Wer im wikingerzeitlichen Haithabu einen Kamm kaufte, hielt möglicherweise ein Stück Hirschgeweih in der Hand. Das Material war zugeschnitten, geglättet und mit feinen Zähnen versehen worden. Von seiner ursprünglichen Form war kaum noch etwas zu erkennen. Für den Handwerker hatte das Geweih einen entscheidenden Vorteil: Es ließ sich mit geeigneten Werkzeugen bearbeiten und war zugleich fest genug, um daraus einen haltbaren Gebrauchsgegenstand herzustellen.
Der Hirsch lieferte den Menschen der Wikingerzeit verschiedene Rohstoffe. Sein Fleisch konnte gegessen, seine Haut zu Leder verarbeitet und sein Geweih für kleinere Gegenstände verwendet werden. Allerdings war der Rothirsch kein gewöhnliches Nutztier, das auf jedem Hof gehalten wurde. Er lebte wild und musste gejagt werden. Geweihe konnten dagegen auch ohne Jagd gesammelt werden, denn männliche Rothirsche werfen sie jedes Jahr ab.
Wie wichtig der Hirsch im Alltag war, hing stark von der Region ab. In manchen Landschaften gehörte er zum heimischen Wildbestand. Anderswo spielten Elche oder Rentiere eine größere Rolle. Auch die archäologischen Funde unterscheiden sich erheblich. Während Tierknochen Hinweise auf Jagd und Ernährung geben, erzählen die zahlreichen Geweihreste aus Handelsplätzen vor allem von handwerklicher Arbeit.
Welche Hirsche lebten im Norden?
Der Rothirsch (Cervus elaphus) war in Teilen Skandinaviens während der Wikingerzeit heimisch. Besonders in Dänemark und im südlichen Skandinavien boten Wälder und abwechslungsreiche Landschaften geeignete Lebensräume. In Norwegen war sein Vorkommen stärker regional begrenzt. Für die Menschen bedeutete das, dass nicht überall dieselben Wildtiere zur Verfügung standen.
Ein ausgewachsener Rothirsch ist ein kräftiges Tier. Männliche Tiere können deutlich über hundert Kilogramm wiegen und tragen ein Geweih, das sie jährlich erneuern. Im Frühjahr beginnt das neue Geweih zu wachsen. Während dieser Zeit ist es von einer gut durchbluteten Haut, dem sogenannten Bast, umgeben. Später verknöchert es vollständig, und der Bast wird abgestreift. Nach der Brunft und im folgenden Winter werfen die Hirsche ihr Geweih wieder ab.
Diese Besonderheit war für die Menschen von praktischem Wert. Wer ein abgeworfenes Geweih fand, erhielt einen brauchbaren Rohstoff, ohne dafür ein Tier töten zu müssen. Allerdings musste man wissen, wo Hirsche lebten und zu welcher Jahreszeit sich die Suche lohnte.
Der Rothirsch darf nicht mit dem Rentier verwechselt werden. Rentiere (Rangifer tarandus) lebten vor allem in nördlichen Gebieten und im skandinavischen Gebirge. Auch Elche (Alces alces) gehörten zur Tierwelt des Nordens. Alle drei Arten lieferten Geweih beziehungsweise beim Elch ein entsprechend aufgebautes Geweihmaterial, doch die Größe und Form unterschieden sich. Für die archäologische Forschung ist diese Unterscheidung wichtig, weil sich aus der verwendeten Tierart manchmal die Herkunft eines Gegenstandes erschließen lässt.
Wie wurden Hirsche in der Wikingerzeit gejagt?
Die Jagd auf Rothirsche verlangte Erfahrung. Die Tiere besitzen ein gutes Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Wer sich ihnen nähern wollte, musste Windrichtung und Gelände berücksichtigen. In bewaldeten Gebieten konnte ein Jäger Deckung finden, verlor aber zugleich leicht den Blick auf das Wild.
Für die Jagd standen den Menschen der Wikingerzeit Bögen und Pfeile sowie Speere zur Verfügung. Beide Waffenarten sind archäologisch nachgewiesen. Ob ein bestimmter Pfeil oder Speer tatsächlich zur Hirschjagd verwendet wurde, lässt sich allerdings selten allein an seiner Form erkennen. Viele Waffen konnten bei unterschiedlichen Gelegenheiten eingesetzt werden.
Jäger konnten Tiere auf ihren bekannten Wechseln erwarten oder versuchen, sich ihnen vorsichtig zu nähern. Auch gemeinschaftliche Jagden waren grundsätzlich möglich. Für eine genaue Beschreibung, wie eine bestimmte Gruppe im 9. oder 10. Jahrhundert Rothirsche jagte, fehlen jedoch meist die Quellen. Spätere nordische Erzählungen enthalten Jagdszenen, dürfen aber nicht ohne Weiteres als unmittelbare Berichte aus der Wikingerzeit gelesen werden.
