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Ivar der Knochenlose – was wissen wir wirklich über den berühmten Wikinger?

07.10.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 17 Min. Lesezeit

Kaum eine Gestalt der Wikingerzeit wirkt heute so eindeutig wie Ivar der Knochenlose. Er gilt als Sohn Ragnar Loðbróks, als einer der gefährlichsten Köpfe des großen skandinavischen Heeres in England, als Rächer seines Vaters und als körperlich schwer beeinträchtigter Mann, der seine fehlende Beweglichkeit durch außergewöhnliche Intelligenz kompensierte. Sein Beiname scheint sogar eine Diagnose zu liefern: Ívarr inn beinlausi, Ivar „der Knochenlose“.

Doch kaum beginnt man, diese Biografie Quelle für Quelle auseinanderzunehmen, verändert sich das Bild. Die englischen und irischen Texte des 9. Jahrhunderts kennen große skandinavische Heere, Herrscher und einen mächtigen Ímar. Die ausführliche Geschichte des „knochenlosen“ Sohnes Ragnar Loðbróks begegnet dagegen in nordischen Texten, die erst Jahrhunderte später niedergeschrieben wurden. Dass hinter Ivar dem Knochenlosen wahrscheinlich eine historische Persönlichkeit steht, ist gut begründbar. Welche Einzelheiten der berühmten Lebensgeschichte tatsächlich zu diesem Menschen gehören, ist eine wesentlich schwierigere Frage.

Gerade deshalb ist Ivar quellenkundlich außergewöhnlich spannend. Bei kaum einer anderen berühmten Wikingerfigur lässt sich so deutlich beobachten, wie ein historischer Machtträger, ein rätselhafter Beiname, politische Erinnerung und Heldensage miteinander verschmelzen. Um ihm näherzukommen, muss deshalb jedes Detail dieselbe Prüfung bestehen: Welche Quelle erzählt es, wann entstand diese Quelle – und was sagt sie tatsächlich?

Es gibt nicht nur „eine Quelle über Ivar“

Die Überlieferung zerfällt zunächst in mehrere sehr unterschiedliche Gruppen. Die Angelsächsische Chronik dokumentiert die großen skandinavischen Feldzüge in England. Irische Annalen berichten von einem Herrscher namens Ímar, der in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts eine außerordentlich bedeutende Stellung innehatte. Spätere englische Geschichtsschreiber geben einzelnen skandinavischen Anführern Namen. Erst deutlich später erzählen nordische Texte wie die Ragnars saga loðbrókar eine vollständige Familiengeschichte um Ragnar und seine Söhne.

Diese Texte dürfen nicht auf dieselbe Ebene gestellt werden. Ein Annaleneintrag des 9. Jahrhunderts, der den Tod eines Herrschers festhält, steht zeitlich wesentlich näher am Geschehen als eine Saga, die mehrere Jahrhunderte später seine Geburt, seinen Charakter und die Worte seiner Familie schildert. Umgekehrt kann die spätere Saga Erinnerungen oder ältere Traditionen bewahren, die in den knappen Annalen fehlen. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, eine Quelle gegen die andere auszuspielen, sondern ihre unterschiedlichen Reichweiten sichtbar zu machen.

Die Saga erklärt, warum Ivar „knochenlos“ gewesen sein soll

Die berühmteste körperliche Beschreibung Ivars steht in der Ragnars saga loðbrókar. Die erhaltene Saga gehört zur hochmittelalterlichen Ragnarüberlieferung und erzählt Ivar als Sohn Ragnars und Áslaugs. Bereits vor seiner Zeugung warnt Áslaug Ragnar davor, die Verbindung zu früh zu vollziehen. In einer Strophe sagt sie:

„heldr ert bráðr at byrja
þann, er bein hefir engi.“

Sinngemäß: „Zu hastig bist du, den zu zeugen, der keine Knochen haben wird.“ Die Verse stehen unmittelbar vor Kapitel 7 der verbreiteten Einteilung der Ragnars saga loðbrókar. Ragnar ignoriert die Warnung, und die folgende Erzählung macht daraus eine Ursache für den ungewöhnlichen Zustand des Kindes.

