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Wolin – die große Handelsstadt der Wikingerzeit an der Odermündung

01.11.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 18 Min. Lesezeit

Bei Ausgrabungen in der Altstadt von Wolin stießen Archäologen auf Kulturschichten, die stellenweise eine Mächtigkeit von mehr als acht Metern erreichten. Darin lagen die Überreste zahlreicher Gebäude, befestigter Wege, Werkstätten und Gegenstände aus mehreren Jahrhunderten. Besonders die Schichten des 9. bis 11. Jahrhunderts zeigen eine dicht bebaute Siedlung, deren Bewohner weitreichende Handelsverbindungen unterhielten. Der Ort lag auf einer Insel an der Odermündung, im heutigen Nordwesten Polens. Von hier aus konnten Schiffe die Ostsee erreichen oder über die Flusswege tief in das Hinterland fahren.

Wolin gehörte während der Wikingerzeit zu den wichtigsten Handelsplätzen an der südlichen Ostseeküste. Seine Bewohner standen mit Skandinavien, dem westslawischen Raum und weiter entfernten Regionen in Verbindung. Archäologische Funde belegen handwerkliche Produktion, importierte Rohstoffe und den Austausch von Waren über große Entfernungen. Im 10. Jahrhundert entwickelte sich die Siedlung zu einem wirtschaftlichen Zentrum, das auch für skandinavische Händler und Krieger interessant wurde.

Die schriftliche Überlieferung machte Wolin später berühmt. Adam von Bremen beschrieb im 11. Jahrhundert eine außergewöhnlich große und wohlhabende Stadt namens Jumne. In altnordischen Erzählungen erscheint die sagenhafte Jomsburg, Heimat einer gefürchteten Kriegergemeinschaft. Mit Wolin wird außerdem die Legende von Vineta verbunden, einer reichen Stadt, die der Überlieferung nach im Meer versunken sein soll. Diese drei Namen werden häufig gleichgesetzt, obwohl sie aus unterschiedlichen Quellen und Erzähltraditionen stammen.

Die tatsächliche Geschichte Wolins ist auch ohne diese Legenden bemerkenswert. Die archäologischen Untersuchungen zeigen, wie aus einer westslawischen Siedlung ein Handelsplatz mit städtischen Strukturen wurde, an dem sich Einflüsse aus verschiedenen Teilen Europas begegneten.

Wo lag Wolin in der Wikingerzeit?

Die heutige Stadt Wolin liegt im südlichen Teil der gleichnamigen Insel, dort, wo die Dziwna einen der Wasserwege zwischen dem Stettiner Haff und der Ostsee bildet. Die Oder erreicht das Meer über ein weit verzweigtes System aus Flussarmen, Haffgewässern und Meereszugängen. Für den frühmittelalterlichen Handel war diese Lage ausgesprochen günstig. Schiffe konnten aus der Ostsee in geschützte Gewässer einfahren und von dort die Flussverbindungen in Richtung des Binnenlandes nutzen.

Die südliche Ostseeküste gehörte während der Wikingerzeit überwiegend zum Siedlungsraum westslawischer Gemeinschaften. Im Gebiet um Wolin lebten die Woliner, die in der Forschung mit den pommerschen Slawen verbunden werden. Ihre Siedlungen bestanden innerhalb einer Landschaft aus Wasserläufen, Wäldern, landwirtschaftlich genutzten Flächen und kleineren regionalen Zentren. Die Insel war damit bereits Teil einer bewohnten Kulturlandschaft, bevor sich der große Handelsplatz entwickelte.

Die Wasserwege verbanden Wolin mit dem Gebiet der heutigen polnischen Stadt Szczecin, dem Hinterland der Oder und den Verkehrswegen nach Mitteleuropa. Über die Ostsee bestanden Verbindungen zu den dänischen Inseln, nach Südschweden, Gotland und zu anderen Handelsplätzen. Auch Haithabu, Truso und die Siedlungen an der südlichen Ostseeküste gehörten zu diesem weitläufigen Verkehrsraum.

Diese Lage erklärt einen wesentlichen Teil von Wolins Aufstieg. Waren aus dem Hinterland konnten hier gesammelt und auf Seeschiffe verladen werden. Händler aus dem Ostseeraum fanden Zugang zu Märkten und Rohstoffen, die weiter im Landesinneren lagen. Der Ort entwickelte sich an einer Stelle, an der sich mehrere Verkehrswege kreuzten.