Die Jahreszeit beeinflusste die Jagd. Während der Brunft im Herbst sind männliche Rothirsche durch ihre Rufe auffälliger als sonst. Gleichzeitig können sie aggressiv sein. Im Winter halten sich die Tiere häufig in anderen Bereichen ihres Lebensraums auf als während der warmen Monate. Wer regelmäßig jagte, musste diese Veränderungen kennen.
Wie häufig Rothirsche erlegt wurden, lässt sich nicht allgemein beantworten. Tierknochen aus Siedlungen zeigen, dass Wildtiere genutzt wurden. In vielen landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaften stammte der größte Teil des Fleisches aber von gehaltenen Tieren wie Rindern, Schafen oder Schweinen. Die Hirschjagd ergänzte die Versorgung, ersetzte die Viehhaltung jedoch nicht.
Hirschfleisch als Nahrung
Ein erlegter Rothirsch konnte eine beträchtliche Menge Fleisch liefern. Besonders die großen Muskelpartien an Hinterläufen und Rücken waren für die Ernährung geeignet. Auch andere Teile des Tieres ließen sich verwerten. Wie viel Fleisch tatsächlich gewonnen wurde, hing von Größe und Alter des Hirsches sowie davon ab, wie sorgfältig er zerlegt wurde.
Nach der Jagd musste das Tier aufgebrochen und zerlegt werden. Dafür brauchte man scharfe Messer. Die Haut wurde vom Körper gelöst, anschließend konnten die Fleischstücke von den Knochen getrennt werden. Schnittspuren an erhaltenen Tierknochen helfen Archäologen heute dabei, solche Arbeiten nachzuweisen.
Frisches Wildfleisch konnte gekocht oder über dem Feuer gegart werden. Sollte es länger aufbewahrt werden, musste es haltbar gemacht werden. Trocknen und Räuchern waren im frühmittelalterlichen Norden bekannte Möglichkeiten zur Konservierung von Fleisch. Ob ein bestimmtes Stück Hirschfleisch auf diese Weise behandelt wurde, lässt sich archäologisch allerdings nur selten feststellen.
Bei der Untersuchung von Siedlungen werden Tierknochen nach Art und Körperteil bestimmt. So lässt sich erkennen, welche Tiere dort verarbeitet oder verzehrt wurden. Die Anzahl der gefundenen Hirschknochen ist jedoch nicht unmittelbar mit der Zahl erlegter Tiere gleichzusetzen. Knochen konnten an verschiedenen Orten entsorgt werden, und nicht jeder Teil eines Tieres musste bis in eine Siedlung gelangen.
Auch soziale Unterschiede lassen sich aus einzelnen Hirschknochen nicht zuverlässig ableiten. Wildbret konnte bei einer besonderen Mahlzeit gegessen worden sein, ebenso gut aber Teil der gewöhnlichen Versorgung einer Gemeinschaft sein, die Zugang zu geeigneten Jagdgebieten hatte. Erst größere Fundzusammenhänge erlauben eine vorsichtige Einschätzung.
Was geschah mit der Hirschhaut?
Die Haut eines Rothirsches war ein wertvoller Rohstoff. Sie konnte nach dem Abziehen gereinigt und weiterverarbeitet werden. Ohne geeignete Behandlung beginnt eine frische Tierhaut zu verderben. Um daraus haltbares Leder herzustellen, mussten Fleisch- und Fettreste entfernt und die Fasern so behandelt werden, dass sie geschmeidig blieben.
Für die Lederverarbeitung standen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Häute konnten mit pflanzlichen Gerbstoffen behandelt oder durch andere Arbeitsweisen konserviert und weich gemacht werden. Welche Methode bei einer bestimmten Hirschhaut angewendet wurde, lässt sich für die Wikingerzeit meist nicht mehr feststellen.
Hirschleder besitzt Eigenschaften, die es für bewegliche Gegenstände geeignet machen. Es kann vergleichsweise weich und zugleich widerstandsfähig sein. Daraus ließen sich grundsätzlich Beutel, Riemen und andere Lederwaren herstellen. Für Schuhe kamen ebenfalls unterschiedliche Lederarten infrage.
Die erhaltenen Lederfunde aus wikingerzeitlichen Siedlungen zeigen, wie vielseitig das Material verwendet wurde. Allerdings lässt sich die Tierart nicht bei jedem Stück bestimmen. Ein lederner Beutel ist deshalb nicht automatisch aus Hirschhaut gefertigt, nur weil dieses Material dafür geeignet gewesen wäre.
