
Grönland ist einer jener Orte der nordischen Geschichte, an dem sich Mut, Verzweiflung, Entdeckergeist und Tragik in einzigartiger Weise überschneiden. Ein Land, das Erik der Rote nicht ohne Absicht „Grünland“ nannte – denn wer Menschen in ein unbekanntes Gebiet locken will, muss ihnen Hoffnung schenken. Und so wurde Grönland zu einer mythischen Grenzregion: ein Ort zwischen Eis und Meer, zwischen Überleben und Untergang, zwischen Realität und Saga. Über Jahrhunderte hinweg war Grönland nicht einfach ein abgelegener Außenposten der Wikingerwelt – es war ein Symbol für Pioniergeist, Ausdauer und die unerschütterliche Bereitschaft, selbst in der härtesten Natur eine neue Heimat zu schaffen. Und gleichzeitig zeigt die Geschichte Grönlands wie kaum ein anderer Schauplatz, wie empfindlich das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt sein kann.

Die Besiedlung Grönlands beginnt mit einer Verbannung: Erik der Rote, ein streitbarer Mann aus Island, wurde wegen Totschlags verurteilt und auf drei Jahre verbannt. Er nutzte diese Zeit nicht, um zu büßen, sondern um sich selbst ein neues Reich zu suchen. Die Sagas berichten, dass er dem Hinweis eines Seefahrers folgte, der weit im Westen Land gesehen hatte.
Erik segelte also über den Nordatlantik, entlang treibender Eisberge, durch neblige Wasser und unberechenbare Stürme. Als er schließlich die Küsten Grönlands erreichte, sah er Felsmassive, Fjorde und ein Land, das im Sommer tatsächlich grün schimmerte – zumindest in den südlichen Regionen.
Als er nach Island zurückkehrte, pries er das neue Gebiet als fruchtbar und hoffnungsvoll. Dieser geschickte Name – „Grænaland“, das grüne Land – wirkte. Viele Familien lasen darin eine Zukunft, die ihnen im überfüllten Island fehlte. Und so begann ein Pionierzug, der das Gesicht des Nordens verändern sollte.
Um das Jahr 985 n. Chr. erreichten rund 25 Schiffe unter Erik und seinen Gefährten die Südwestküste Grönlands. Nicht alle Schiffe kamen an – doch diejenigen, die landeten, richteten zwei große Siedlungsgebiete ein:
die Östliche Siedlung (Eiríksfjörður / Brattahlíð)
die Westliche Siedlung, weiter nördlich im heutigen Nuuk-Gebiet
Diese Regionen boten eine überraschend lebensfähige Umwelt: kurze, aber fruchtbare Sommer, Weideflächen für Schafe, Ziegen und Rinder, sowie reiche Fischgründe. Die Wikinger bauten Langhäuser aus Torf und Holz, Kirchen, Scheunen und Vorratsräume.
Das Herzstück der Östlichen Siedlung war Brattahlíð, Eriks Hof, der in den Sagas als Ort politischen Einflusses und spirituellen Wandels erscheint. Hier lebte später auch Eriks Frau Tjodhildr, die die erste Kirche Grönlands errichten ließ – ein Meilenstein der Christianisierung.
Grönland war nie groß – zur Blütezeit lebten vermutlich zwischen 2.500 und 5.000 Menschen dort –, aber es war stabil. Die Siedler trieben Jagd auf Robben, Walrosse und Karibus, sie betrieben Ackerbau und Viehzucht, handelten mit Walross-Elfenbein und Seehundfellen und blieben über Jahrhunderte Teil der nordischen Welt.
Entgegen der Vorstellung einer isolierten, abgelegenen Kolonie war Grönland eng in ein Netz europäischer Handelsrouten eingebunden.
Von Brattahlíð aus segelten Schiffe nach Island, nach Norge und in seltenen Fällen bis nach Bergen, wo Walrosszähne als wertvolle Exportware verkauft wurden. Diese Elfenbein-Stücke waren im Mittelalter so begehrt, dass sie Grönland phasenweise zu einem wirtschaftlich bedeutenden Außenposten machten.
Die Grönland-Wikinger hatten sogar Kontakt zu indigenen Völkern Nordamerikas – den Vorfahren der Inuit und anderer arktischer Gruppen. Diese Begegnungen waren nicht immer friedlich, doch sie sind archäologisch belegt, etwa durch Tauschobjekte wie Speerspitzen, Nadeln oder Metallreste.
Grönland war also keine vergessene Kolonie, sondern ein Knotenpunkt zwischen Nordatlantik, Arktis und europäischer Hochkultur.
Die Wikinger erlebten Grönland als zweischneidiges Schicksal:
Sommer brachten eine betörende Fülle – grasende Tiere, klare Fjorde, vogelfüllte Klippen, mildes Klima.
Winter jedoch waren erbarmungslos – monatelange Dunkelheit, knirschende Kälte, Schneestürme und das langsame Schwinden von Vorräten.
Grönland war ein Ort ungezähmter Kräfte. Die Nähe zu Gletschern, Eisbergen und der ewigen See ließ die Sagas voller Respekt von diesem Land sprechen. Einige Erzählungen erwähnen sogar mythische Wesen, die in der Grenzzone zwischen Mensch und Frost leben – Berggeister, Geistertiere oder Urkräfte der Natur.
Für die Wikinger war Grönland also nicht nur ein Siedlungsort, sondern ein heiliges Grenzland, an dem die Natur fast personifiziert erschien.
