In einem Grab des wikingerzeitlichen Handelsplatzes Birka fanden Archäologen 26 Perlen aus Karneol und Bergkristall. Einige sind länglich, andere besitzen sorgfältig geschliffene Flächen. Die Steine wurden durchbohrt, geglättet und zu Schmuck verarbeitet. Heute gehören sie zur Sammlung des Schwedischen Historischen Museums in Stockholm. Der Fund stammt aus Grab Bj 507 und zeigt, wie anspruchsvoll die Verarbeitung von Schmucksteinen bereits vor mehr als tausend Jahren war.
Wer eine solche Perle in die Hand nimmt, sieht zunächst nur einen kleinen Gegenstand. Die eigentliche Arbeit steckt in den Einzelheiten. Karneol ist hart und lässt sich mit einem gewöhnlichen Eisenmesser kaum bearbeiten. Bergkristall besteht aus Quarz und verlangt ebenfalls geeignete Schleifmittel. Besonders das Loch durch den Stein bereitete Schwierigkeiten. Es musste groß genug für eine Schnur sein, durfte aber die Perle nicht zum Brechen bringen.
Die Menschen der Wikingerzeit besaßen keine elektrisch betriebenen Schleifmaschinen. Dennoch konnten sie Schmucksteine formen, durchbohren und polieren. Ein Teil dieser Arbeiten wurde in Skandinavien ausgeführt. Viele besonders sorgfältig geschliffene Perlen kamen allerdings bereits fertig aus anderen Regionen. Um die Edelsteinverarbeitung der Wikingerzeit zu verstehen, muss man deshalb auch die Werkstätten und Handelswege außerhalb Skandinaviens betrachten.
Welche Edelsteine waren in der Wikingerzeit bekannt?
Der heutige Begriff Edelstein umfasst eine große Zahl von Mineralen und Schmucksteinen. Im 9. und 10. Jahrhundert verwendeten die Menschen keine einheitliche mineralogische Einteilung nach unserem Verständnis. Für sie waren vor allem das Aussehen, die Bearbeitbarkeit und die Verfügbarkeit eines Steines wichtig.
Zu den häufigeren Schmucksteinen wikingerzeitlicher Fundplätze gehören Karneol und Bergkristall. Daneben sind Amethyst, Granat und weitere Mineralien nachgewiesen. Besonders Karneol und Bergkristall wurden zu Perlen verarbeitet. Granate begegnen auch als Einlagen in Metallarbeiten, wobei viele entsprechende Schmuckstücke bereits vor der Wikingerzeit entstanden oder aus älteren handwerklichen Traditionen hervorgingen.
Karneol ist eine rötliche bis orangefarbene Varietät des Chalcedons und gehört zur Quarzgruppe. Seine Farbe entsteht vor allem durch Eisenverbindungen. Manche Stücke sind beinahe durchscheinend, andere wirken kräftig rotbraun. Die Härte liegt ungefähr bei 6,5 bis 7 auf der Mohs-Skala. Das machte Karneol widerstandsfähig, erschwerte aber seine Bearbeitung.
Bergkristall besteht aus farblosem, durchsichtigem Quarz. Er erreicht die Härte 7 und kann bei sorgfältiger Bearbeitung eine glatte, glänzende Oberfläche erhalten. Ein gut polierter Bergkristall lässt Licht durch den Stein fallen. Besonders bei größeren Perlen und Anhängern kommt diese Eigenschaft zur Geltung.
Amethyst ist ebenfalls eine Quarzvarietät, besitzt aber eine violette Färbung. In wikingerzeitlichen Fundzusammenhängen kommt er deutlich seltener vor als Karneol und Bergkristall. Granat wiederum bezeichnet eine ganze Mineralgruppe. Besonders rote Granate wurden seit der Spätantike für aufwendige Schmuckarbeiten verwendet.
Bernstein und Glasperlen gehören zwar häufig zu denselben Schmuckensembles, bestehen aber aus anderen Materialien. Bernstein ist fossiles Baumharz. Glas wird durch Schmelzen geeigneter Rohstoffe hergestellt. Ihre Verarbeitung unterscheidet sich deshalb erheblich von der Arbeit an harten Mineralen.
