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Kräuterkunde

Welche Heilpflanzen wurden in der Wikingerzeit tatsächlich verwendet?

04.09.2026Verlag NorseStory · Berlin

Schafgarbe gegen Wunden, Mädesüß gegen Schmerzen, Wacholder zur Reinigung und Bilsenkraut als starkes Heilmittel: Listen angeblicher „Wikinger-Heilkräuter“ sind schnell zusammengestellt. Das Problem beginnt dort, wo aus einer Pflanze, die im Norden wuchs, automatisch eine wikingerzeitliche Arznei wird. Eine Pflanze kann gegessen, als Färbemittel genutzt, verbrannt, als Viehfutter gesammelt, zufällig in eine Siedlung gelangt oder tatsächlich medizinisch verwendet worden sein. Archäologische Samen besitzen kein Etikett, auf dem „Heilmittel“ steht.

Gerade deshalb ist die Pflanzenheilkunde der Wikingerzeit schwieriger zu rekonstruieren, als moderne Kräuterbücher vermuten lassen. Pflanzliche Reste aus Siedlungen und Gräbern liefern unmittelbare Hinweise darauf, welche Arten vorhanden waren. Schriftliche medizinische Anweisungen aus Skandinavien setzen dagegen erst nach der Wikingerzeit deutlich ein. Dazwischen liegt eine Lücke, die sich nicht mit heutigen Kräuterwirkungen füllen lässt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche Pflanzen heilend wirken können, sondern für welche Pflanzen sich eine medizinische Nutzung im wikingerzeitlichen Norden tatsächlich begründen lässt.

Das größte Problem: Pflanzen überleben, ihre Verwendung oft nicht

Archäobotanik untersucht Pflanzenreste aus archäologischen Zusammenhängen. Verkohlte Körner, Samen, Früchte, Pollen oder außergewöhnlich gut erhaltenes Pflanzenmaterial können zeigen, welche Arten an einem Ort vorkamen. Für die Wikingerzeit ist das eine der wichtigsten Quellen überhaupt. Untersuchungen von Siedlungen, Handelsplätzen und anderen Fundorten in Skandinavien haben ein breites Spektrum genutzter und wild vorkommender Pflanzen sichtbar gemacht.

Doch zwischen „gefunden“ und „als Medizin verwendet“ liegt ein erheblicher Schritt. Ein Holundersamen in einer Siedlungsschicht beweist zunächst nur die Anwesenheit von Holunder. Selbst eine Pflanze mit heute gut bekannter pharmakologischer Wirkung kann damals aus ganz anderen Gründen gesammelt worden sein. Umgekehrt können medizinisch verwendete Blätter, Blüten oder Wurzeln archäologisch nahezu spurlos verschwinden, während robuste Samen erhalten bleiben.

Die archäologische Überlieferung ist deshalb doppelt verzerrt: Sie bewahrt manche Pflanzenteile besser als andere und sagt meist wenig über deren konkrete Anwendung. Besonders wertvoll werden Pflanzenfunde dort, wo weitere Hinweise hinzukommen – etwa ungewöhnliche Konzentrationen, bestimmte Fundkontexte, alte Pflanzennamen, später belegte traditionelle Anwendungen oder unabhängige schriftliche Zeugnisse.

Es gab kein erhaltenes „Kräuterbuch der Wikinger“

Für die Wikingerzeit selbst ist kein skandinavisches medizinisches Handbuch erhalten, das systematisch erklärt, welche Pflanze gegen welche Krankheit eingesetzt werden sollte. Die frühesten erhaltenen medizinischen Texte in altnordischer Sprache stammen erst aus dem Mittelalter. Ein besonders bedeutendes Beispiel ist das isländische Handschriftenfragment AM 655 XXX 4to aus dem 13. Jahrhundert. Es enthält mehr als fünfzig Abschnitte zu Krankheiten, Heilmitteln und Wirkungen verschiedener Stoffe.