Auch die Verwendung als Fell ist denkbar. Eine Hirschhaut konnte mit erhaltenem Haar als Unterlage oder zum Schutz vor Kälte dienen. Direkte Belege für bestimmte Kleidungsstücke aus Rothirschfell sind jedoch selten. Gerade bei Darstellungen nordischer Krieger, die große Felle über den Schultern tragen, sollte man vorsichtig sein. Solche Bilder sagen häufig mehr über moderne Vorstellungen der Wikinger aus als über die tatsächliche Kleidung des 9. oder 10. Jahrhunderts.
Das Geweih als Rohstoff für das Handwerk
Besonders gut lässt sich die Nutzung des Hirsches an der Geweihverarbeitung untersuchen. Geweih besteht aus Knochengewebe und unterscheidet sich damit grundlegend vom Horn eines Rindes. Es ist fest, lässt sich aber mit geeigneten Werkzeugen sägen, schneiden und glätten. Für kleinere Gebrauchsgegenstände war es deshalb hervorragend geeignet.
Die Handwerker konnten sowohl abgeworfene Geweihe als auch Geweihe erlegter Tiere verwenden. Zunächst mussten die brauchbaren Abschnitte ausgewählt werden. Die äußere, feste Schicht eignete sich besonders für schmale Werkstücke. Das schwammartige Innere war für manche Arbeiten weniger günstig und konnte beim Zuschneiden entfernt werden.
Mit Sägen ließen sich Geweihstangen in kürzere Stücke zerlegen. Messer und andere Schneidwerkzeuge dienten zur weiteren Bearbeitung. Feilen oder Schleifmittel halfen dabei, Oberflächen zu glätten. Bei aufwendigeren Gegenständen waren mehrere Arbeitsschritte nötig, bevor sie ihre endgültige Form erhielten.
Aus Geweih konnten Griffe, kleinere Beschläge und andere Gegenstände entstehen. Besonders verbreitet waren jedoch Kämme. Ihre Herstellung verlangte eine erstaunliche Genauigkeit, denn die einzelnen Zähne mussten schmal und gleichmäßig ausgearbeitet werden, ohne dabei zu brechen.
Haithabu: Wo aus Hirschgeweih Kämme wurden
Haithabu an der Schlei gehörte zu den wichtigsten Handels- und Handwerksplätzen der Wikingerzeit. Bei den Ausgrabungen kamen große Mengen an Knochen und Geweih zutage. Darunter befinden sich fertige Gegenstände, unfertige Werkstücke und zahlreiche Abfälle aus der Verarbeitung.
Solche Abfälle sind besonders aufschlussreich. Ein fertiger Kamm könnte durch Handel nach Haithabu gelangt sein. Liegen daneben abgesägte Geweihenden und halbfertige Teile, spricht das dagegen für eine Herstellung am Ort. Die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich anhand der zurückgebliebenen Stücke oft recht gut nachvollziehen.
Viele wikingerzeitliche Kämme bestanden aus mehreren Teilen. Die Handwerker schnitten zunächst längliche Platten aus dem Geweih. Diese wurden nebeneinandergelegt und durch Deckleisten zusammengehalten. Kleine Niete verbanden die einzelnen Stücke. Erst danach konnten die Kammzähne sorgfältig eingesägt werden.
Bei einem solchen Kamm musste die Konstruktion stabil genug sein, um den täglichen Gebrauch auszuhalten. Gleichzeitig durften die Zähne nicht zu dick ausfallen. Ein erfahrener Handwerker konnte die Eigenschaften des Geweihs nutzen und die einzelnen Teile so bearbeiten, dass ein langlebiger Gegenstand entstand.
Die Funde aus Haithabu zeigen außerdem, dass nicht jedes Geweihmaterial aus derselben Region stammte. Rothirschgeweih war im südlichen Skandinavien verfügbar und wurde in Haithabu in großem Umfang verarbeitet. Daneben gelangten auch Gegenstände aus Rentiergeweih in den Handelsplatz.
Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung von Mariana Muñoz-Rodríguez und weiteren Forschenden brachte dazu ein interessantes Ergebnis. Sie untersuchten wikingerzeitliche Kämme aus Haithabu mithilfe einer Analyse der erhaltenen Eiweißbestandteile. Von 49 Proben konnten 44 als Rentiergeweih bestimmt werden. Die untersuchten Kämme stammten überwiegend aus dem 9. Jahrhundert.
