
Die Heimskringla gehört zu den wichtigsten Werken der altnordischen Literatur. Sie ist eine Sammlung von Königssagas, die vor allem die Geschichte der norwegischen Könige erzählt, dabei aber weit über Norwegen hinausgreift. In ihr begegnen mythische Ursprünge, frühe Herrscher, Machtkämpfe, Seefahrten, Christianisierung, Schlachten, Skaldendichtung und politische Erinnerung. Wer sich mit der Geschichte des Nordens beschäftigt, kommt an diesem Werk kaum vorbei.
Trotzdem ist die Heimskringla kein Geschichtsbuch im modernen Sinn. Sie ist weder eine nüchterne Chronik noch eine reine Sagendichtung. Sie steht zwischen Geschichte, Erinnerung, Literatur und politischer Deutung. Genau das macht sie so wertvoll – und zugleich so gefährlich, wenn man sie unkritisch liest. Sie bewahrt ältere Überlieferungen, formt sie aber zugleich im Geist des 13. Jahrhunderts.
Als Verfasser gilt gewöhnlich der isländische Gelehrte, Dichter und Politiker Snorri Sturluson, der von 1179 bis 1241 lebte. Die Zuschreibung an Snorri ist traditionell und in der Forschung weithin akzeptiert, doch die erhaltenen mittelalterlichen Handschriften nennen ihn nicht ausdrücklich als Autor. Das ist ein wichtiger quellenkritischer Punkt: Die Heimskringla wird mit Snorri verbunden, aber mittelalterliche Autorschaft funktioniert nicht wie moderne Buchautorschaft.
Der Name Heimskringla stammt nicht ursprünglich als bewusster Titel des Autors. Er geht auf die Anfangsworte einer Handschrift zurück: kringla heimsins, also etwa „der Kreis der Welt“ oder „die Scheibe der Welt“. Aus diesen Worten wurde später die Bezeichnung für das gesamte Werk. Der Titel wurde erst in der Neuzeit gebräuchlich und verweist auf den großen erzählerischen Anspruch des Textes.
Das ist mehr als eine sprachliche Kuriosität. Schon der Beginn der Heimskringla öffnet den Blick auf eine Weltordnung. Die Geschichte der Könige wird nicht isoliert erzählt, sondern in eine größere Vorstellung von Herkunft, Raum und Herrschaft eingebettet. Die norwegischen Könige erscheinen nicht nur als regionale Machthaber, sondern als Teil eines weit gespannten nordischen und europäischen Gefüges.
Die Heimskringla beginnt nicht mit einem exakt datierten historischen Ereignis, sondern mit der Ynglinga saga, die mythische und sagenhafte Ursprünge der Herrscherlinien schildert. Damit zeigt das Werk von Anfang an, dass Vergangenheit nicht nur als Abfolge von Daten verstanden wurde, sondern als Erzählung von Herkunft, Legitimität und Erinnerung.
Snorri Sturluson war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des mittelalterlichen Island. Er war kein abgeschiedener Schreiber, sondern ein Mann der Macht. Er gehörte zur isländischen Elite, war Gesetzessprecher, Dichter, Gelehrter und politischer Akteur. Diese Verbindung ist entscheidend, weil sie erklärt, warum die Heimskringla so stark an Fragen von Herrschaft, Gefolgschaft, Recht, Konflikt und politischer Klugheit interessiert ist.
Snorri lebte in einer Zeit, in der Island längst christianisiert war. Die alten Götter waren nicht mehr Gegenstand lebendiger öffentlicher Religion, aber ihre Geschichten, Namen und dichterischen Formen waren weiterhin bekannt. Snorri schrieb also aus einer christlichen Gegenwart über eine teilweise vorchristliche Vergangenheit. Er bewahrte altes Material, aber er tat dies mit dem Blick eines mittelalterlichen Gelehrten.
Neben der Heimskringla wird Snorri auch mit der Prosa-Edda verbunden, einem zentralen Werk für das Verständnis nordischer Mythologie und Skaldendichtung. Diese doppelte Bedeutung macht ihn einzigartig: Ohne Snorri wäre unser Bild der nordischen Welt deutlich ärmer. Zugleich muss man sich immer bewusst machen, dass wir vieles durch Snorris Filter sehen.
