In der Heimskringla erzählt Snorri Sturluson von einer jungen Frau namens Ragnhild, deren Vater über die norwegische Landschaft Sogn herrschte. Sie heiratete Halfdan den Schwarzen und bekam einen Sohn namens Harald. Der Junge wuchs am Hof seines Großvaters auf und sollte dessen Herrschaft erben. Doch nach dem Tod des Großvaters starben innerhalb kurzer Zeit auch Ragnhild und ihr Sohn. Halfdan übernahm daraufhin Sogn und setzte dort einen eigenen Verwalter ein.
Diese Geschichte steht im dritten Kapitel der Hálfdanar saga svarta, der Saga über Halfdan den Schwarzen. Sie betrifft Ragnhild Haraldsdatter, die Tochter des Königs Harald Goldbart. Ihr Name erscheint in der Überlieferung unmittelbar vor der Geschichte Harald Schönhaars, jenes norwegischen Herrschers, dem die mittelalterlichen Königssagas die Einigung Norwegens zuschreiben.
Doch nach Snorris Darstellung war Ragnhild Haraldsdatter gerade nicht Harald Schönhaars Mutter. Halfdan soll nach ihrem Tod eine zweite Frau geheiratet haben, die ebenfalls Ragnhild hieß. Diese zweite Ragnhild wird als Tochter Sigurd Hjorts von Ringerike bezeichnet. Sie brachte nach der Saga den späteren Harald Schönhaar zur Welt.
Die Unterscheidung scheint zunächst eindeutig. Tatsächlich gehört die Frage nach Haralds Mutter zu den schwierigen Problemen der frühen norwegischen Königsgeschichte. Andere mittelalterliche Texte überliefern abweichende Namen und Abstammungslinien. Die ältere Dichtung verbindet Harald außerdem mit Sogn, also gerade jener Landschaft, aus der Ragnhild Haraldsdatter stammen soll. Deshalb haben Historiker die Möglichkeit diskutiert, dass hinter den beiden Frauen eine komplizierte und später veränderte Überlieferung steht.
Ragnhild Haraldsdatter und ihre Herkunft aus Sogn
Ragnhild Haraldsdatter wird in den mittelalterlichen Königssagas als Tochter Harald Goldbarts bezeichnet. Sein altnordischer Beiname lautet gullskeggr. Nach Snorri herrschte er über Sogn, eine Landschaft am Sognefjord im westlichen Norwegen. Für die politische Geschichte des 9. Jahrhunderts war diese Region durch ihre Fjorde, Wasserwege und Verbindungen zum norwegischen Küstenraum geprägt.
Die Siedlungslandschaft bestand aus Höfen und regionalen Herrschaftszentren. Eine einheitliche norwegische Königsmacht im späteren mittelalterlichen Sinn existierte dort noch nicht. Regionale Anführer konnten über Land, Gefolgschaften und wirtschaftliche Ressourcen verfügen. Ihre Stellung hing von Verwandtschaftsbeziehungen, militärischer Unterstützung und der Anerkennung durch andere einflussreiche Familien ab.
Über Harald Goldbart besitzen wir nur wenige Nachrichten. Er erscheint vor allem als Vater Ragnhilds und Großvater ihres Sohnes. Seine genaue Regierungszeit ist unbekannt. Auch sein Herrschaftsgebiet lässt sich nicht unabhängig von den späteren Erzählungen bestimmen. Die Bezeichnung als König muss deshalb innerhalb der politischen Verhältnisse des frühen Norwegens verstanden werden, in denen mehrere regionale Herrscher gleichzeitig existierten.
Ragnhilds Geburtsjahr ist nicht überliefert. Wir kennen weder ihren Geburtsort noch ihre Kindheit. Ihre gesellschaftliche Stellung ergibt sich ausschließlich aus der zugeschriebenen Abstammung. Wenn die Überlieferung einen historischen Kern besitzt, gehörte sie zu einer Familie, deren Macht im westnorwegischen Sogn lag.
Die Ehe mit Halfdan dem Schwarzen
Halfdan der Schwarze, altnordisch Hálfdan svarti, gehört zu den frühen Herrschergestalten der norwegischen Königsgeschichte. Die mittelalterlichen Texte verbinden ihn vor allem mit den Landschaften des östlichen Norwegens. Besonders Ringerike, Hadeland und weitere Gebiete im Binnenland spielen in den Erzählungen über seine Herrschaft eine Rolle.