Von der slawischen Siedlung zum großen Handelsplatz

Die frühesten Entwicklungsphasen Wolins reichen in das späte 8. Jahrhundert zurück. Der Archäologe Marian Rębkowski untersuchte die Entstehung des Handelsplatzes anhand der Ausgrabungsdokumentationen und Fundschichten aus der Altstadt. Seine 2020 veröffentlichte Studie unterscheidet mehrere Phasen der Besiedlung. Besonders deutlich tritt die Entwicklung ab der Mitte des 9. Jahrhunderts hervor, als eine größere, dicht bebaute Siedlung entstand.

Die frühen Bewohner nutzten zunächst vor allem die Möglichkeiten ihrer unmittelbaren Umgebung. Landwirtschaft, Fischfang, Handwerk und der Austausch regionaler Rohstoffe bildeten wichtige Grundlagen. Bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts erscheinen aber einzelne Gegenstände, die auf Kontakte über größere Entfernungen hinweisen. Dazu gehören Kämme friesischer Machart und Perlen aus Bergkristall. Solche Funde zeigen, dass Waren oder Reisende aus entfernten Regionen Wolin erreichten, bevor der Ort seinen größten wirtschaftlichen Aufschwung erlebte.

Ab ungefähr 850 nahm die Siedlung deutlich städtische Züge an. Holzhäuser standen auf eng bebauten Grundstücken, Wege führten durch die Siedlung und zum Hafen. Die Bewohner benötigten feste Verkehrsflächen, Lagerplätze und Werkstätten. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstanden auch außerhalb des älteren Siedlungskerns weitere bebaute Bereiche.

Die wirtschaftliche Blüte fällt vor allem in das 10. Jahrhundert. Um die Mitte dieses Jahrhunderts verdichtete sich die Bebauung weiter. Handel und handwerkliche Produktion nahmen zu, während sich die Verbindungen in den Ostseeraum ausweiteten. Wolin gehörte nun zu den großen frühstädtischen Zentren der südlichen Ostseeküste.

Wie groß war die Stadt?

Die archäologischen Untersuchungen zeigen eine Siedlung, die sich über mehrere Bereiche erstreckte. Dazu gehörten die Altstadt, Hafenanlagen und weitere Siedlungsflächen im Umfeld. Befestigungen, Grundstücksgrenzen und befestigte Wege lassen erkennen, dass die Bewohner ihren Raum über längere Zeit intensiv nutzten.

Eine genaue Einwohnerzahl für das Wolin des 10. Jahrhunderts ist nicht bekannt. Die Ausdehnung der Siedlung und ihre wirtschaftliche Bedeutung erlauben keine zuverlässige Berechnung der Bevölkerung. Dafür fehlen Angaben zur tatsächlichen Belegung einzelner Häuser und zu den Menschen, die sich nur zeitweise am Handelsplatz aufhielten.

Im Vergleich zu vielen ländlichen Siedlungen war Wolin dennoch ein außergewöhnlich großer Ort. Seine Bedeutung lag in der Konzentration von Handwerk, Handel und Verkehrswegen. Händler konnten hier Waren erwerben, weiterverkaufen oder über die Oder ins Binnenland transportieren lassen.

Wie sah das Wolin der Wikingerzeit aus?

Die Bebauung bestand überwiegend aus Holz. Archäologen fanden dicht aufeinanderfolgende Gebäudeschichten, die zeigen, dass Häuser mehrfach erneuert, ersetzt oder umgebaut wurden. In den feuchten Bodenschichten blieben zahlreiche Holzreste erhalten. Sie erlauben eine genauere Untersuchung der Bauweise und der Entwicklung einzelner Siedlungsbereiche.

Besonders interessant sind die befestigten Wege. Holzbohlen und andere Konstruktionen ermöglichten es, sich auch auf feuchtem Untergrund zwischen den Gebäuden und dem Hafen zu bewegen. Solche Einrichtungen waren für eine Siedlung wichtig, in der Waren regelmäßig transportiert und verarbeitet wurden.