Die Heimskringla entstand wahrscheinlich um 1230 oder im frühen 13. Jahrhundert. Sie blickt auf viele Ereignisse zurück, die mehrere Jahrhunderte zuvor liegen. Das Werk behandelt die Geschichte norwegischer Herrscher von legendären Anfängen bis zum Jahr 1177, dem Tod des Thronprätendenten Eystein Meyla.
Diese zeitliche Distanz ist für die Bewertung zentral. Wenn die Heimskringla von Harald Schönhaar oder frühen Königen erzählt, schreibt sie nicht aus unmittelbarer Nähe. Sie verarbeitet ältere Dichtung, frühere Königssagas, mündliche Erzählungen und politische Erinnerung. Für spätere Abschnitte, besonders näher an Snorris eigener Zeit, kann der historische Wert größer sein, doch auch dort bleibt die Darstellung literarisch gestaltet.
Man darf die Heimskringla daher nicht so lesen, als hätte ein Chronist am Rand der Schlacht gestanden und alles notiert. Sie ist ein Erinnerungswerk, das Vergangenheit ordnet, deutet und erzählbar macht.
Die Heimskringla ist keine einzelne geschlossene Erzählung, sondern eine Sammlung mehrerer Königssagas, die zusammen eine große Herrscherfolge ergeben. Sie beginnt mit der Ynglinga saga, die die Ursprünge der Ynglinger schildert und die Herrscherlinie bis in mythische Bereiche zurückführt. Danach folgen Sagas über norwegische Könige, beginnend mit frühen Herrschern wie Halfdan dem Schwarzen und Harald Schönhaar.
Besonders bekannt sind die Sagas über Olav Tryggvason, Olav den Heiligen, Harald Hardråde, Magnus den Guten, Magnus Barfuß und andere Könige. Die umfangreichste Einzelpartie ist die Saga über Olaf II. Haraldsson, den späteren Olaf den Heiligen. Britannica weist darauf hin, dass etwa ein Drittel des Werkes der fünfzehnjährigen Herrschaft Olafs II. gewidmet ist.
Diese Gewichtung ist nicht zufällig. Olaf der Heilige wurde zur zentralen Figur der norwegischen Christianisierung und Königsideologie. Durch ihn verbindet die Heimskringla politische Geschichte mit religiöser Transformation. Der König wird nicht nur als Herrscher, sondern als Heiliger, Märtyrer und Bezugspunkt einer neuen Ordnung dargestellt.
Der Beginn der Heimskringla ist besonders aufschlussreich. Die Ynglinga saga führt die frühen Herrscher auf göttliche oder halbmythische Ursprünge zurück. Snorri stellt Odin dabei nicht einfach nur als Gott dar, sondern teilweise als mächtigen Herrscher und Zauberer aus einer fernen Vorzeit. Diese Deutung nennt man Euhemerismus: Götter werden als außergewöhnliche Menschen erklärt, die später göttlich verehrt wurden. Britannica beschreibt, dass Snorri Odin als historische Figur, großen Eroberer und Meister der Magie darstellt.
Das ist für das Verständnis der Heimskringla entscheidend. Snorri schreibt als Christ über heidnische Vergangenheit. Er kann die alten Götter nicht einfach als reale Gottheiten darstellen, wie es ein vorchristlicher Erzähler vielleicht getan hätte. Stattdessen ordnet er sie in eine historische Deutung ein. Dadurch bewahrt er mythisches Material, verwandelt es aber zugleich.
Die Ynglinga saga zeigt also, wie eng Mythos, Genealogie und Herrschaftslegitimation verbunden waren. Könige waren nicht nur Männer mit Macht. Ihre Herkunft musste erzählt werden. Je tiefer eine Linie in die Vergangenheit reichte, desto stärker konnte ihr Anspruch erscheinen.