Snorri berichtet, dass Halfdan Ragnhild Haraldsdatter heiratete. Über den Anlass und die Umstände der Eheschließung erfahren wir nichts. Die Verbindung zwischen einer Familie aus Sogn und einem Herrscher des östlichen Norwegens wäre politisch allerdings gut verständlich. Heiraten konnten Beziehungen zwischen Herrschaftsfamilien festigen und Ansprüche auf Land oder Nachfolge begründen.
Das bedeutet nicht, dass Ragnhilds Ehe ausschließlich als politisches Bündnis verstanden werden darf. Über persönliche Beziehungen zwischen ihr und Halfdan besitzen wir keine Nachrichten. Die Saga interessiert sich vor allem für die Folgen der Ehe: den gemeinsamen Sohn und die spätere Übertragung der Herrschaft über Sogn.
Gerade darin liegt die historische Bedeutung der Erzählung. Ragnhild verbindet zwei Herrschaftsräume miteinander. Durch ihre Abstammung erhält ihr Sohn einen Anspruch auf das Gebiet seines mütterlichen Großvaters. Als dieser Anspruch nach dem Tod des Kindes an Halfdan fällt, wird die Ehe zum entscheidenden Glied einer politischen Nachfolgegeschichte.
Der erste Harald – ein Königssohn, der jung starb
Nach dem dritten Kapitel der Hálfdanar saga svarta bekam Ragnhild einen Sohn. Sein Großvater Harald Goldbart gab ihm den eigenen Namen. Der Junge wurde in Sogn aufgezogen und wuchs am Hof des Großvaters auf.
Diese Nachricht passt zu einer in der altnordischen Literatur mehrfach beschriebenen Praxis: Kinder konnten außerhalb des elterlichen Haushalts bei Verwandten oder anderen einflussreichen Familien aufwachsen. Solche Pflegeverhältnisse konnten persönliche Bindungen stärken und politische Beziehungen sichern. Im Fall des jungen Harald unterstreicht die Erzählung vor allem seine Verbindung zur mütterlichen Familie.
Als Harald Goldbart alt wurde, soll er seinem Enkel die Herrschaft über Sogn und den Königstitel übertragen haben. Snorri begründet die Nachfolge damit, dass der alte Herrscher keinen Sohn besessen habe. Sein Enkel wurde damit zum vorgesehenen Erben.
Wenig später starb Harald Goldbart. Noch im selben Winter soll auch seine Tochter Ragnhild gestorben sein. Im folgenden Frühjahr erkrankte der junge Harald und starb im Alter von zehn Jahren. Die Saga nennt keine genaueren Umstände der Todesfälle.
Damit endet Ragnhilds eigene Lebensgeschichte in der Überlieferung. Ihr Tod wird knapp erwähnt. Snorri beschreibt weder ihre letzten Lebensjahre noch ihre Bestattung. Es ist auch kein Grab bekannt, das sich ihr zuverlässig zuordnen ließe.
Die Geschichte geht anschließend unmittelbar mit Halfdan weiter. Als er vom Tod seines Sohnes erfährt, zieht er mit bewaffneter Begleitung nach Sogn und beansprucht die Herrschaft. Nach Snorri begegnet ihm kein Widerstand. Er setzt Atli den Schlanken aus Gaular als Verwalter ein, der Recht sprechen und Abgaben für den König einziehen soll.
Die gesamte Erzählung erklärt damit, wie Halfdan der Schwarze in den Besitz von Sogn gekommen sein soll. Ragnhild und ihr Sohn bilden die genealogische Verbindung, über die dieser Herrschaftswechsel begründet wird.
Die zweite Ragnhild – Sigurds Tochter aus Ringerike
In den folgenden Kapiteln der Hálfdanar saga svarta berichtet Snorri von einer weiteren Frau namens Ragnhild. Sie soll die Tochter Sigurd Hjorts gewesen sein, eines Herrschers aus Ringerike. Ihre Herkunft wird mit einer weit verzweigten Abstammungsgeschichte verbunden, die bis in die dänische Heldentradition zurückreicht.
Nach der Saga wird Sigurd Hjort von einem Mann namens Haki erschlagen. Haki nimmt Sigurds Tochter Ragnhild und ihren jüngeren Bruder Guthorm gefangen. Halfdan erfährt davon und lässt die Geschwister befreien. Anschließend heiratet er Ragnhild.
Aus dieser Ehe soll Harald Schönhaar hervorgegangen sein. Snorri beschreibt ihn als Sohn Halfdans und der zweiten Ragnhild. Der Junge wird später zum Mittelpunkt der Haralds saga hárfagra, in der seine Kämpfe und sein Aufstieg zur Königsmacht erzählt werden.
