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Gudrid Thorbjarnardóttir – reiste eine Frau der Wikingerzeit bis nach Nordamerika?

02.09.2026Verlag NorseStory · Berlin

Eine Frau wird im Island des späten 10. Jahrhunderts geboren. Sie überquert den Nordatlantik, lebt in Grönland und reist schließlich noch weiter nach Westen – bis an die Küsten Nordamerikas. Dort bekommt sie einen Sohn. Später kehrt sie nach Island zurück, und einer mittelalterlichen Überlieferung zufolge führt sie ihr Weg irgendwann sogar noch nach Rom.

Wäre diese Lebensgeschichte vollständig historisch gesichert, gehörte Guðríðr Þorbjarnardóttir, meist Gudrid Thorbjarnardóttir genannt, ohne Zweifel zu den außergewöhnlichsten Reisenden des europäischen Mittelalters. Ihr Weg hätte sie von Island über Grönland nach Nordamerika und möglicherweise später bis in den Mittelmeerraum geführt – durch eine Welt, in der solche Entfernungen keineswegs alltäglich waren.

Doch genau hier liegt das Problem. Gudrids Geschichte ist nicht in einem zeitgenössischen Reisebericht erhalten. Niemand schrieb um das Jahr 1000 ein Tagebuch ihrer Fahrt nach Westen. Die ausführlichsten Erzählungen über ihr Leben begegnen in zwei mittelalterlichen isländischen Sagas, deren erhaltene Handschriften erst Jahrhunderte nach den Ereignissen entstanden: der Grænlendinga saga, der Saga der Grönländer, und der Eiríks saga rauða, der Saga von Erik dem Roten.

Beide kennen Gudrid. Beide verbinden sie mit Grönland, Þorfinnr Karlsefni und einer Fahrt nach Vinland. Und beide erzählen ihre Lebensgeschichte unterschiedlich.

Damit beginnt eine der spannendsten Fragen, die sich an die Geschichte der nordischen Atlantikfahrten stellen lässt: Reiste Gudrid Thorbjarnardóttir wirklich bis nach Nordamerika – oder begegnen wir in ihr vor allem einer großen Frauengestalt der späteren isländischen Sagaüberlieferung?

Wer war Gudrid Thorbjarnardóttir?

Gudrid erscheint in den Vinland-Sagas nicht als namenlose Begleiterin berühmter Männer. Sie besitzt eine Herkunft, familiäre Beziehungen, Ehen, Reisen und Nachkommen. Besonders auffällig ist, dass ihre Geschichte mit mehreren der bekanntesten Gestalten der nordatlantischen Expansion verbunden wird: mit Erik dem Roten, dessen Familie in der Überlieferung eng mit der nordischen Besiedlung Grönlands verknüpft ist, mit dessen Sohn Leif Eriksson und schließlich mit dem isländischen Händler und Reisenden Þorfinnr Karlsefni.

Die Eiríks saga rauða nennt Gudrids Vater Þorbjörn Vífilsson und verbindet ihre Familie mit der isländischen Landnahmegesellschaft. Gudrid wächst demnach in Island auf. Als sich die wirtschaftliche Lage ihres Vaters verschlechtert, entscheidet dieser, Island zu verlassen und Erik dem Roten nach Grönland zu folgen. Gudrid reist mit ihm.

Schon dieser Teil ihrer Geschichte passt in eine historische Entwicklung, die unabhängig von Gudrids persönlicher Biografie gut belegt ist. Seit dem späten 10. Jahrhundert bestanden nordische Siedlungen in Grönland, deren Bevölkerung vor allem aus Island und anderen nordatlantischen Regionen stammte. Menschen überquerten den Nordatlantik also tatsächlich mit Familien, Besitz und der Absicht, an einem weit entfernten Ort ein neues Leben aufzubauen.

Ob jede Einzelheit von Gudrids früher Lebensgeschichte so geschah, wie die Saga sie erzählt, ist damit allerdings noch nicht bewiesen. Genau hier muss zwischen historischem Hintergrund und individueller Biografie unterschieden werden. Dass solche Reisen stattfanden, ist sicher. Dass Gudrid auf genau diese Weise daran teilnahm, erfahren wir aus einer wesentlich späteren Erzählung.

Zwei Sagas erzählen von derselben Frau

Für Gudrids Geschichte sind vor allem zwei Texte entscheidend. Die Grænlendinga saga und die Eiríks saga rauða werden gemeinsam häufig als Vinland-Sagas bezeichnet. Beide behandeln die nordischen Fahrten westlich von Grönland und erzählen von Gebieten, die Helluland, Markland und Vinland genannt werden. Zugleich gehören sie zu jenen Quellen, die seit Jahrhunderten unsere Vorstellung von der nordischen Begegnung mit Nordamerika prägen.