Vom Rohstein zur fertigen Perle
Die Herstellung einer Steinperle begann mit der Auswahl des Materials. Ein Stück Karneol oder Bergkristall musste ausreichend groß sein und durfte möglichst keine ungünstigen Risse besitzen. Besonders bei durchsichtigen Steinen konnten Einschlüsse und natürliche Bruchlinien darüber entscheiden, ob sich ein Rohstück für eine bestimmte Form eignete.
Aus einem größeren Stück mussten zunächst kleinere Werkstücke gewonnen werden. Dazu konnten Steine entlang geeigneter Bruchstellen geteilt oder durch vorsichtige Schläge zugerichtet werden. Anschließend wurde überschüssiges Material abgeschliffen. Der Handwerker arbeitete sich schrittweise an die gewünschte Form heran.
Für die wikingerzeitlichen Perlen sind unterschiedliche Formen überliefert. Neben rundlichen und ovalen Exemplaren finden sich längliche Steine mit mehreren ebenen Flächen. Solche facettierten Perlen sind besonders auffällig. Ihre Flächen treffen in klaren Kanten aufeinander, die bei sorgfältiger Arbeit gleichmäßig verlaufen.
Das Wort Facette erinnert heute an den Schliff moderner Edelsteine. Mit einem neuzeitlichen Brillantschliff hatte die Bearbeitung wikingerzeitlicher Steinperlen allerdings wenig gemeinsam. Die Handwerker schliffen vergleichsweise einfache geometrische Flächen. Ihr Ziel war eine regelmäßige Form mit einer ansprechenden Oberfläche.
Wie viel Arbeit darin steckte, lässt sich leicht unterschätzen. Bei einem harten Stein musste jede Fläche durch wiederholtes Schleifen entstehen. Ein einziger unvorsichtiger Schlag konnte das Werkstück beschädigen. Je gleichmäßiger die fertige Perle ausfiel, desto mehr Erfahrung dürfte ihre Herstellung verlangt haben.
Wie wurden harte Schmucksteine geschliffen?
Ein Eisenwerkzeug konnte einen Karneol nicht einfach wie Holz zuschneiden. Für die eigentliche Formgebung brauchte man Schleifmittel, deren Härte ausreichte, um Material von der Oberfläche abzutragen.
Quarzreicher Sand konnte bei bestimmten Arbeiten als Schleifmittel dienen. Für besonders harte Mineralien standen in spezialisierten Werkstätten auch andere abrasive Stoffe zur Verfügung. Entscheidend war, dass die Schleifkörner härter waren als das zu bearbeitende Material oder durch wiederholte Reibung ausreichend Material abtragen konnten.
Der Handwerker konnte einen Stein auf einer rauen Unterlage bewegen und dabei Schleifmittel verwenden. Bei flachen Werkstücken ließen sich auf diese Weise ebene Seiten herstellen. Für rundliche Formen musste der Stein während der Arbeit regelmäßig gedreht werden.
Bei der anschließenden Glättung kamen feinere Schleifmittel zum Einsatz. Grobe Bearbeitungsspuren wurden nach und nach entfernt, bis die Oberfläche gleichmäßiger erschien. Eine sorgfältige Politur konnte den Glanz des Steines deutlich verstärken.
Die Grundprinzipien solcher Arbeiten sind durch archäologische Untersuchungen antiker und frühmittelalterlicher Schmucksteine bekannt. Welche Schleifmittel bei einer bestimmten wikingerzeitlichen Perle tatsächlich verwendet wurden, lässt sich jedoch nur anhand entsprechender Werkzeugspuren oder Materialreste untersuchen.
Besonders aufschlussreich sind mikroskopische Bearbeitungsspuren. Sie können zeigen, ob eine Oberfläche durch Schleifen entstanden ist und in welche Richtung das Werkzeug bewegt wurde. An unfertigen Stücken lässt sich manchmal erkennen, welche Arbeitsschritte bereits abgeschlossen waren.
Das schwierigste Stück Arbeit: ein Loch durch den Stein
Eine Perle brauchte eine Öffnung, durch die eine Schnur oder ein dünner Draht geführt werden konnte. Bei weichem Material ließ sich ein Loch vergleichsweise einfach herstellen. Bei Karneol oder Bergkristall war das erheblich schwieriger.
Ein gewöhnlicher Eisenbohrer konnte solche Steine nicht zuverlässig durchdringen. Stattdessen musste die eigentliche Schneidwirkung von einem geeigneten harten Werkzeug oder von Schleifkörnern ausgehen. Ein rotierender Bohrer konnte diese Körner gegen den Stein bewegen und dabei langsam Material abtragen.
