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Vikings und The Last Kingdom – wie viel Wikingerzeit steckt wirklich in den Serien?

01.10.2026Verlag NorseStory · Berlinca. 27 Min. Lesezeit

Ragnar Loðbrók erlebt den Überfall auf Lindisfarne, kämpft in England und fährt später nach Paris. Sein Bruder Rollo wird schließlich Herrscher in der Normandie. Harald Schönhaar taucht als Zeitgenosse von Ragnars Söhnen auf, Ivar gelangt zu den Rus und trifft in Kiew auf Oleg und Igor. In The Last Kingdom wiederum begleitet Uhtred zunächst Alfred, anschließend dessen Kinder Edward und Æthelflæd und schließlich eine Generation, in der Æthelstan um die Herrschaft über England kämpft. Auf dem Bildschirm wirkt all das erstaunlich geschlossen. Historisch liegen zwischen manchen dieser Ereignisse jedoch Jahrzehnte – zwischen anderen mehr als ein Jahrhundert.

Genau darin liegt eine der größten Leistungen und zugleich eine der größten Verzerrungen historischer Serien. Sie machen aus komplizierten Entwicklungen persönliche Geschichten. Aus mehreren Generationen wird eine Gruppe bekannter Gesichter, aus unsicheren Überlieferungen werden vollständige Biografien und aus weit auseinanderliegenden Ereignissen entsteht eine dramatische Lebenszeit. Wer wissen möchte, wie viel Wikingerzeit tatsächlich in Vikings und The Last Kingdom steckt, muss deshalb nicht nur fragen, ob eine Figur historisch existierte. Entscheidend ist ebenso: Wann ist sie belegt, durch welche Quelle kennen wir sie – und konnte sie überhaupt mit den anderen Figuren zusammentreffen?

Gerade der direkte Vergleich macht die Unterschiede sichtbar. Vikings beginnt in einer sagenhaften Ragnarwelt und zieht rund ein Jahrhundert Geschichte zu wenigen miteinander verbundenen Familien zusammen. The Last Kingdom bewegt sich auf einem deutlich dichter belegten politischen Gerüst, lässt seinen fiktionalen Helden Uhtred aber über Jahrzehnte hinweg an beinahe jedem Wendepunkt teilnehmen. Und mit Vikings: Valhalla beginnt noch einmal eine neue Phase: Leif Eriksson, Knut der Große und Harald Hardråde werden zu Angehörigen derselben Heldengeneration, obwohl auch ihre tatsächlichen Lebenszeiten nur teilweise zusammenpassen.

Bevor man die Serien prüft: Welche Art von „historisch“ ist überhaupt gemeint?

Bei einer Figur wie Alfred von Wessex ist die Ausgangslage vergleichsweise komfortabel. Er erscheint in zeitnahen Chroniken, Urkunden und Gesetzestexten, und mit Assers Vita Ælfredi existiert sogar eine Lebensbeschreibung aus seiner eigenen Regierungszeit. Bei Ragnar Loðbrók sieht die Situation völlig anders aus. Einzelne historische Personen des 9. Jahrhunderts könnten zur späteren Ragnarfigur beigetragen haben, doch die ausführliche Biografie des Schlangentöters, Königs und Vaters berühmter Söhne begegnet vor allem in wesentlich späteren Sagas.

Auch die Serien selbst arbeiten unterschiedlich. Vikings beginnt bewusst mit einer Gestalt, die zwischen Geschichte und Heldensage steht. Die Serie kann deshalb mit Überlieferungen spielen, Figuren verschmelzen und Chronologie stark verdichten. The Last Kingdom basiert auf Bernard Cornwells Romanen und setzt eine erfundene beziehungsweise literarisch stark konstruierte Hauptfigur mitten in vergleichsweise gut dokumentierte politische Ereignisse. „Historisch“ kann deshalb bedeuten, dass eine Person real war, dass ein Ereignis stattfand, dass eine spätere Quelle eine Geschichte erzählt – oder lediglich, dass die Serienmacher ein altes Motiv verwendet haben. Diese Ebenen dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Vikings beginnt 793 – und eröffnet damit sofort ein Zeitproblem

Die erste Staffel von Vikings bindet Ragnar unmittelbar an den berühmten Angriff auf Lindisfarne. Die Serienhandlung macht ihn zum entscheidenden Initiator der Fahrt nach Westen, und Lindisfarne bildet damit gewissermaßen den Beginn seiner historischen Karriere. Das Kloster wurde tatsächlich im Jahr 793 angegriffen. Die Angelsächsische Chronik und andere Quellen verbinden dieses Jahr mit einem der berühmtesten frühen skandinavischen Angriffe auf England.

Was die Quellen jedoch nicht tun, ist Ragnar Loðbrók als Anführer von Lindisfarne zu nennen. Der Name Ragnar gehört nicht zu den gesicherten Informationen dieses Angriffs. Die Serie nimmt also ein reales Ereignis und besetzt die historische Leerstelle mit ihrer Hauptfigur. Das ist dramaturgisch ausgesprochen wirksam: Ragnar wird dadurch nicht einfach irgendein Krieger, sondern der Mann, der symbolisch eine neue Epoche eröffnet.

Chronologisch hat diese Entscheidung jedoch Folgen. Wenn Ragnar 793 bereits erwachsen an einem Angriff teilnimmt und später mit Personen und Ereignissen der Mitte des 9. Jahrhunderts verbunden wird, muss seine Biografie sehr lang werden. Schon in der ersten Folge beginnt die Serie daher, mehrere historische Jahrzehnte in ein einziges Leben hineinzuziehen.

Paris 845 – hier taucht tatsächlich ein Ragnar-ähnlicher Anführer auf

Der skandinavische Angriff auf Paris im Jahr 845 ist für die Ragnarfrage wesentlich interessanter. Die fränkischen Annales Bertiniani, die zeitlich sehr nah an den Ereignissen entstanden, berichten von einem skandinavischen Anführer, dessen Name in lateinischer Form als Reginherus überliefert wird. Seine Flotte zog die Seine hinauf und bedrohte Paris; Karl der Kahle zahlte schließlich eine erhebliche Summe, damit das Heer abzog.

