Wissensarchiv

Farbenkunde

Welche Farben trugen die Wikinger? Kleidung und Farbstoffe im archäologischen Befund

22.10.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 15 Min. Lesezeit

Ein Stück Stoff aus einem wikingerzeitlichen Grab sieht heute oft unscheinbar aus. Braun, grau oder beinahe schwarz. Manchmal ist das Gewebe so stark zerfallen, dass nur wenige Fasern übrig geblieben sind. Wer daraus auf die ursprüngliche Kleidung schließen möchte, steht vor einem Problem: Die Farbe, die ein Textil heute besitzt, muss mit seiner Farbe vor tausend Jahren wenig gemeinsam haben.

Besonders deutlich wird das bei den Textilfunden aus Birka. In den Gräbern des schwedischen Handelsplatzes blieben zahlreiche Stoffreste erhalten, darunter Wolle, Leinen und Seide. Die Textilforscherin Agnes Geijer untersuchte diese Funde bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie beschrieb Stoffe mit bläulichen, grünlichen und rötlichen Farbresten. Einige davon wurden zusätzlich chemisch untersucht. Bei einem roten Garn deuteten die Ergebnisse auf eine Färbung mit Krapp hin.

Damit lässt sich eine verbreitete Vorstellung korrigieren: Die Menschen der Wikingerzeit waren keineswegs auf ungefärbte Kleidung in Braun und Grau beschränkt. Sie kannten verschiedene Farbstoffe und wussten, wie man sie verarbeitet. Allerdings wäre auch das gegenteilige Bild falsch, nach dem jeder Bewohner Skandinaviens in leuchtendem Blau oder kräftigem Rot gekleidet war. Was tatsächlich getragen wurde, hing von den verfügbaren Rohstoffen, den Kosten und den örtlichen Gewohnheiten ab.

Warum alte Textilien ihre Farben verlieren

Wolle und Leinen verhalten sich im Boden unterschiedlich. Auch die verwendeten Farbstoffe reagieren verschieden auf Feuchtigkeit, Sauerstoff und die chemischen Bedingungen ihrer Umgebung. Ein ursprünglich roter Stoff kann im Laufe der Jahrhunderte verblassen oder sich braun verfärben. Bei anderen Textilien bleiben einzelne Farbspuren erhalten, obwohl der größte Teil des Gewebes längst seine ursprüngliche Tönung verloren hat.

Hinzu kommt, dass Metallgegenstände die Erhaltung beeinflussen. In Gräbern blieben Stoffreste häufig dort erhalten, wo sie unmittelbar an Fibeln, Schnallen oder anderen Beschlägen lagen. Die Korrosionsprodukte des Metalls konnten die Fasern konservieren. Gleichzeitig konnten sie das Aussehen des Stoffes verändern. Eine grünliche Stelle neben einer bronzenen Fibel ist deshalb noch kein sicherer Nachweis für ursprünglich grün gefärbte Kleidung.

Heute können Forscher winzige Proben mit chromatografischen Verfahren untersuchen. Dabei werden die erhaltenen Farbstoffbestandteile getrennt und mit bekannten Substanzen verglichen. Besonders wichtig ist die Hochleistungsflüssigkeitschromatografie, kurz HPLC. Mit ihr lassen sich beispielsweise Indigotin als Bestandteil blauer Farbstoffe oder Alizarin und Purpurin als Hinweise auf Krappfärbungen bestimmen.

Eine solche Analyse liefert jedoch nicht automatisch den genauen Farbton. Die chemischen Bestandteile sagen etwas über den verwendeten Farbstoff aus. Ob ein Stoff ursprünglich hellblau, dunkelblau oder fast schwarzblau wirkte, hängt auch von der Konzentration des Farbstoffs und dem Färbeverfahren ab. Dafür fehlen bei archäologischen Textilien häufig die nötigen Informationen.

Birka: Blaue Stoffe und Spuren roter Färbungen

Birka lag auf der Insel Björkö im Mälarsee und entwickelte sich während des 8. bis 10. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Handelsplatz. Die zahlreichen Gräber haben ungewöhnlich viele Hinweise auf die Kleidung seiner Bewohner geliefert. Besonders bekannt sind die weiblichen Bestattungen mit paarweise getragenen Schalenfibeln. Unter den Metallgegenständen blieben teilweise kleine Stoffreste erhalten, die Rückschlüsse auf die darunter getragene Kleidung erlauben.