Die Heimskringla erzählt Könige nicht als abstrakte Amtsträger, sondern als handelnde Persönlichkeiten. Sie zeigt, wie Herrschaft entsteht, wie sie verteidigt wird und warum sie scheitert. Ein König muss großzügig sein, aber nicht schwach. Er muss Gefolgschaft gewinnen, Feinde besiegen, Recht achten, Ehre wahren und politische Klugheit besitzen. Wer diese Balance verliert, gerät in Gefahr.
Gerade darin liegt die literarische Stärke des Werkes. Snorri beschreibt Macht nicht nur durch Schlachten, sondern durch Entscheidungen, Gespräche, Ratschläge, Verrat, Bündnisse und Charakterzüge. Britannica hebt Snorris realistische Psychologie und seine Darstellung historisch plausibler Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge hervor, auch wenn diese nicht immer faktisch genau sein müssen.
Die Heimskringla ist deshalb auch ein Werk über politische Erfahrung. Sie fragt, was einen König erfolgreich macht. Sie zeigt, wie schnell Gefolgschaft kippen kann. Sie zeigt, dass Ruhm, Herkunft und Gewalt allein nicht ausreichen. Herrschaft ist in diesem Werk immer Beziehung: zwischen König und Bauern, König und Gefolgsleuten, König und Kirche, König und anderen Königen.
Eine der berühmtesten Gestalten der Heimskringla ist Harald Schönhaar. In der Saga erscheint er als König, der Norwegen unter seiner Herrschaft vereint. Die bekannte Erzählung vom Schwur, sein Haar nicht zu schneiden, bis er Norwegen gewonnen habe, gehört zu den kraftvollsten Bildern nordischer Königserinnerung.
Historisch ist diese Darstellung mit Vorsicht zu lesen. Die Vorstellung einer vollständigen, plötzlichen Einigung Norwegens unter einem einzigen Herrscher ist wahrscheinlich stärker literarische und politische Rückschau als einfache Realität. Norwegen war im 9. und 10. Jahrhundert von regionalen Machtzentren, lokalen Eliten und wechselnden Herrschaftsverhältnissen geprägt.
Gerade deshalb ist die Heimskringla hier so wichtig: Sie zeigt weniger, wie Norwegen exakt „entstand“, sondern wie man sich im Mittelalter die Entstehung königlicher Ordnung erzählte. Harald wird zur Gründungsfigur, zur Verdichtung eines langen Prozesses in einer einzigen Herrschergestalt.
Olav Tryggvason erscheint in der Heimskringla als eine dynamische, kämpferische und missionarische Gestalt. Seine Saga ist geprägt von Seefahrt, Gewalt, Bekehrung, politischem Anspruch und dramatischem Ende. Er steht für eine Phase, in der das Christentum nicht nur als Glaubenssache, sondern als politisches Instrument in den Norden eintritt.
In der Darstellung der Heimskringla ist Christianisierung kein sanfter Prozess. Sie ist mit Zwang, Widerstand, Überzeugung, Macht und Prestige verbunden. Olav Tryggvason verkörpert diese Härte besonders deutlich. Er ist kein stiller Missionar, sondern ein König, der religiösen Wandel mit königlicher Autorität verbindet.
Auch hier muss quellenkritisch gelesen werden. Snorri schreibt aus einer späteren christlichen Perspektive und gestaltet die Vergangenheit so, dass die Christianisierung als Teil einer größeren historischen Ordnung erscheint. Dennoch bewahrt die Erzählung wertvolle Hinweise auf die Konflikte, die mit religiösem Wandel verbunden waren.
Die Saga über Olaf den Heiligen ist das Zentrum der Heimskringla. Olaf II. Haraldsson wird zunächst als kriegerischer und machtbewusster König gezeigt, später als Herrscher, der für die Christianisierung und Ordnung Norwegens steht. Sein Tod in der Schlacht von Stiklestad im Jahr 1030 und seine spätere Heiligkeit machen ihn zur wichtigsten religiös-politischen Figur des mittelalterlichen Norwegen.
Dass Snorri diesem König so viel Raum gibt, zeigt die Bedeutung Olafs für die norwegische Identität. Olaf der Heilige verbindet Königtum und Christentum. Nach seinem Tod wird er zum Schutzheiligen Norwegens, zum Symbol rechtmäßiger Herrschaft und zur geistlichen Stütze des Königreichs.