In der historischen Steinbearbeitung sind unterschiedliche Bohrverfahren bekannt. Dazu gehören Bohrer mit festen mineralischen Spitzen und Werkzeuge, bei denen ein abrasives Pulver zwischen Bohrer und Stein wirkte. Die Drehbewegung konnte von Hand oder mithilfe einer einfachen Vorrichtung erzeugt werden.
Welche Technik bei den einzelnen wikingerzeitlichen Perlen verwendet wurde, ist eine eigene Forschungsfrage. Die Form des Bohrkanals kann Hinweise geben. Ein gleichmäßig zylindrisches Loch unterscheidet sich von einem Kanal, der sich zur Mitte hin verjüngt.
Besonders bei härteren Steinen konnte es sinnvoll sein, von beiden Seiten zu bohren. Trafen die beiden Bohrungen in der Mitte aufeinander, verringerte sich das Risiko, dass beim Durchbrechen der gegenüberliegenden Oberfläche ein größeres Stück ausbrach. Solche beidseitigen Bohrungen sind aus der historischen Perlenherstellung bekannt.
Die Herstellung war zeitaufwendig. Schon eine kleine Öffnung erforderte zahlreiche Umdrehungen des Werkzeugs. Außerdem musste der Handwerker darauf achten, dass der Bohrer nicht seitlich auswich und die Perle beschädigte.
Eine archäologische Untersuchung von Karneolperlen aus der neolithischen Fundstelle Nahal Hemar im südlichen Levantegebiet zeigt, wie solche Arbeitsabläufe rekonstruiert werden können. Iris Groman-Yaroslavski und Daniella E. Bar-Yosef Mayer untersuchten 2015 die Gebrauchsspuren zweier Perlen. Sie erkannten Hinweise auf verschiedene Schleifvorgänge und ein Bohrverfahren mit einer harten Spitze.
Die Stücke stammen aus einer wesentlich älteren Zeit und aus einer anderen Region. Sie belegen deshalb keine bestimmte wikingerzeitliche Werkstatttechnik. Die Untersuchung zeigt aber, welche Informationen sich aus den Spuren auf bearbeiteten Schmucksteinen gewinnen lassen.
Kaupang: Wurden Bergkristallperlen in Skandinavien hergestellt?
Eine der wichtigsten Untersuchungen zur wikingerzeitlichen Edelsteinverarbeitung stammt aus Kaupang am Oslofjord. Der Handelsplatz bestand vor allem im 9. Jahrhundert und brachte zahlreiche Gegenstände aus unterschiedlichen Regionen hervor.
Die Archäologin Heid Gjøstein Resi untersuchte die dort gefundenen Schmucksteine. Ihre Arbeit erschien im Sammelband Things from the Town: Artefacts and Inhabitants in Viking-Age Kaupang unter dem Titel Gemstones: Cornelian, Rock Crystal, Amethyst, Fluorspar and Garnet.
Resi erfasste Karneol, Bergkristall und weitere Mineralien aus älteren und neueren Grabungen. Dabei untersuchte sie die Formen der Perlen und die Bearbeitung ihrer Oberflächen. Auch die Bohrungen spielten eine wichtige Rolle. Besonders interessant waren Stücke aus Quarz und Bergkristall, die möglicherweise als Rohmaterial für die Herstellung von Perlen gedient hatten.
Die Funde zeigen einen Unterschied zwischen Karneol und Bergkristall. Sorgfältig geschliffene Karneolperlen werden in der Forschung meist als importierte Waren angesehen. Das gilt auch für viele Bergkristallperlen, die in vergleichbaren Formen gearbeitet wurden.
Bei anderen Bergkristallperlen ist die Lage weniger eindeutig. Rundliche Stücke mit unregelmäßigerer Form können auf eine Herstellung in Skandinavien hinweisen. Resis Untersuchung behandelt deshalb ausdrücklich die Frage, ob Bergkristallperlen in Kaupang selbst gefertigt wurden.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Fundort mit zahlreichen Steinperlen war nicht zwangsläufig ein Ort, an dem diese Perlen hergestellt wurden. Händler konnten fertige Schmuckstücke mitbringen. Erst Rohstücke, unfertige Werkstücke oder eindeutige Bearbeitungsabfälle liefern stärkere Hinweise auf örtliches Handwerk.