Für Gudrid sind sie besonders wertvoll, weil beide unabhängig von ihren erheblichen Unterschieden zentrale Elemente miteinander teilen. Gudrid befindet sich in Grönland, heiratet Þorsteinn Eiríksson und wird nach dessen Tod die Frau Þorfinnr Karlsefnis. Sie nimmt an der Vinlandfahrt Karlsefnis teil, bekommt einen Sohn namens Snorri und kehrt schließlich mit ihrer Familie in die nordatlantische Welt zurück.

Diese Übereinstimmungen sind bemerkenswert. Sie bedeuten jedoch nicht, dass beide Texte zwei unabhängige Augenzeugenberichte darstellen. Die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Sagas ist kompliziert, mögliche schriftliche und mündliche Vorstufen sind nicht vollständig rekonstruierbar, und zwischen den erzählten Ereignissen um die Jahrtausendwende und den erhaltenen Handschriften liegen mehrere Jahrhunderte.

Die erhaltenen Texte sind deutlich jünger als Gudrid

Die Grænlendinga saga ist vollständig in der großen isländischen Handschrift Flateyjarbók überliefert, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts geschrieben wurde. Die Eiríks saga rauða ist unter anderem in der Hauksbók aus dem frühen 14. Jahrhundert sowie in einer jüngeren Handschrift erhalten. Die Texte können selbstverständlich auf ältere schriftliche und mündliche Traditionen zurückgehen. Das Alter der erhaltenen Handschrift darf deshalb nicht einfach mit dem Alter der darin erzählten Geschichte gleichgesetzt werden.

Ebenso falsch wäre jedoch der umgekehrte Schluss. Nur weil eine Saga Ereignisse um das Jahr 1000 beschreibt, wird sie dadurch nicht zu einer zeitgenössischen Quelle des Jahres 1000. Zwischen Gudrids möglichem Leben und unseren erhaltenen Textzeugen liegt eine lange Überlieferungsgeschichte, in der Erinnerungen bewahrt, Geschichten erzählt, Familienüberlieferungen weitergegeben und literarische Formen entwickelt werden konnten.

Gerade deshalb sind die Unterschiede zwischen den beiden Sagas so wichtig. Sie zeigen, dass nicht einfach eine unveränderte Biografie Gudrids über Jahrhunderte hinweg gespeichert wurde.

Schon Gudrids Weg nach Grönland wird unterschiedlich erzählt

In der Eiríks saga rauða reist Gudrid mit ihrem Vater Þorbjörn nach Grönland. Die Fahrt verläuft schwierig, und die Gruppe verbringt nach ihrer Ankunft eine schwere Zeit in der jungen nordischen Siedlungswelt. Hier begegnet Gudrid auch einer der berühmtesten Figuren der Saga: der Seherin Þorbjörg lítilvölva.

Die Grænlendinga saga erzählt Gudrids Vorgeschichte anders. Dort wird sie mit einem Mann namens Þórir verbunden, mit dem sie auf dem Weg nach Grönland in Seenot gerät. Leif Eriksson rettet Schiffbrüchige, unter denen sich Gudrid befindet. Diese erste Ehe fehlt in der Eiríks saga rauða.

Schon bevor Gudrid überhaupt nach Vinland gelangt, besitzen wir damit zwei unterschiedliche Lebensläufe. Wer beide Sagas einfach miteinander verschmilzt, erhält zwar eine besonders ausführliche Biografie, aber keine Biografie, die so in einer einzelnen mittelalterlichen Quelle steht.

Für die historische Frage ist genau das entscheidend. Die Sagas stimmen darin überein, dass Gudrid in die grönländische Siedlungswelt gelangte. Wie sie dorthin kam und was zuvor geschah, erzählen sie unterschiedlich.

Gudrid und die Seherin Þorbjörg

Eine der eindrucksvollsten Szenen der Eiríks saga rauða spielt während einer schwierigen Zeit in Grönland. Eine Seherin namens Þorbjörg wird eingeladen, um Auskunft darüber zu geben, wann sich die schlechte Lage der Gemeinschaft bessern werde. Die Saga beschreibt ihre Kleidung, ihren Stab, ihre Sitzgelegenheit und Teile des Rituals mit ungewöhnlicher Ausführlichkeit.