Agnes Geijer veröffentlichte ihre grundlegende Untersuchung 1938 unter dem Titel Birka III: Die Textilfunde aus den Gräbern. Darin beschrieb sie unter anderem Wollstoffe, deren erhaltene Färbung deutlich ins Blaue ging. Bei mehreren Stücken hielt sie eine Färbung mit Waid für wahrscheinlich.

Waid (Isatis tinctoria) ist eine Pflanze, aus der sich ein blauer Farbstoff gewinnen lässt. Die Verarbeitung ist anspruchsvoller, als es das bloße Auskochen von Pflanzen vermuten lässt. Der blaue Farbstoff muss zunächst in eine lösliche Form überführt werden. Erst beim anschließenden Kontakt mit Sauerstoff entwickelt sich die charakteristische Blaufärbung auf den Fasern.

Die Birka-Funde zeigen außerdem, dass auch Leinen gefärbt wurde. Besonders interessant ist Grab 60A. Dort wurden blaue Leinenreste untersucht, deren Farbe sich nicht allein durch den Kontakt mit korrodierten Metallgegenständen erklären ließ. In der Forschung gelten sie deshalb als wichtiger Hinweis auf tatsächlich blau gefärbte Leinenkleidung.

Das ist bemerkenswert, weil pflanzliche Fasern mit vielen traditionellen Farbstoffen schwieriger zu färben sind als Wolle. Leinen nimmt bestimmte Farbstoffe schlechter auf und verlangt entsprechend angepasste Verfahren. Eine blaue Leinentunika oder ein blaues Unterkleid war technisch möglich, erforderte aber mehr als die Verwendung eines gewöhnlichen ungefärbten Leinenstoffes.

Auch Rot ist in Birka belegt. Geijer beschrieb in ihrer Untersuchung zu Grab 597 Garn mit unterschiedlichen Farbtönen. Eine chemische Prüfung der roten Bestandteile deutete auf Krapp hin. Die Wurzeln verschiedener Krapparten enthalten Farbstoffe, mit denen sich Rot- und Orangetöne erzielen lassen.

Bei solchen älteren Untersuchungen muss man berücksichtigen, dass die chemischen Verfahren noch nicht die Möglichkeiten heutiger Labore besaßen. Geijers Ergebnisse bleiben eine wichtige Grundlage, doch einzelne Farbstoffzuweisungen besitzen nicht dieselbe Sicherheit wie moderne Analysen mit mehreren voneinander unabhängigen Nachweisverfahren.

Für Birka ergibt sich dennoch ein deutliches Bild. Blaue Textilien sind gut belegt, und auch rote sowie grünliche Farbreste gehören zum Fundmaterial. Wie häufig diese Farben im Verhältnis zu ungefärbter Kleidung vorkamen, lässt sich aus den erhaltenen Grabtextilien nicht zuverlässig berechnen.

Oseberg: Kostbare Stoffe mit verlorenen Farben

Als 1904 das Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen ausgegraben wurde, fanden die Archäologen eine außergewöhnliche Menge an Textilien. Zwei Frauen waren dort im Jahr 834 bestattet worden. Neben dem berühmten Schiff gehörten Wollgewebe, Seidenstoffe und aufwendig gearbeitete Bildteppiche zur Grabausstattung.

Die Oseberg-Textilien zählen zu den wichtigsten Funden für die Erforschung wikingerzeitlicher Webkunst. Besonders die Bildgewebe mit Menschen, Tieren und anderen Motiven zeigen, wie anspruchsvoll die damalige Textilherstellung sein konnte. Für die ursprünglichen Farben ist die Lage allerdings schwieriger.

Viele der Stoffe haben ihre Färbung im Laufe der Jahrhunderte weitgehend verloren. An einigen Bändern und Geweben sind heute noch rötliche, gelbliche und bräunliche Töne zu erkennen. Daraus ergibt sich aber keine vollständige Farbpalette der ursprünglichen Ausstattung.