Kapitel 7 formuliert anschließend sehr deutlich:

„En sá sveinn var beinlauss ok sem brjósk væri þar, sem bein skyldu vera.“

Sinngemäß: „Dieser Knabe war knochenlos, und dort, wo Knochen sein sollten, war es wie Knorpel.“ Damit besitzen wir tatsächlich eine mittelalterliche Quelle, die Ivars Beinamen körperlich interpretiert. Das ist keine moderne Erfindung. Entscheidend ist allerdings das Alter der Quelle: Die Saga beschreibt nicht einen Patienten, den ihr Verfasser selbst gesehen hätte, sondern erklärt Jahrhunderte später einen bereits bekannten Heldensohn.

Die Saga sagt sogar ausdrücklich, dass Ivar nicht gehen konnte

Die Passage geht weiter. Ivar wird als außergewöhnlich groß, schön und weise beschrieben. Dann folgt ein Detail, das für die moderne Darstellung enorm wichtig geworden ist:

„Ok hvert sem þeir fóru, lét Ívarr bera sik á stöngum, því at hann mátti eigi ganga.“

Sinngemäß: „Und wohin sie auch gingen, ließ Ivar sich auf Stangen tragen, weil er nicht gehen konnte.“ Auch dies steht in Kapitel 7 der Ragnars saga loðbrókar. Wer behauptet, die Vorstellung eines nicht gehfähigen Ivar sei ausschließlich eine Erfindung moderner Fernsehserien, liegt damit falsch.

Doch auch der umgekehrte Schluss wäre zu stark. Dass eine mittelalterliche Saga Ivar als nicht gehfähig beschreibt, beweist nicht automatisch, dass der historische Mann dieselbe körperliche Behinderung besaß. Gerade Sagas erklären Beinamen häufig erzählerisch. Aus „der Knochenlose“ wird eine Geburtserzählung, aus der Geburtserzählung eine körperliche Eigenschaft und aus dieser Eigenschaft wiederum ein bestimmter Heldentyp.

Was bedeutet „inn beinlausi“ wirklich?

Wörtlich lässt sich inn beinlausi tatsächlich als „der Knochenlose“ wiedergeben. Weshalb ein historischer oder legendärer Ivar diesen Beinamen erhielt, wissen wir jedoch nicht sicher. Die Erklärung der Ragnars saga ist eine wichtige mittelalterliche Deutung, aber sie muss nicht die ursprüngliche Bedeutung bewahren.

In der Forschung und populären Literatur wurden zahlreiche Erklärungen vorgeschlagen. Manche beziehen den Namen auf eine körperliche Erkrankung oder starke Beweglichkeit, andere haben sexuelle beziehungsweise metaphorische Bedeutungen erwogen. Besonders populär wurde die Vermutung, Ivar könne an Osteogenesis imperfecta gelitten haben. Eine solche medizinische Diagnose lässt sich aus den Quellen nicht stellen. Es existiert kein sicher identifiziertes Skelett Ivars, keine zeitgenössische medizinische Beschreibung und keine Möglichkeit, die Sagadarstellung klinisch zu überprüfen.

Historisch sauber ist deshalb nur eine abgestufte Aussage: Der Beiname „der Knochenlose“ ist Teil der mittelalterlichen Überlieferung. Eine spätere Saga versteht ihn ausdrücklich körperlich und schildert Ivar als nicht gehfähig. Welche reale Ursache – sofern überhaupt eine körperliche Ursache dahinterstand – der Beiname ursprünglich hatte, bleibt unbekannt.