Solche Texte sind für die Geschichte nordischer Medizin außerordentlich wichtig, dürfen aber nicht einfach zwei oder drei Jahrhunderte rückwärts in die Wikingerzeit verschoben werden. Die Forschung zeigt zudem, dass die erhaltene mittelalterliche Medizin Skandinaviens stark mit kontinentalen Traditionen verbunden war. Lateinische, klassische und klösterliche Wissensbestände gelangten in den Norden und wurden dort übersetzt, bearbeitet und angepasst. Besonders die Werke des dänischen Gelehrten Henrik Harpestræng aus dem frühen 13. Jahrhundert wirkten weit über Dänemark hinaus.

Ein Heilrezept aus dem 13. Jahrhundert beweist deshalb nicht automatisch, dass dieselbe Pflanze bereits im Jahr 850 auf dieselbe Weise verwendet wurde. Es kann ältere lokale Erfahrungen bewahren, ebenso aber Wissen enthalten, das erst durch christliche und gelehrte Medizin nach Skandinavien gelangte. Spätere Kräuterbücher sind Vergleichsmaterial – keine direkten Augenzeugenberichte aus der Wikingerzeit.

Wie lässt sich Pflanzenwissen trotzdem rekonstruieren?

Eine einzelne Quelle reicht kaum aus. Besonders aussagekräftig wird das Bild, wenn mehrere Arten von Hinweisen zusammenpassen. Moderne Forschung kombiniert deshalb unter anderem archäobotanische Funde, historische Texte, Sprachgeschichte und die geografische Verbreitung von Pflanzen. Eine umfangreiche Untersuchung zur nordischen Pflanzennutzung hat auf diese Weise versucht, ältere Nutzungstraditionen für verschiedene Arten zurückzuverfolgen.

Dabei zeigen sich einige Pflanzen, deren medizinische Nutzung für ältere nordische Gesellschaften zumindest gut plausibel erscheint. Dazu gehören unter anderem Schafgarbe, Mädesüß, Wacholder, Engelwurz, Rosenwurz und Vogelmiere. Doch selbst innerhalb dieser Gruppe ist die Beweislage unterschiedlich. Bei manchen Arten stützen spätere historische Zeugnisse eine medizinische Verwendung, bei anderen ergibt sich die Plausibilität stärker aus der Kombination von Sprachgeschichte, Verbreitung und langfristiger Nutzung.

Das Ergebnis ist deshalb keine fertige „Apotheke der Wikinger“. Es ist ein abgestuftes Bild. Manche Pflanzen sind als genutzte Arten sicher nachgewiesen, ihre medizinische Funktion bleibt jedoch offen. Bei anderen macht die Verbindung mehrerer Quellengattungen eine heilkundliche Verwendung wahrscheinlich. Nur selten lässt sich eine konkrete Behandlung für die Wikingerzeit selbst eindeutig fassen.

Schafgarbe – eine der plausibelsten Heilpflanzen

Die Schafgarbe, Achillea millefolium, wächst in großen Teilen Europas und war auch im Norden bekannt. Ihre lange Geschichte als Heilpflanze macht sie zu einem naheliegenden Kandidaten für ältere medizinische Nutzung. Spätere europäische und nordische Traditionen kennen sie unter anderem in Zusammenhang mit Wunden und verschiedenen Beschwerden. Auch vergleichende Forschungen zur historischen Pflanzennutzung stützen die Annahme einer älteren medizinischen Bedeutung.

Damit ist jedoch nicht automatisch bewiesen, dass ein verwundeter Mensch des 9. Jahrhunderts in Skandinavien mit einem genau definierten Schafgarbenrezept behandelt wurde. Archäobotanische Nachweise und spätere Nutzungstraditionen ergeben zusammen ein plausibles Bild, aber kein erhaltenes wikingerzeitliches Rezept. Die sicherste Formulierung lautet deshalb: Schafgarbe gehört zu den Pflanzen, für die eine medizinische Verwendung im nordischen Raum bereits in älterer Zeit gut begründbar erscheint.