Reginherus wurde schon früh mit Ragnar Loðbrók in Verbindung gebracht. Eine solche Identifikation ist durchaus möglich, aber nicht sicher. Die zeitnahe Quelle kennt Reginherus, nicht den vollständigen späteren Sagakönig Ragnar mit Lagertha, Áslaug, Schlangengrube und sauber aufgelistetem Sohnkreis. Zwischen diesem historischen Anführer des Jahres 845 und der ausgearbeiteten Ragnarfigur späterer Jahrhunderte liegt ein erheblicher Überlieferungsprozess.

Für Vikings ist die Verbindung dennoch ideal. Die Serie kann den realen Angriff auf Paris in Ragnars Lebensgeschichte integrieren und damit eine spätere historische Spur an die Figur von Lindisfarne anschließen. Zwischen 793 und 845 liegen allerdings 52 Jahre. Ein Mann, der bereits beim ersten Ereignis als erwachsener Krieger erscheint, wäre beim zweiten Angriff entsprechend alt. Die Serie behandelt beide Episoden dagegen als Stationen einer dramatisch überschaubaren Karriere.

Ragnar Loðbrók – aus verschiedenen Traditionen wird ein einziger Mensch

Die spätere Ragnars saga loðbrókar, der Ragnarssona þáttr und Saxo Grammaticus erzählen von Ragnar und seiner Familie, wurden aber erst Jahrhunderte nach der vermuteten Lebenszeit niedergeschrieben. Die Ragnars saga verbindet Ragnar sogar direkt mit der Völsungenüberlieferung, indem Áslaug zur Tochter Sigurðrs Fáfnisbani und Brynhildrs gemacht wird. Schon daran zeigt sich, dass wir uns nicht mehr in einer nüchternen Biografie des 9. Jahrhunderts befinden.

Die Serie macht aus dieser gewachsenen Tradition einen konkreten Menschen. Das ist nicht einfach „falsch“ – genau das tun Heldensagen selbst häufig. Unterschiedliche Erinnerungen, historische Namen und Erzählmotive können sich um eine Figur sammeln. Problematisch wird es nur, wenn der Serien-Ragnar anschließend als sichere historische Biografie gelesen wird. Historisch greifbar sind mehrere Bausteine; der vollständige Ragnar der Serie ist eine moderne Synthese auf Grundlage einer bereits mittelalterlich synthetisierten Figur.

Lagertha – bei Saxo belegt, aber nicht als sichere Biografie des 9. Jahrhunderts

Lagertha besitzt tatsächlich einen mittelalterlichen Quellenanker. Saxo Grammaticus erzählt in den um 1200 entstandenen Gesta Danorum von Lathgertha, einer kämpfenden Frau im Umfeld Ragnars. Sie tritt im Krieg auf, zeichnet sich im Kampf aus und wird anschließend mit Ragnar verbunden. Damit ist die Figur keine Erfindung des Fernsehens.

Doch Saxo schreibt mehrere Jahrhunderte nach der Zeit, in die er Ragnar einordnet. Andere große Ragnartraditionen kennen Lagertha in dieser Form nicht. Die Ragnars saga loðbrókar stellt andere Frauen in den Mittelpunkt. Vikings entscheidet sich also für eine bestimmte Überlieferung, baut Lagertha aus und macht aus wenigen literarischen Nachrichten eine vollständige Lebensgeschichte als Ehefrau, Mutter, Schildmaid und Herrscherin.

Die korrekte quellenkundliche Aussage lautet deshalb nicht „Lagertha ist erfunden“, aber auch nicht „Lagertha ist historisch bewiesen“. Belegt ist eine spätmittelalterliche Erzähltradition über eine kämpfende Frau dieses Namens. Ob dahinter eine reale Frau des 9. Jahrhunderts steht, lässt sich nicht sicher entscheiden.

Rollo – die Serie bringt einen realen Mann in Ragnars Familie

Bei Rollo wird das Zeitproblem besonders sichtbar. Die Serie erklärt ihn ausdrücklich zu Ragnars Bruder. Später heiratet er die fränkische Prinzessin Gisla und wird zum Herrscher beziehungsweise Verteidiger der Normandie. Damit verbindet Vikings die Ragnarerzählung direkt mit einem tatsächlich historisch greifbaren Prozess: der Entstehung der normannischen Herrschaft an der Seine.

Der historische Rollo beziehungsweise Hrólfr gehört vor allem in die Jahrzehnte um 900. Im Jahr 911 schloss er mit dem westfränkischen König Karl dem Einfältigen eine Vereinbarung, die traditionell mit Saint-Clair-sur-Epte verbunden wird. Aus der Herrschaft skandinavischer Gruppen an der unteren Seine entwickelte sich das spätere Herzogtum Normandie. Rollo ist damit eine reale Schlüsselfigur – aber nicht als historisch belegter Bruder Ragnars.

Wird Ragnars Karriere von Lindisfarne 793 bis Paris 845 angesetzt und Rollo zugleich als dessen ungefähr gleichaltriger Bruder verstanden, der 911 noch zum normannischen Herrscher wird, zerbricht die Chronologie vollends. Zwischen Lindisfarne und Rollos Abkommen liegen rund 118 Jahre. Genau dieser Abstand zeigt exemplarisch, was Vikings macht: Zwei starke Traditionen werden über eine erfundene Brüderbeziehung zu einer Generation zusammengespannt.

Harald Schönhaar – selbst die „historische“ Vergleichsfigur ist quellenkritisch schwierig

Harald Schönhaar erscheint in Vikings als Rivale und späterer Zeitgenosse von Ragnar, Björn und weiteren bekannten Figuren. Er strebt nach der Königsherrschaft über ganz Norwegen und wird schließlich als König von Norwegen inszeniert. Damit greift die Serie eine der berühmtesten Erzählungen norwegischer Königsgeschichte auf.

Die traditionelle Sagaüberlieferung setzt Haralds Wirken in das spätere 9. und frühe 10. Jahrhundert. Snorris Haralds saga ins hárfagra in der Heimskringla erzählt Jahrhunderte später ausführlich von seiner Jugend, seinen Kämpfen und der Unterwerfung norwegischer Landschaften. Die genaue Chronologie dieser Frühzeit ist jedoch seit langem problematisch. Selbst in der Forschung wurde diskutiert, wie stark spätere Königsgeschichtsschreibung die Vorstellung eines großen Reichseinigers systematisiert hat.

