder und anderen Handwerksprozessen dürfte solche Viertel geprägt haben. Das feine Sägen und Schleifen erzeugte Staub und kleine Späne, während größere Geweihreste neben dem Arbeitsplatz gesammelt oder später weiterverwendet wurden.

Heimarbeit oder spezialisierter Beruf?

Nicht jede Knochenarbeit wurde zwangsläufig von einem hauptberuflichen Spezialisten ausgeführt. Einfache Nadeln, Knebel oder Werkzeuge konnten wahrscheinlich auch auf einem Hof hergestellt oder repariert werden. Menschen der Wikingerzeit besaßen im Allgemeinen ein größeres praktisches Wissen über Werkstoffe als viele Menschen moderner Industriegesellschaften.

Die Herstellung komplexer zusammengesetzter Kämme spricht jedoch deutlich für Spezialisierung. Sie erforderte nicht nur geeignete Werkzeuge, sondern auch Erfahrung, gleichbleibende Präzision und eine längere Abfolge aufeinander abgestimmter Arbeitsschritte. In größeren Handelsorten dürfte der Kammmacher oder Knochenbearbeiter daher einen wesentlichen Teil seiner Arbeitszeit mit diesem Handwerk verbracht haben.

Ob der Knochenschnitzer als klar benannter Beruf mit einer festen gesellschaftlichen Berufsbezeichnung existierte, lässt sich aus den Quellen nicht überall beantworten. Das moderne Wort fasst verschiedene Tätigkeiten zusammen, die historisch möglicherweise von unterschiedlichen Personen ausgeführt wurden. Archäologisch sicher belegt ist jedoch die spezialisierte Herstellung und nicht nur das gelegentliche Bearbeiten einzelner Knochen.

Auch eine saisonale Organisation ist denkbar. Manche Handwerker könnten zeitweise auf Märkten gearbeitet, zwischen verschiedenen Orten gereist oder ihre Tätigkeit mit Landwirtschaft und anderen Aufgaben verbunden haben. Ein Mensch musste in der Wikingerzeit nicht zwingend sein gesamtes Leben ausschließlich einem einzigen Beruf widmen, um darin hoch spezialisiert zu sein.

Ausbildung, Erfahrung und Weitergabe des Wissens

Das Können eines Knochenschnitzers ließ sich nicht allein durch Beobachtung erlernen. Der Umgang mit dem Material erforderte lange Übung. Ein Lehrling musste erkennen, welche Bereiche eines Geweihs für Zahnplatten geeignet waren, wie weit ein Rohling beim Trocknen schrumpfen oder sich verziehen konnte und wie viel Druck beim Sägen oder Bohren möglich war.

Wahrscheinlich wurde dieses Wissen innerhalb von Familien, Haushalten oder Werkstattgemeinschaften weitergegeben. Schriftliche Handwerksanleitungen aus der Wikingerzeit sind nicht erhalten. Die Ausbildung beruhte deshalb auf Vormachen, Nachahmen und wiederholter praktischer Arbeit. Misslungene Rohlinge gehörten zum Lernprozess und finden sich heute unter den archäologischen Werkstattabfällen.

Ein erfahrener Meister konnte Material sparen, schneller arbeiten und gleichmäßigere Produkte herstellen. Diese Fähigkeiten waren wirtschaftlich bedeutend. Geweih war zwar kein Edelmetall, konnte aber bei importierter Ware dennoch einen erheblichen Wert besitzen. Jeder misslungene Schnitt verringerte den Gewinn.

Gleichzeitig musste der Handwerker die Wünsche seiner Kundschaft verstehen. Ein einfacher Gebrauchskamm erforderte weniger Aufwand als ein reich verziertes Stück mit passendem Futteral. Unterschiedliche Qualitätsstufen ermöglichten wahrscheinlich die Versorgung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.

Handel und weiträumige Verbindungen

Die Produkte des Knochenschnitzers waren transportfähig, vergleichsweise leicht und vielerorts gefragt. Sie eigneten sich deshalb gut für den Handel. Ein Händler konnte zahlreiche Kämme, Nadeln, Spielsteine oder kleine Beschläge in einem Schiff oder Wagen mitführen, ohne erheblichen Raum zu verlieren.