Die Gebäude dienten unterschiedlichen Zwecken. Neben Wohnräumen bestanden Werkstätten und Bereiche, in denen Materialien gelagert oder bearbeitet wurden. Die archäologischen Funde zeigen eine Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt teilweise durch spezialisierte Tätigkeiten bestritt. Wolin war damit deutlich stärker auf Handel und Handwerk ausgerichtet als ein gewöhnlicher landwirtschaftlicher Hof.

Die Nähe zum Wasser prägte den gesamten Ort. Boote und Schiffe benötigten Anlegestellen, Waren mussten entladen und weitertransportiert werden. Der Hafen verband die Siedlung mit der Ostsee und dem Odergebiet. Seine genaue Entwicklung über mehrere Jahrhunderte wird bis heute archäologisch untersucht.

Handel zwischen Skandinavien und dem slawischen Raum

Wolin lag an einer wichtigen Schnittstelle zwischen den skandinavischen Gesellschaften und den westslawischen Regionen. Der Handel umfasste Rohstoffe, handwerkliche Erzeugnisse und Waren, die über mehrere Zwischenstationen transportiert wurden. Die Herkunft einzelner Gegenstände lässt sich heute teilweise durch Materialanalysen genauer bestimmen.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel liefern Schleifsteine. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung analysierte entsprechende Funde aus Wolin, Szczecin und der Burg Lubin. Die Forscher konnten zeigen, dass ein Teil des verwendeten Steinmaterials aus weit entfernten Lagerstätten im heutigen Norwegen stammte.

In Wolin wurden unter anderem Rohlinge und Produktionsabfälle aus Gestein gefunden, das mit der Region Mostadmarka in Mittelnorwegen verbunden wird. Die betreffenden Funde stammen besonders aus der Zeit zwischen ungefähr 900 und 975. Sie zeigen, dass importiertes Material am Handelsplatz weiterverarbeitet wurde. Der Handel brachte also nicht ausschließlich fertige Gegenstände nach Wolin. Auch Rohstoffe gelangten über die Ostsee in die Werkstätten.

Später erreichten Schleifsteine aus dem Gebiet von Eidsborg in Südnorwegen den Ort. Diese Entwicklung reicht über die Wikingerzeit hinaus und zeigt, wie langlebig manche Handelsverbindungen waren.

Ob die Steine unmittelbar von norwegischen Händlern transportiert wurden, ist nicht bekannt. Sie konnten über Zwischenhändler und andere Handelsplätze nach Wolin gelangen. Gerade diese Möglichkeit zeigt, wie eng die Märkte der Ostseeregion miteinander verbunden waren.

Silber, Münzen und wirtschaftliche Beziehungen

Silber spielte im Handel der Wikingerzeit eine wichtige Rolle. Im Ostseeraum gelangten arabische Silbermünzen, Schmuck und andere Silbergegenstände über weitreichende Verkehrswege in Umlauf. Auch aus Wolin und seinem Umfeld sind zahlreiche Silberfunde bekannt.

Der Historiker Dariusz Adamczyk untersuchte die Verwendung von Silber in Truso und Wolin. Seine Forschungen zeigen, dass Silber in diesen Handelsräumen sowohl als wirtschaftliches Austauschmittel als auch als Ausdruck gesellschaftlicher Stellung betrachtet werden muss. Münzen konnten als Zahlungsmittel dienen, während Schmuck und andere Silbergegenstände zugleich Wert und Prestige besaßen.

Die Verbreitung arabischer Münzen verdeutlicht die Reichweite der Handelsverbindungen. Solche Stücke mussten nicht unmittelbar von Händlern aus dem islamischen Raum nach Wolin gebracht worden sein. Sie konnten über zahlreiche Stationen und Besitzer wandern, bevor sie an der südlichen Ostseeküste ankamen.

Der Aufstieg Wolins im 10. Jahrhundert steht deshalb auch mit Veränderungen im überregionalen Silberhandel in Verbindung. Der Ort profitierte von einem Wirtschaftsraum, der die Ostsee mit den Flusswegen Osteuropas und weiteren Regionen verband.

Handwerker, Schmuck und eine eigene Formensprache

Die Werkstätten Wolins verarbeiteten unterschiedliche Materialien. Archäologische Funde belegen Tätigkeiten, die mit Holz, Geweih, Knochen, Metall und anderen Rohstoffen verbunden waren. Der Handelsplatz besaß damit eine handwerkliche Produktion, die sowohl den örtlichen Bedarf als auch den Austausch mit anderen Regionen bedienen konnte.