Harald kann also nicht einfach als präzise datierter Kontrollpunkt verwendet werden. Trotzdem gehört seine traditionelle Generation deutlich näher an Rollo und die Jahrzehnte um 900 als an Lindisfarne 793. Wenn Vikings Harald Schönhaar unmittelbar neben Ragnar und dessen erwachsene Söhne stellt, verbindet die Serie nicht nur unterschiedliche Generationen – sie verbindet außerdem eine historisch schwer fassbare Königstradition mit einer ebenso schwer fassbaren Heldensagentradition.

Die Ragnarssöhne – zum Teil historisch besser greifbar als Ragnar selbst

Mit Ivar, Halfdan und Ubba gelangt die Serie in einen Quellenbereich, der erheblich fester wird. Mehrere skandinavische Heerführer dieser Namen beziehungsweise entsprechender Namensformen treten in der englischen und irischen Überlieferung des späteren 9. Jahrhunderts auf. Besonders das große skandinavische Heer, das ab 865/866 in England operierte, lässt sich in der Angelsächsischen Chronik deutlich verfolgen.

Der Eintrag für 866 lautet im Manuskript A: „þy ilcan geare cuom micel here on Angelcynnes lond“ – „in demselben Jahr kam ein großes Heer in das Land der Engländer“. Diese Formulierung ist einer der wichtigsten zeitnahen Quellenanker für die spätere sogenannte Große Heidnische Armee. Das Heer bezog Winterquartier in East Anglia und wurde anschließend zu einem zentralen politischen Faktor.

Was die Chronik nicht liefert, ist die perfekte Ragnar-Familie der Serie. Spätere Überlieferungen verbinden berühmte Heerführer als Söhne Ragnars und erklären den Einfall teilweise als Rache für dessen Tod. Dass mehrere dieser Männer tatsächlich miteinander verwandt waren, ist möglich; die elegante Familienordnung der Sagas ist jedoch wesentlich sicherer überliefert als ihr historischer Nachweis. Die Serie übernimmt also eine spätere genealogische Erklärung für Personen, deren militärische Existenz teilweise sehr viel früher belegt ist.

865 bis 878 – hier wird aus Saga wieder relativ feste Geschichte

Die Geschichte der skandinavischen Heere in England lässt sich ab der Mitte der 860er-Jahre vergleichsweise dicht verfolgen. 867 fiel York, wobei die northumbrischen Könige Osberht und Ælle getötet wurden. East Anglia wurde angegriffen, Mercia geriet unter Druck, und schließlich traf das Heer auf Wessex. Diese Ereignisse bilden sowohl für Vikings als auch für The Last Kingdom einen wichtigen historischen Hintergrund.

Die Serien ordnen die Anführer jedoch anders. Vikings macht aus dem Einfall vor allem die große Geschichte der Ragnarssöhne. The Last Kingdom konzentriert sich stärker auf das politische Überleben der angelsächsischen Königreiche und stellt seinen fiktionalen Uhtred zwischen beide Seiten. Der Krieg ist historisch, seine personalisierte Dramaturgie jeweils modern.

Alfred gehört nicht in dieselbe Generation wie ein Lindisfarne-Ragnar

Alfred wurde um 849 geboren. Als Lindisfarne 793 angegriffen wurde, lagen zwischen diesem Ereignis und seiner Geburt mehr als fünf Jahrzehnte. Trotzdem bringt die große Serienerzählung Ragnars Welt und Alfreds Welt emotional sehr eng zusammen. In Vikings wird Alfred sogar über Athelstan und Judith in die zentrale Familiengeschichte der Serie hineingezogen.

Historisch ist Alfred außerordentlich gut greifbar. 871 kämpfte er noch als Bruder König Æthelreds I. Die Angelsächsische Chronik nennt ausdrücklich „Æþered cyning ond Ælfred his broþur“ – „König Æthelred und Alfred, sein Bruder“. Nach Æthelreds Tod wurde Alfred König. 878 geriet Wessex in eine schwere Krise, bevor Alfred Guthrums Heer bei Edington schlug.

Damit lässt sich die zeitliche Verschiebung anschaulich machen: Vom Überfall auf Lindisfarne 793 bis zu Edington 878 vergehen 85 Jahre. Eine Serie kann diese Ereignisse über wenige zentrale Familien verbinden. Eine historische Generation kann es nicht.

The Last Kingdom setzt genau dort ein, wo die Quellen dichter werden

The Last Kingdom beginnt im Umfeld der dänischen Eroberungen in Northumbria und führt Uhtred anschließend in Alfreds Wessex. Anders als Vikings muss die Serie für den politischen Hintergrund weit weniger aus später Heldensage schöpfen. Die Angelsächsische Chronik bietet beinahe jährlich Nachrichten über Heere, Herrscherwechsel und Schlachten. Assers Vita Ælfredi ergänzt eine zeitnahe, wenn auch eindeutig Alfred nahestehende Perspektive.

Gerade deshalb wirkt The Last Kingdom häufig historischer. York, Wessex, Alfred, Guthrum und Edington stehen auf einem belastbaren Gerüst. Die Serie verändert weiterhin Charaktere, Beziehungen und Abläufe, doch sie bewegt sich lange innerhalb einer Chronologie, die sich unabhängig überprüfen lässt. Das Grundgerüst ist Chronik – der Held darin ist Roman.

Uhtred ist nicht der Mann, der Alfred historisch gerettet hat

Der Serien-Uhtred ist bewusst so konstruiert, dass er an nahezu allen wichtigen Entwicklungen teilnehmen kann. Er wird als angelsächsischer Adeliger geboren, von Dänen aufgezogen und bewegt sich später zwischen beiden Welten. Dadurch kann die Serie Religion, Sprache, Krieg und Politik aus einer einzigen Perspektive erzählen.

Eine historische Persönlichkeit mit genau dieser Biografie ist für Alfreds Zeit nicht belegt. Der Name Uhtred ist im nordenglischen Adel durchaus historisch, und ein berühmter Uhtred von Bamburgh – häufig Uhtred the Bold genannt – ist um das Jahr 1000 greifbar. Er lebte damit mehr als ein Jahrhundert nach vielen Ereignissen der frühen Serie. Cornwells Uhtred ist keine Rekonstruktion dieses Mannes, sondern eine literarische Figur mit historischen Anklängen.

Auch Bebbanburg selbst ist real. Bamburgh war bereits lange vor Alfred ein wichtiges Machtzentrum. Der Ort ist Geschichte; Uhtreds persönliche Rückeroberungsgeschichte ist Fiktion. Gerade diese Verbindung macht die Erzählung überzeugend.