Gudrid erhält darin eine besondere Rolle. Für die Durchführung werden sogenannte varðlokkur benötigt, Gesänge, die Gudrid nach eigener Aussage von ihrer Ziehmutter gelernt hat. Zunächst zögert sie, weil sie Christin ist. Schließlich singt sie dennoch, und die Seherin lobt ihre Stimme. Anschließend prophezeit Þorbjörg nicht nur das Ende der gegenwärtigen Not, sondern auch Gudrids Zukunft: Sie werde in Grönland heiraten, später nach Island gelangen und eine bedeutende Nachkommenschaft haben.

Die Szene ist faszinierend, aber sie darf nicht wie ein Protokoll einer tatsächlich beobachteten Zeremonie gelesen werden. Die Eiríks saga rauða wurde in einer christlichen Gesellschaft niedergeschrieben und gestaltet Gudrid auffällig als Frau, die bereits christlich geprägt ist und dennoch in eine Begegnung mit einer vorchristlichen Seherin gerät. Die Prophezeiung weist zugleich auf Gudrids späteres Leben und ihre bedeutenden Nachkommen voraus.

Damit kann die Szene ältere Erinnerungen an religiöse Praktiken bewahren und ist für die Religionsgeschichte ausgesprochen interessant. Wie genau eine solche Begegnung historisch stattgefunden hat, lässt sich jedoch nicht feststellen. Die Saga erzählt hier Literatur und mögliche Erinnerung zugleich – beides darf nicht unbemerkt zu einem Augenzeugenbericht verschmelzen.

Gudrid heiratet einen Sohn Eriks des Roten

In Grönland heiratet Gudrid nach beiden Vinland-Sagas Þorsteinn Eiríksson, einen Sohn Eriks des Roten und damit Bruder Leif Erikssons. Lange dauert diese Ehe nicht. Þorsteinn stirbt während einer Krankheit beziehungsweise Epidemie, und Gudrid wird Witwe.

Auch um seinen Tod legt sich in der Überlieferung eine deutlich literarische Schicht. In der Grænlendinga saga richtet sich der bereits verstorbene Þorsteinn noch einmal auf und spricht zu Gudrid. Er sagt ihr Teile ihrer Zukunft voraus: eine weitere Ehe, Nachkommen, ein Leben in Island und schließlich eine Pilgerfahrt.

Eine solche Szene kann selbstverständlich nicht als historische Tatsachenbeschreibung verwendet werden. Sie zeigt aber, wie Gudrids Lebensgeschichte im mittelalterlichen Erzählen gestaltet wurde. Ihr späterer Rang ist nicht nur das Ergebnis ihrer Reisen. Die Saga blickt gewissermaßen aus ihrer eigenen Gegenwart zurück und lässt Gudrids außergewöhnliche Zukunft bereits innerhalb der Erzählung ankündigen.

Dann begegnet Gudrid Þorfinnr Karlsefni

Nach Þorsteinns Tod tritt Þorfinnr Karlsefni in Gudrids Geschichte. Er wird als wohlhabender isländischer Kaufmann und Seefahrer dargestellt, der nach Grönland gelangt. Gudrid und Karlsefni heiraten. Mit dieser Verbindung beginnt jener Teil ihrer Geschichte, der sie bis heute berühmt macht.

Westlich von Grönland waren inzwischen Nachrichten über weitere Länder bekannt. Die Vinland-Sagas erzählen diese Entdeckungsgeschichte unterschiedlich. In der Grænlendinga saga spielt Bjarni Herjólfsson eine entscheidende Rolle, der unbekanntes Land westlich von Grönland sieht, ohne dort an Land zu gehen. Später folgt Leif Eriksson seinen Angaben. In der Eiríks saga rauða wird die Entdeckungsgeschichte anders geordnet und Leif stärker in den Mittelpunkt gestellt.

Auch hier warnen die Unterschiede davor, eine einzige Saga als vollständiges Protokoll der Ereignisse zu behandeln. Dass nordische Seefahrer Nordamerika erreichten, steht heute jedoch nicht mehr allein auf dem Fundament dieser Texte.

Der entscheidende Befund liegt in Neufundland

An der Nordspitze der kanadischen Insel Neufundland liegt L’Anse aux Meadows. Dort wurden im 20. Jahrhundert Überreste einer nordischen Niederlassung entdeckt und archäologisch untersucht. Gebäude in nordatlantischer Bauweise, Eisenverarbeitung und weitere Funde zeigen eindeutig, dass Menschen aus der nordischen Welt im frühen 11. Jahrhundert an diesem Ort tätig waren.

Damit wurde eine der spektakulärsten Grundannahmen der Vinland-Sagas unabhängig bestätigt: Nordische Menschen überquerten tatsächlich den Atlantik von Grönland nach Nordamerika. Die Erzählungen von Ländern westlich Grönlands beruhen also nicht lediglich auf mittelalterlicher Fantasie.