Mädesüß – bekannt, genutzt und medizinisch plausibel

Auch Mädesüß, Filipendula ulmaria, gehört zu den Pflanzen, die in Untersuchungen zur älteren nordischen Pflanzennutzung mit medizinischen Anwendungen in Verbindung gebracht werden. Die Pflanze wächst bevorzugt an feuchten Standorten und war in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas verfügbar. Ihre Blüten besitzen einen auffälligen Duft, und die Pflanze enthält Salicylatverbindungen, weshalb sie heute häufig mit schmerzlindernden Anwendungen in Verbindung gebracht wird.

Gerade hier ist die Versuchung einer Rückprojektion groß. Dass die moderne Chemie bestimmte Inhaltsstoffe kennt, beweist nicht, dass Menschen der Wikingerzeit deren Wirkung auf dieselbe Weise verstanden oder Mädesüß gezielt als „natürliches Aspirin“ verwendeten. Eine solche Bezeichnung wäre modern und historisch irreführend.

Die Kombination aus alter Verbreitung, überlieferter späterer Nutzung und vergleichender Forschung macht eine medizinische Verwendung dennoch plausibel. Was fehlt, ist die konkrete wikingerzeitliche Anweisung: welche Pflanzenteile verwendet wurden, wie sie zubereitet wurden und bei welchen Beschwerden sie zum Einsatz kamen.

Wacholder – weit mehr als nur eine Heilpflanze

Wacholder, Juniperus communis, war im Norden weit verbreitet und gehörte zu den vielseitig nutzbaren Pflanzen. Holz, Zweige und Beeren konnten in unterschiedlichen Zusammenhängen Verwendung finden. Historische und sprachliche Zeugnisse weisen auf eine lange Bedeutung hin, und vergleichende Untersuchungen halten auch eine medizinische Nutzung in älteren nordischen Gesellschaften für wahrscheinlich.

Gerade die Vielseitigkeit des Wacholders zeigt aber das methodische Problem besonders deutlich. Ein archäologischer Wacholderfund muss nicht medizinisch sein. Die Pflanze konnte als Brennstoff dienen, mit Nahrung oder Getränken verbunden sein oder aus anderen praktischen Gründen gesammelt werden. Spätere Traditionen kennen Wacholder außerdem in Reinigungs- und Räucherzusammenhängen, doch auch diese lassen sich nicht pauschal in die Wikingerzeit zurückdatieren.

Wacholder kann daher mit gutem Grund zu den wichtigen Nutzpflanzen des wikingerzeitlichen Nordens gerechnet werden. Eine heilkundliche Verwendung ist plausibel, während die genaue Form dieser Anwendung für die Wikingerzeit nur schwer zu greifen ist.

Engelwurz – bedeutende Pflanze mit schwieriger Heilgeschichte

Die Engelwurz, besonders Angelica archangelica, besitzt eine lange Geschichte im Norden. Sie ist an das kühlere Klima angepasst und wurde später in Skandinavien sowohl als Nahrungs- als auch als Heilpflanze hoch geschätzt. Mittelalterliche Rechts- und Kulturzeugnisse zeigen, dass Engelwurz gezielt gesammelt und teilweise angebaut wurde. In späterer Zeit spielte sie in der nordischen Pflanzenkunde eine bemerkenswerte Rolle.

Für eine konkrete medizinische Verwendung bereits während der Wikingerzeit ist die Lage jedoch weniger eindeutig. Vergleichende Forschung hält eine ältere Nutzung für möglich und teilweise wahrscheinlich, doch gerade bei Engelwurz fehlen klare frühe historische Belege für eine medizinische Funktion. Die Pflanze könnte ebenso wegen ihrer essbaren Stängel und anderer praktischer Eigenschaften geschätzt worden sein.