Das Forschungsprojekt TexRec des Kulturhistorischen Museums der Universität Oslo beschäftigt sich deshalb ausdrücklich mit der Untersuchung der Oseberg-Textilien. Die Forschenden wollen unter anderem Farbstoffreste und deren Abbauprodukte analysieren. Das ist nötig, weil eine Farbe selbst dann chemische Spuren hinterlassen kann, wenn sie mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen ist.

Bei modernen Nachwebungen der Oseberg-Bänder werden häufig kräftige Farben verwendet. Solche Rekonstruktionen helfen dabei, die Muster und die Wirkung der Gewebe besser zu verstehen. Sie sind jedoch keine unmittelbare Wiedergabe der ursprünglichen Farben. Die Weberin und Forscherin Marianne Vedeler hat sich intensiv mit den Textilien von Oseberg beschäftigt. Auch die Rekonstruktionsarbeiten im Umfeld von Oseberg Viking Heritage weisen darauf hin, dass manche verwendeten Farbkombinationen über das hinausgehen, was sich an den Originalen sicher belegen lässt.

Für Oseberg ist daher vor allem die Verwendung unterschiedlicher farbiger Garne und kostbarer Textilien wichtig. Die heute sichtbaren Rot- und Gelbtöne liefern Hinweise, doch nicht jeder rekonstruierte Blau- oder Grünton besitzt bereits einen chemischen Nachweis am Original.

Haithabu: Warum fehlende Farbstoffreste täuschen können

Haithabu an der Schlei gehörte zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Wikingerzeit. Die Ausgrabungen brachten zahlreiche Textilreste ans Licht. Einige stammten aus dem Siedlungsbereich, andere aus dem Hafen. Dort waren Stoffe teilweise als wiederverwendetes Material in den Boden gelangt.

Die Textilforscherin Inga Hägg untersuchte die Funde ausführlich. Ihre Arbeiten zur Kleidung aus Haithabu gehören bis heute zu den wichtigsten Grundlagen für die Rekonstruktion wikingerzeitlicher Gewänder. Sie beschrieb unterschiedliche Wollgewebe und Leinenstoffe, ihre Verarbeitung sowie die erhaltenen Schnitt- und Nahtspuren.

Bei der Frage nach den Farben ist Haithabu allerdings ein besonders gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig man mit alten Textilien umgehen muss. Im Jahr 2023 veröffentlichten Ina Vanden Berghe, Ulla Mannering und Charlotte Rimstad eine neue Untersuchung wikingerzeitlicher Farbstoffe. Dafür analysierten sie Textilien aus den dänischen Gräbern Bjerringhøj und Hvilehøj sowie einige Proben aus Haithabu.

Die Ergebnisse waren überraschend. Während sich in den Textilien der beiden dänischen Gräber verschiedene Farbstoffe nachweisen ließen, ergaben die untersuchten Haithabu-Proben keine entsprechenden positiven Nachweise. Eine Ausnahme bildeten Ellagitannine, also pflanzliche Gerbstoffbestandteile, die unter anderem mit bestimmten braunen oder dunklen Färbungen zusammenhängen können.

Das bedeutet nicht, dass die Menschen in Haithabu ausschließlich ungefärbte Kleidung trugen. Die Untersuchung umfasste nur eine begrenzte Auswahl an Stoffen. Außerdem hängt der Nachweis davon ab, ob die Farbstoffe die Lagerung im Boden überstanden haben. Ein ursprünglich gefärbter Stoff kann nach Jahrhunderten chemisch so stark verändert sein, dass sich sein Farbstoff nicht mehr bestimmen lässt.

Haithabu liefert deshalb hervorragende Informationen über die Herstellung und Verarbeitung von Kleidung. Bei den ursprünglichen Farben einzelner Gewänder bleibt die Forschung dagegen zurückhaltender. Wer heute ein Kleidungsstück nach einem Haithabu-Fund näht und es blau oder rot färbt, kann sich auf Farbstoffnachweise aus der Wikingerzeit insgesamt berufen. Er sollte aber nicht behaupten, dass genau dieser Stoff aus Haithabu nachweislich dieselbe Farbe besaß.