Besonders interessant sind verzierte Gegenstände, deren Formen und Ornamente Einflüsse aus mehreren Kulturräumen erkennen lassen. An einigen Funden erscheinen Motive, die mit skandinavischen Kunststilen wie dem Borre-, Mammen- oder Ringerikestil verwandt sind. Andere Merkmale gehören stärker zur westslawischen Handwerkstradition.

Die Forschung verwendet für bestimmte Mischformen den Begriff „Viking Periphery Art“. Gemeint sind Kunstformen, die in den Kontaktzonen zwischen skandinavischen und slawischen Gesellschaften entstanden. Die Bezeichnung beschreibt eine kunsthistorische Entwicklung, keine eigenständige Bevölkerungsgruppe.

Ein Gegenstand mit skandinavischem Ornament musste nicht von einem skandinavischen Handwerker hergestellt worden sein. Ebenso konnte ein Mensch skandinavischer Herkunft örtliche Formen übernehmen. Die Funde zeigen vor allem, dass Handwerker Motive, Techniken und Materialien aus unterschiedlichen Traditionen kannten und verwendeten.

Wolin entwickelte damit eine materielle Kultur, die seine Stellung als Handelsplatz widerspiegelt. Der Austausch betraf auch Gestaltung und handwerkliches Wissen.

Lebten Skandinavier in Wolin?

Skandinavische Einflüsse sind in Wolin archäologisch nachweisbar. Besonders für die zweite Hälfte des 10. und die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts treten Gegenstände auf, die Verbindungen zum nordischen Raum erkennen lassen. Dazu gehören Schmuckformen, Ornamente und andere Bestandteile der materiellen Kultur.

Die Forschung geht davon aus, dass sich spätestens seit den 970er- und 980er-Jahren auch skandinavische Händler und möglicherweise bewaffnete Gefolgsleute in Wolin aufhielten. Wie groß diese Gruppe war und wie dauerhaft ihre Anwesenheit ausfiel, bleibt offen.

Der Ort war weiterhin wesentlich von seiner westslawischen Umgebung geprägt. Seine Entwicklung begann bereits vor der deutlich erkennbaren skandinavischen Präsenz. Deshalb wäre es historisch falsch, Wolin als eine von Wikingern gegründete skandinavische Stadt zu bezeichnen.

Auch die archäologischen Bestattungen zeigen ein vielfältiges Bild. Im Umfeld der Siedlung bestanden unterschiedliche Gräberfelder mit Körper- und Brandbestattungen sowie verschiedenen Grabformen. Diese Unterschiede können auf unterschiedliche Traditionen und gesellschaftliche Gruppen hinweisen. Eine eindeutige ethnische Zuordnung allein anhand einer Bestattungsform ist allerdings problematisch.

Wolin gehörte zu einem Raum, in dem Menschen verschiedener Herkunft miteinander handelten, arbeiteten und möglicherweise über längere Zeit zusammenlebten. Wie sich diese Kontakte im persönlichen Alltag auswirkten, lässt sich aus den erhaltenen Funden nur teilweise rekonstruieren.

Jumne – die große Stadt bei Adam von Bremen

Eine der bekanntesten schriftlichen Beschreibungen Wolins stammt von Adam von Bremen. Der Geistliche verfasste seine Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum im 11. Jahrhundert. Darin schilderte er auch die Länder und Völker des Ostseeraums. Im vierten Buch, Kapitel 20, beschreibt er eine bedeutende Stadt an der Odermündung, die er Jumne nennt.

Adam bezeichnet Jumne als außergewöhnlich groß und berichtet von Bewohnern unterschiedlicher Herkunft. Er erwähnt Slawen und andere Gruppen sowie Händler aus weiter entfernten Regionen. Besonders hebt er den Reichtum an Waren und die Gastfreundschaft der Einwohner hervor.

Seine Darstellung enthält die berühmte Behauptung, Jumne sei die größte Stadt Europas. Diese Aussage hat wesentlich dazu beigetragen, Wolin als eine gewaltige Handelsmetropole der Wikingerzeit bekannt zu machen.

Die Beschreibung ist eine wichtige historische Quelle, darf aber nicht als genaue Vermessung der Stadt gelesen werden. Adam kannte die Ostseeregion vor allem durch Nachrichten und Berichte anderer Personen. Seine Darstellung verbindet geografisches Wissen mit religiösen Bewertungen und außergewöhnlichen Erzählungen.