Der Ivar der Saga wird gerade wegen seines Körpers zum besonderen Helden

Die Saga behandelt Ivar keineswegs als schwache Figur. Unmittelbar nach der körperlichen Beschreibung heißt es über ihn:

„Hann var allra manna fríðastr sýnum ok svá vitr, at eigi er víst, hverr meiri spekingr hefir verit en hann.“

Sinngemäß: „Er war von allen Männern der schönste anzusehen und so weise, dass nicht sicher ist, ob je ein größerer Weiser gelebt hat.“ Das ist bewusst überhöhte Heldensprache. Ivars fehlende Gehfähigkeit wird nicht als Ende seiner kriegerischen Bedeutung erzählt, sondern mit außergewöhnlicher geistiger Fähigkeit verbunden.

Die Saga macht ihn anschließend zum Berater seiner Brüder. Gerade weil er anders kämpft als sie, erhält er innerhalb der Erzählung eine eigene Funktion. Während andere Helden über Körperkraft definiert werden, wird Ivar über Planung und Verstand herausgehoben. Das heute verbreitete Bild des genialen Strategen hat also tatsächlich einen mittelalterlichen literarischen Vorläufer – auch wenn daraus noch keine historische Charakterdiagnose wird.

Das große skandinavische Heer ist dagegen historisch fest greifbar

In England betreten wir deutlich sichereren Boden. Die Angelsächsische Chronik berichtet für die Mitte der 860er-Jahre von der Ankunft eines außergewöhnlich großen skandinavischen Heeres. Im Parker-Manuskript lautet die bekannte Stelle:

„þy ilcan geare cuom micel here on Angelcynnes lond“

Sinngemäß: „In demselben Jahr kam ein großes Heer in das Land der Engländer.“ Der Eintrag wird in der modernen Chronologie gewöhnlich auf 865/866 bezogen. Das Wort micel here, „großes Heer“, bildet die Grundlage für die heute verbreitete Bezeichnung „Great Heathen Army“ beziehungsweise „Große Heidnische Armee“.

Wichtig ist jedoch, was dieser Eintrag gerade nicht tut: Er nennt Ivar dort nicht. Die zeitnahe englische Überlieferung dokumentiert das Heer zuverlässiger als seine vollständige Führungsstruktur. Spätere englische Autoren verbinden einen Inguar beziehungsweise ähnlich geschriebenen Namen ausdrücklich mit den skandinavischen Heerführern, doch die einfache Aussage „Die Angelsächsische Chronik nennt Ivar 865 als Anführer“ wäre zu stark.

Das Heer nimmt York – und Ælla stirbt

Das skandinavische Heer zog nach Northumbria und besetzte York. Im Jahr 867 versuchten die miteinander rivalisierenden northumbrischen Könige Osberht und Ælla gemeinsam, die Stadt zurückzugewinnen. Die Angelsächsische Chronik berichtet von schweren Kämpfen und vom Tod beider Könige. Damit besitzt die berühmte Geschichte um Ælla einen festen historischen Kern.

Was die Chronik nicht erzählt, ist eine persönliche Rache Ivars für Ragnar Loðbrók. Sie kennt an dieser Stelle keinen Schlangengrubenmord an Ragnar, keine versammelten Ragnarssöhne und keinen Blutadler. Historisch sicher ist: Ælla fiel 867 im Kampf gegen das skandinavische Heer bei York. Die Geschichte, weshalb er ausgerechnet von Ivar und seinen Brüdern sterben musste, gehört in eine andere Überlieferungsschicht.

Die Saga macht aus dem Krieg eine Familienrache

In der Ragnars saga loðbrókar wird Ælla zum persönlichen Gegner der Ragnarssöhne. Ragnar zieht nach England, gerät in Ællas Gewalt und wird getötet. Als die Nachricht seine Söhne erreicht, reagieren sie unterschiedlich. Ivar erscheint dabei besonders kontrolliert. Statt sofort blind zur Rache aufzurufen, beginnt er zu planen.