Was die dänischen Prunkgräber über Rot, Blau und Gelb verraten

Die Untersuchung von Vanden Berghe, Mannering und Rimstad aus dem Jahr 2023 trägt den Titel New dye analyses of Danish Viking Age textiles from Bjerringhøj, Hvilehøj and Hedeby. Sie erschien im Journal of Archaeological Science: Reports, Band 49.

Die Forscherinnen untersuchten winzige Textilproben mit HPLC-DAD. Dabei fanden sie Bestandteile verschiedener Farbstoffe, die eine deutlich größere Farbvielfalt erkennen lassen, als man allein anhand des heutigen Aussehens der Stoffe vermuten würde.

Für Blau wurde Indigotin nachgewiesen. Dieser Farbstoff kann aus Waid gewonnen werden, kommt aber auch in anderen indigohaltigen Pflanzen vor. Die chemische Analyse kann deshalb nicht in jedem Fall entscheiden, ob ein Stoff mit europäischem Waid oder mit importiertem Indigo gefärbt wurde.

Bei den roten Farbstoffen spielte Krapp eine wichtige Rolle. Daneben fanden die Forscherinnen Hinweise auf Kermes und europäische Schildlausfarbstoffe. Solche Färbemittel waren aufwendiger zu beschaffen als viele örtlich verfügbare Pflanzen. Ihre Verwendung zeigt, dass bei bestimmten hochwertigen Textilien auch seltenere Farbstoffe eingesetzt wurden.

Besonders interessant sind die Ergebnisse aus Bjerringhøj. Dort ließen sich in mehreren Textilien Bestandteile eines gelben Farbstoffs nachweisen, darunter Luteolin. Auch Bärlapp wurde im Zusammenhang mit der Färbung festgestellt. In den Stickereien fanden sich außerdem Hinweise auf blaue Farbstoffe und Gerbstoffbestandteile.

Die Funde stammen aus reichen Bestattungen. Sie zeigen deshalb vor allem, welche Möglichkeiten bei hochwertiger Kleidung bestanden. Sie belegen nicht, dass alle Menschen im wikingerzeitlichen Dänemark dieselben Farbstoffe verwendeten.

Die Rus: Farbige Kleidung im Osten Europas

Wer über die Farben der Wikingerzeit spricht, sollte den Blick nicht auf Skandinavien beschränken. Skandinavische Händler und Krieger waren über die Flusssysteme Osteuropas mit dem Gebiet der Rus verbunden. Dort trafen nordische Traditionen auf die Kleidung und das Handwerk slawischer, finno-ugrischer und anderer Bevölkerungsgruppen.

Die Rus waren keine einheitliche skandinavische Gemeinschaft. Ihre Kleidung entwickelte sich aus unterschiedlichen regionalen Traditionen. Deshalb wäre es falsch, jeden farbigen Stoff aus einem Rus-Grab unmittelbar als Beleg für die Kleidung eines skandinavischen Wikingers zu behandeln. Die Funde gehören aber zur weiteren Kulturgeschichte jener Regionen, in denen Menschen skandinavischer Herkunft lebten und handelten.

Eine wichtige Untersuchung veröffentlichte Iuliia Stepanova 2017 unter dem Titel The Burial Dress of the Rus' in the Upper Volga Region (Late 10th–13th Centuries). Sie wertete Grabfunde aus dem oberen Wolgagebiet aus und untersuchte die erhaltenen Kleidungsreste im Zusammenhang mit Schmuck und anderen Beigaben.

Stepanova beschreibt unterschiedliche Farben in der Kleidung und ihrer Verzierung. Dazu gehören Rot, Blau und Grün sowie weitere Farbtöne in Stickereien. Sie verweist außerdem auf schriftliche Zeugnisse aus Nowgorod, in denen farbige Kleidungsstücke und Garne erwähnt werden.

Ein Teil dieser Quellen stammt allerdings aus späteren Jahrhunderten. Die Untersuchung reicht vom späten 10. bis zum 13. Jahrhundert und überschreitet damit die gewöhnliche zeitliche Grenze der Wikingerzeit. Solche Zeugnisse helfen, die Entwicklung der Kleidung im Gebiet der Rus zu verstehen. Sie dürfen aber nicht ohne Weiteres auf das 9. Jahrhundert übertragen werden.