Edington 878 – ungewöhnlich fester historischer Boden

Bei Edington liegt The Last Kingdom besonders nah an einem realen Wendepunkt. Die Angelsächsische Chronik beschreibt die Krise von 878 und berichtet, dass große Teile von Wessex unterworfen wurden, während Alfred mit einer kleinen Gruppe weiter Widerstand leistete. Im altenglischen Text steht die berühmte Formulierung „buton þam cyninge Ælfrede“ – „außer König Alfred“.

Später sammelte Alfred erneut ein Heer und schlug Guthrum bei Edington. Darauf folgten Belagerung, Geiseln und Guthrums Taufe. Diese Ereignisse sind keine spätere Saga, sondern gehören zur zeitnahen west­sächsischen Überlieferung. Die Serie erfindet Uhtreds entscheidende persönliche Rolle darin, muss aber den politischen Rahmen nicht erfinden.

Besonders stark ist der spätere Vertrag zwischen Alfred und Guthrum. Er beginnt: „Þis is þæt frið, þæt Ælfred cyning and Guðrum cyning … gecweden habbað“ – „Dies ist der Friede, den König Alfred und König Guthrum … vereinbart haben.“ Hier besitzen wir tatsächlich einen Text, in dem beide Herrscher namentlich miteinander verbunden werden. Das ist eine völlig andere Quellenqualität als die mehrere Jahrhunderte später erzählte Brüderschaft Ragnars und Rollos.

The Last Kingdom hat trotzdem ein eigenes Zeitproblem: Uhtred altert kaum

Je länger die Serie läuft, desto stärker wird sichtbar, dass auch The Last Kingdom Jahrzehnte an denselben Hauptfiguren entlangführt. Alfred starb 899. Sein Sohn Edward der Ältere regierte bis 924. Alfreds Tochter Æthelflæd wurde zu einer zentralen Herrscherfigur in Mercia und starb 918. Æthelstan übernahm 924 die Herrschaft in Wessex und wurde später König eines wesentlich weiter vereinigten England.

Die Handlung führt Uhtred durch all diese Generationen. Er erlebt Alfred als erwachsener Krieger, steht anschließend neben Edward und Æthelflæd und bleibt noch für Æthelstans Aufstieg handlungsfähig. Der abschließende Film Seven Kings Must Die führt die Erzählung sogar in die Nähe der Schlacht von Brunanburh 937. Zwischen Alfreds Thronbesteigung 871 und Brunanburh liegen 66 Jahre.

Ein Uhtred, der zu Beginn bereits kampffähig ist und 937 weiterhin eine zentrale militärische Rolle spielt, müsste entsprechend sehr alt sein. Die Serie verlangsamt seine Alterung deutlich. Auch The Last Kingdom verdichtet also Zeit – allerdings nicht dadurch, dass es zwei Jahrhunderte historischer Personen zu Brüdern macht, sondern dadurch, dass seine fiktionale Hauptfigur mehrere reale Generationen miteinander verbindet.

Æthelflæd – eine Serienfigur mit erstaunlich starkem historischen Kern

Alfreds Tochter Æthelflæd ist keine romantische Erfindung. Sie heiratete Æthelred von Mercia und wurde nach dessen Tod als Myrcna hlæfdige, „Herrin der Mercier“, zu einer politisch und militärisch bedeutenden Herrscherin. Die Chroniküberlieferung, besonders die sogenannte Mercian Register-Tradition, verbindet sie mit Befestigungen, Feldzügen und territorialer Expansion.

The Last Kingdom gestaltet ihre persönliche Beziehung zu Uhtred frei, greift aber einen realen historischen Vorgang auf: Eine Tochter Alfreds spielte nach dessen Tod eine außergewöhnlich wichtige Rolle bei der Zurückdrängung skandinavischer Herrschaft in den Midlands. Die Liebesgeschichte ist Fiktion, die politische Bedeutung der Frau dahinter nicht.

Æthelstan – aus dem geschützten Jungen wird tatsächlich ein König von großer Bedeutung

Auch Æthelstan ist kein erfundener Endpunkt der Serie. Er wurde nach Edwards Tod 924 König und erweiterte seine Herrschaft in den folgenden Jahren erheblich. 927 nahm er York ein und konnte einen politischen Anspruch formulieren, der deutlich über das frühere Wessex hinausging. Seine Herrschaft gehört deshalb zu den entscheidenden Phasen der englischen Reichsbildung.

Die Serie macht Uhtred zu einer Art persönlichem Mentor Æthelstans. Dafür existiert kein historischer Beleg. Die Funktion ist dramaturgisch: Uhtred verbindet Alfreds Traum, Edwards Herrschaft und Æthelstans späteres Königtum in einer einzigen persönlichen Linie. Wieder ist die politische Entwicklung real, ihre emotionale Vermittlungsfigur erfunden.

Brunanburh 937 – wo The Last Kingdom schließlich endet

Der Filmabschluss führt die Geschichte in die Zeit Æthelstans und greift die Schlacht von Brunanburh 937 auf. Die Schlacht ist außergewöhnlich gut in der Erinnerung verankert, nicht zuletzt durch das berühmte altenglische Gedicht im Eintrag der Angelsächsischen Chronik. Æthelstan und sein Bruder Edmund kämpften gegen eine Koalition, zu der unter anderem der König von Dublin und Konstantin II. von Schottland gehörten.

Damit endet The Last Kingdom an einem realen historischen Großereignis – aber Uhtreds Anwesenheit gehört erneut zur Fiktion. Vom Auftreten des Großen Heeres 866 bis Brunanburh 937 sind mehr als 70 Jahre vergangen. Die Serie erzählt also fast die gesamte Phase von der großen skandinavischen Invasion bis zur weitgehenden politischen Einigung Englands durch die Lebensgeschichte eines einzigen Mannes.

Cnut in The Last Kingdom ist nicht Knut der Große

Ein besonders leichtes Missverständnis entsteht durch die Figur Cnut in The Last Kingdom. Der Name Knútr beziehungsweise Cnut ist historisch selbstverständlich und mehrfach belegt. Doch der dänische Kriegsherr Cnut der Serie ist nicht der später berühmte König Knut der Große.

Knut der Große gehört in eine ganz andere historische Phase. Er eroberte England im frühen 11. Jahrhundert, wurde 1016 nach dem Tod Edmund Ironsides alleiniger König und herrschte später auch über Dänemark sowie zeitweise Norwegen. Er starb 1035. Die Ereignisse um Alfred, Guthrum und das Große Heer liegen zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein Jahrhundert zurück.