Das Ergebnis ist bemerkenswert, weil die älteren Untersuchungen der Werkstattabfälle vor allem Rothirschgeweih nachgewiesen hatten. Viele der analysierten Rentiergeweihkämme dürften deshalb andernorts hergestellt und als fertige Waren nach Haithabu gebracht worden sein. Der Handel verband den Ort offenbar mit Regionen weit im Norden, in denen Rentiere lebten.
Die Kämme zeigen damit zwei unterschiedliche Wege, auf denen Hirschgeweih genutzt wurde. Ein Teil des Materials konnte in der Umgebung gesammelt und vor Ort verarbeitet werden. Andere Gegenstände gelangten über weite Entfernungen in die Siedlung. An einem kleinen Gebrauchsgegenstand lässt sich so erkennen, wie eng Handwerk und Handel miteinander verbunden waren.
Ribe und die Bedeutung des Geweihhandels
Auch im dänischen Ribe wurde Geweih verarbeitet. Der Handelsplatz entwickelte sich bereits im 8. Jahrhundert zu einem wichtigen Zentrum für Handwerker und Händler. Archäologen fanden dort zahlreiche Kämme und Reste ihrer Herstellung.
Untersuchungen des Materials haben gezeigt, dass schon früh Rentiergeweih aus nördlicheren Regionen nach Ribe gelangte. Einige besonders frühe Kämme bestanden sogar aus Elchgeweih. Diese Tierarten kamen damals in Dänemark nicht natürlich vor. Das Material oder die fertigen Gegenstände mussten daher von außerhalb stammen.
Für die Menschen, die solche Kämme kauften, war die Herkunft möglicherweise nicht immer erkennbar. Entscheidend waren die Verarbeitung und die Brauchbarkeit des Gegenstandes. Für die heutige Forschung ist die Tierart dagegen ein wichtiger Hinweis. Sie kann zeigen, dass zwischen weit entfernten Regionen bereits Handelskontakte bestanden.
Rothirschgeweih blieb daneben ein gut verfügbarer Rohstoff. Die Verarbeitung verlangte zwar Zeit und geeignete Werkzeuge, doch die Ausgangsmaterialien mussten nicht zwangsläufig von weit her beschafft werden. Gerade abgeworfene Geweihe boten eine Möglichkeit, brauchbares Material zu gewinnen, ohne Tiere zu erlegen.
Wurde das Hirschgeweih auch für Waffen verwendet?
Geweih eignete sich nicht nur für Kämme. Es konnte auch für Griffe und kleinere Bauteile verwendet werden, bei denen ein fester und gut zu bearbeitender Werkstoff benötigt wurde. Messergriffe aus Knochen oder Geweih sind aus frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen bekannt.
Bei der Bestimmung solcher Gegenstände ist allerdings Vorsicht nötig. Nicht jeder helle Griff bestand aus Hirschgeweih. Auch Knochen anderer Tiere, Holz und weitere Materialien kamen infrage. Ohne eine genaue Untersuchung lässt sich die Herkunft oft nicht sicher erkennen.
Für bestimmte Waffenbestandteile konnten Geweih und Knochen ebenfalls genutzt werden. Daraus folgt aber nicht, dass Hirschgeweih ein bevorzugter Werkstoff für alle Waffenarten war. Die erhaltenen Funde zeigen vielmehr, dass Handwerker verschiedene Materialien nach ihren Eigenschaften auswählten.
Ein Geweihstück konnte dort sinnvoll sein, wo es auf Festigkeit und eine gut bearbeitbare Oberfläche ankam. Für stark beanspruchte Bauteile mussten andere Eigenschaften berücksichtigt werden. Die Entscheidung hing vom Gegenstand und von den verfügbaren Rohstoffen ab.
Welche Bedeutung hatte der Hirsch in der nordischen Vorstellungswelt?
Der Hirsch begegnet nicht nur in archäologischen Funden, sondern auch in der altnordischen Literatur. Besonders bekannt sind die vier Hirsche, die nach der Grímnismál an den Zweigen des Weltenbaums Yggdrasil fressen. Sie tragen die Namen Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór.
In der Gylfaginning der Snorra-Edda werden diese Hirsche ebenfalls genannt. Snorri Sturluson beschreibt sie als Tiere, die zwischen den Ästen des Baumes laufen und an seinem Laub fressen. Die Texte entstanden in ihrer überlieferten Form allerdings erst nach der Wikingerzeit beziehungsweise wurden später schriftlich festgehalten.