Deshalb gehört Engelwurz in keine Liste „sicher belegter Wikinger-Heilmittel“, ohne dass dieser Vorbehalt genannt wird. Die Pflanze war im Norden wichtig; dass ihre spätere heilkundliche Bedeutung bis in die Wikingerzeit zurückreicht, ist plausibel, aber nicht direkt bewiesen.

Rosenwurz – wahrscheinlich bekannt, medizinisch schwer fassbar

Ähnlich vorsichtig muss Rosenwurz, Rhodiola rosea, behandelt werden. Die Pflanze wächst in nördlichen und gebirgigen Regionen und besitzt eine lange spätere Tradition als Nutz- und Heilpflanze. Ihre moderne Popularität als sogenanntes Adaptogen macht sie heute besonders anfällig für rückwirkende Zuschreibungen.

Vergleichende Studien deuten darauf hin, dass eine medizinische Nutzung älteren Ursprungs sein könnte. Gleichzeitig fehlen jedoch frühe historische Belege, die eine konkrete Behandlung während der Wikingerzeit beschreiben. Eine Aussage wie „Wikinger nahmen Rosenwurz gegen Erschöpfung“ würde deshalb weit über den Befund hinausgehen.

Rosenwurz ist ein gutes Beispiel dafür, wie historische Kräuterkunde seriös bleiben kann: Eine ältere medizinische Nutzung ist denkbar und wissenschaftlich diskutierbar, aber die konkrete wikingerzeitliche Anwendung bleibt unbekannt.

Vogelmiere – unscheinbar und dennoch interessant

Vogelmiere, Stellaria media, gehört nicht zu den Pflanzen, die in romantischen Darstellungen einer nordischen Kräuterapotheke besonders hervorgehoben werden. Gerade deshalb ist sie interessant. Die unscheinbare Pflanze war weit verbreitet und erscheint in vergleichenden Untersuchungen ebenfalls unter den Arten, für die ältere medizinische Nutzungsmuster rekonstruiert werden können.

Wie bei Schafgarbe und Mädesüß stützen spätere historische Belege die Annahme, dass Vogelmiere medizinisch verwendet wurde. Für die Wikingerzeit selbst fehlt aber auch hier eine genaue Gebrauchsanweisung. Das zeigt zugleich, wie wenig historische Pflanzenheilkunde mit modernen Ranglisten vermeintlich „mächtiger“ Heilpflanzen zu tun hat. Alltägliche und leicht verfügbare Pflanzen konnten ebenso bedeutsam sein wie seltene oder auffällige Arten.

Bilsenkraut – der faszinierendste und gefährlichste Fall

Kaum eine Pflanze wird so häufig mit der dunklen, magischen Seite der Wikingerzeit verbunden wie das Schwarze Bilsenkraut, Hyoscyamus niger. Die Pflanze enthält hochwirksame und giftige Tropanalkaloide. In späterer Medizin wurde sie unter anderem schmerzlindernd eingesetzt; zugleich konnte eine falsche Dosierung schwere Vergiftungen verursachen. Genau diese Eigenschaften haben zu zahlreichen modernen Geschichten über Schamanismus, Berserker und berauschende Rituale geführt.

Archäobotanisch ist Bilsenkraut tatsächlich für das erste Jahrtausend und auch in wikingerzeitlichen Zusammenhängen Skandinaviens nachgewiesen. Ein Fund aus Rapola in Finnland stammt beispielsweise aus einer als wikingerzeitlich datierten Schicht. Weitere Untersuchungen zeigen, dass die Pflanze an skandinavischen Handelsplätzen und späteren städtischen Siedlungen vorkam. Ihre Verbreitung könnte durch menschliche Nutzung begünstigt worden sein.