In Kapitel 16 hält Ivar seine Brüder zunächst sogar davon ab, die englischen Boten zu töten. Die Saga lässt König Ælla daraufhin erkennen, dass gerade Ivar gefährlich sei. Dieser Teil der Geschichte ist literarisch außerordentlich wirkungsvoll: Ivar ist nicht der Bruder mit der lautesten Wut, sondern derjenige, dessen Ruhe bedrohlicher wirkt als die offene Raserei der anderen.

Historisch belegt ist diese Szene nicht. Sie zeigt vielmehr, wie die spätere Saga Ivars bereits bekannte Rolle als besonders kluger Sohn charakterlich ausbaut.

Der Blutadler: Die spätere Saga nennt Ivar tatsächlich

Auch beim sogenannten Blutadler muss genauer unterschieden werden, als es populäre Darstellungen gewöhnlich tun. Die Ragnars saga loðbrókar erzählt nach Ællas Gefangennahme ausdrücklich, dass Ivar eine besondere Form seiner Tötung verlangt. Dort heißt es:

„Nú skal sá maðr, er oddhagastr er, marka örn á baki honum sem inniligast, ok þann örn skal rjóða með blóði hans.“

Sinngemäß: „Nun soll der kunstfertigste Mann einen Adler so tief wie möglich auf seinen Rücken zeichnen beziehungsweise schneiden, und dieser Adler soll mit seinem Blut gerötet werden.“ Die Passage gehört zum Schluss der Ragnars saga loðbrókar, in der verbreiteten Einteilung zum Abschnitt über Ællas Tod.

Damit ist wichtig festzuhalten: Der Adler auf Ællas Rücken ist tatsächlich mittelalterlich überliefert. Falsch wäre jedoch, daraus einen zeitgenössisch dokumentierten Hinrichtungsbericht von 867 zu machen. Zwischen Ællas historischem Tod und der erhaltenen Sagafassung liegen Jahrhunderte.

Der Adler auf Ællas Rücken ist älter als die erhaltene Ragnar-Saga

Ganz einfach als spätmittelalterliche Erfindung lässt sich das Motiv allerdings ebenfalls nicht abtun. Eine bemerkenswerte ältere Spur findet sich in einer Strophe, die dem isländischen Skalden Sigvatr Þórðarson zugeschrieben und seiner Knútsdrápa zugeordnet wird. Sigvatr lebte im frühen 11. Jahrhundert, also deutlich näher an der Wikingerzeit als die erhaltene Ragnars saga.

Die überlieferte Versfolge lautet:

„Ok Ellu bak,
at, lét, hinns sat,
Ívarr ara,
Jórvík, skorit.“

In normalisierter Satzfolge ergibt sich sinngemäß: „Und Ivar, der in York saß, ließ einen Adler in Ællas Rücken schneiden.“ Die Stelle wird als Strophe 1 der Knútsdrápa Sigvatrs ediert. Der Vers selbst ist allerdings nur in späteren Handschriften erhalten. Er ist also kein direkt überliefertes Dokument des Jahres 867, aber er zeigt, dass die Verbindung von Ivar, Ælla, York und einem in den Rücken geschnittenen Adler bereits in der mittelalterlichen Tradition vor der erhaltenen Ragnar-Saga vorhanden war.

Das ist quellenkritisch wesentlich interessanter als die einfache Wahl zwischen „wahr“ und „erfunden“. Das Adlermotiv ist alt – aber ob es eine reale Hinrichtungstechnik beschreibt, eine poetische Formulierung, eine ritualisierte Tötung oder eine später materialisierte Metapher, bleibt Gegenstand der Interpretation.

Vom Adler zum vollständig ausgearbeiteten „Blutadler“

Gerade moderne Darstellungen gehen meist viel weiter als die älteren Texte. Sie schildern das Durchtrennen der Rippen, das Herausbiegen des Brustkorbs und das Herausziehen der Lungen als fest definiertes Ritual. Die mittelalterlichen Quellen selbst sind in Wortlaut und Ausgestaltung nicht so einheitlich. Deshalb sollte nicht aus jeder Erwähnung eines „Adlers“ automatisch dieselbe anatomisch detaillierte Zeremonie rekonstruiert werden.