Inzwischen lässt sich mindestens eine Phase nordischer Aktivität dort sogar erstaunlich präzise datieren. Untersuchungen von bearbeiteten Holzstücken aus L’Anse aux Meadows konnten mithilfe eines außergewöhnlichen kosmischen Radiokarbonsignals und der Jahresringe zeigen, dass nordische Menschen im Jahr 1021 an diesem Ort Holz bearbeiteten. Für die europäische Präsenz in Amerika vor Kolumbus besitzen wir damit ein sicheres kalenderjährliches Datum.

Das ist ein gewaltiger Befund.

Aber er beweist nicht, dass Gudrid dort war.

Archäologie bestätigt die Reise – nicht die Reisende

Genau diese Unterscheidung ist für Gudrids Geschichte unverzichtbar. Die Archäologie bestätigt eine nordische Präsenz in Nordamerika zu ungefähr jener Zeit, in die auch die Sagaerzählungen ihre Vinlandfahrten setzen. Sie bestätigt damit den historischen Rahmen, innerhalb dessen Gudrids Reise möglich gewesen wäre.

Bislang existiert jedoch kein archäologischer Fund aus L’Anse aux Meadows, der den Namen Gudrid trägt. Es gibt keinen Gegenstand, den man ihr persönlich zuordnen könnte, und keine zeitgenössische Inschrift, die ihre Anwesenheit dokumentiert. Auch lässt sich L’Anse aux Meadows nicht ohne Weiteres mit jedem einzelnen in den Sagas genannten Ort gleichsetzen.

Deshalb muss die historische Aussage zweigeteilt bleiben: Dass nordische Menschen im frühen 11. Jahrhundert Nordamerika erreichten, ist archäologisch gesichert. Dass Gudrid Thorbjarnardóttir zu ihnen gehörte, wird von der Sagaüberlieferung berichtet, ist aber nicht unabhängig bewiesen.

Reiste Gudrid tatsächlich nach Vinland?

Beide Vinland-Sagas verbinden Gudrid mit der Expedition Þorfinnr Karlsefnis. Das ist für die historische Bewertung bedeutsamer als eine Einzelangabe nur eines Textes, löst das Quellenproblem aber nicht vollständig. Beide Sagas entstanden innerhalb derselben isländischen Überlieferungswelt und können auf miteinander verbundenes älteres Material zurückgreifen.

Die Details der Expedition unterscheiden sich erheblich. Zahl der Schiffe und Teilnehmer, Abfolge einzelner Fahrten, Rolle anderer Mitglieder der Familie Eriks des Roten und verschiedene Ereignisse werden nicht identisch erzählt. Trotzdem bleibt Karlsefnis Unternehmung in beiden Überlieferungen ein zentraler Bestandteil der Vinlandgeschichte.

Gudrid reist dabei nicht als moderne Entdeckerin auf einer Expedition, deren Ziel wissenschaftliche Erforschung gewesen wäre. Die Sagas schildern vielmehr einen Versuch, in den westlichen Ländern Ressourcen zu nutzen und zumindest zeitweise eine nordische Ansiedlung aufzubauen. Familien, Tiere und wirtschaftliche Interessen gehören deshalb ebenso zu dieser Geschichte wie Schiffe und Entdeckungsfahrten.

Gudrids Anwesenheit verändert das Bild der Vinlandfahrten

Wenn die Überlieferung in diesem Punkt historische Erinnerung bewahrt, war die Fahrt nach Westen keine reine Unternehmung bewaffneter Männer. Eine Frau wie Gudrid an Bord verändert den Charakter des Unternehmens. Noch deutlicher wird dies durch die Überlieferung der Geburt ihres Kindes. Eine solche Expedition wäre dann zumindest zeitweise mit der Vorstellung verbunden gewesen, jenseits Grönlands nicht bloß Holz zu schlagen oder Küsten zu erkunden, sondern dort zu leben.

Das passt grundsätzlich zu L’Anse aux Meadows. Die archäologischen Befunde zeigen keinen bloßen flüchtigen Landgang, sondern eine nordische Basis mit Gebäuden und Arbeitsbereichen. Gleichzeitig spricht vieles gegen eine dauerhafte, über Generationen bestehende Kolonie. Die nordische Präsenz war begrenzt.

Ob Gudrid eines dieser Gebäude betreten hat, lässt sich nicht sagen. Aber die Welt, in der ihre Sagaerzählung spielt, ist durch die Archäologie sehr viel greifbarer geworden.

Snorri – wurde Gudrids Sohn in Nordamerika geboren?