Damit endet jedoch die Sicherheit. Bilsenkraut kann als Unkraut in Siedlungsbereichen wachsen. Samen in einer Kulturschicht beweisen allein weder medizinische Nutzung noch Rauschrituale. Die Forschung diskutiert, ob seine Ausbreitung mit Heil- und möglicherweise magischen Praktiken zusammenhing, doch archäobotanisch lässt sich kultiviertes Heilmittel nicht immer zuverlässig von einem Siedlungsunkraut unterscheiden.

Spätere mittelalterliche Arzneibücher liefern einen wichtigen Vergleich. Henrik Harpestræng empfahl Bilsenkraut beispielsweise bei Zahnschmerzen. Das zeigt eindeutig, dass die Pflanze im mittelalterlichen Norden medizinisch bekannt war. Es beweist aber nicht, dass genau diese Behandlung schon zwei oder drei Jahrhunderte früher gebräuchlich war. Bilsenkraut gehört damit zu den stärksten Kandidaten für eine bereits wikingerzeitliche medizinische Nutzung – zugleich aber auch zu den Pflanzen, bei denen moderne Spekulationen besonders schnell weiter reichen als die Quellen.

Und die angeblichen Berserker-Drogen?

Besonders Bilsenkraut wird gelegentlich als Erklärung für den sogenannten Berserkergang genannt. Die Hypothese ist reizvoll: Eine psychoaktive und giftige Pflanze könnte ungewöhnliche Verhaltenszustände hervorgerufen haben. Doch zwischen pharmakologischer Möglichkeit und historischem Nachweis besteht ein großer Unterschied. Keine wikingerzeitliche Quelle beschreibt ein gesichertes Rezept, nach dem Berserker Bilsenkraut einnahmen, um in einen Kampfzustand zu gelangen.

Andere psychoaktive Stoffe sind ebenfalls vorgeschlagen worden, und auch ältere Deutungen mit Fliegenpilz haben eine lange populäre Geschichte. Solche Modelle können diskutiert werden, solange sie als Hypothesen erkennbar bleiben. Eine „Berserkerdroge“ ist für die Wikingerzeit bislang nicht nachgewiesen. Der Fund einer giftigen oder berauschenden Pflanze an einem Fundort reicht dafür nicht aus.

Brennnessel – sicher genutzt, aber als Heilmittel?

Die Brennnessel war im Norden weit verbreitet und begegnet in archäobotanischen Zusammenhängen häufig. Ihre Fasern können genutzt werden, junge Pflanzenteile sind essbar, und spätere Heiltraditionen kennen zahlreiche medizinische Anwendungen. Gerade diese Vielseitigkeit macht sie historisch schwer einzuordnen.

Dass Menschen der Wikingerzeit Brennnesseln kannten und nutzten, ist kaum überraschend. Daraus folgt jedoch nicht, dass sich eine bestimmte medizinische Anwendung belegen lässt. Selbst archäologische Textilfasern oder Pflanzenreste würden zunächst eine Nutzung zeigen, nicht deren heilkundlichen Zweck.

Die Brennnessel verdeutlicht damit einen Grundsatz: Eine Pflanze kann sicher zur Lebenswelt der Wikingerzeit gehört haben, ohne dass sie deshalb sicher als Heilpflanze bezeichnet werden darf. Moderne Eigenschaften dürfen die historische Quellenlage nicht ersetzen.

Wegerich, Beifuß und andere naheliegende Kandidaten

Ähnlich verhält es sich mit verschiedenen Arten des Wegerichs, mit Beifuß und zahlreichen weiteren Pflanzen, die in späteren europäischen Heiltraditionen große Bedeutung besitzen. Einige davon kamen nachweislich in Skandinavien vor, andere erscheinen in mittelalterlichen Texten. Doch je weiter eine konkrete medizinische Behauptung in die Wikingerzeit zurückreichen soll, desto wichtiger wird die Frage nach einer unabhängigen frühen Stütze.