Für Kaupang lässt sich die Verarbeitung von Bergkristall in Skandinavien grundsätzlich belegen. Bei der genauen Zuordnung einzelner Stücke zu einer Werkstatt bleiben jedoch Fragen offen. Die Funde zeigen jedenfalls, dass die Menschen im Norden nicht ausschließlich fertige Edelsteinperlen aus dem Ausland bezogen.
Karneol und Bergkristall in den Gräbern von Birka
Birka auf der Insel Björkö im Mälarsee war während des 8. bis 10. Jahrhunderts ein bedeutender Handelsplatz. Die Grabfunde enthalten zahlreiche Perlen aus Glas, Bernstein und unterschiedlichen Schmucksteinen. Besonders Karneol und Bergkristall sind in manchen Bestattungen auffällig vertreten.
Aus Grab Bj 507 stammt eine Zusammenstellung von 26 Steinperlen. Vierzehn bestehen aus Bergkristall, zwölf aus Karneol. Die Stücke besitzen unterschiedliche Formen. Einige sind länglich, andere elliptisch oder annähernd rautenförmig. Mehrere wurden mit ebenen Flächen geschliffen.
Das Schwedische Historische Museum ordnet diese Perlen südlichen beziehungsweise östlichen Herkunftsgebieten zu. Solche Gegenstände gelangten über weitreichende Handelsverbindungen nach Skandinavien. Die Fundgruppe ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie fertige Schmucksteine ihren Weg bis in den Norden fanden.
Ein weiteres Beispiel liefert Grab Bj 642. Dort wurden Karneol, Bergkristall und Bernstein zusammen mit Glasperlen gefunden. Besonders auffällig sind kleine Anhänger aus gedrehtem Silberdraht, an denen jeweils eine Bergkristallperle befestigt ist.
Die Kombination zeigt, dass Schmucksteine auf unterschiedliche Weise getragen werden konnten. Manche Perlen wurden direkt auf eine Schnur gezogen. Andere erhielten eine Metallfassung und konnten einzeln an einer Kette hängen.
Auch Grab Bj 978 enthielt eine größere Zusammenstellung aus Bergkristall, Karneol und Glasperlen. Das Museum geht davon aus, dass ein erheblicher Teil dieser Stücke aus dem östlichen Mittelmeerraum importiert wurde.
Solche Gräber belegen den Besitz von Schmucksteinen. Sie verraten aber nicht, ob die Bestatteten selbst an der Beschaffung beteiligt waren oder die Perlen als Geschenk, Handelsware oder auf anderem Wege erhalten hatten.
Woher kamen die Schmucksteine?
Ein Teil des Bergkristalls konnte aus skandinavischen Vorkommen stammen. Quarz ist in vielen Regionen verbreitet. Für Karneol sah die Versorgung anders aus. Die sorgfältig bearbeiteten Perlen, die in Birka und Kaupang gefunden wurden, werden häufig mit Werkstätten außerhalb Skandinaviens in Verbindung gebracht.
Besonders wichtig waren die Handelswege durch Osteuropa. Über Flüsse und Landverbindungen gelangten Waren zwischen der Ostsee, dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Raum in Bewegung. Skandinavische Händler waren an diesen Verbindungen beteiligt. Sie konnten dort Waren erwerben, die zuvor bereits weite Strecken zurückgelegt hatten.
Karneol wurde in verschiedenen Regionen Asiens gewonnen und verarbeitet. Bedeutende Werkstatttraditionen bestanden unter anderem im indischen Raum. Es wäre jedoch zu einfach, jede wikingerzeitliche Karneolperle unmittelbar einer indischen Werkstatt zuzuschreiben. Ähnliche Formen konnten an verschiedenen Orten hergestellt werden, und einzelne Steine wechselten möglicherweise mehrfach den Besitzer.
Für die Herkunftsbestimmung betrachten Forscher deshalb nicht nur die Farbe des Minerals. Sie untersuchen die Form und Größe der Perle, ihre Bohrung und die Spuren der Bearbeitung. Wo geeignete Vergleichsdaten vorliegen, können auch mineralogische Untersuchungen helfen.
Das Dänische Nationalmuseum beschreibt Haithabu als Handelsplatz, der über Birka und Gotland mit den östlichen Flussrouten verbunden war. Diese führten bis nach Konstantinopel und in die Handelswelt des Kalifats von Bagdad. Auf solchen Wegen konnten auch Schmucksteine und fertige Perlen in den Norden gelangen.