Bis heute ist der Niedergang der grönländischen Wikingersiedlungen eines der spannendsten Rätsel der Archäologie. Um 1400 verschwand zuerst die Westliche Siedlung, um 1500 auch die Östliche. Die Gründe sind vielfältig, aber wahrscheinlich ist ein Zusammenspiel:
Klimaverschlechterung während der Kleinen Eiszeit
Die Winter wurden länger, das Vieh starb, die Seewege froren zu.
Übernutzung der Umwelt
Walrossbestände gingen zurück, Weideflächen erodierten.
Ausbleibender Handel
Norwegen wurde von Pest und politischen Krisen erschüttert.
Konflikte mit den Thule-Inuit
Archäologische Spuren deuten sowohl auf Handel als auch auf Spannungen hin.
Wandel in Europa
Walrosse verloren an Bedeutung, afrikanisches Elfenbein wurde billiger.
So starb Grönland nicht in einer Schlacht, nicht in einem einzigen Ereignis – sondern in einem langsamen, leisen Rückzug, der zeigt, wie sensibel menschliche Kulturen auf Naturbedingungen reagieren.
Die letzten Spuren der Wikinger sind traurige Zeugnisse: verlassenen Höfe, verfallene Kirchen und menschliche Skelette, die von Unterernährung zeugen. Die Menschen gingen nicht plötzlich unter – sie verhungerten, wanderten ab oder starben an Erschöpfung. Ein tragisches, stilles Ende.
Die moderne Archäologie hat Grönland zu einem Eldorado der Forschung gemacht. Besonders bedeutend sind:
Die Kirche von Hvalsey: Das am besten erhaltene mittelalterliche Gebäude Grönlands.
Hier fand 1408 die letzte urkundlich belegte Wikingerhochzeit statt.
Brattahlíð (Qassiarsuk): Der Hof Eriks des Roten mit rekonstruierter Kirche und Langhaus.
Die Westliche Siedlung (Sandnes und Umgebung): Einblicke in das harte Leben, traditionelle Grubenhäuser und Werkstätten.
Besonders beeindruckend sind die Funde von Textilien, Werkzeugen und Jagdutensilien – sie zeigen, wie anpassungsfähig die Nordmänner waren, aber auch, wie sehr sie mit den extremen Bedingungen kämpften.
Grönland nimmt im nordischen Gedächtnis eine besondere Rolle ein. Es steht für den Mut der Auswanderer, die über den Rand der bekannten Welt segelten. Für die Fähigkeit, selbst im Angesicht des Unmöglichen zu überleben. Für die Tragik eines Volkes, das dem Klima zum Opfer fiel.
In der Mythologie wurde Grönland oft als „Rand der Welt“ betrachtet – eine Zone zwischen den Welten, ähnlich wie Jötunheim oder Hel. Manche modernen Interpretationen sehen in Grönland sogar ein Abbild von Niflheim, dem kalten Urreich der nordischen Kosmologie.
Doch vor allem ist Grönland ein Symbol für Pioniergeist – eine Erinnerung an jene, die im Sturm die Segel nicht einholten.
Grönland ist mehr als eine historische Episode. Es ist eine Erzählung über menschlichen Mut und menschliche Zerbrechlichkeit. Über Hoffnung und Kälte, über Aufbruch und Ende. Die Wikinger kamen mit brennendem Optimismus, sie blieben mit harter Entschlossenheit – und sie gingen als Verhängnis einer Welt, die sich veränderte. Und doch haben sie Spuren hinterlassen, die bis heute von einem Leben erzählen, das am äußersten Rand des Vorstellbaren stattfand. Grönland bleibt ein Ort zwischen Legende und Wirklichkeit – ein eisiges Monument für das, was die Nordmenschen wagten, und für das, was sie verloren.
Entdecke die wundervolle Bücherwelt von NorseStory! Hochwertiges Design, fundierte belegbare Inhalte und die facettenreiche Welt der nordischen Mythologie.
Dir gefällt der Blog und der Verlag?
Dann unterstütze unsere Arbeit, Recherche und unser Projekt "NorseStory - auf den Spuren der Wikinger" gerne mit einer PayPal Spende. Jede Spende wird in den Verlag NorseStory investiert.
Ein paar weitere Leseempfehlungen für dich - oder wähle deine nächste Kategorie im Wikinger Blog:
Blog Übersicht | Wikinger Runen | Wikinger Götter | Wikinger Symbole | Wikinger Welten | Wikinger Tiere | Wikinger Begriffe | Wikinger Kräuter | Wikinger Feiertage | Wikinger Geschichten | Wikinger Personen | Wikinger Waffen | Wikinger Rituale | Wikinger Berufe | Wikinger Edelsteine | Wikinger Ereignisse | Wikinger Farben | Deutsche Burgen
Durchsuche den Wikinger Blog
Blog Kategorien
>> Blog Übersicht
>> Wikinger Runen
>> Wikinger Götter
>> Wikinger Symbole
>> Wikinger Welten
>> Wikinger Tiere
>> Wikinger Begriffe
>> Wikinger Kräuter
>> Wikinger Feiertage
>> Wikinger Geschichten
>> Wikinger Personen
>> Wikinger Waffen
>> Wikinger Rituale
>> Wikinger Berufe
>> Wikinger Edelsteine
>> Wikinger Ereignisse
>> Wikinger Farben
>> Deutsche Burgen
Verlag
Rechtliches
Mehr von uns