Besonders problematisch sind moderne Listen, die einfach jedes in Nordeuropa heimische Heilkraut zu einem „Wikingerkraut“ erklären. Auf diese Weise ließen sich Dutzende Pflanzen aufnehmen, ohne dass auch nur eine davon tatsächlich für die wikingerzeitliche Medizin belegt wäre. Verfügbarkeit ist nur eine Voraussetzung für Nutzung, kein Beweis dafür.

Das bedeutet nicht, dass Wegerich oder Beifuß damals nicht medizinisch verwendet wurden. Es bedeutet lediglich, dass zwischen Möglichkeit und Nachweis unterschieden werden muss. Gerade bei einer weitgehend mündlich weitergegebenen Alltagsheilkunde kann fehlende schriftliche Evidenz durchaus bedeuten, dass reale Praktiken verloren gegangen sind. Historisch lässt sich diese Lücke jedoch nicht durch Vermutungen schließen.

Was verraten Gräber über Heilpflanzen?

Pflanzenreste aus Gräbern können besonders faszinierend wirken, weil sie unmittelbar mit einem einzelnen Menschen verbunden sind. Doch auch hier ist Vorsicht nötig. Blumen, Samen oder Pflanzenteile konnten Nahrung, Grabbeigabe, Polstermaterial, Duftstoff, rituelles Element oder zufällige Beimischung sein. Selbst eine Pflanze mit medizinischer Wirkung wird im Grab nicht automatisch zum Medikament.

Erst ein ungewöhnlicher Kontext kann eine bestimmte Deutung wahrscheinlicher machen. Dazu gehören konzentrierte Pflanzenreste in Behältern, Kombinationen mit anderen Gegenständen oder Befunde, die sich mit unabhängigen Quellen vergleichen lassen. Trotzdem bleibt häufig mehr als eine Erklärung möglich.

Diese Mehrdeutigkeit gehört zur Archäologie. Ein Fund erzählt nicht von selbst seine Geschichte. Je eindrucksvoller eine Deutung klingt, desto wichtiger ist die Frage, welche anderen Erklärungen derselbe Befund zulässt.

Krankheit wurde nicht nur mit Pflanzen behandelt

Auch die Vorstellung einer abgeschlossenen „Wikinger-Kräutermedizin“ ist wahrscheinlich zu modern. Heilung konnte aus vielen unterschiedlichen Handlungen bestehen. Ernährung, Wärme, Ruhe, Wundversorgung, praktische Erfahrung und Pflanzen konnten ebenso dazugehören wie religiöse Vorstellungen, Beschwörungen oder andere Formen rituellen Handelns. Eine scharfe moderne Grenze zwischen Medizin, Religion und Magie muss für frühmittelalterliche Gesellschaften nicht in derselben Form existiert haben.

Spätere altnordische Quellen kennen sowohl praktische Heilmittel als auch übernatürliche Vorstellungen. Sie zeigen damit zumindest, dass unterschiedliche Erklärungsebenen nebeneinander bestehen konnten. Ob und wie genau dies im 9. oder 10. Jahrhundert aussah, ist schwieriger zu bestimmen.

Auch hier wäre es falsch, in die andere Richtung zu übertreiben. Dass Magie und Religion zur Vorstellungswelt gehörten, bedeutet nicht, dass jede Wundversorgung ein Ritual oder jede Pflanze ein Zaubermittel war. Praktisches Erfahrungswissen und religiöse Deutung mussten sich nicht gegenseitig ausschließen.

Heilwissen musste nicht schriftlich sein

Dass aus der Wikingerzeit keine medizinischen Kräuterbücher erhalten sind, bedeutet nicht, dass es kein umfangreiches Pflanzenwissen gab. Menschen, die von Landwirtschaft, Viehhaltung, Sammeln und der natürlichen Umgebung abhängig waren, mussten Pflanzen sehr genau unterscheiden können. Welche Arten essbar, giftig, nützlich oder gefährlich waren, konnte über Generationen weitergegeben werden, ohne jemals auf Pergament geschrieben zu werden.