In der Heimskringla wird an Olaf sichtbar, wie aus einem politisch umstrittenen König eine Heiligenfigur werden kann. Das Werk erzählt damit nicht nur Ereignisse, sondern die Entstehung von Erinnerung. Olaf wird nicht nur beschrieben, sondern erklärt: als König, dessen Bedeutung erst nach seinem Tod vollständig sichtbar wird.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Saga von Harald Hardråde. Harald führte ein außergewöhnlich weites Leben: Er kämpfte im Osten, diente in Byzanz in der Warägergarde, kehrte nach Norwegen zurück, wurde König und fiel 1066 bei Stamford Bridge in England. In vielen modernen Darstellungen gilt sein Tod als symbolisches Ende der Wikingerzeit.
Die Heimskringla zeichnet Harald als harten, klugen, ehrgeizigen und gefährlichen Herrscher. Er ist ein Mann der weiten Welt, verbunden mit Skandinavien, Russland, Byzanz und England. Seine Geschichte zeigt, wie stark die nordische Welt in größere politische Räume eingebunden war.
Gerade Haralds Saga macht sichtbar, dass die Heimskringla nicht nur norwegische Binnenpolitik erzählt. Sie führt hinaus in eine europäische und eurasische Welt von Höfen, Heeren, Handelswegen und Machtansprüchen.
Ein besonderes Merkmal der Heimskringla ist die Verwendung von Skaldenversen. Snorri zitiert zahlreiche Gedichte, die er als ältere und zuverlässigere Zeugnisse ansieht. In seinem Verständnis waren korrekt überlieferte Gedichte weniger leicht zu verfälschen als freie Prosa, weil ihre komplizierte Form Veränderungen erschwerte.
Das ist für die Quellenkritik wichtig. Skaldendichtung kann tatsächlich wertvolle Informationen bewahren, besonders wenn sie zeitnah zu Personen oder Ereignissen entstanden ist. Zugleich bleibt sie Dichtung. Sie überhöht, verdichtet, lobt, verschlüsselt und arbeitet mit komplexen Bildern. Sie ist kein moderner Tatsachenbericht.
Die Heimskringla ist also nicht nur Saga, sondern auch ein Speicher älterer poetischer Tradition. Ohne Snorri wären viele dieser Verse vielleicht verloren. Für Historiker sind sie oft einer der wichtigsten Zugänge zu früheren Schichten der Überlieferung.
Snorri nutzte verschiedene Materialien. Dazu gehörten ältere Königssagas, mündliche Erzählungen, genealogische Traditionen und besonders Skaldendichtung. In der Forschung werden unter anderem Werke wie Morkinskinna, Fagrskinna, norwegische synoptische Geschichten und das heute verlorene Hryggjarstykki als wichtige Vergleichs- oder Quellentexte diskutiert. Die genaue Quellenlage ist komplex und nicht in jedem Punkt sicher.
Entscheidend ist: Snorri erfand die Heimskringla nicht aus dem Nichts. Er stand in einer bereits bestehenden Tradition der Königssagas. Aber er ordnete, glättete, verband und gestaltete dieses Material auf eine Weise, die sein Werk besonders einflussreich machte.
Die Heimskringla wurde dadurch zu einer Art großer Synthese nordischer Königserinnerung. Sie sammelte nicht nur Überlieferung, sondern prägte fortan selbst, wie diese Überlieferung gelesen wurde.
Wie viele mittelalterliche Werke ist die Heimskringla nicht in einer Originalhandschrift des Autors erhalten. Ihre Überlieferung ist kompliziert. Besonders wichtig war die sogenannte Kringla-Handschrift, die um 1260 entstanden sein soll. Sie wurde beim großen Brand von Kopenhagen 1728 nahezu vollständig zerstört; nur ein Pergamentblatt blieb erhalten. Abschriften und verwandte Handschriften bewahrten jedoch den Text.
Das ist für die Textgeschichte bedeutsam. Wenn wir heute Heimskringla lesen, lesen wir einen Text, der durch Abschriften, Handschriftengruppen, Editionen und Übersetzungen überliefert wurde. Jede mittelalterliche Textüberlieferung trägt Spuren von Auswahl, Kopie und manchmal Veränderung.
