
Island wirkt, als sei es nicht Teil der gewöhnlichen Welt. Die Insel steigt aus dem Nordatlantik wie ein uralter Gedanke, geboren aus Feuer und Eis, geformt von Vulkanen, Gletschern und dem unaufhörlichen Atem der Erde. Für die Wikinger war Island kein fernes Land, sondern ein Neuanfang jenseits der bekannten Ordnung, ein Ort, an dem man der Macht der Natur und dem Willen der Götter unmittelbar begegnete. Hier, wo die Erde noch sprach und der Himmel tief über den Bergen hing, entstand eine der einzigartigsten Kulturen des nordischen Raums – geprägt von Freiheit, Gesetz, Dichtung und Mythos.
Island ist keine Randnotiz der Wikingerzeit. Es ist ihr geistiges Gedächtnis.

Die Entdeckung Islands ist kein klassischer Akt der Eroberung, sondern eine Abfolge von Beobachtungen, Irrfahrten und bewussten Entscheidungen, die in der nordischen Welt stets als Ausdruck des Schicksals (Wyrd) verstanden wurden. Bereits vor der eigentlichen Besiedlung war Island kein vollkommen unbekannter Ort. Nordische Seefahrer berichteten von einer großen Landmasse im Westen, die sie bei Stürmen oder auf Fehlkursen gesichtet hatten. Besonders der Norweger Bjarni Herjólfsson gilt als einer der ersten, der Island – oder zumindest seine Küsten – gesehen haben soll, ohne dort an Land zu gehen.
Erst im späten 9. Jahrhundert wurde aus dieser vagen Kenntnis eine bewusste Suche. Die norwegische Königsherrschaft unter Harald Schönhaar zwang viele freie Männer zur Auswanderung. Island erschien als Land ohne Herren, fern von Tributeintreibern und königlicher Willkür. Als Ingólfur Arnarson um 874 n. Chr. an der Südwestküste landete, folgte er nicht allein nautischem Kalkül, sondern einem rituellen Akt: Er warf seine Hochsitzpfosten ins Meer und gelobte, dort zu siedeln, wo sie angespült würden. Dieser Vorgang war mehr als Symbolik – er war ein Vertrag mit dem Schicksal, ein Akt des Vertrauens in die verborgenen Mächte der Welt.
So entstand Reykjavík, und mit ihm die Vorstellung Islands als auserwähltes Land, nicht erobert, sondern empfangen. In den Augen der frühen Siedler war Island kein Zufall, sondern eine Antwort der Welt auf menschliche Notwendigkeit – ein Ort, der wartete.
Island wurde nicht erobert. Island wurde gewählt.
Das isländische Alþingi, gegründet im Jahr 930 n. Chr., ist eines der bedeutendsten politischen Experimente des europäischen Mittelalters. In einer Zeit, in der nahezu ganz Europa von Königtum, Lehnsherrschaft und religiöser Autorität geprägt war, entstand in Island eine Ordnung, die auf Recht, Konsens und öffentlicher Rede beruhte. Das Alþingi war kein Parlament im modernen Sinn, sondern eine Rechts- und Schicksalsversammlung, bei der die Gemeinschaft ihr eigenes Gleichgewicht verhandelte.
Die Grundlage dieser Ordnung bildeten die Goden, regionale Anführer ohne königlichen Anspruch. Sie waren Vermittler zwischen Recht, Religion und Gemeinschaft. Gesetze wurden nicht geschrieben, sondern auswendig gelernt und öffentlich vorgetragen. Der sogenannte Gesetzessprecher trug über drei Jahre hinweg das gesamte geltende Recht vor – ein Vorgang, der das Wort über den Stein stellte und Wissen als lebendige Kraft verstand.
Þingvellir, der Ort des Alþingi, war dabei kein Zufall. Die tektonische Spalte, in der sich die Versammlung traf, galt als symbolische Schwelle zwischen Welten – ein Ort, an dem Menschen das Schicksal formen durften. Streitigkeiten wurden nicht durch Gewalt, sondern durch Rede, Urteil und Ausgleich gelöst. Selbst Blutrache konnte durch Rechtssprüche kanalisiert werden.
In diesem System liegt ein früher Keim dessen, was wir heute als demokratische Prinzipien erkennen: Öffentlichkeit, Rechtssicherheit, Gleichrangigkeit freier Männer vor dem Gesetz. Island bewies, dass Ordnung ohne Krone möglich war – getragen vom kollektiven Gedächtnis und der Verantwortung des Einzelnen.
In Island war Mythologie keine ferne Erzählung, sondern gelebte Wirklichkeit. Die Landschaft selbst schien durchzogen von göttlicher Präsenz. Vulkane galten als Tore zu unterirdischen Mächten, Gletscher als Relikte urzeitlicher Welten, heiße Quellen als Atem der Erde. Diese unmittelbare Erfahrung prägte eine Mythologie, die nicht abstrakt, sondern örtlich gebunden war.
Begriffe und Konzepte wie Ginnungagap, der urzeitliche Leeraum der Schöpfung, fanden in Islands Lavafeldern und Nebellandschaften eine greifbare Entsprechung. Auch spätere symbolische Zeichen wie Ginnir, Gapaldur oder der mythische Hahn Gullinkambi werden in modernen Deutungen oft mit Island in Verbindung gebracht – nicht als historische Belege, sondern als geistige Resonanzräume, in denen Schöpfung, Übergang und Erwachen besonders deutlich spürbar sind.