Nach der Sagaüberlieferung bekommt Gudrid während der Vinlandfahrt einen Sohn namens Snorri Þorfinnsson. Er wird deshalb häufig als erster bekannter Europäer bezeichnet, der in Nordamerika geboren worden sei. Auch diese Formulierung verlangt jedoch etwas Vorsicht.

Die Geburt Snorris in Vinland ist eine Aussage der mittelalterlichen Überlieferung, kein durch einen zeitgenössischen Geburtseintrag bestätigtes Ereignis. Wenn Gudrids Reise nach Vinland historisch ist und die Saga in diesem Punkt zuverlässig erinnert, wäre Snorri tatsächlich während des nordischen Aufenthalts in Nordamerika geboren worden. Sicher beweisen lässt sich sein Geburtsort mit den heute verfügbaren Quellen nicht.

Historisch interessant ist Snorri noch aus einem anderen Grund. Die Sagas verbinden Gudrid und Karlsefni mit einer bedeutenden isländischen Nachkommenschaft. Mehrere spätere Bischöfe werden auf ihre Familie zurückgeführt. Damit bestand im mittelalterlichen Island ein gesellschaftlich bedeutendes Umfeld, in dem die Erinnerung an Gudrid, Karlsefni und die Vinlandfahrt bewahrt und weitergegeben werden konnte.

Familienerinnerung kann bewahren – und gestalten

Eine solche Verbindung macht die Sagaüberlieferung nicht automatisch wahr oder falsch. Familien können außergewöhnliche Ereignisse über Generationen erinnern. Gleichzeitig können genealogische Traditionen berühmte Vorfahren hervorheben, Geschichten ausgestalten und der Vergangenheit aus späterer Perspektive Bedeutung geben.

Gerade die Eiríks saga rauða legt auffallend großes Gewicht auf Karlsefni und Gudrid. Einer der wichtigen Überlieferungszeugen dieser Saga, Haukr Erlendsson, gehörte selbst zu einer genealogischen Tradition, die ihre Abstammung auf Karlsefni und Gudrid zurückführte. Das macht seine Überlieferung besonders faszinierend, aber nicht neutral.

Die mögliche familiäre Traditionskette ist deshalb ein Argument dafür, dass echte Erinnerungen bewahrt worden sein können. Sie ist zugleich ein Grund, genau hinzusehen, wo aus Erinnerung eine bedeutungsvolle Familiengeschichte geworden sein könnte.

Die Begegnung mit den Menschen Nordamerikas

Die Vinland-Sagas erzählen nicht von einem leeren Land. Die nordischen Reisenden treffen auf Menschen, die in den Texten mit dem altnordischen Begriff Skrælingar bezeichnet werden. Aus moderner historischer Perspektive ist entscheidend, dass Nordamerika selbstverständlich seit Jahrtausenden von indigenen Gemeinschaften bewohnt war, bevor nordische Schiffe dort eintrafen.

Die Sagas berichten von Handel, gegenseitiger Beobachtung, Missverständnissen und schließlich gewaltsamen Auseinandersetzungen. Welche konkreten indigenen Gruppen hinter den jeweiligen Sagaerzählungen stehen, lässt sich nicht für jede Episode sicher bestimmen. Auch die Perspektive ist eindeutig nordisch: Die Stimmen der Menschen, denen die Reisenden begegneten, sind in diesen isländischen Texten nicht selbst überliefert.

Gerade deshalb wäre es irreführend, Gudrids Reise als „Entdeckung Amerikas“ zu erzählen, als habe dort zuvor niemand gelebt. Historisch treffender ist eine andere Formulierung: Nordische Reisende erreichten eine bereits seit sehr langer Zeit bewohnte Welt und begegneten dort indigenen Menschen.

Warum scheiterte die nordische Ansiedlung?

In den Sagas bleibt die westliche Unternehmung nicht dauerhaft bestehen. Konflikte mit den Bewohnern des Landes spielen dabei eine wichtige Rolle, ebenso die geringe Zahl der nordischen Siedler und die enorme Entfernung zu den etablierten Gemeinschaften in Grönland und Island. Schließlich kehren Karlsefni, Gudrid und ihre Begleiter nach Osten zurück.

Wie genau diese Entscheidung historisch zustande kam, lässt sich nicht rekonstruieren. Die Sagaerzählungen liefern literarisch gestaltete Abläufe, und die Archäologie zeigt bislang nur eine begrenzte nordische Präsenz. Zusammen ergibt sich dennoch ein plausibles Gesamtbild: Die Nordleute konnten den Atlantik überqueren und in Nordamerika zeitweise Stützpunkte unterhalten, errichteten dort aber keine dauerhaft fortbestehende Siedlungsgesellschaft wie zuvor auf Island oder für mehrere Jahrhunderte in Grönland.