Die Zerstörung der Kringla-Handschrift zeigt, wie fragil unser Zugang zur Vergangenheit ist. Ein einzelner Brand hätte ein ganzes Werk beschädigen können, wenn nicht vorher Abschriften existiert hätten. Die Heimskringla überlebte, weil mittelalterliche und frühneuzeitliche Schreiber sie immer wieder weitergaben.
Die Heimskringla ist eine unverzichtbare Quelle, aber keine unfehlbare. Für frühe Zeiten, besonders die mythischen Ursprünge und die ersten Könige, ist der Abstand groß und die Sagenbildung stark. Für spätere Jahrhunderte steigt ihr Wert, doch auch dort bleibt sie eine gestaltete Erzählung.
Die moderne Forschung hat das Vertrauen in die Heimskringla stark differenziert. Während man ihr im 19. Jahrhundert oft großes historisches Vertrauen schenkte, entwickelte sich im 20. Jahrhundert eine strengere Sagakritik. Heute wird sie weder naiv geglaubt noch pauschal verworfen. Man prüft, vergleicht und trennt Ebenen.
Der richtige Umgang lautet daher: Die Heimskringla ist keine einfache Fundgrube sicherer Fakten. Sie ist ein Quellenkomplex, der ältere Traditionen enthält, mittelalterliche Deutung zeigt und politische Erinnerung gestaltet. Ihre Aussagekraft hängt immer davon ab, welche Passage man untersucht und womit man sie vergleicht.
Auch dort, wo die Heimskringla historisch unsicher ist, bleibt sie aussagekräftig. Denn sie zeigt, wie Menschen des 13. Jahrhunderts über frühere Könige, Macht und Ordnung dachten. Sie verrät, welche Eigenschaften man einem guten Herrscher zuschrieb, welche Gefahren man sah und welche Konflikte als erinnerungswürdig galten.
Sie zeigt eine Welt, in der Ehre, Ruhm, Gefolgschaft, Abstammung, Großzügigkeit und kluge Härte zentrale politische Werte waren. Ein König musste gewinnen, aber auch geben. Er musste kämpfen, aber auch beraten. Er musste Furcht erzeugen, aber ebenso Loyalität.
Damit ist die Heimskringla nicht nur Quelle für Ereignisse, sondern auch Quelle für politische Kultur. Sie hilft zu verstehen, wie mittelalterliche Nordleute Herrschaft erzählten und bewerteten.
Ein besonders wichtiger Punkt ist Snorris christliche Perspektive. Die Heimskringla blickt auf eine Welt zurück, in der alte Götter, Opfer, heidnische Bräuche und spätere Christianisierung vorkommen. Doch Snorri selbst schreibt in einer christlichen Kultur. Das prägt seine Darstellung.
Heidnische Vergangenheit erscheint bei ihm nicht einfach als lebendige Religion, sondern als Teil der Vorgeschichte christlicher Königreiche. Das bedeutet nicht, dass Snorri alles verfälscht. Aber er ordnet die Vergangenheit in ein Weltbild ein, das bereits vom Christentum geprägt ist.
Gerade deshalb muss man bei Angaben zu Ritualen, Göttern oder alter Religion vorsichtig sein. Die Heimskringla kann wertvolle Hinweise liefern, aber sie ist nicht dasselbe wie eine zeitgenössische Beschreibung vorchristlicher Praxis.
In Norwegen spielte die Heimskringla später eine enorme Rolle für die nationale Erinnerung. Sie bot eine große Erzählung von Königen, Reichswerdung, Christianisierung und politischer Kontinuität. Besonders im 19. Jahrhundert, als nationale Geschichtsbilder in Europa stark an Bedeutung gewannen, wurde Snorris Werk zu einem zentralen Bezugspunkt.
Das ist historisch verständlich, aber auch problematisch. Ein mittelalterliches Sagawerk wurde dadurch leicht als nationale Ursprungschronik gelesen. Moderne Forschung geht vorsichtiger damit um. Sie fragt nicht nur, was in der Heimskringla über die frühe Zeit steht, sondern auch, warum spätere Jahrhunderte genau dieses Werk so stark für ihre Identität nutzten.