Ein Händler musste dafür nicht selbst von Indien bis nach Birka reisen. Waren wurden auf Märkten weiterverkauft und über verschiedene Zwischenstationen transportiert. Die Herkunft eines Minerals und der Ort seiner Bearbeitung konnten deshalb weit auseinanderliegen.
Wie wurden Edelsteine in Schmuck eingefasst?
Eine durchbohrte Perle konnte unmittelbar auf eine Schnur gezogen werden. Schwieriger wurde es, wenn ein Stein als einzelner Anhänger getragen werden sollte oder wenn er in einem Metallgegenstand befestigt werden musste.
Bei einfachen Perlenanhängern konnte ein Metallring durch die Bohrung geführt werden. Das zeigen die Bergkristallanhänger aus Birka. Die Ringe bestehen aus gedrehtem Silberdraht. Sie verbinden den Stein mit der übrigen Schmuckausstattung, ohne dass eine geschlossene Fassung nötig war.
Andere Schmuckstücke besaßen Fassungen aus Gold oder Silber. Ein Stein konnte in eine vorbereitete Öffnung eingesetzt und durch einen Metallrand gehalten werden. Die Fassung musste sorgfältig an seine Form angepasst sein, damit er sich beim Tragen nicht löste.
Besonders aufwendig war die Verarbeitung kleiner Granateinlagen. Solche Schmuckarbeiten waren bereits in der Völkerwanderungszeit verbreitet. Die Technik wird als Zellwerk oder Cloisonné bezeichnet. Dabei teilten schmale Metallstege eine Fläche in kleine Felder. In diese Zellen wurden dünne, passend zugeschnittene Granatplättchen eingesetzt.
Die Steine mussten dafür präzise geschliffen werden. Ihre Kanten sollten zu den vorbereiteten Zellen passen. Hinter den Granaten konnte eine strukturierte Metallfolie liegen, die das einfallende Licht beeinflusste und die rote Farbe stärker zur Geltung brachte.
Die Archäologinnen Zanette T. Glørstad und Ingunn M. Røstad haben untersucht, wie ältere Schmuckstücke mit Granateinlagen in Skandinavien während der frühen Wikingerzeit weiterverwendet wurden. Manche dieser Gegenstände waren bereits mehrere Generationen alt, als sie erneut getragen oder in Gräber gelegt wurden.
Das bedeutet, dass ein wikingerzeitlicher Fund nicht zwangsläufig auch in der Wikingerzeit hergestellt worden sein muss. Ein älteres Schmuckstück konnte vererbt, umgearbeitet oder in eine neue Ausstattung übernommen werden.
Alte Edelsteine in neuem Schmuck
Ein besonders anschauliches Beispiel liefert der Hortfund von Hoen in Norwegen. Er wurde im 19. Jahrhundert entdeckt und gehört zu den reichsten bekannten Schmuckfunden der Wikingerzeit. Die Zusammenstellung enthält zahlreiche Goldgegenstände, Münzen und Perlen aus unterschiedlichen Materialien.
Unter den Schmuckstücken befinden sich auch Karneole, die bereits in römischer Zeit bearbeitet worden waren. Einige wurden später im Frankenreich in neue Goldfassungen eingesetzt. Schließlich gelangten sie nach Norwegen, wo sie erneut Teil einer Schmuckausstattung wurden.
Solche Gegenstände erzählen eine andere Geschichte als eine frisch hergestellte Perle. Der Stein konnte Jahrhunderte alt sein. Seine ursprüngliche Verwendung musste dem späteren Besitzer nicht mehr bekannt gewesen sein. Dennoch war er weiterhin als Schmuck geeignet und wurde offenbar geschätzt.
Im Hoen-Fund finden sich außerdem Bergkristall und weitere sorgfältig gearbeitete Perlen. Ihre unterschiedlichen Formen und Materialien zeigen, dass Schmuckensembles nicht zwangsläufig aus gleichartigen Stücken bestanden. Alte und neue Gegenstände konnten nebeneinander getragen werden.
Auch der Galloway-Hort aus Schottland enthält bemerkenswerte Schmuckstücke aus Stein und Glas. Die National Museums Scotland weisen darauf hin, dass manche dieser Objekte bereits alt waren, als sie im wikingerzeitlichen Hort niedergelegt wurden. Eine Bergkristallkugel wurde beispielsweise erst später in Silber gefasst.