Gudrids Geschichte wäre damit nicht die Geschichte einer erfolgreichen Kolonistin Nordamerikas. Sie wäre die Geschichte einer Frau, die an einem außergewöhnlichen und letztlich begrenzten Versuch teilnahm, die nordische Siedlungswelt noch weiter nach Westen auszudehnen.

Gudrid kehrt nach Island zurück

Nach der Vinlandfahrt führt die Überlieferung Gudrid und Karlsefni wieder über den Atlantik. Die Grænlendinga saga erzählt unter anderem von einer Reise nach Norwegen, bevor die Familie schließlich nach Island gelangt. Dort wird Gudrid mit dem Hof Glaumbær im Skagafjörður verbunden.

Auch hier ist Vorsicht notwendig. Archäologische Untersuchungen in Glaumbær haben Siedlungsspuren aus der Wikingerzeit beziehungsweise dem frühen Mittelalter nachgewiesen. Die Verbindung eines konkreten ausgegrabenen Hauses mit Gudrid und Karlsefni lässt sich dadurch jedoch nicht automatisch beweisen. Dass ein Ort zur passenden Zeit bewohnt war und dass eine Saga eine Person mit diesem Ort verbindet, sind zwei unterschiedliche Arten von Evidenz.

Gerade bei berühmten historischen Gestalten entsteht schnell der Wunsch, ein Gebäude als „ihr Haus“ zu identifizieren. Ohne eindeutige Funde bleibt eine solche Zuordnung jedoch eine Möglichkeit, keine Gewissheit.

Reiste Gudrid später wirklich nach Rom?

Als wäre eine Fahrt nach Nordamerika nicht außergewöhnlich genug, schreibt die Grænlendinga saga Gudrid noch eine weitere große Reise zu. Nach Karlsefnis Tod und nachdem ihr Sohn Snorri seinen eigenen Haushalt gegründet hat, soll Gudrid auf Pilgerfahrt gegangen sein. Ihr Ziel wird mit dem altnordischen Ausdruck suðr bezeichnet – „nach Süden“ –, der im entsprechenden christlichen Kontext mit einer Romfahrt verbunden wird.

Nach ihrer Rückkehr, so erzählt die Saga weiter, habe Snorri eine Kirche in Glaumbær errichtet. Gudrid sei anschließend religiös zurückgezogen beziehungsweise als Einsiedlerin gelebt.

Eine Reise von Island nach Rom war im 11. Jahrhundert keineswegs unmöglich. Skandinavier und Isländer bewegten sich in einem zunehmend christlich vernetzten Europa, und Pilgerfahrten über große Entfernungen sind aus dem Mittelalter gut bekannt. Gudrids angebliche Romreise passt also grundsätzlich in die Welt ihrer Zeit.

Doch wieder fehlt die unabhängige Bestätigung. Es gibt keinen erhaltenen römischen Pilgereintrag, der Gudrids Anwesenheit zweifelsfrei dokumentiert. Die Romfahrt gehört zu ihrer Saga-Biografie und ist historisch möglich, aber nicht unabhängig gesichert.

Von einer heidnischen Seherin bis zur christlichen Pilgerin

Literarisch besitzt Gudrids Lebensweg eine bemerkenswerte Form. In der Eiríks saga rauða begegnet sie in jungen Jahren der Seherin Þorbjörg in Grönland. Obwohl Gudrid bereits christlich geprägt ist, kennt sie noch die für das Ritual benötigten Gesänge. Später wird ihre Familie mit der christlichen Geschichte Islands verbunden, und die Grænlendinga saga führt Gudrid schließlich auf eine Pilgerfahrt nach Süden.

Damit überspannt ihre erzählte Biografie zugleich eine religiöse Übergangszeit. Die Welt ihrer Jugend trägt noch deutlich sichtbare vorchristliche Traditionen, während ihre späteren Nachkommen in die kirchliche Elite des christlichen Island gehören.

Ob Gudrids tatsächliches Leben genau diese dramaturgische Entwicklung besaß, ist nicht feststellbar. Für mittelalterliche Erzähler war diese Verbindung jedoch außerordentlich wirkungsvoll. Aus der weit gereisten Frau wird zugleich eine Ahnfrau bedeutender christlicher Familien. Die Prophezeiungen ihrer Jugend erhalten aus Sicht der späteren Erzähler ihre Erfüllung.

Wie historisch ist Gudrid überhaupt?

Hier liegt die schwierigste Frage. Es wäre zu einfach, Gudrid entweder als vollständig gesicherte historische Persönlichkeit oder als erfundene Sagafigur zu behandeln. Die Quellenlage erlaubt eine solche Sicherheit in keine der beiden Richtungen.

Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass hinter der Sagafigur eine historische Frau stehen kann. Gudrid ist genealogisch in eine isländische Familienüberlieferung eingebunden. Beide Vinland-Sagas kennen sie und verbinden sie mit Karlsefni, Snorri und der Fahrt nach Westen. Ihre Familie wird mit späteren historisch greifbaren kirchlichen Persönlichkeiten verknüpft. Außerdem ist der grundlegende historische Rahmen ihrer außergewöhnlichsten Reise – eine nordische Präsenz in Nordamerika im frühen 11. Jahrhundert – inzwischen archäologisch gesichert.

Keiner dieser Punkte beweist jedoch jede Episode ihres Lebens. Die Sagas widersprechen sich in wichtigen Details ihrer frühen Biografie. Übernatürliche Prophezeiungen und literarisch gestaltete Szenen zeigen deutlich, dass wir keine moderne Lebensbeschreibung vor uns haben. Zwischen der mutmaßlichen Lebenszeit Gudrids und den erhaltenen Texten liegen zudem Jahrhunderte.

Die historisch sauberste Position liegt deshalb zwischen den Extremen: Gudrid ist sehr plausibel als historische Person innerhalb einer realen nordatlantischen Familien- und Erinnerungstradition zu verstehen. Die ausführliche Biografie, die heute über sie erzählt wird, kann jedoch nicht in allen Einzelheiten als gesicherte Lebensgeschichte behandelt werden.

Was wissen wir über Gudrids Reise nach Nordamerika wirklich?

Mit hoher Sicherheit wissen wir, dass Menschen aus der nordischen Welt Grönland besiedelten und von dort aus Nordamerika erreichten. L’Anse aux Meadows beweist ihre Anwesenheit in Neufundland, und für das Jahr 1021 lässt sich dort nordische Holzbearbeitung sogar kalendergenau nachweisen. Die Vinland-Sagas bewahren damit Erinnerungen an eine tatsächliche historische Bewegung über den Atlantik.

Die beiden Sagas stimmen außerdem darin überein, Gudrid mit Þorfinnr Karlsefni und einer Vinlandfahrt zu verbinden. Sie kennen ihren Sohn Snorri und führen die Familie später nach Island zurück. Diese Übereinstimmungen verdienen ernst genommen zu werden.

Nicht sicher beweisen können wir dagegen, dass Gudrid persönlich L’Anse aux Meadows betreten hat, an welchem konkreten Ort in Nordamerika sie sich aufhielt, wann genau sie dort war oder ob Snorri tatsächlich an einem bestimmten nordamerikanischen Siedlungsplatz geboren wurde. Ebenso bleiben zahlreiche Einzelheiten ihrer Ehen, Prophezeiungen und späteren Reisen abhängig von der Sagaüberlieferung.

Die Antwort lautet deshalb nicht: „Die Geschichte ist wahr.“ Sie lautet aber genauso wenig: „Die Geschichte ist nur eine Legende.“ Historisch interessant wird Gudrid genau dort, wo literarische Überlieferung, Familienerinnerung und archäologisch bestätigte Geschichte einander berühren.

Eine Frau in einer Geschichte, die oft nur von Männern erzählt wird

Gudrids Geschichte besitzt noch aus einem anderen Grund besondere Bedeutung. Die populäre Erzählung der Wikingerzeit konzentriert sich häufig auf Könige, Krieger und männliche Entdecker. Erik der Rote besiedelt Grönland, Leif Eriksson erreicht Vinland, Þorfinnr Karlsefni führt eine Expedition an – und Frauen erscheinen leicht als Begleitung am Rand dieser Geschichten.

Doch eine Siedlungsbewegung über den Nordatlantik bestand nicht nur aus Männern mit Schwertern und Schiffen. Wenn Gemeinschaften dauerhaft auf Island und Grönland leben sollten, mussten ganze Haushalte entstehen. Frauen gehörten zu diesen Wanderungsbewegungen, führten Höfe, gründeten Familien und waren Teil jener sozialen Netze, durch die neue Siedlungen überhaupt Bestand haben konnten.

Auch archäologisch ist die nordische Expansion deshalb längst nicht mehr ausschließlich als Geschichte männlicher Seefahrer zu verstehen. Gudrids Saga-Biografie führt diese Dimension besonders eindrucksvoll vor Augen. Selbst wenn nicht jede ihrer Reisen im Einzelnen beweisbar ist, zeigt schon ihre prominente Stellung in der mittelalterlichen Erinnerung, dass eine Frau im Zentrum der Erzählung über die äußerste Westbewegung der nordischen Welt stehen konnte.