Gerade Alltagswissen hinterlässt historisch oft die schwächsten Spuren. Ein Rezept, das eine Mutter ihrer Tochter erklärte oder ein erfahrener Mensch bei einer Verletzung anwendete, konnte jahrhundertelang weitergegeben werden und dennoch vollständig aus der schriftlichen Überlieferung verschwinden. Die späteren medizinischen Handschriften zeigen deshalb nur einen Teil der Geschichte – und zudem einen Teil, der bereits von gelehrten europäischen Traditionen beeinflusst war.

Die fehlende Dokumentation darf allerdings nicht zur Einladung werden, beliebige Praktiken zu erfinden. Mündliche Überlieferung erklärt, warum Wissen verloren sein kann. Sie beweist nicht, welches konkrete Wissen verloren gegangen ist.

Was spätere Kräuterbücher leisten können

Mittelalterliche nordische Medizintexte sind trotz dieser Einschränkungen unverzichtbar. Das Fragment AM 655 XXX 4to zeigt, dass spätestens im 13. Jahrhundert medizinisches Wissen in altnordischer Sprache schriftlich festgehalten und praktisch genutzt wurde. Andere Handschriften überliefern Werke oder Bearbeitungen, die mit Henrik Harpestræng und mit kontinentaler medizinischer Literatur verbunden sind.

Sie zeigen Pflanzen, Behandlungsideen und Begriffe, die im mittelalterlichen Norden bekannt waren. Wenn sich dieselbe Pflanze zugleich archäobotanisch schon Jahrhunderte früher nachweisen lässt und zusätzlich sprachliche oder andere Hinweise auf lange Nutzung bestehen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer älteren Tradition. Dennoch bleibt jeder Fall einzeln zu prüfen.

Genau darin liegt der Wert dieser Texte. Sie sind kein Fenster, das direkt in das Jahr 900 geöffnet werden kann. Sie sind vielmehr ein späteres Glied einer Überlieferungskette, in der lokales Erfahrungswissen und importierte gelehrte Medizin zusammenkamen. Je sauberer diese Zeitebenen getrennt werden, desto mehr lässt sich aus ihnen gewinnen.

Die Wikinger hatten keine moderne Apotheke – aber sehr wahrscheinlich Pflanzenwissen

Es wäre ebenso falsch, die Quellenkritik so weit zu treiben, dass Menschen der Wikingerzeit kaum medizinisches Wissen zugetraut wird. Verletzungen, Zahnschmerzen, Infektionen, Verdauungsprobleme, Geburten und Krankheiten gehörten zum Alltag. Pflanzen mit spürbarer Wirkung waren verfügbar, und langfristiges Erfahrungswissen konnte Beobachtungen über Generationen bewahren.

Die Forschung kann nur nicht mehr für jede Pflanze rekonstruieren, wie dieses Wissen aussah. Einige Anwendungen dürften tatsächlich wirksam gewesen sein, andere möglicherweise nur symbolisch oder aus heutiger Sicht wirkungslos. Manche Pflanzen konnten zugleich Arznei und Gift sein. Besonders bei Bilsenkraut entscheidet die Dosis drastisch zwischen pharmakologischer Wirkung und gefährlicher Vergiftung.

Der Begriff „Heilpflanze“ sollte deshalb historisch nicht mit einer modernen Zulassung oder medizinisch geprüften Wirksamkeit verwechselt werden. Gemeint ist zunächst eine Pflanze, die Menschen zur Behandlung oder Linderung von Beschwerden eingesetzt haben könnten. Ob eine Behandlung funktionierte und ob sie heute medizinisch sinnvoll wäre, ist eine andere Frage als die historische Nutzung.

Welche Heilpflanzen sind nun am besten begründbar?