Besonders interessant ist ein Textilfund aus Pskow. Dort wurden in einem Grab blaue Leinenreste gefunden, die als Teile eines Kleidungsstücks gedeutet werden. Die Untersuchung von Zubkova und weiteren Forschenden aus dem Jahr 2010 wird in der Fachliteratur zur wikingerzeitlichen Kleidung häufig herangezogen. Der Fund zeigt, dass blau gefärbtes Leinen auch im östlichen Ostseeraum und seinen angrenzenden Gebieten verwendet wurde.

Die Verbindungen zwischen Birka und den östlichen Handelsräumen machen solche Funde besonders aufschlussreich. Farbige Textilien konnten als fertige Waren gehandelt werden. Ebenso konnten Farbstoffe und Kenntnisse über Färbeverfahren über große Entfernungen weitergegeben werden. Welche Stoffe tatsächlich auf welchen Handelswegen transportiert wurden, muss allerdings für jeden Fund einzeln untersucht werden.

Welche Farben sind für die Wikingerzeit sicher belegt?

Die archäologischen Untersuchungen erlauben keine vollständige Farbkarte aller wikingerzeitlichen Kleidungsstücke. Einige Farbbereiche sind aber durch erhaltene Textilien und chemische Analysen gut belegt.

Blau

Blau gehört zu den am besten nachgewiesenen künstlichen Textilfarben der Wikingerzeit. Aus Birka sind blaue Woll- und Leinenstoffe bekannt. Die neueren Analysen dänischer Textilien haben außerdem Indigotin nachgewiesen. Auch im östlichen Raum, etwa in Pskow, sind blaue Leinenreste überliefert.

Wie kräftig die einzelnen Blautöne waren, ist schwer zu bestimmen. Je nach Färbeverfahren konnte ein Stoff hellblau, mittelblau oder sehr dunkel erscheinen. Die verbreitete Vorstellung, Blau sei ausschließlich eine Farbe besonders reicher Menschen gewesen, lässt sich aus den Funden nicht allgemein bestätigen.

Rot

Rot ist ebenfalls archäologisch nachgewiesen. Bereits Geijer fand in Birka Hinweise auf Krappfärbungen. Neuere Untersuchungen aus Dänemark bestätigten die Verwendung von Krapp und wiesen zusätzlich seltenere rote Farbstoffe nach.

Krapp konnte unterschiedliche Töne hervorbringen, von Orange- und Ziegelrot bis zu kräftigeren Rottönen. Die genaue Farbe hing vom Färbeverfahren und den verwendeten Fasern ab. Ein rotes Gewand musste deshalb keineswegs so aussehen wie ein modernes, gleichmäßig gefärbtes Stück Stoff.

Gelb

Gelbe Farbstoffe sind durch die Untersuchung der Textilien aus Bjerringhøj belegt. Dort fanden die Forscherinnen unter anderem Luteolin, einen gelben Farbstoffbestandteil, der in verschiedenen Pflanzen vorkommt.

Die chemische Identifikation eines solchen Bestandteils erlaubt nicht immer die sichere Bestimmung der verwendeten Pflanzenart. Moderne Färbeversuche mit Reseda, Birkenblättern oder anderen Pflanzen zeigen zwar, welche Gelbtöne technisch möglich sind. Sie beweisen aber nicht automatisch, dass genau diese Pflanzen bei einem bestimmten wikingerzeitlichen Stoff verwendet wurden.

Grün

Grüne Farbtöne sind aus historischen Textilfunden bekannt, darunter ältere Beobachtungen aus Birka und Befunde aus dem weiteren baltischen Raum. Grün konnte durch die Kombination gelber und blauer Farbstoffe entstehen. Auch andere Färbeverfahren kamen grundsätzlich infrage.

Die Nachweislage ist allerdings schwieriger als bei Blau und Rot. Nicht jede heute grünlich erscheinende Faser war ursprünglich grün gefärbt. Gerade in Gräbern können Korrosionsprodukte benachbarter Metallgegenstände eine solche Färbung verursachen. Ein chemischer Nachweis der verwendeten Farbstoffe ist deshalb besonders wichtig.