Für Ivars historische Biografie bedeutet das: Ællas Tod ist historisch. Eine mittelalterliche Tradition verbindet Ivar mit einem Adlerzeichen auf Ællas Rücken. Dass der historische Ivar im Jahr 867 persönlich eine exakt standardisierte Hinrichtung nach dem heute populären Blutadler-Schema anordnete, lässt sich dagegen nicht beweisen.

Der Mann Ímar in Irland

Während die Ragnarüberlieferung Ivars Familie ausschmückt, berichten die irischen Annalen von einem skandinavischen Herrscher namens Ímar. Dieser Mann erscheint im politischen Umfeld von Dublin und in den Machtkämpfen des 9. Jahrhunderts. Genau hier liegt der vielleicht wichtigste historische Ansatzpunkt für die Frage, wer hinter Ivar dem Knochenlosen gestanden haben könnte.

Ímar wird in den irischen Quellen gemeinsam mit anderen skandinavischen Machthabern sichtbar und gehört offenbar zu einer Herrschergruppe mit weitreichenden Interessen. Seine politische Bedeutung lässt sich besonders klar an seinem Todeseintrag erkennen. Anders als eine Saga erzählt dieser Eintrag keine Szene und keine letzten Worte. Gerade seine Nüchternheit macht ihn so wertvoll.

873: „König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien“

Die Annals of Ulster melden unter U873.3:

„Imhar, rex Nordmannorum totius Hibernie & Brittanie, uitam finiuit.“

Sinngemäß: „Ímar, König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien, beendete sein Leben.“ Diese Formulierung ist außergewöhnlich. Selbst wenn der Herrschertitel nicht wie ein moderner territorialer Königstitel verstanden werden darf, zeigt er die enorme Reichweite, die der Annalist Ímar zuschrieb.

Der Eintrag sagt dagegen nichts über Knochen, Gehfähigkeit oder Ragnar. Er nennt keinen Beinamen und keinen Vater. Das ist genau der Punkt, an dem historische Identifikation und Sagabiografie voneinander getrennt werden müssen.

Ist Ímar wirklich Ivar der Knochenlose?

Diese Gleichsetzung wird häufig vorgenommen und besitzt ernsthafte Argumente. Die Namensformen Ímar, Ívarr und englische Formen wie Inguar gehören in denselben sprachlichen Zusammenhang. Auch die Chronologie passt grundsätzlich: Ímar ist in Irland aktiv, verschwindet zeitweise aus den dortigen Annalen während jener Jahre, in denen große skandinavische Unternehmungen in Britannien stattfinden, und kehrt anschließend in den irischen Überlieferungshorizont zurück.

Mehrere bedeutende Historiker haben deshalb Ímar mit dem Ivar der englischen beziehungsweise später nordischen Überlieferung identifiziert. Andere Forscher haben vorsichtiger argumentiert. Es besteht also eine starke und weithin vertretene Identifikation, aber keine Quelle sagt ausdrücklich: „Ímar von Dublin ist Ívarr inn beinlausi, Sohn Ragnar Loðbróks.“

Für einen quellenfesten Artikel ist genau diese Formulierung entscheidend. Man darf mit der Identifikation arbeiten, solange sie als historische Rekonstruktion erkennbar bleibt. Wer sie als vollständig bewiesene Personenidentität behandelt, macht aus Wahrscheinlichkeit Gewissheit.

Was sagt der Tod von 873 über Ivars Krankheit?

Nichts Sicheres. Die Annals of Ulster melden lediglich, dass Ímar sein Leben beendete beziehungsweise starb. Die Todesursache wird im Eintrag nicht genannt. Daraus lässt sich weder Osteogenesis imperfecta noch eine andere Erkrankung ableiten.