Eine absolut sichere Liste lässt sich nicht erstellen. Besonders gut begründbar sind jedoch einige Arten, bei denen mehrere Hinweise zusammenkommen. Schafgarbe, Mädesüß und Wacholder gehören zu den überzeugenden Kandidaten für ältere medizinische Nutzungstraditionen im Norden. Für Engelwurz, Rosenwurz und Vogelmiere gibt es ebenfalls Anhaltspunkte, wobei die konkrete wikingerzeitliche Heilfunktion je nach Pflanze unterschiedlich sicher ist.

Bilsenkraut nimmt eine Sonderstellung ein. Die Pflanze ist archäobotanisch in wikingerzeitlichen beziehungsweise zeitnahen skandinavischen Kontexten greifbar und später eindeutig medizinisch belegt. Wegen ihrer Giftigkeit und psychoaktiven Wirkung ist eine gezielte Nutzung plausibel, aber aus den Pflanzenfunden allein nicht zu beweisen. Behauptungen über feste Rauschrituale oder Berserker-Rezepte gehen deutlich über den derzeitigen Befund hinaus.

Daneben standen wahrscheinlich zahlreiche weitere Pflanzen, deren medizinische Verwendung heute nicht mehr nachweisbar ist. Andere Arten erscheinen in modernen Listen, obwohl lediglich ihre Anwesenheit im Norden oder ihre spätere Heilwirkung bekannt ist. Die seriöseste Rekonstruktion ist deshalb keine lange Kräuterliste, sondern eine Abstufung zwischen belegt, plausibel, möglich und unbekannt.

Fazit – welche Heilpflanzen wurden in der Wikingerzeit tatsächlich verwendet?

Eine vollständige Heilpflanzenkunde der Wikingerzeit ist nicht erhalten. Archäobotanische Funde zeigen zahlreiche Pflanzen, die den Menschen im Norden zur Verfügung standen und genutzt wurden, doch sie verraten nur selten unmittelbar, ob eine Pflanze als Arznei diente. Die ersten erhaltenen medizinischen Texte Skandinaviens stammen erst aus dem Mittelalter und enthalten bereits Wissen, das mit kontinentalen und gelehrten Traditionen verbunden ist. Sie dürfen deshalb nicht einfach als Kräuterbücher der Wikingerzeit gelesen werden.

Trotzdem lässt sich mehr sagen als nur „unbekannt“. Bei Pflanzen wie Schafgarbe, Mädesüß und Wacholder spricht die Verbindung archäologischer, historischer und sprachlicher Hinweise für alte medizinische Nutzungstraditionen. Engelwurz, Rosenwurz und Vogelmiere sind ebenfalls plausible Kandidaten, ohne dass sich ihre konkrete wikingerzeitliche Anwendung immer bestimmen lässt. Bilsenkraut ist archäologisch besonders spannend und später sicher medizinisch belegt, doch gerade bei dieser Pflanze muss zwischen einem tatsächlichen Fund und modernen Geschichten über Rausch und Magie unterschieden werden.

Menschen der Wikingerzeit besaßen mit großer Wahrscheinlichkeit ein praktisches Wissen über die Pflanzen ihrer Umgebung. Welche Blätter auf eine Wunde gelegt, welche Kräuter gekocht und welche Wirkungen bestimmten Pflanzen zugeschrieben wurden, ist jedoch nur in Bruchstücken erhalten. Das macht ihre Kräuterkunde nicht bedeutungslos. Es zeigt vielmehr, wie viel alltägliches Wissen eine Gesellschaft besitzen kann, ohne es in Büchern zu hinterlassen.

Die historische Antwort ist deshalb weniger spektakulär als manche moderne Kräuterliste – aber wesentlich näher an der Vergangenheit: Einige Heilpflanzen lassen sich gut begründen, viele weitere sind möglich, und bei einem großen Teil bleibt offen, wie sie tatsächlich verwendet wurden. Zwischen einem Samen im Boden und einem Heilmittel liegt eine Geschichte, die nur dort erzählt werden sollte, wo die Quellen sie tragen.

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