Braun, Grau, Schwarz und Naturweiß

Für diese Farbbereiche brauchte man nicht zwangsläufig eine künstliche Färbung. Schafwolle kommt von Natur aus in unterschiedlichen Tönen vor. Weiße, graue, braune und sehr dunkle Wolle konnte versponnen und verwoben werden, ohne dass zuvor ein Färbebad nötig war.

Durch die Auswahl verschiedener Wollfarben ließen sich bereits beim Weben Muster erzeugen. Das war eine praktische Möglichkeit, Stoffe abwechslungsreich zu gestalten. Zusätzlich konnten pflanzliche Gerbstoffe dunklere Töne erzeugen oder verändern.

Bei Schwarz muss man besonders sorgfältig unterscheiden. Ein sehr dunkler Wollstoff konnte aus natürlich dunklen Fasern bestehen, künstlich gefärbt sein oder erst im Boden schwarz geworden sein. Ein tiefes, gleichmäßiges Schwarz, wie es heutige industrielle Textilfarben ermöglichen, darf nicht einfach für sämtliche wikingerzeitlichen Stoffe vorausgesetzt werden.

Wie wurden die Stoffe gefärbt?

Wolle konnte vor dem Spinnen, als fertiges Garn oder nach dem Weben gefärbt werden. Welche Methode gewählt wurde, beeinflusste das Ergebnis. Wenn einzelne Garne vor dem Weben gefärbt wurden, ließen sich farbige Streifen und Muster herstellen. Wurde ein fertiges Gewebe gefärbt, erhielt es eher eine einheitliche Grundfarbe.

Viele Pflanzenfarbstoffe benötigen eine Vorbehandlung der Fasern, damit die Farbe besser haftet. Solche Verfahren werden als Beizen bezeichnet. Dafür konnten unterschiedliche mineralische oder pflanzliche Stoffe eingesetzt werden. Die genaue Zusammensetzung historischer Färbebäder ist jedoch nur selten überliefert.

Beim Blaufärben mit Waid war der Ablauf besonders anspruchsvoll. Der Farbstoff liegt in der Pflanze zunächst nicht als einfach wasserlösliche blaue Flüssigkeit vor. Durch geeignete Verarbeitung musste eine Färbeküpe entstehen, in der der Farbstoff von den Fasern aufgenommen werden konnte. Erst an der Luft entwickelte sich das Blau.

Für Rot bot Krapp eine andere Möglichkeit. Die farbstoffhaltigen Wurzeln konnten zerkleinert und für ein Färbebad verwendet werden. Die Temperatur und die Vorbereitung des Materials beeinflussten den Farbton. Auch die Zusammensetzung des Wassers konnte eine Rolle spielen.

Wer heute historische Pflanzenfärbungen ausprobiert, kann viele dieser Verfahren nachvollziehen. Ein gelungenes Experiment zeigt, dass eine bestimmte Farbe mit verfügbaren Rohstoffen herstellbar war. Ob die Menschen in Birka oder Haithabu genau dasselbe Rezept verwendeten, steht damit noch nicht fest.

Waren kräftige Farben ein Zeichen von Reichtum?

Ein gefärbtes Kleidungsstück erforderte zusätzliche Arbeit. Pflanzen mussten gesammelt oder angebaut werden, Farbstoffe mussten verarbeitet und die Stoffe gefärbt werden. Manche Rohstoffe waren örtlich verfügbar. Andere gelangten möglicherweise erst durch den Handel in den Norden.

Es liegt deshalb nahe, dass bestimmte Farben oder besonders gleichmäßige und intensive Färbungen kostspielig waren. Bei importierten Seidenstoffen und seltenen roten Farbstoffen ist der Zusammenhang mit hochwertigen Textilien besonders deutlich.

Aus den Gräbern lässt sich aber keine einfache Regel ableiten, nach der reiche Menschen bunte Kleidung und ärmere Menschen ausschließlich ungefärbte Stoffe trugen. Die erhaltenen Textilien stammen überdurchschnittlich häufig aus besonderen Bestattungen. Außerdem fehlen aus vielen gewöhnlichen Siedlungen die Stoffreste, die für einen solchen Vergleich nötig wären.

Auch die Art des Gewebes spielte eine Rolle. Ein fein gearbeiteter, ungefärbter Wollstoff konnte mehr Arbeitszeit verlangen als ein grobes, einfach gefärbtes Stück. Die Farbe allein bestimmte deshalb nicht den Wert eines Kleidungsstücks.