Vielleicht war gerade ihr Leben erinnerungswürdig

Es lohnt sich deshalb, die Frage umzudrehen. Nicht nur: Warum sollten die Sagas Gudrids Geschichte erfunden haben? Sondern auch: Warum wurde ausgerechnet diese Frau über Jahrhunderte erinnert?

Wenn eine historische Gudrid tatsächlich von Island nach Grönland und anschließend mit Karlsefni nach Vinland reiste, einen Sohn während dieser Unternehmung bekam, nach Island zurückkehrte und später vielleicht noch eine Pilgerfahrt unternahm, dann war ihr Leben schon für ihre Zeit außergewöhnlich. Hinzu kam eine Nachkommenschaft, die im christlichen Island gesellschaftlich sichtbar blieb.

Das wäre genau die Art von Lebensgeschichte, die innerhalb einer Familie weitererzählt werden konnte. Nicht jede Einzelheit müsste dabei unverändert bleiben. Orte konnten verschoben, Szenen ausgestaltet, Prophezeiungen eingefügt und genealogische Bedeutung hervorgehoben werden. Hinter der literarischen Gestalt könnte trotzdem die Erinnerung an eine reale Frau stehen, deren Reisen außergewöhnlich genug waren, um nicht vergessen zu werden.

Mehr Sicherheit können die Quellen nicht geben. Aber sie geben auch keinen guten Grund, Gudrid einfach aus der Geschichte zu streichen.

Fazit – reiste Gudrid Thorbjarnardóttir wirklich bis nach Nordamerika?

Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Es ist gut möglich und wird von zwei mittelalterlichen Sagaüberlieferungen behauptet – vollständig beweisen können wir Gudrids persönliche Reise nach Nordamerika jedoch nicht.

Die Grænlendinga saga und die Eiríks saga rauða erzählen Gudrids Leben in unterschiedlichen Fassungen. Sie widersprechen sich bei wichtigen Einzelheiten ihrer frühen Biografie und wurden in ihren erhaltenen Formen erst lange nach den Ereignissen niedergeschrieben. Sie sind deshalb keine Augenzeugenberichte und dürfen nicht zu einer scheinbar lückenlosen modernen Biografie zusammengesetzt werden.

Gleichzeitig stimmen beide Überlieferungen in einem bemerkenswerten Kern überein: Gudrid gelangt nach Grönland, heiratet Þorfinnr Karlsefni, nimmt an seiner Fahrt nach Vinland teil, bekommt den Sohn Snorri und kehrt später in die nordatlantische Welt zurück. Ihre Familie wird mit bedeutenden Nachkommen im mittelalterlichen Island verbunden. Das spricht dafür, ihre Geschichte nicht vorschnell als bloße literarische Erfindung abzutun.

Vor allem hat die Archäologie den historischen Rahmen der Sagaerzählungen eindrucksvoll bestätigt. In L’Anse aux Meadows auf Neufundland befand sich im frühen 11. Jahrhundert tatsächlich ein nordischer Stützpunkt. Für das Jahr 1021 ist dort nordische Holzbearbeitung sicher nachgewiesen. Menschen aus der Welt, in der Gudrids Geschichte spielt, hatten Nordamerika also tatsächlich erreicht.

Was die Archäologie nicht verrät, sind ihre Namen. Kein Fund aus L’Anse aux Meadows trägt Gudrids Unterschrift. Kein zeitgenössisches Dokument bestätigt ihre Anwesenheit. Zwischen der gesicherten nordischen Reise und der persönlichen Reise Gudrids bleibt deshalb eine Lücke, die nur die mittelalterliche Überlieferung überbrückt.

Vielleicht ist gerade das die historisch spannendste Antwort. Gudrid muss weder zur zweifelsfrei belegten „Entdeckerin Amerikas“ erhoben noch als Sagafigur aus der Geschichte verbannt werden. Sehr wahrscheinlich bewahren die Texte die Erinnerung an eine reale Frau und eine außergewöhnliche Familie – doch wie viel ihrer erzählten Lebensgeschichte genau so geschah, lässt sich heute nicht mehr vollständig voneinander trennen.

Falls der Kern dieser Erinnerung stimmt, führte Gudrids Weg weiter als der fast jeder anderen bekannten Frau ihrer Zeit: von Island nach Grönland, über den westlichen Ozean nach Nordamerika, wieder zurück nach Island und vielleicht später noch bis nach Rom.

Die Sagas haben aus diesem Leben eine große Geschichte gemacht. Dass Menschen ihrer Welt tatsächlich bis Nordamerika gelangten, wissen wir heute. Ob Gudrid an Bord eines dieser Schiffe stand, können nur noch die alten Erzählungen beantworten.

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