Ein weiterer Hirsch ist Eikþyrnir. Nach der Grímnismál steht er auf Walhall und frisst vom Laub des Baumes Læraðr. Von seinem Geweih tropft Flüssigkeit in Hvergelmir, aus dem zahlreiche Flüsse entspringen. Das Tier gehört damit zu einer dichterischen Vorstellung von der Entstehung und Versorgung der Gewässer.
Welche Bedeutung diese Bilder für die Menschen der Wikingerzeit im Einzelnen hatten, ist nicht sicher bekannt. Die Gedichte bewahren ältere mythologische Vorstellungen, doch ihre Entstehungszeit und Überlieferung sind nicht in allen Fällen eindeutig zu bestimmen.
Hirschdarstellungen auf Gegenständen müssen deshalb nicht automatisch mit Yggdrasil oder Eikþyrnir verbunden werden. Ein Tiermotiv konnte dekorative Bedeutung haben oder Teil einer größeren Bildkomposition sein. Erst der Zusammenhang entscheidet darüber, ob eine mythologische Deutung überzeugend ist.
Was archäologische Hirschfunde tatsächlich verraten
Bei Ausgrabungen können Knochen, Geweihstücke und fertige Gegenstände sehr unterschiedliche Fragen beantworten. Ein Hirschknochen mit Schnittspuren kann auf die Zerlegung eines Tieres hinweisen. Ein abgeworfenes Geweih zeigt dagegen nicht, dass der Hirsch gejagt wurde. Es könnte gesammelt und anschließend verarbeitet worden sein.
Auch bei Geweihabfällen ist der Fundort wichtig. Werden zahlreiche abgesägte Stücke zusammen mit unfertigen Kämmen gefunden, spricht das für einen Arbeitsplatz. Liegt dagegen nur ein einzelner fertiger Kamm vor, lässt sich daraus keine Herstellung am Fundort ableiten.
Die Herkunft des Materials kann heute teilweise mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Besonders die Analyse von Eiweißbestandteilen, bekannt als ZooMS, hilft dabei, verschiedene Tierarten zu unterscheiden. Das ist wichtig, weil bearbeitetes Rothirsch-, Rentier- und Elchgeweih mit bloßem Auge nicht immer zuverlässig auseinanderzuhalten ist.
Solche Untersuchungen haben das Bild der wikingerzeitlichen Geweihverarbeitung verändert. Sie zeigen, dass Handwerker mit örtlichen Rohstoffen arbeiteten, während zugleich fertige Gegenstände und fremdes Material über große Entfernungen transportiert wurden. Wie diese Waren ihren Weg von einer Region in die andere fanden, muss für jeden Fundzusammenhang gesondert untersucht werden.
Fazit: Welche Rolle spielte der Hirsch in der Wikingerzeit?
Der Rothirsch war für die Menschen der Wikingerzeit ein nutzbares Wildtier. Sein Fleisch konnte zur Ernährung beitragen, die Haut ließ sich zu Leder verarbeiten, und aus dem Geweih entstanden haltbare Gebrauchsgegenstände. Besonders die Kammherstellung ist durch archäologische Funde gut belegt. In Handelsplätzen wie Haithabu und Ribe blieben große Mengen an Geweihabfällen und fertigen Werkstücken erhalten.
Die Nutzung des Hirsches war regional verschieden. Während Rothirschgeweih in Teilen Skandinaviens gesammelt oder durch Jagd gewonnen werden konnte, gelangten Kämme aus Rentier- und Elchgeweih über weite Entfernungen in südlichere Handelsplätze. Der Hirsch war damit Teil der Ernährung und des Handwerks, sein Geweih zugleich ein Rohstoff, an dem sich die Handelsverbindungen der Wikingerzeit bis heute untersuchen lassen.


Kommentare
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Hi Alex, die Jagdwaffe ist für mich noch interessant und sicher ein eigenen Blog wert? (Unser US Freund sendete mir Bilder von Rehrudel nah seines Hauses und erwähnte, dass die Jagdsaison mit Pfeil und Bogen dort am 3. Oktober begann 😉. )
Hallo Brigitte,
da hast du recht, Pfeil und Bogen sind auf jeden Fall einen eigenen Artikel wert! 😊 In unserer Waffenkunde behandeln wir inzwischen neun verschiedene Waffen, darunter auch Wurfaxt, Wurfnetz und Keule. Der Bogen fehlt tatsächlich noch und kommt auf meine Themenliste.
Gerade die Verwendung bei der Jagd ist interessant, denn der Bogen war in der Wikingerzeit ebenso als Kriegswaffe bekannt. Da gibt es einiges über Bauweise, Pfeilspitzen und archäologische Funde zu erzählen.
Vielen Dank für die Anregung und liebe Grüße!
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