Spätere Texte und moderne Spekulationen haben versucht, Ivars Beinamen mit seinem Tod zu verbinden. Ohne sicheren Leichnam und ohne zeitgenössische medizinische Angaben bleibt das jedoch spekulativ. Wenn Ímar tatsächlich Ivar der Knochenlose war, besitzen wir wahrscheinlich ein Todesjahr – aber keine gesicherte Todesursache.

War Ivar wirklich Ragnar Loðbróks Sohn?

In der nordischen Sagawelt ist die Antwort eindeutig: ja. Die Ragnars saga loðbrókar macht Ivar zum Sohn Ragnars und Áslaugs und ordnet Björn, Hvítserkr und andere Gestalten in dieselbe Familie ein. Die gesamte spätere Erzählung von Ragnars Tod und der Rache seiner Söhne beruht auf dieser Genealogie.

Historisch ist die Sache schwieriger. Ragnar Loðbrók selbst steht zwischen verschiedenen Quellen- und Traditionsschichten. Ein skandinavischer Anführer Reginherus erscheint 845 in fränkischen Quellen beim Angriff auf Paris; ob dieser Mann mit dem späteren Ragnar Loðbrók identisch war, lässt sich nicht sicher beweisen. Die vollständige Sagabiografie Ragnars verbindet zudem historische Ereignisse mit Heroenstoffen und der Völsungenwelt.

Deshalb ist Ivars Abstammung von Ragnar als mittelalterliche Überlieferung sicher belegt, als historische Vaterschaft aber nicht. Dieser Unterschied ist klein formuliert und enorm wichtig.

Auch die berühmte Brüdergruppe ist quellenkritisch kompliziert

Ubba, Halfdan und andere skandinavische Heerführer sind in verschiedenen Quellen tatsächlich greifbar. Spätere nordische Texte stellen mehrere dieser Männer als Söhne Ragnar Loðbróks zusammen. Daraus entsteht jene berühmte Familie, die heute fast selbstverständlich als historische Dynastie wahrgenommen wird.

Verwandtschaft unter einzelnen Anführern ist durchaus möglich und in einer dynastisch organisierten Kriegerelite sogar plausibel. Doch die Quellen liefern keinen zeitgenössischen Stammbaum, der die vollständige Brüderliste der späteren Sagas bestätigt. Historische Namen und literarische Genealogie dürfen deshalb nicht einfach identisch gesetzt werden.

Wie wurde aus einem Herrscher ein genialer Stratege?

Gerade die spätere Saga gestaltet Ivar sehr bewusst als Mann des Verstandes. Seine Brüder können kämpfen, doch Ivar plant. Seine körperliche Besonderheit erhält dadurch eine erzählerische Funktion. Der Held muss nicht wie alle anderen sein, um gefährlicher als sie zu werden.

Ein mächtiger Herrscher wie Ímar dürfte selbstverständlich politische und militärische Fähigkeiten besessen haben. Ein Mann, den die irische Überlieferung am Ende als König der Nordmänner von Irland und Britannien bezeichnet, war kein unbedeutender Mitläufer. Aber die konkrete Persönlichkeit des hochintelligenten, kühl berechnenden Strategen ist vor allem in der späteren Literatur greifbar. Historische Bedeutung und literarischer Charakter sind zwei unterschiedliche Dinge.

Die Grabesgeschichte gehört ebenfalls zur späteren Legende

Eine spätere Tradition erzählt, Ivar habe verfügt, an einer gefährdeten Stelle Englands bestattet zu werden. Solange seine Gebeine dort lägen, sollten feindliche Angriffe auf das Land scheitern. In Varianten der Erzählung wird dieser Schutz erst gebrochen, als Wilhelm der Eroberer vor seiner Invasion Ivars Grab öffnen und den Körper verbrennen lässt.