Das Wiederverwenden älterer Steine hatte praktische Vorteile. Ein bereits geschliffener und polierter Karneol musste nicht erneut mühsam bearbeitet werden. Er konnte in eine neue Fassung eingesetzt oder mit anderen Perlen kombiniert werden. Ob dabei sein Alter, seine Herkunft oder einfach sein Aussehen geschätzt wurde, lässt sich im Einzelfall selten entscheiden.
Wie unterschieden sich Steinperlen von Glasperlen?
Glasperlen gehörten zu den verbreitetsten Schmuckgegenständen der Wikingerzeit. In Handelsplätzen wie Ribe und Haithabu wurden sie in großen Mengen gefunden. Anders als Karneol oder Bergkristall musste Glas nicht aus einem harten Rohstein herausgeschliffen werden.
Ein Perlenmacher konnte Glas erhitzen, bis es weich wurde, und die Masse um einen Metallstab wickeln. Nach dem Abkühlen blieb die Öffnung zurück, durch die später eine Schnur geführt werden konnte. Für mehrfarbige Muster ließen sich zusätzliche Glasfäden aufbringen.
Diese Arbeitsweise erlaubte Formen und Farben, die bei Steinperlen nur mit erheblichem Aufwand erreichbar waren. Glas konnte Karneol oder andere Schmucksteine optisch nachahmen. Besonders rote und durchscheinende Gläser konnten auf den ersten Blick einem natürlichen Stein ähneln.
Für Archäologen ist die Unterscheidung deshalb wichtig. Eine rote Perle muss nicht aus Karneol bestehen. Erst die Untersuchung des Materials zeigt, ob es sich um einen natürlichen Schmuckstein oder um Glas handelt.
Die Herstellung von Glasperlen ist in wikingerzeitlichen Handelsplätzen durch Werkstattabfälle und Produktionsreste nachgewiesen. Bei harten Schmucksteinen ist die Lage weniger eindeutig. Viele kamen bereits fertig in den Norden, während die örtliche Verarbeitung vor allem bei bestimmten Bergkristallperlen erkennbar wird.
Welche Werkzeuge brauchten Edelsteinschleifer?
Für die Bearbeitung harter Schmucksteine waren geeignete Werkzeuge nötig. Dazu gehörten Geräte zum Zerteilen des Rohmaterials und Vorrichtungen zum Schleifen oder Bohren. Die eigentliche Wirkung entstand häufig durch abrasive Stoffe, die zwischen Werkzeug und Stein wirkten.
Ein Schleifstein konnte zur Bearbeitung flacher Oberflächen dienen. Für die Politur brauchte man feinere Schleifmittel. Bei Bohrungen war eine möglichst gleichmäßige Drehbewegung hilfreich. Unterschiedliche historische Werkstatttraditionen entwickelten dafür eigene Lösungen.
Wie eine vollständige wikingerzeitliche Edelsteinschleiferwerkstatt aussah, ist allerdings nicht ausreichend überliefert. Aus den fertigen Perlen lässt sich erkennen, welche Arbeiten ausgeführt wurden. Die genaue Form sämtlicher verwendeter Werkzeuge bleibt in vielen Fällen unbekannt.
Das ist besonders bei importierten Karneolperlen wichtig. Ihre Bearbeitung kann auf Werkstätten in weit entfernten Regionen zurückgehen. Die dort verwendeten Geräte müssen nicht mit den Werkzeugen skandinavischer Handwerker übereingestimmt haben.
Moderne Versuche mit historischen Schleifmitteln helfen dabei, den Arbeitsaufwand einzuschätzen. Sie zeigen, wie langsam sich harter Quarz bearbeiten lässt und welche Schwierigkeiten beim Bohren auftreten. Solche Experimente erklären technische Möglichkeiten. Sie ersetzen aber keinen archäologischen Nachweis für eine bestimmte Werkstatt.
Waren Edelsteine nur für wohlhabende Menschen bestimmt?
Die Bearbeitung harter Schmucksteine kostete Zeit. Hinzu kamen bei importierten Perlen die Wege zwischen Herstellungsort und Käufer. Besonders gleichmäßig geschliffene Karneole und große Bergkristallperlen konnten deshalb wertvolle Handelswaren sein.