Besonders aufschlussreich ist seine Bemerkung über die religiösen Verhältnisse. Nach Adam konnten sich auch Sachsen in Jumne aufhalten, solange sie ihren christlichen Glauben nicht öffentlich ausübten. Der Autor beschreibt die Bewohner als Anhänger älterer religiöser Bräuche. Diese Nachricht weist auf eine Gesellschaft hin, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammentrafen und religiöse Zugehörigkeit eine Rolle spielte.

Ob die von Adam genannten Regeln tatsächlich in dieser Form galten, lässt sich nicht überprüfen. Seine Beschreibung entstand aus christlicher Perspektive und verfolgt eigene erzählerische Ziele. Sie zeigt aber, dass Jumne im 11. Jahrhundert als reicher und weithin bekannter Handelsplatz galt.

War Wolin die sagenhafte Jomsburg?

Kaum eine Frage hat die öffentliche Wahrnehmung Wolins so stark geprägt wie die Verbindung zur Jomsburg. In der altnordischen Literatur erscheint Jomsborg als Sitz der Jomswikinger, einer Gemeinschaft von Kriegern, die strengen Regeln unterworfen gewesen sein soll. Besonders die Jómsvíkinga saga erzählt ausführlich von ihrer Herkunft, ihren Anführern und ihren Kämpfen.

Nach dieser Überlieferung stand die Jomsburg unter dem Einfluss dänischer Herrscher. Die Erzählung verbindet ihre Entstehung mit Pálnatóki und stellt die dort lebenden Krieger als besonders kampferfahren dar. Sie sollen einer Gemeinschaft angehört haben, die Mut, Loyalität und die Bereitschaft zum Kampf verlangte.

Die Jómsvíkinga saga wurde erst im späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert schriftlich gestaltet. Zwischen den geschilderten Ereignissen und ihrer Aufzeichnung liegen mehrere Generationen. Die Geschichte enthält historische Personen und politische Konflikte, wurde aber literarisch ausgearbeitet.

Die Identifizierung Jomsborgs mit Wolin wird in der Forschung seit Langem diskutiert. Dafür sprechen die Lage des Handelsplatzes, seine Bedeutung im 10. Jahrhundert und die archäologisch nachweisbaren Kontakte nach Skandinavien. Wolin ist deshalb ein plausibler historischer Bezugspunkt der Jomsburg-Überlieferung.

Eine eindeutig nachgewiesene Festung, die sich anhand ihrer Befunde unmittelbar mit der in der Saga beschriebenen Kriegergemeinschaft verbinden lässt, fehlt bislang. Auch die strengen Regeln der Jomswikinger können nicht als gesicherte historische Ordnung einer tatsächlichen Garnison betrachtet werden.

Die Unterscheidung ist entscheidend: Wolin war ein realer, bedeutender Handelsplatz mit skandinavischen Verbindungen. Die Jomsburg der Sagas ist eine spätere literarische Darstellung, deren Verhältnis zur historischen Siedlung nicht vollständig geklärt ist.

Harald Blauzahn und die dänische Politik

Die Jomsburg-Überlieferung steht eng mit der Geschichte der dänischen Königsmacht in Verbindung. Besonders Harald Blauzahn und sein Sohn Sven Gabelbart spielen in den Erzählungen über die südliche Ostsee eine Rolle.

Im 10. Jahrhundert versuchten dänische Herrscher, ihre politische Stellung im Ostseeraum auszubauen. Handelsplätze und Küstenregionen waren dabei wirtschaftlich und strategisch interessant. Wolin lag in einem Gebiet, das für Verbindungen zwischen Dänemark und den westslawischen Gemeinschaften wichtig war.

Die Historikerin Carina Damm untersuchte 2023 die Darstellung südlicher Ostseehandelsplätze in altnordischen Quellen. Sie zeigt, dass besonders Haithabu und Wolin beziehungsweise Jomsborg in der späteren isländischen Überlieferung hervortreten. Diese Auswahl hängt offenbar auch damit zusammen, welche Orte mit der Erinnerung an die dänische Königsmacht verbunden waren.