Was bedeutet das für historische Rekonstruktionen?

Wer heute wikingerzeitliche Kleidung möglichst fundnah nachbilden möchte, kann mit Blau und Rot auf gut belegte Farbbereiche zurückgreifen. Auch Gelb ist durch moderne Farbstoffanalysen gesichert. Grün gehört ebenfalls zur überlieferten Farbwelt, verlangt bei der Zuordnung zu konkreten Fundstücken aber besondere Vorsicht.

Für ein Gewand nach einem bestimmten Grabfund sollte zuerst geprüft werden, ob dort überhaupt ein Farbstoff nachgewiesen wurde. Bei einem Stoff aus Birka kann die Forschungslage anders aussehen als bei einem ähnlichen Gewebe aus Haithabu. Oseberg wiederum bietet zahlreiche Hinweise auf kostbare Textilien, doch viele ihrer ursprünglichen Farben sind noch nicht abschließend bestimmt.

Eine Rekonstruktion darf selbstverständlich Farben verwenden, die für die Epoche insgesamt belegt sind. Entscheidend ist die richtige Bezeichnung. Ein blau gefärbtes Kleid nach einem Schnitt aus Haithabu ist eine historisch plausible Rekonstruktion. Es ist aber nicht automatisch die exakte Wiederherstellung eines nachweislich blauen Haithabuer Gewandes.

Bei den Rus kommt die zeitliche Einordnung hinzu. Funde aus dem 12. oder 13. Jahrhundert können zeigen, wie sich Kleidung und Farbvorlieben später entwickelten. Für die Wikingerzeit sind sie nur dann unmittelbar aussagekräftig, wenn sich entsprechende ältere Belege finden.

Fazit – welche Farben wurden in der Wikingerzeit tatsächlich getragen?

Die Menschen der Wikingerzeit trugen nachweislich gefärbte Kleidung. Blau und Rot sind besonders gut belegt, unter anderem durch Textilfunde aus Birka und chemische Untersuchungen dänischer Gräber. Auch gelbe Farbstoffe wurden nachgewiesen. Grüne Farbtöne gehören ebenfalls zum archäologischen Befund, lassen sich bei einzelnen Stücken aber nicht immer eindeutig von späteren Verfärbungen unterscheiden. Daneben wurden Stoffe aus naturweißer, grauer, brauner und dunkler Wolle verwendet.

Die Funde aus Birka, Oseberg, Haithabu und dem Gebiet der Rus zeigen unterschiedliche Ausschnitte dieser Farbwelt. Manche bewahren sichtbare Farbreste, andere liefern chemische Nachweise oder Hinweise auf die ursprüngliche Kleidung. Eine allgemeingültige Farbpalette für alle Menschen des Nordens lässt sich daraus nicht erstellen. Sicher ist aber, dass die Kleidung der Wikingerzeit erheblich vielfältiger war, als es die heute meist braunen und grauen Textilreste zunächst vermuten lassen.

STIMMEN AUS DEM WISSENSARCHIV

Kommentare

Gedanken, Fragen und Ergänzungen zum Artikel. Neue Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung.

0
KOMMENTAR HINTERLASSEN

Etwas ergänzen?

Mit dem Absenden werden Name, E-Mail-Adresse und Kommentar zur redaktionellen Prüfung gespeichert. Bei Freigabe und bei einer ersten Antwort von Alex informieren wir dich per E-Mail. Öffentlich erscheinen nur dein Name und dein Kommentar; deine E-Mail-Adresse bleibt verborgen. Zum Schutz vor Missbrauch wird kurzfristig ein pseudonymisierter technischer Prüfwert gespeichert. Mehr im Datenschutz.

Weiterlesen

Empfehlungen aus der Farbenkunde

25.08.2025Farben der Wikinger: ViolettArtikel lesen →14.10.2025Farben der Wikinger: SchwarzArtikel lesen →04.06.2025Farben der Wikinger: Grün (grønn)Artikel lesen →
NORSESTORY APP Nordisches Wissen. Immer dabei. Mythologie und Kulturgeschichte direkt auf deinem Smartphone.
Von Lesern bewertet