Dass zwei Serienwelten Figuren namens Cnut beziehungsweise Canute verwenden, kann daher schnell eine scheinbare Kontinuität erzeugen. Namensgleichheit ist keine Personenidentität. Der Cnut aus The Last Kingdom gehört zur Roman- und Serienhandlung; der Canute aus Vikings: Valhalla soll Knut den Großen darstellen.

Und was ist mit den Rus in Vikings?

Die sechste Staffel von Vikings schickt Ivar in die Welt der Rus. Er begegnet Oleg, Igor und Dir, bewegt sich zwischen Kiew und Nowgorod und gerät schließlich in einen Konflikt um die Herrschaft. Auf den ersten Blick wirkt dieser Handlungsstrang wie ein abrupter Ausflug in eine andere Welt. Tatsächlich greift er einen historisch außerordentlich interessanten Prozess auf: skandinavische Mobilität entlang der osteuropäischen Flusssysteme und die Entstehung der Rus.

Die älteste ausführliche Erzählung über Rjurik, Oleg und die frühen Herrscher von Kiew steht allerdings in der sogenannten Nestorchronik beziehungsweise Primary Chronicle, die erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts zusammengestellt wurde. Sie berichtet traditionell für 882, Oleg habe Kiew übernommen und den Ort zum Zentrum seiner Herrschaft gemacht. Für die frühen Rus existieren daneben byzantinische, fränkische und arabische Zeugnisse, die zeigen, dass Gruppen mit skandinavischen Verbindungen tatsächlich auf den östlichen Handelswegen aktiv waren.

Das bedeutet: Oleg und Igor gehören durchaus in die historische beziehungsweise historiografische Welt des späten 9. und frühen 10. Jahrhunderts. Die genaue Genealogie und Chronologie der frühen Rus ist jedoch wesentlich komplizierter als die Serie suggeriert. Dass Ivar der Knochenlose persönlich bei Oleg am Hof lebte und gemeinsam mit ihm politische Pläne entwickelte, ist nicht belegt. Die Serie verbindet zwei ungefähr benachbarte historische Horizonte zu einer persönlichen Geschichte.

Die Rus waren weder einfach „Russen“ noch nur ausgewanderte Wikinger

Auch der Begriff selbst verlangt Vorsicht. Die Rus entstanden in einem Raum, in dem skandinavische, slawische, finnougrische und weitere Gruppen miteinander interagierten. Skandinavische Namen und materielle Kultur sind in bestimmten frühen Kontexten deutlich sichtbar. Gleichzeitig entwickelten sich die politischen Gemeinschaften der Rus in osteuropäischen Räumen und können nicht sinnvoll als bloße skandinavische Kolonie beschrieben werden.

Arabische Autoren wie Aḥmad ibn Faḍlān begegneten im 10. Jahrhundert Rus-Gruppen an der Wolga und hinterließen berühmte Beschreibungen ihrer Körperpflege, ihres Handels und eines Bestattungsrituals. Auch diese Berichte beziehen sich auf konkrete Gruppen in konkreten Situationen, nicht auf eine einheitliche „Rus-Kultur“ für den gesamten Osten. Vikings macht aus einer komplexen Kontaktzone ein klar verständliches Königreich mit klar benannten Hauptfiguren. Historisch war die Entwicklung wesentlich weniger sauber.

Ein Jahrhundert Vikings – auf wenige Menschen zusammengedrückt

Wer die wichtigsten historischen Fixpunkte hinter Vikings nebeneinanderstellt, sieht die Verdichtung sofort. Lindisfarne liegt 793. Paris unter Reginherus 845. Das Große Heer kommt 865/866 nach England. York fällt 867. Edington liegt 878. Harald Schönhaar wird traditionell vor allem in das späte 9. und frühe 10. Jahrhundert eingeordnet. Olegs traditionelle Übernahme Kiews liegt 882. Rollos politischer Durchbruch in der Normandie gehört zu 911.

Die Serie verwandelt damit Ereignisse aus grob mehr als einem Jahrhundert in eine Familien- und Gefolgschaftsgeschichte. Ragnar, Rollo, Harald, Ivar, Björn und Alfred erscheinen dadurch viel näher beieinander, als eine historische Zeitleiste nahelegt. Bei einigen Personen wissen wir zusätzlich nicht einmal sicher genug, wann sie tatsächlich lebten, um eine perfekte Gegenchronologie zu erstellen.

Gerade das macht die Serie so sagaartig: Historische Zeit wird nicht einfach falsch gezählt. Sie wird einer Heldengeschichte untergeordnet.

The Last Kingdom – weniger verschoben, aber ebenfalls stark verdichtet

Bei The Last Kingdom liegt die historische Spanne enger, aber sie bleibt beträchtlich. Das Große Heer erreicht East Anglia 866. Alfred wird 871 König. Edington liegt 878. Alfred stirbt 899. Æthelflæd stirbt 918, Edward 924. Æthelstan beginnt 924 seine Herrschaft, nimmt 927 York und kämpft 937 bei Brunanburh.

Die Serie hält diese Abfolge grundsätzlich erstaunlich gut zusammen. Sie macht nicht Alfred zum Zeitgenossen von Knut dem Großen oder Harald Hardråde. Ihr Haupttrick besteht vielmehr darin, Uhtred und andere fiktionale oder stark fiktionalisierte Figuren über diese Jahrzehnte hinweg kaum entsprechend altern zu lassen.

Vikings faltet mehrere historische Generationen ineinander. The Last Kingdom lässt seine Hauptfigur durch mehrere Generationen hindurchwandern. Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Erzählweisen.

Wo gehören Knut der Große und Harald Hardråde hin?

Hier muss sauber zwischen Vikings und der späteren Fortsetzungsserie Vikings: Valhalla unterschieden werden. Weder Knut der Große noch Harald Hardråde gehören in die ursprüngliche Ragnarhandlung der ersten Serie. Netflix setzt Vikings: Valhalla ausdrücklich rund ein Jahrhundert nach Vikings an. Nun stehen Leif Eriksson, Freydís Eiríksdóttir, Harald Sigurðarson und Knut im Mittelpunkt.