Die Erzählungen über Harald Blauzahn und Jomsborg sind deshalb für die Geschichte politischer Vorstellungen aufschlussreich. Sie beweisen aber keine bestimmte dänische Festungsgründung in Wolin. Die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse im 10. Jahrhundert waren wahrscheinlich wechselhaft und von mehreren regionalen Mächten beeinflusst.

Vineta – die versunkene Stadt an der Ostsee

Neben Jomsborg wird Wolin häufig mit Vineta verbunden. Die Legende erzählt von einer außergewöhnlich reichen Stadt an der Ostsee, die schließlich unterging. In späteren Fassungen wird ihr Untergang mit Hochmut, moralischem Verfall oder göttlicher Strafe erklärt. Manche Erzählungen berichten, die Stadt liege noch immer auf dem Meeresgrund.

Die Vineta-Überlieferung entwickelte sich über längere Zeit. Mittelalterliche Beschreibungen bedeutender Städte an der südlichen Ostsee wurden später mit Erzählungen über versunkene Orte verbunden. Dabei vermischten sich geografische Angaben, historische Erinnerungen und sagenhafte Motive.

Wolin gilt als einer der wichtigsten Orte, die mit dem historischen Hintergrund dieser Legende in Verbindung gebracht werden. Der Reichtum des frühmittelalterlichen Handelsplatzes und die Beschreibung Jumnes bei Adam von Bremen könnten zur späteren Vorstellung einer außergewöhnlich großen und wohlhabenden Stadt beigetragen haben.

Ein archäologischer Nachweis dafür, dass die gesamte Stadt Wolin während der Wikingerzeit im Meer versank, existiert nicht. Die Siedlung bestand über das 11. Jahrhundert hinaus fort. Ihre Geschichte lässt sich anhand der Ausgrabungen über mehrere Jahrhunderte verfolgen.

Vineta gehört deshalb zur Überlieferungsgeschichte der südlichen Ostsee. Die Legende bewahrt möglicherweise Erinnerungen an den Reichtum früher Handelsplätze, erzählt ihren Untergang aber in einer Form, die historisch nicht als Tatsachenbericht verwendet werden kann.

Schiffe, Hafen und Seeverbindungen

Ohne Schifffahrt wäre Wolins wirtschaftlicher Aufstieg kaum möglich gewesen. Die Lage an der Dziwna ermöglichte den Transport von Waren zwischen dem Stettiner Haff und der Ostsee. Schiffe verbanden den Handelsplatz mit anderen Küstensiedlungen und konnten über die Flusswege das Binnenland erreichen.

Die archäologischen Untersuchungen haben Reste von Booten und Schiffen erbracht. Ihre Bauweise zeigt überwiegend örtliche slawische Traditionen. Typisch skandinavische Merkmale treten bei den erhaltenen Schiffsfunden deutlich seltener auf. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass der Handelsplatz seine eigene regionale Schiffbautradition besaß.

Die Forschung geht davon aus, dass sich die Nutzung von Segeln bei den Wasserfahrzeugen der Woliner möglicherweise im 9. Jahrhundert stärker verbreitete. Segel konnten längere Transporte über die Ostsee erleichtern und die Reichweite der örtlichen Schifffahrt erweitern.

Einzelne Schiffsteile weisen auf Verbindungen in andere Regionen der südlichen Ostsee hin, darunter das Gebiet des heutigen Schleswig und die westslawischen Küstenlandschaften weiter westlich. Solche Funde zeigen, dass Wolin in ein Netz von Häfen und Schifffahrtswegen eingebunden war.

Die Bedeutung des Hafens reichte über das eigentliche Stadtgebiet hinaus. Wer Waren aus dem Oderraum zur Ostsee transportieren wollte, konnte Wolin als Umschlagplatz nutzen. Der Ort verband damit unterschiedliche Wirtschaftsregionen und trug zur Verbreitung von Rohstoffen, Erzeugnissen und handwerklichem Wissen bei.

Neue Ausgrabungen am Srebrne Wzgórze

Die archäologische Erforschung Wolins ist bis heute nicht abgeschlossen. Besonders die Untersuchungen am Srebrne Wzgórze, dem sogenannten Silberberg im nördlichen Bereich des frühmittelalterlichen Siedlungsraums, liefern neue Erkenntnisse.