Gleichzeitig wurden nicht nur fertige Gegenstände, sondern auch Rohmaterialien gehandelt. Die Verbreitung von Rentiergeweih außerhalb der natürlichen Vorkommensgebiete zeigt, dass Geweih Teil überregionaler Austauschsysteme war. Die wissenschaftliche Identifizierung eines wikingerzeitlichen Kammes aus Rentiergeweih in England bestätigt, dass solche Produkte oder Rohstoffe die Nordsee überquerten.

Der Knochenschnitzer war damit Teil einer Welt, die weit stärker vernetzt war, als es das Bild eines abgeschiedenen nordischen Dorfes vermuten lässt. Ein in Haithabu gefertigter Kamm konnte aus nördlichem Geweih bestehen, mit Metallnieten verbunden sein und später in einer weit entfernten Siedlung verwendet oder bestattet werden.

Auch Form und Verzierung reisten mit den Waren. Ein beliebtes Muster konnte von Kunden nachgefragt, von anderen Handwerkern übernommen oder in einer neuen Region verändert werden. Dadurch entstanden gemeinsame Stile, ohne dass sämtliche Gegenstände aus derselben Werkstatt stammen mussten.

Gesellschaftliche Stellung und wirtschaftliche Bedeutung

Der Knochenschnitzer gehörte vermutlich nicht automatisch zur höchsten gesellschaftlichen Schicht. Sein Material war in vielen Fällen alltäglich und seine Werkstatt bescheidener als die eines Goldschmieds. Dennoch besaß er Fähigkeiten, auf die weite Teile der Bevölkerung angewiesen waren.

Seine Stellung hing wahrscheinlich stark vom Arbeitsort, vom eigenen Besitz und von der Qualität seiner Produkte ab. Ein auf einem Hof lebender Handwerker konnte Teil eines abhängigen Haushalts sein, während ein erfolgreicher Kammmacher in einem Handelszentrum möglicherweise selbstständig produzierte und seine Waren direkt verkaufte. Auch die Arbeit im Auftrag eines wohlhabenden Herrschers oder Händlers ist denkbar.

Besonders hochwertige Arbeiten aus Walrosselfenbein oder fein verziertem Geweih konnten Zugang zu einer wohlhabenden Kundschaft eröffnen. Ein Handwerker, der komplexe Ornamente beherrschte, besaß einen anderen wirtschaftlichen Wert als jemand, der ausschließlich einfache Rohlinge herstellte.

Die große Zahl gefundener Kämme und anderer Knochenobjekte zeigt jedoch, dass das Handwerk nicht nur für eine kleine Elite arbeitete. Knochen- und Geweihgegenstände gehörten zum Leben vieler Menschen. Gerade diese alltägliche Verbreitung machte den Beruf wirtschaftlich bedeutend.

Ein Handwerk der vollständigen Nutzung

Aus heutiger Sicht wird die Knochenbearbeitung häufig als Beispiel für Nachhaltigkeit beschrieben. Tatsächlich nutzten die nordischen Gesellschaften viele Bestandteile eines Tieres weiter, die in modernen Verbrauchssystemen leicht als Abfall betrachtet würden. Diese Nutzung beruhte jedoch weniger auf einer theoretischen Vorstellung ökologischer Nachhaltigkeit als auf wirtschaftlicher Vernunft und begrenzter Verfügbarkeit.

Ein Tier aufzuziehen oder zu jagen erforderte Zeit, Futter, Land und Arbeitskraft. Es wäre kaum sinnvoll gewesen, nach der Fleischgewinnung wertvolle Materialien ungenutzt zu lassen. Der Knochenschnitzer verlängerte gewissermaßen die Nutzungsdauer des Tieres. Ein Rind konnte nach seinem Tod nicht nur Nahrung und Leder liefern, sondern in Form einer Nadel, eines Griffes oder einer Spielmarke noch viele Jahre im Haushalt weiterbestehen.

Geweih besaß zudem den Vorteil, dass es sich jährlich erneuerte. Abgeworfene Stangen konnten gesammelt werden, ohne ein Tier zu töten. Gleichzeitig war der Zugang zu solchen Funden weder unbegrenzt noch sicher. Wer die Waldgebiete und die Aufenthaltsorte der Hirsche kannte, hatte deshalb einen Vorteil.

Der Beruf verdeutlicht die enge Verbindung von Tierhaltung, Jagd, Handel und Handwerk. Der Knochenschnitzer war auf die Rohstoffe anderer Tätigkeiten angewiesen und versorgte seinerseits zahlreiche Menschen mit notwendigen Gegenständen.