Die Nähe zu Naturgewalten ließ die Grenzen zwischen Midgard und den anderen Welten durchlässig erscheinen. Elfen, Trolle, Landgeister und Ahnen waren keine Märchenwesen, sondern Mitbewohner der Landschaft. Noch heute zeugen Ortsnamen, Sagen und Überlieferungen von dieser tiefen Verwurzelung des Mythischen im Alltäglichen.
Island wurde so zu einem mythologischen Speicher, einem Ort, an dem alte Vorstellungen nicht verdrängt, sondern bewahrt wurden – oft unter der Oberfläche, aber niemals vergessen.
Kein anderer Ort der nordischen Welt hat sein Erbe so konsequent bewahrt wie Island. Hier entstanden die Isländischen Sagas, literarische Meisterwerke, die Geschichte, Mythos und menschliches Drama miteinander verweben.
Werke wie die Njáls Saga, die Egilssaga oder die Landnámabók sind keine bloßen Erzählungen. Sie sind Zeitkapseln – Berichte über Ehre, Blutrache, Recht, Liebe, Verrat und den Kampf des Menschen gegen sein eigenes Schicksal.
Snorri Sturluson spielte dabei eine zentrale Rolle. Mit der Prosa-Edda und der Heimskringla bewahrte er das Wissen um die nordischen Götter und Könige – und rettete damit einen Großteil der Mythologie vor dem Vergessen.
Island ist ein lebendiger Mythos. Vulkane wie Hekla galten im Mittelalter als Tore zur Unterwelt. Gletscher erinnerten an Niflheim, das Reich des Nebels. Lavafelder wirkten wie erstarrte Schlachtfelder der Götter.
Diese Landschaft prägte das Denken der Menschen. Der ständige Wechsel von Zerstörung und Erneuerung machte den Glauben an Zyklen, an Ragnarök und Wiedergeburt, besonders greifbar. Island war der Beweis dafür, dass die Welt nicht statisch ist – sondern in Bewegung, genau wie das Schicksal.
Die Annahme des Christentums verlief in Island ungewöhnlich friedlich. Beim Alþingi entschied man gemeinschaftlich, den neuen Glauben anzunehmen – jedoch unter der Bedingung, dass alte Bräuche im Privaten weiterleben durften.
Diese Entscheidung erklärt, warum heidnische Motive in Island nie ausgelöscht wurden. Die Götter verschwanden nicht – sie zogen sich zurück. Sie wurden zu Geschichten, Symbolen und inneren Wahrheiten.
Island blieb ein Grenzland der Glaubenswelten.
Bis heute gilt Island als Ort besonderer Energie. Viele empfinden die Insel als Schwellenwelt, an der Transformation möglich ist. Kein Zufall, dass moderne Heiden, Künstler und Suchende hier Inspiration finden.
Das Land zwingt zur Ehrlichkeit. Es duldet keine Illusion. Sturm, Kälte und Einsamkeit erinnern daran, dass der Mensch Teil der Natur ist – nicht ihr Herr.
Heute ist Island ein Symbol für Ursprünglichkeit, für Nachhaltigkeit, für kulturelle Selbstbestimmung. Doch unter all dem modernen Fortschritt schlägt ein uraltes Herz.
Die Sprache ist fast unverändert seit der Wikingerzeit. Die Sagas werden noch gelesen. Orte tragen Namen, die auf Götter und Mythen verweisen. Island lebt gleichzeitig in Vergangenheit und Gegenwart.
Unser Wissen über die frühe Geschichte Islands verdanken wir einer außergewöhnlich dichten Quellenlage. Zentral ist die Landnámabók, das „Buch der Landnahme“, das detailliert die ersten Siedler, ihre Herkunft, Besitzansprüche und familiären Verbindungen dokumentiert. Es ist weniger Chronik als soziales Gedächtnis, das Identität stiftet und Ordnung schafft.
Ergänzt wird diese Quelle durch die Íslendingasögur, die Isländersagas, welche historische Ereignisse mit literarischer Tiefe verbinden. Sie berichten von Fehden, Rechtsstreitigkeiten, Reisen und Schicksalen – und liefern dabei wertvolle Einblicke in Recht, Glauben und Alltag. Besonders hervorzuheben ist hier das Werk von Snorri Sturluson, dessen Prosa-Edda und Heimskringla nicht nur die Götterwelt, sondern auch die Königsgeschichte Norwegens bewahrten.
Hinzu kommen archäologische Funde, linguistische Kontinuität und mündliche Überlieferung. Die isländische Sprache hat sich seit der Wikingerzeit kaum verändert, was es ermöglicht, alte Texte nahezu unverfälscht zu lesen. Island ist damit einzigartig: ein Ort, an dem Geschichte nicht rekonstruiert, sondern weitergegeben wurde.
Diese Verbindung aus Schrift, Wort und Landschaft macht Island zu einem der bestdokumentierten Räume der nordischen Welt – und zugleich zu einem ihrer geheimnisvollsten.
Island ist kein gewöhnlicher Ort. Es ist eine Erinnerung daran, wie die Welt einst gedacht wurde – roh, heilig, gefährlich und voller Bedeutung. Für die Wikinger war Island ein Neuanfang. Für uns ist es ein Spiegel.
Hier zeigt sich, dass Geschichte nicht vergeht, sondern sich verwandelt. Dass Mythos nicht Lüge ist, sondern eine andere Form von Wahrheit. Und dass manche Orte mehr sind als Landmasse – sie sind Welten.
Island ist eine solche Welt.
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