Das ist zunächst vernünftig, denn wir befinden uns tatsächlich in einer anderen Epoche: nicht mehr bei Lindisfarne, Ragnar und dem Großen Heer, sondern im frühen 11. Jahrhundert. Doch auch Valhalla verdichtet Personen, die historisch unterschiedlichen Generationen beziehungsweise Lebensphasen angehören.

Knut der Große – König des frühen 11. Jahrhunderts

Der historische Knut führte ab 1015/1016 den entscheidenden Feldzug um England. Nach dem Tod Æthelreds II. kämpfte er gegen dessen Sohn Edmund Ironside. 1016 wurde die Herrschaft zunächst geteilt; nach Edmunds Tod war Knut alleiniger König von England. Später herrschte er auch über Dänemark und ab 1028 über Norwegen. Er starb 1035.

Vikings: Valhalla greift zahlreiche Elemente dieser Geschichte auf: Æthelred, Edmund, Emma von der Normandie, die Eroberung Englands und Knuts politische Herrschaft. Die Serie kombiniert diese Ereignisse jedoch mit Leif Eriksson und Harald Sigurdsson. Genau dort beginnt die nächste chronologische Kompression.

Leif Eriksson gehört eher um das Jahr 1000

Leifs berühmteste Überlieferung betrifft die Fahrten nach Westen und Vinland. Die entsprechenden Geschichten stehen vor allem in der Grænlendinga saga und der Eiríks saga rauða, beide erst wesentlich später schriftlich überliefert. Die Ereignisse werden gewöhnlich um das Jahr 1000 angesetzt. Seine historische Existenz ist plausibel, die genaue Biografie bleibt jedoch deutlich weniger dokumentiert als diejenige Knuts.

Wenn Leif in Valhalla zu einem nahezu gleichaltrigen Gefährten Harald Sigurdssons wird, verschiebt sich seine Lebensgeschichte erheblich. Harald wurde wahrscheinlich um 1015 geboren. Als Harald ein Kind war, gehörten Leifs berühmte Vinlandfahrten traditionell bereits einer früheren Generation an.

Harald Hardråde – der junge Mann von 1030 und der König von 1066

Harald Sigurdsson, später Harald harðráði, gehört zu den faszinierendsten tatsächlich historischen Figuren des späten Wikingerzeitalters. Die spätere Sagaüberlieferung verbindet ihn mit der Schlacht von Stiklestad 1030, bei der sein Halbbruder Olaf Haraldsson fiel. Snorris Haralds saga Sigurðarsonar erzählt, Harald sei damals ungefähr fünfzehn Jahre alt gewesen. Anschließend führte sein Weg über die Rus nach Byzanz, wo er mit der Warägergarde verbunden wird.

Später wurde Harald König von Norwegen. 1066 fiel er bei Stamford Bridge im Kampf gegen den englischen König Harold Godwinson. Zwischen Stiklestad 1030 und Stamford Bridge 1066 liegen 36 Jahre; zwischen Leifs traditionell um 1000 angesetzten Vinlandfahrten und Haralds Tod mehr als sechs Jahrzehnte.

Harald Hardråde ist damit geradezu das Symbol dafür, dass „späte Wikingerzeit“ kein einzelner Moment ist. Eine Serie kann Leif, Knut und Harald als gemeinsame Heldengruppe erzählen. Historisch überlappen ihre Biografien nur teilweise und mit erheblichen Altersunterschieden.

Der andere Knut – warum Namen allein gefährlich sind

Wer The Last Kingdom und Vikings: Valhalla hintereinander sieht, begegnet mehr als einem Cnut beziehungsweise Canute. Daraus kann leicht der Eindruck entstehen, es handele sich um dieselbe historische Persönlichkeit oder um eng zusammengehörende Ereignisse. Das ist nicht der Fall.

Der Cnut aus The Last Kingdom gehört zur fiktionalisierten Welt der Cornwell-Romane und spielt in der Zeit Edwards und Æthelflæds. Der Canute aus Vikings: Valhalla stellt dagegen Knut den Großen dar, dessen englisches Königtum erst 1016 beginnt. Zwischen Alfreds Tod 899 und Knuts Machtübernahme liegen mehr als hundert Jahre.

Gerade solche Namenswiederholungen zeigen, warum eine historische Zeitleiste wichtiger sein kann als eine Figurenliste. Die nordische Welt kannte denselben Namen in vielen Generationen. Eine Serie benötigt daraus eindeutige Charaktere – Geschichte nicht.

Die große Zeitachse – was die Serien zusammenziehen

Stellt man die wichtigsten Ereignisse nebeneinander, wird die Größenordnung sichtbar:

793: Angriff auf Lindisfarne.
845: Reginherus und der Angriff auf Paris.
865/866: Ankunft des großen skandinavischen Heeres in England.
867: Eroberung Yorks und Tod Ælles und Osberhts.
871: Alfred wird König von Wessex.
878: Edington und Guthrums anschließende Taufe.
882: traditionelle Datierung von Olegs Übernahme Kiews in der späteren Rus-Chronik.
um 900: traditionelle Hauptphase Harald Schönhaars, deren genaue Chronologie problematisch bleibt.
899: Tod Alfreds.
911: Rollo und die Entstehung seiner Herrschaft an der Seine.
918: Tod Æthelflæds.
924: Tod Edwards des Älteren und Beginn von Æthelstans Königtum.
937: Schlacht von Brunanburh.
um 1000: traditionelle Einordnung der Vinlandfahrten Leif Erikssons.
1013: Svein Gabelbart erobert England.
1016: Knut der Große wird König von England.
1030: Stiklestad; Harald Sigurdsson gehört der Überlieferung zufolge zum Umfeld der Schlacht.
1035: Tod Knuts des Großen.
1066: Harald Hardråde fällt bei Stamford Bridge.

Vom Angriff auf Lindisfarne bis zum Tod Harald Hardrådes liegen 273 Jahre. Selbst wenn die Fortsetzungsserie Valhalla ausdrücklich einen Zeitsprung vornimmt, wird deutlich, warum ein einziges populäres „Wikingerzeitalter“ schnell zu einer scheinbar gemeinsamen Gegenwart verschmilzt. Zwischen Ragnar und Harald Hardråde liegt mehr historische Zeit als zwischen manchen modernen Generationenfolgen, die wir niemals als Zeitgenossen behandeln würden.

Religion in Vikings – reale Namen, stärker geordnetes System

Vikings investiert stark in Religion. Odin, Thor, Freyja und andere Gottheiten werden angesprochen, Opferhandlungen und Feste gezeigt, der Seher besitzt gesellschaftliches Gewicht und Figuren interpretieren Ereignisse religiös. Das erzeugt eine intensive Atmosphäre und macht vorchristliche Religiosität als Teil des Alltags sichtbar.