Was die Archäologie beweisen kann – und was nicht

Die Knochen- und Geweihbearbeitung gehört zu den archäologisch gut greifbaren Handwerken der Wikingerzeit. Fertige Gegenstände, Produktionsabfälle, Werkzeugspuren und halbfertige Rohlinge ermöglichen eine detaillierte Rekonstruktion vieler Arbeitsschritte. Besonders die Herstellung zusammengesetzter Kämme ist durch zahlreiche Funde gut dokumentiert.

Weniger sicher ist dagegen das persönliche Leben der Handwerker. Wir kennen kaum Namen einzelner Knochenschnitzer. Wir wissen nicht, wie sie ihre Preise festlegten, wie lange ihre Ausbildung dauerte oder welchen gesellschaftlichen Rang eine bestimmte Werkstatt besaß. Auch die genaue Arbeitsteilung zwischen Männern, Frauen, freien Menschen und Unfreien lässt sich nicht allgemein bestimmen.

Ebenso problematisch ist die romantische Vorstellung, jeder Knochenschnitzer habe vor allem magische Anhänger oder rituelle Gegenstände geschaffen. Die Funde zeigen vielmehr, dass Alltagswaren den größten Teil der Produktion ausmachten. Kämme, Nadeln, Griffe und Spielsteine waren keine geheimnisvollen Kultobjekte, sondern praktische Bestandteile des Lebens.

Gerade darin liegt jedoch die besondere historische Bedeutung dieses Berufs. Spektakuläre Goldfunde erzählen vor allem von Wohlstand und Eliten. Die Werkstücke des Knochenschnitzers führen dagegen unmittelbar in den Alltag: zur Körperpflege, zum Nähen, zum Spielen, zur Arbeit und zu den persönlichen Gegenständen, die Menschen täglich bei sich trugen.

Fazit – Meister der vergänglichen Werkstoffe

Der Knochenschnitzer gehörte zu den vielseitigsten und zugleich unverzichtbaren Handwerkern der Wikingerzeit. Er arbeitete nicht nur mit gewöhnlichen Tierknochen, sondern auch mit Hirsch- und Rentiergeweih, Horn, Walbein, Zähnen und Walrosselfenbein. Die unterschiedlichen Materialien verlangten genaue Kenntnisse ihrer Struktur und jeweils angepasste Techniken.

Aus seinen Händen entstanden Kämme, Nadeln, Ahlen, Spinnwirtel, Messergriffe, Löffel, Spielsteine, Würfel, Beschläge, Schmuckstücke und viele weitere Gegenstände. Besonders die Herstellung zusammengesetzter Geweihkämme zeigt das hohe technische Niveau des Handwerks. Jeder Kamm erforderte sorgfältig zugeschnittene Einzelplatten, präzise Bohrungen, stabile Nieten und gleichmäßig eingesägte Zähne.

Archäologische Funde aus Haithabu, Ribe, Birka, Kaupang, York und anderen Handelsorten belegen spezialisierte Werkstätten und weitreichende Handelsverbindungen. Rohstoffe und fertige Waren wurden über große Entfernungen bewegt, sodass ein Gegenstand Materialien und Einflüsse aus verschiedenen Regionen miteinander verbinden konnte.

Der Knochenschnitzer steht damit exemplarisch für eine Gesellschaft, in der tierische Rohstoffe möglichst vollständig genutzt wurden. Sein Handwerk war weder nebensächlich noch primitiv. Es verband Materialkenntnis, Präzision, künstlerische Gestaltung und wirtschaftliches Denken. Seine Erzeugnisse begleiteten Menschen bei der Körperpflege, der Arbeit, dem Spiel, auf Reisen und schließlich teilweise sogar bis in das Grab.

Während die Namen der meisten dieser Handwerker verloren sind, haben ihre Werkstücke die Jahrhunderte überdauert. In den feinen Zähnen eines Kammes, den polierten Flächen einer Nadel und den eingeritzten Linien eines Griffes wird bis heute sichtbar, wie viel Erfahrung, Geduld und Können in einem Rohstoff steckte, der auf den ersten Blick lediglich als Überrest eines Tieres erscheinen könnte.

Alexander - Autor

Über den Autor:

Alexander Ellmer ist Historiker und Forscher zur nordischen Mythologie und Kulturgeschichte Skandinaviens. Als Fachautor publiziert er fundierte Werke zu zentralen Themen der nordischen Welt – seine Einordnungen finden dabei zunehmend Eingang in öffentliche Wissenskontexte und mediale Beiträge.
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