Im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts untersuchen Wissenschaftler der Polnischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Universität Aarhus und weiteren Partnern diesen Bereich. Die Arbeiten sollen unter anderem klären, wie sich die Siedlung entwickelte und welche Funktionen einzelne Grundstücke und Gebäude besaßen.

Bei Ausgrabungen im Jahr 2025 wurden Überreste von vier Gebäuden mit einer bislang unbekannten Konstruktionsweise entdeckt. Dazu kamen zahlreiche Alltagsgegenstände und Hinweise auf einen möglichen frühmittelalterlichen Hafenbereich. Die Ergebnisse wurden Anfang 2026 öffentlich vorgestellt.

Der Srebrne Wzgórze wird seit Langem mit Handel und handwerklicher Produktion in Verbindung gebracht. Die neuen Funde könnten helfen, seine Rolle innerhalb des gesamten Siedlungsraums genauer zu bestimmen. Besonders interessant ist die Frage, ob sich hier weitere Hafenanlagen oder wirtschaftlich genutzte Bereiche nachweisen lassen.

Die bisherigen Ergebnisse sind noch keine abschließende Rekonstruktion. Ob die entdeckten Strukturen tatsächlich zu einem Hafen gehörten und wie sie zeitlich mit anderen Teilen Wolins zusammenhängen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Gerade diese Arbeiten machen deutlich, dass Wolins Geschichte weiterhin neue Erkenntnisse liefert. Trotz jahrzehntelanger Ausgrabungen sind wichtige Fragen zur Ausdehnung, Organisation und Entwicklung der frühmittelalterlichen Siedlung offen.

Wolin zwischen slawischen Herrschern und skandinavischen Interessen

Die wirtschaftliche Bedeutung Wolins machte den Ort auch politisch interessant. Im 10. und 11. Jahrhundert veränderten sich die Herrschaftsverhältnisse an der südlichen Ostseeküste. Dänische Könige, die entstehende piastische Herrschaft im heutigen Polen und westslawische Gruppen verfolgten unterschiedliche Interessen in der Region.

Wolin lag an einer Schnittstelle dieser politischen Räume. Die Kontrolle über Handelswege, Häfen und wirtschaftlich bedeutende Siedlungen konnte Macht und Einnahmen sichern. Gleichzeitig besaßen örtliche Gemeinschaften eigene politische Strukturen und Interessen.

Die schriftlichen Quellen erlauben keine lückenlose Darstellung der Herrschaftsverhältnisse in Wolin während des 10. Jahrhunderts. Besonders die spätere altnordische Überlieferung verbindet den Ort mit dänischen Königen und Kriegern. Archäologische Funde zeigen Kontakte und Veränderungen, können aber selten einen bestimmten Herrscher unmittelbar nachweisen.

Deshalb sollte Wolin weder pauschal als dänische Kolonie noch als ausschließlich skandinavischer Militärstützpunkt beschrieben werden. Der Ort entwickelte sich innerhalb des westslawischen Raumes und stand zeitweise unter dem Einfluss verschiedener politischer Kräfte.

Christianisierung und das Ende der großen Handelszeit

Die Wikingerzeit ging an der südlichen Ostseeküste mit tiefgreifenden Veränderungen einher. Die Herrschaftsbildung im piastischen Polen, die Christianisierung und neue politische Beziehungen beeinflussten auch Wolin. Der Ort blieb über das 11. Jahrhundert hinaus besiedelt, verlor aber im Laufe der Zeit seine frühere Stellung innerhalb des Ostseehandels.

Die Christianisierung Pommerns setzte sich besonders im 12. Jahrhundert durch. Die Missionsreisen Ottos von Bamberg in den Jahren 1124/1125 und 1128 gehören zu den wichtigsten schriftlich dokumentierten Ereignissen dieser Entwicklung. Auch Wolin spielte dabei eine Rolle.

Die spätere Überlieferung berichtet von religiösen Auseinandersetzungen und der schrittweisen Durchsetzung christlicher Einrichtungen. Im Jahr 1140 wurde Wolin Sitz eines pommerschen Bistums. Damit erhielt die Stadt eine neue kirchliche Funktion, die sich deutlich von ihrer Stellung als Handelszentrum der Wikingerzeit unterschied.