Das Grundproblem ist nicht, dass solche Dinge völlig erfunden wären. Opferfeste, Götterkult, Amulette, Bestattungsrituale und religiöse Spezialisten sind in unterschiedlichen Quellen tatsächlich fassbar. Was fehlt, ist ein vollständiges Ritualhandbuch. Archäologie, skaldische Dichtung, eddische Texte und spätere Sagas ergeben keine überall identische Religion. Regionale Unterschiede und zeitliche Veränderungen dürften erheblich gewesen sein.

Die Serie macht aus fragmentarischer Evidenz eine funktionierende Alltagsreligion. Das muss sie für ihre Geschichte tun. Der Zuschauer sollte nur nicht verwechseln, was quellenmäßig gesichert ist und was aus mehreren Hinweisen zu einer plausiblen Szene zusammengesetzt wurde.

Der Seher von Kattegat – aus mehreren Traditionssträngen wird eine einzige Figur

Der Seher wirkt in Vikings wie ein festes religiöses Amt: bedeutende Personen besuchen ihn, er deutet Zukunft und Schicksal und besitzt eine klar erkennbare soziale Sonderstellung. Genau eine solche Institution ist für die Wikingerzeit nicht belegt.

Die Quellen kennen jedoch Wahrsagung und magisch-religiöse Spezialisten. Besonders die völva ist aus späteren Texten bekannt, und mehrere archäologische Gräber mit Stäben und ungewöhnlicher Ausstattung werden mit solchen Rollen in Verbindung gebracht. Die Eiríks saga rauða enthält eine berühmte Beschreibung einer Seherin, wurde aber erst lange nach der dargestellten Zeit schriftlich fixiert.

Der Serienseher ist deshalb keine historische Personengruppe eins zu eins, sondern eine moderne Verdichtung realer Überlieferungsmotive.

Schildmaiden – Lagertha ist nicht völlig aus der Luft gegriffen

Dass Frauen mit Waffen in späterer nordischer Überlieferung auftreten, ist eindeutig. Saxos Lagertha ist dafür ein besonders prominentes Beispiel, und altnordische Heldentraditionen kennen weitere kämpfende Frauen. Dazu kommt mit Birka Bj 581 ein außergewöhnliches Grab einer biologisch weiblichen Person mit umfangreicher Waffenausstattung.

Was daraus nicht folgt, ist eine flächendeckende militärische Gleichstellung der Geschlechter oder eine selbstverständliche weibliche Kampftruppe in jedem Heer. Genau hier geht Vikings deutlich weiter als die gegenwärtige Evidenz. Frauen wie Lagertha werden zu regulären militärischen Führungspersönlichkeiten innerhalb einer Welt, in der weibliche Krieger gesellschaftlich beinahe selbstverständlich erscheinen.

Die historische Aussage ist subtiler: Bewaffnete beziehungsweise militärisch dargestellte Frauen können nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden; ihre Häufigkeit und konkrete gesellschaftliche Rolle bleiben offen.

Bestattungen – echte Elemente, oft neu kombiniert

Schiffsbestattungen, Tierbeigaben, Brandbestattungen und reich ausgestattete Gräber gehören tatsächlich zur archäologischen Welt der Wikingerzeit. Oseberg und Gokstad zeigen, wie aufwendig einzelne Elitebestattungen sein konnten. Gleichzeitig unterschieden sich Bestattungsformen regional, sozial und zeitlich erheblich.

Serien können diese Vielfalt nur schwer zeigen. Sie wählen deshalb starke Einzelmotive und kombinieren sie zu eindrucksvollen Ritualen. Ein brennendes Schiff, Opfer, Waffen, Gebete und gemeinschaftliche Abschiedsrituale können jeweils historische Anknüpfungspunkte besitzen, ohne dass genau diese Kombination für einen konkreten Ort und Zeitpunkt nachgewiesen wäre. Authentische Bestandteile ergeben nicht automatisch ein authentisches Gesamtritual.

Kleidung, Haare und Tattoos – das moderne Wikingerbild ist ebenfalls eine Quelle seiner Zeit

Vikings hat das heutige Erscheinungsbild „des Wikingers“ wahrscheinlich stärker geprägt als fast jede wissenschaftliche Ausstellung. Rasierte Seiten, lange geflochtene Haare, dunkle Lederkleidung, Fell und Tätowierungen erzeugen ein unverwechselbares Bild. Archäologisch sind jedoch Wolle und Leinen zentral, und Textilfunde zeigen auch kräftige Farben. Eine Welt fast ausschließlich aus Braun, Grau, Fell und Leder ist vor allem modernes Kostümdesign.

Bei Tätowierungen wird häufig Aḥmad ibn Faḍlān herangezogen, der 922 Rus an der Wolga beschrieb und von dunklen beziehungsweise grünlichen Zeichnungen auf ihren Körpern berichtet. Ob damit tatsächlich Tätowierungen gemeint sind, wird diskutiert. Selbst wenn dies zutrifft, handelt es sich um eine konkrete Rus-Gruppe – nicht um eine statistische Aussage über sämtliche skandinavischen Männer und Frauen.

Auch das äußere Erscheinungsbild der Serien ist deshalb eine Interpretation: teilweise von Funden inspiriert, teilweise von modernen Erwartungen an eine „raue“ Wikingerwelt geprägt.

Der Blutadler – aus unsicherer Überlieferung wird ein eindeutiges Ritual

Vikings zeigt den Blutadler als klar definiertes Hinrichtungsritual. Die mittelalterlichen Texte sind wesentlich schwieriger. Verschiedene spätere Quellen enthalten Formulierungen über einen Adler auf dem Rücken eines Gegners, das Schneiden von Rippen oder eine besonders grausame Tötung. Ob diese Stellen eine reale historische Praxis, poetische Bilder, spätere Missverständnisse oder literarische Eskalation darstellen, wird seit langem diskutiert.

Ein zweifelsfreier zeitgenössischer Bericht über ein standardisiertes Blutadler-Ritual fehlt. Die Serie muss sich entscheiden und nimmt die spektakulärste materielle Lesart. Damit wird aus einer quellenkritischen Streitfrage eine visuell eindeutige historische Tatsache – genau jener Vorgang, den Quellenkunde wieder auseinandernehmen muss.