In Birka wurden solche Steine in Gräbern gefunden, die auch andere Schmuckgegenstände enthielten. Einige Perlen waren mit Silberanhängern kombiniert. Der Fundzusammenhang zeigt, dass sie zur persönlichen Ausstattung gehörten und offenbar als geeignete Grabbeigaben angesehen wurden.
Aus einzelnen Gräbern lässt sich aber keine feste gesellschaftliche Regel ableiten. Eine Person mit Karneolperlen war nicht automatisch Angehörige der höchsten sozialen Schicht. Ebenso wenig bedeutet das Fehlen solcher Steine, dass jemand arm war. Bestattungssitten unterschieden sich regional und veränderten sich im Laufe der Wikingerzeit.
Ein Stein konnte durch Handel erworben, verschenkt oder über längere Zeit innerhalb einer Familie weitergegeben werden. Manche Schmuckstücke wurden umgearbeitet und erneut verwendet. Ihr Wert hing deshalb nicht allein von der Seltenheit des Minerals ab.
Auch bei der Frage nach einer besonderen magischen Bedeutung ist Zurückhaltung angebracht. Die altnordischen Quellen enthalten Erzählungen über kostbaren Schmuck und außergewöhnliche Gegenstände. Für eine allgemeine Regel, nach der Karneol oder Bergkristall in der Wikingerzeit bestimmte Schutzkräfte zugeschrieben wurden, reichen die archäologischen Funde jedoch nicht aus.
Was die Forschung heute an einer Perle erkennen kann
Ein fertiger Schmuckstein enthält mehr Informationen, als seine geringe Größe vermuten lässt. Schon die Form kann Hinweise auf eine bestimmte handwerkliche Tradition geben. Besonders aufschlussreich sind die Bohrungen und die Spuren auf den geschliffenen Flächen.
Unter dem Mikroskop lassen sich feine Rillen erkennen, die während der Bearbeitung entstanden sind. Ihre Richtung und Verteilung können Hinweise auf das verwendete Verfahren liefern. Auch die Form eines Bohrkanals kann zeigen, ob von einer oder von beiden Seiten gearbeitet wurde.
Mineralogische Untersuchungen helfen dabei, den Stein selbst zu bestimmen. Das ist wichtig, weil verschiedene Minerale ähnliche Farben besitzen können. Eine rote Perle könnte aus Karneol, Granat oder einem anderen Material bestehen. Erst die genaue Untersuchung verhindert solche Verwechslungen.
Schwieriger ist die Frage nach der geografischen Herkunft. Ein Mineral kann an mehreren Orten vorkommen. Selbst wenn seine Zusammensetzung bekannt ist, muss deshalb noch nicht feststehen, aus welcher Lagerstätte es stammt. Für eine belastbare Zuordnung braucht man Vergleichsmaterial und geeignete Untersuchungsverfahren.
Die Arbeiten von Heid Gjøstein Resi zu Kaupang zeigen, wie sinnvoll es ist, mehrere Merkmale gemeinsam zu betrachten. Form, Material und Bearbeitung können zusammen Hinweise liefern, die ein einzelnes Merkmal nicht bietet.
Fazit – wie wurden Edelsteine in der Wikingerzeit verarbeitet?
Schmucksteine wie Karneol und Bergkristall wurden in der Wikingerzeit geschliffen, poliert und zu Perlen verarbeitet. Für die Bearbeitung ihrer harten Oberflächen brauchten die Handwerker geeignete Schleifmittel und viel Erfahrung. Besonders das Bohren der kleinen Öffnungen verlangte sorgfältige Arbeit. Die fertigen Steine konnten auf Schnüre gezogen oder mit Fassungen aus Edelmetall zu Anhängern verarbeitet werden.
Die Funde aus Kaupang belegen, dass Bergkristall auch in Skandinavien bearbeitet wurde. Viele sorgfältig geschliffene Karneol- und Bergkristallperlen aus Birka kamen dagegen vermutlich als fertige Handelswaren aus südlicheren oder östlichen Regionen. Andere Schmucksteine waren bereits Jahrhunderte alt, als sie in der Wikingerzeit erneut verwendet wurden. Die Verarbeitung dieser kleinen Gegenstände verbindet deshalb handwerkliche Kenntnisse mit einer Handelswelt, die weit über Skandinavien hinausreichte.


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