Diese Geschichte gehört nicht zu den zeitnahen irischen Annalen und nicht zur Angelsächsischen Chronik des 9. Jahrhunderts. Sie ist Teil der späteren Ragnarssöhne-Tradition und macht Ivar noch nach seinem Tod zu einer übernatürlich wirksamen Gestalt. Ein sicher identifiziertes archäologisches Grab Ivars besitzen wir nicht. Gerade deshalb darf auch ein spektakulärer wikingerzeitlicher Bestattungsfund nicht allein aufgrund von Ort, Größe oder ungewöhnlicher Ausstattung mit Ivar gleichgesetzt werden.

War Ivar überhaupt ein „Wikingerkönig“?

Der Begriff kann leicht moderne Vorstellungen hervorrufen. Ímar wird in den Annals of Ulster tatsächlich als rex Nordmannorum, als König der Nordmänner, bezeichnet. Das ist ein starker Quellenbeleg für Herrschaft. Wie genau diese Herrschaft institutionell aussah, welche Gebiete er direkt kontrollierte und welche Gruppen seine Autorität anerkannten, lässt sich daraus jedoch nicht wie aus einer modernen Staatsverfassung ablesen.

Die politische Welt der Wikingerzeit bestand aus Herrschaften, Gefolgschaften, Städten, Flotten, Familiennetzwerken und wechselnden Bündnissen. Ivar beziehungsweise Ímar war offenbar ein außergewöhnlich bedeutender Machthaber – aber nicht „König von Irland und Großbritannien“ im modernen territorialstaatlichen Sinn.

Was wissen wir nach der Quellenprüfung tatsächlich?

Mehr, als es zunächst scheint – nur anders verteilt. Das große skandinavische Heer in England ist historisch sicher. York fiel, Ælla starb, und skandinavische Herrscher bauten im 9. Jahrhundert Macht in Britannien und Irland auf. Ein Ímar war ein außerordentlich bedeutender nordischer Herrscher und starb 873. Eine mittelalterliche Tradition kennt Ívarr inn beinlausi und verbindet ihn mit Ragnar, Ælla und York. Eine ältere skaldische Strophe kennt bereits die Vorstellung, Ivar habe einen Adler in Ællas Rücken schneiden lassen.

Unsicher bleibt dagegen, ob all diese Nachrichten ohne Rest zu einem einzigen Menschen zusammengesetzt werden dürfen. Gerade bei Ivar besteht die historische Arbeit nicht darin, die Legende vollständig zu zerstören, sondern die Stellen sichtbar zu machen, an denen verschiedene Überlieferungsstränge wahrscheinlich denselben Mann erinnern – und jene, an denen die Erzählung deutlich über das Belegbare hinauswächst.

Wie realistisch ist die Darstellung in der Serie Vikings von Ivar dem Knochenlosen?

Die Serie Vikings greift erstaunlich gezielt auf die spätere mittelalterliche Ivar-Tradition zurück. Besonders die körperliche Behinderung des Serien-Ivar besitzt einen echten Quellenanker: Die Ragnars saga loðbrókar beschreibt ihn ausdrücklich als beinlauss, schildert knorpelartiges Gewebe anstelle von Knochen und sagt, dass er nicht gehen konnte und getragen werden musste. Die Grundidee eines körperlich stark eingeschränkten Ivar ist deshalb keine Erfindung der Serie. Sie stammt allerdings aus einer Saga, die Jahrhunderte nach dem historischen 9. Jahrhundert niedergeschrieben wurde.

Auch der besonders kluge Ivar hat mittelalterliche Wurzeln. Die Saga bezeichnet ihn als außergewöhnlich weise und lässt ihn die Pläne seiner Brüder bestimmen. Die Serie übernimmt dieses Motiv und entwickelt daraus einen hochintelligenten, manipulativen und militärisch kreativen Charakter. Historisch lässt sich ein solcher Charakter nicht überprüfen. Dass ein Mann wie Ímar erhebliche politische Fähigkeiten besessen haben dürfte, ist plausibel; seine psychologische Persönlichkeit bleibt unbekannt.