Die Heimskringla ist deshalb doppelt wichtig: als mittelalterliches Werk und als späteres Erinnerungsfundament.
Für die Forschung ist die Heimskringla aus mehreren Gründen bedeutend. Sie bewahrt Skaldendichtung, die sonst teilweise verloren wäre. Sie bietet ausführliche Erzählungen über norwegische Könige. Sie zeigt politische Denkweisen des mittelalterlichen Nordens. Sie verbindet Island, Norwegen und die weitere nordische Welt. Und sie macht sichtbar, wie Geschichte im 13. Jahrhundert literarisch gestaltet wurde.
Gleichzeitig zwingt sie zur methodischen Vorsicht. Jede Aussage muss geprüft werden: Ist sie durch ältere Verse gestützt? Gibt es Parallelen in anderen Sagas? Gibt es archäologische Hinweise? Gibt es auswärtige Chroniken? Handelt es sich um ein literarisches Motiv? Oder um eine spätere politische Deutung?
Gerade diese Spannung macht die Heimskringla so wertvoll. Sie ist keine einfache Antwort, sondern ein Gesprächspartner.
Für ein quellenbewusstes Erzählen über den Norden ist die Heimskringla ein unverzichtbares, aber anspruchsvolles Werk. Sie liefert Stoff für Könige wie Harald Schönhaar, Erik Blutaxt, Olav Tryggvason, Olaf den Heiligen und Harald Hardråde. Sie erklärt viele Erzählungen, die bis heute das Bild der nordischen Welt prägen.
Doch sie verlangt Respekt vor ihrer Eigenart. Wer die Heimskringla nutzt, muss sie als das behandeln, was sie ist: ein mittelalterliches Meisterwerk, kein modernes Archiv. Ihre Geschichten sind stark, aber ihre Stärke liegt nicht darin, dass jedes Detail sicher historisch wäre. Ihre Stärke liegt darin, dass sie zeigt, wie der Norden seine Könige erinnerte, deutete und erzählte.
Die Heimskringla entstand im christlichen Island des 13. Jahrhunderts und wird traditionell Snorri Sturluson zugeschrieben. Sie schildert die norwegische Königsgeschichte von mythischen Anfängen bis ins Jahr 1177 und verbindet dabei ältere Dichtung, frühere Sagas, mündliche Tradition und literarische Gestaltung.
Ihr Quellenwert ist hoch, aber unterschiedlich. Für spätere Zeiträume kann sie historisch hilfreicher sein als für die frühesten Sagenabschnitte. Skaldengedichte können ältere Schichten bewahren, doch auch sie sind poetisch und müssen gedeutet werden. Für die Religionsgeschichte ist die Heimskringla wertvoll, aber wegen Snorris christlicher Perspektive vorsichtig zu lesen.
Am saubersten lässt sich sagen: Die Heimskringla ist keine reine Chronik und keine bloße Legende. Sie ist ein literarisches Geschichtswerk, das mittelalterliche Erinnerung an frühere Herrschaft formt.
Die Heimskringla ist eines der großen Grundwerke der altnordischen Literatur. Sie bewahrt Königsgeschichten, Skaldendichtung, politische Erinnerung und Vorstellungen von Herrschaft in einer Form, die den Blick auf den Norden bis heute prägt. Ihr Wert liegt nicht darin, dass jedes Detail unkritisch als Tatsache gelten kann, sondern darin, dass sie Geschichte, Saga und Erinnerung zu einem mächtigen Gesamtbild verbindet. Wer den Norden verstehen will, muss die Heimskringla kennen – und zugleich wissen, wie vorsichtig man sie lesen muss.
Alexander Ellmer ist Historiker und Forscher zur nordischen Mythologie und Kulturgeschichte Skandinaviens. Als Fachautor publiziert er fundierte Werke zu zentralen Themen der nordischen Welt – seine Einordnungen finden dabei zunehmend Eingang in öffentliche Wissenskontexte und mediale Beiträge.
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