Was Vikings tatsächlich erstaunlich gut trifft

Trotz aller Chronologieverschiebungen zeigt die Serie mehrere größere historische Entwicklungen überzeugend. Skandinavische Gemeinschaften waren mobil. Sie fuhren nicht nur zum Plündern, sondern handelten, siedelten, dienten fremden Herrschern und gründeten neue politische Gemeinschaften. England, Irland, das Frankenreich, die Ostsee und Osteuropa waren miteinander verbunden. Identitäten konnten sich verändern, Bündnisse waren nicht dauerhaft und Religion war politisch relevant.

Auch die Serie selbst verändert ihre Welt im Verlauf: aus kleineren Überfällen werden große Heere, aus Seefahrern werden Siedler und Herrscher, aus lokalen Konflikten internationale Politik. Diese Entwicklung entspricht durchaus der historischen Größenordnung der Wikingerzeit – nur nicht innerhalb der Lebensspanne einer einzigen Familie.

Was The Last Kingdom besonders gut trifft

The Last Kingdom vermittelt besonders überzeugend, dass „England“ im 9. Jahrhundert noch keine selbstverständliche politische Einheit war. Wessex, Mercia, Northumbria und East Anglia besaßen eigene politische Traditionen. Alfreds Vorstellung einer weitergehenden englischen Ordnung war ein politisches Projekt, kein bereits vollendeter Nationalstaat.

Die Serie zeigt außerdem gut, dass skandinavische Herrschaft in England nicht bloß aus Plünderern bestand. Landnahme, Verträge, Christianisierung und neue Herrschaftsstrukturen folgen auf militärische Eroberung. Guthrum kann Gegner Alfreds sein und später als getaufter Herrscher weiterregieren. Genau diese Transformation ist historisch wesentlich wichtiger als das einfache Bild eines dauerhaften Krieges „Sachsen gegen Wikinger“.

Was beide Serien notwendigerweise verändern

Historische Prozesse besitzen selten eine einzige Hauptfigur. Die Entstehung des normannischen Herrschaftsraums, Alfreds Widerstand, die skandinavische Besiedlung Englands oder die politische Bildung Norwegens waren keine persönlichen Projekte eines kleinen Freundes- und Familienkreises. Hunderte lokale Entscheidungen, Bündnisse, Ressourcen, militärische Entwicklungen und soziale Veränderungen wirkten zusammen.

Eine Fernsehserie kann so kaum erzählen. Sie braucht Gesichter. Deshalb entdeckt Ragnar den Westen, Uhtred rettet Wessex, Lagertha verkörpert weibliche Kriegerrollen und Rollo bringt die Normandie unmittelbar in Ragnars Familie. Historische Fiktion macht Prozesse zu Biografien. Das ist ihre erzählerische Stärke – und zugleich der Punkt, an dem Zuschauer besonders vorsichtig werden müssen.

Fazit – wie viel Wikingerzeit steckt wirklich in Vikings und The Last Kingdom?

Sehr viel. Aber die historische Substanz liegt häufig nicht in den vollständigen Lebensgeschichten der Hauptfiguren, sondern in den Ereignissen und Entwicklungen, die um sie herum gebaut wurden. Lindisfarne wurde 793 angegriffen, Paris 845 von einer skandinavischen Flotte unter einem Reginherus bedroht, ab 865/866 operierte ein großes skandinavisches Heer in England, Alfred kämpfte 878 bei Edington gegen Guthrum, Rollo begründete im frühen 10. Jahrhundert eine Herrschaft an der Seine, und skandinavisch geprägte Netzwerke reichten tatsächlich weit nach Osteuropa.

Vikings nimmt diese Entwicklungen und bindet sie an Ragnar, seine Familie und sein Umfeld. Dadurch entstehen Begegnungen, die historisch kaum oder gar nicht möglich sind. Zwischen Lindisfarne 793 und Rollos entscheidender politischer Stellung 911 liegen mehr als hundert Jahre. Harald Schönhaar gehört traditionell eher in die Jahrzehnte um 900. Oleg und die frühen Rus gehören ebenfalls in diesen späteren Horizont. Die Serie macht aus mehreren Generationen eine große Saga.

The Last Kingdom arbeitet anders. Alfred, Guthrum, Edward, Æthelflæd und Æthelstan stehen auf einem wesentlich dichteren zeitgenössischen Quellenfundament. Die politische Reihenfolge von der Großen Heidnischen Armee über Edington bis zur weiteren Einigung Englands lässt sich in Chroniken und Verträgen deutlich verfolgen. Dafür trägt Uhtred als weitgehend fiktionale Hauptfigur mehrere Jahrzehnte Geschichte auf seinen Schultern und altert weit weniger, als die reale Zeitspanne erfordern würde.

Wer darüber hinaus Vikings: Valhalla einbezieht, betritt noch einmal eine neue historische Generation. Knut der Große gehört ins frühe 11. Jahrhundert und starb 1035. Harald Hardråde wurde erst um 1015 geboren und fiel 1066 bei Stamford Bridge. Leif Erikssons berühmte Vinlandtradition wird dagegen meist um das Jahr 1000 angesetzt. Auch hier macht die Serie aus teilweise versetzten Lebenszeiten eine gemeinsame Heldengeneration.

Deshalb ist die wichtigste Frage beim Sehen nicht: „Ist diese Serie historisch korrekt?“ Dafür sind beide Formate viel zu komplex. Hilfreicher ist eine dreifache Prüfung: Gab es diese Person oder dieses Ereignis? Aus welcher Zeit stammt es tatsächlich? Und welche Quelle erzählt uns davon? Erst dann wird sichtbar, ob eine Szene auf einer zeitgenössischen Chronik, einer Jahrhunderte späteren Saga, einem archäologischen Befund oder schlicht einer modernen Drehbuchentscheidung beruht.

Genau darin liegt auch der Reiz beider Serien. Vikings erzählt historische Überlieferung so, wie eine große moderne Heldensaga funktioniert. The Last Kingdom lässt einen erfundenen Mann durch erstaunlich gut dokumentierte Jahrzehnte der englischen Geschichte gehen. Beide sind voller realer Namen, Orte und Konflikte. Aber erst die Quellen zeigen, welche dieser Menschen tatsächlich Zeitgenossen waren – und welche nur auf dem Bildschirm gemeinsam am selben Feuer sitzen konnten.

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