Deutlich freier wird die Serie bei vielen familiären und persönlichen Details. Ivars Verhältnis zu Ragnar, Lagertha, Björn und seinen Brüdern basiert auf einer Mischung aus Sagatradition und moderner Dramaturgie. Die historische Vaterschaft Ragnar Loðbróks ist nicht gesichert. Ebenso wenig können Ivars körperliche Beschwerden medizinisch als bestimmte Krankheit diagnostiziert werden. Die Serie macht aus der mittelalterlichen Formulierung „knochenlos“ einen körperlich nachvollziehbaren Menschen des modernen Fernsehens – eine kreative Interpretation, keine historische Diagnose.

Auch beim Blutadler besitzt Vikings einen echten mittelalterlichen Ausgangspunkt, präsentiert ihn aber viel eindeutiger, als die Quellenlage erlaubt. Dass Ivar mit einem Adler auf Ællas Rücken verbunden wird, ist bereits in mittelalterlicher Dichtung und später ausführlicher in der Ragnar-Saga überliefert. Dass der historische Ælla 867 durch genau das anatomisch ausgearbeitete Ritual der Serie starb, ist dagegen nicht belegt. Insgesamt ist der Serien-Ivar deshalb überraschend stark aus mittelalterlicher Überlieferung gebaut – aber diese Überlieferung ist nicht dasselbe wie eine gesicherte Biografie des historischen Mannes.

Fazit – wer war Ivar der Knochenlose wirklich?

Ivar der Knochenlose gehört zu jenen Gestalten der Wikingerzeit, bei denen die einfache Antwort weniger überzeugend ist als die komplizierte. Die mittelalterliche Überlieferung kennt einen Ívarr inn beinlausi, Sohn Ragnar Loðbróks, der nicht gehen kann, außergewöhnlich klug ist und eine zentrale Rolle bei der Rache an König Ælla spielt. Diese Geschichten sind tatsächlich überliefert und dürfen nicht als moderne Erfindungen abgetan werden. Sie wurden jedoch erst Jahrhunderte nach den Ereignissen in ihrer erhaltenen Form niedergeschrieben.

Daneben steht der Ímar der irischen Annalen. Bei seinem Tod im Jahr 873 nennen ihn die Annals of Ulster „König der Nordmänner von ganz Irland und Britannien“. Hier befinden wir uns sehr viel näher an der historischen Welt des 9. Jahrhunderts. Dass Ímar mit dem Ivar der englischen und späteren nordischen Überlieferung identisch ist, wird von bedeutenden Teilen der Forschung vertreten und passt chronologisch gut. Vollständig beweisen lässt sich diese Gleichsetzung dennoch nicht.

Auch die berühmtesten Episoden müssen deshalb abgestuft werden. Ællas Tod im Kampf gegen das skandinavische Heer ist historisch belegt. Die Verbindung Ivars mit einem Adler auf Ællas Rücken besitzt eine bemerkenswert alte mittelalterliche poetische Tradition. Die vollständig ausgearbeitete Rachegeschichte mit Ragnar, seinen Söhnen und einem detaillierten Blutadler gehört dagegen stärker in die spätere Heldenerzählung. Dasselbe gilt für die Erklärung seines Beinamen durch einen knorpelartigen Körper und seine fehlende Gehfähigkeit: mittelalterlich eindeutig erzählt, historisch nicht unabhängig bestätigt.

Der sicherste Ivar ist deshalb nicht der vollständig erzählte Held, sondern ein Mann, dessen Konturen zwischen verschiedenen Quellen sichtbar werden. Wahrscheinlich stand hinter der Legende ein außerordentlich mächtiger skandinavischer Herrscher des 9. Jahrhunderts, dessen Wirkung von Irland bis Britannien reichte. Spätere Generationen gaben ihm einen Vater, Brüder, eine außergewöhnliche Geburt, einen unverwechselbaren Charakter und eine große Rachegeschichte. Die Legende hat den historischen Mann nicht unbedingt erfunden – sie hat aus seinen wenigen erhaltenen Spuren eine der berühmtesten Biografien der Wikingerzeit geschaffen.

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