Die wirtschaftliche Entwicklung verlief nicht unabhängig von diesen Veränderungen. Andere Städte und Häfen gewannen an Bedeutung, während sich Handelswege und politische Schwerpunkte verschoben. Wolin blieb ein bewohnter Ort, doch seine Blütezeit als einer der großen Handelsplätze der Ostsee lag inzwischen zurück.

Die spätere Stadtgeschichte reicht weit über das Mittelalter hinaus. Für die Wikingerzeit ist vor allem der Zeitraum zwischen dem 9. und frühen 11. Jahrhundert entscheidend, als Wolin eine außergewöhnliche Konzentration von Handel, Handwerk und kulturellen Kontakten erreichte.

Was Wolin von Haithabu und Birka unterscheidet

Wolin wird häufig mit Haithabu und Birka verglichen. Alle drei Orte gehörten zu den bedeutenden Handelszentren der Wikingerzeit. Sie lagen an wichtigen Wasserwegen, besaßen spezialisierte Handwerksbereiche und waren mit weit entfernten Regionen verbunden.

Ihre gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen unterschieden sich allerdings. Birka entwickelte sich im schwedischen Mälargebiet. Haithabu lag an der Grenze zwischen dem dänischen und dem südlicheren kontinentalen Raum. Wolin entstand innerhalb einer westslawischen Kulturlandschaft an der Odermündung.

Diese Unterschiede zeigen sich besonders in der materiellen Kultur. In Wolin waren örtliche slawische Traditionen bei der Bebauung, im Handwerk und im Schiffbau stark vertreten. Skandinavische Einflüsse traten vor allem durch Handel, einzelne Gegenstände und die Anwesenheit von Menschen aus dem Norden hinzu.

Die drei Orte waren deshalb keine gleichartigen Siedlungen mit identischer Bevölkerung. Sie erfüllten vergleichbare wirtschaftliche Aufgaben innerhalb eines gemeinsamen Verkehrsraums, entwickelten sich aber aus unterschiedlichen regionalen Voraussetzungen.

Gerade Wolin zeigt, dass die Geschichte der Wikingerzeit weit über Skandinavien hinausreicht. Die Handelsnetze der Ostsee wurden von Menschen unterschiedlicher Herkunft getragen. Westslawische Gemeinschaften spielten darin eine eigenständige und wirtschaftlich bedeutende Rolle.

Fazit – welche Bedeutung hatte Wolin in der Wikingerzeit?

Wolin entwickelte sich seit dem späten 8. Jahrhundert aus einer westslawischen Siedlung zu einem bedeutenden Handelsplatz an der Odermündung. Besonders zwischen der Mitte des 9. und dem frühen 11. Jahrhundert entstanden dicht bebaute Siedlungsbereiche, Werkstätten, befestigte Wege und Hafenanlagen. Importierte Rohstoffe, Silberfunde und Gegenstände mit skandinavischen Ornamenten zeigen, wie eng der Ort mit den Handelsnetzen der Ostsee verbunden war. Die Bevölkerung war kulturell vielfältig, während die örtlichen slawischen Traditionen einen wesentlichen Teil des Siedlungslebens prägten.

Die schriftliche Überlieferung machte Wolin unter verschiedenen Namen bekannt. Adam von Bremen beschrieb Jumne als außergewöhnlich reiche und große Stadt. Die altnordischen Sagas erzählen von Jomsborg und den Jomswikingern, während die spätere Vineta-Legende den Untergang einer sagenhaft wohlhabenden Stadt schildert. Diese Erzählungen besitzen unterschiedliche historische Grundlagen. Wolins wirtschaftliche Bedeutung ist archäologisch gut belegt, die Existenz der Jomswikinger als fest organisierte Kriegergemeinschaft bleibt dagegen unsicher. Auch für eine im Meer versunkene Stadt Vineta gibt es keinen entsprechenden archäologischen Nachweis.

Wolin gehörte zu den wichtigsten Handelszentren der südlichen Ostseeküste und verband die skandinavische Welt mit dem westslawischen Raum und den Verkehrswegen des europäischen Binnenlandes. Seine Geschichte zeigt, wie Handel, Handwerk und kulturelle Kontakte die Entwicklung frühmittelalterlicher Städte beeinflussten. Die laufenden Ausgrabungen am Srebrne Wzgórze erweitern dieses Bild und machen deutlich, dass selbst bei einem seit Jahrzehnten erforschten Fundort noch wesentliche Teile seiner Geschichte entdeckt werden können.

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