Diese Darstellung ist die bekannteste mittelalterliche Version der mütterlichen Abstammung Harald Schönhaars. Sie hat das Bild seiner Herkunft bis in die moderne Geschichtsschreibung geprägt. Ihre Einzelheiten sind aber keineswegs durch zeitgenössische Dokumente abgesichert.
Der Traum Ragnhilds – ein Baum wächst über Norwegen
Eine der berühmtesten Erzählungen über Harald Schönhaars Herkunft steht im sechsten Kapitel der Hálfdanar saga svarta. Dort berichtet Snorri von einem Traum der zweiten Ragnhild. Sie befindet sich im Traum in ihrem Garten und zieht einen Dorn aus ihrem Gewand. Während sie ihn in der Hand hält, beginnt er zu wachsen.
Aus dem Dorn entsteht ein mächtiger Baum. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde, während seine Krone so hoch aufsteigt, dass Ragnhild ihr Ende kaum erkennen kann. Der untere Teil des Baumes ist rot wie Blut, der Stamm darüber grün und die Zweige weiß wie Schnee. Seine Äste breiten sich schließlich über ganz Norwegen und noch weiter aus.
Der Traum wird in der Saga als Vorzeichen einer großen Nachkommenschaft verstanden. Die verschiedenen Teile des Baumes stehen sinnbildlich für die künftigen Herrscher und die Ausbreitung ihrer Macht. Die Erzählung kündigt damit Harald Schönhaars Aufstieg und die spätere norwegische Königsdynastie an.
Die Bildsprache ist auffällig. Aus einem kleinen Dorn wächst ein gewaltiger Baum, dessen Zweige ein ganzes Land bedecken. Die Vorstellung macht königliche Herrschaft zu etwas, das aus einer bestimmten Abstammung hervorgeht und sich über Generationen entfaltet.
Für Ragnhild Haraldsdatter ist diese Erzählung vor allem deshalb wichtig, weil sie häufig mit ihr verwechselt wird. Nach Snorris Darstellung träumt nicht Harald Goldbarts Tochter aus Sogn, sondern Ragnhild Sigurdsdatter, die zweite Frau Halfdans.
Der Traum ist keine unmittelbare Nachricht über ein tatsächlich erlebtes Ereignis. Er gehört zu einer literarischen Tradition, in der außergewöhnliche Träume die Zukunft bedeutender Herrscher ankündigen. Die Erzählung vermittelt damit eine Vorstellung von königlicher Abstammung und Herrschaft, die für die Autoren des 13. Jahrhunderts wichtig war.
Warum widersprechen sich die mittelalterlichen Quellen?
Die Geschichte der beiden Ragnhilds erscheint in der Heimskringla geordnet. Halfdan heiratet zunächst Harald Goldbarts Tochter, verliert Frau und Sohn und heiratet anschließend Sigurd Hjorts Tochter. Aus der zweiten Ehe geht Harald Schönhaar hervor.
Andere Texte bewahren allerdings abweichende Überlieferungen. Besonders die Fagrskinna, eine norwegische Königssagakompilation aus dem frühen 13. Jahrhundert, und die Landnámabók, die isländische Siedlungsgeschichte, zeigen, dass die genealogischen Angaben nicht überall übereinstimmen.
In der Landnámabók erscheint Halfdans erste Frau in einer Überlieferung unter dem Namen Þóra statt Ragnhild. Sie wird ebenfalls mit Sogn verbunden. Andere Fassungen der Königsgeschichte nennen für die Mutter Harald Schönhaars zusätzliche Abstammungsvarianten. Eine Überlieferung führt beispielsweise eine Helga an, die als Tochter Dags des Weisen beschrieben wird.
Die unterschiedlichen Angaben sind historisch wichtig. Sie zeigen, dass die Abstammung Haralds im Mittelalter nicht in einer einzigen, unveränderlichen Form überliefert wurde. Verschiedene Autoren kannten unterschiedliche genealogische Traditionen oder ordneten vorhandene Erzählungen anders.
Die Frage lautet deshalb nicht einfach, welche Saga die richtige Geschichte erzählt. Zunächst muss geklärt werden, wie die verschiedenen Überlieferungen entstanden, welche älteren Nachrichten sie verwendeten und warum bestimmte Abstammungslinien hervorgehoben wurden.
War Ragnhild Haraldsdatter vielleicht doch Harald Schönhaars Mutter?
In der historischen Forschung wurde die Möglichkeit diskutiert, dass Harald Schönhaars tatsächliche Mutter aus Sogn stammte und mit der in den Sagas genannten Ragnhild Haraldsdatter verbunden werden könnte.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die ältere Überlieferung über Haralds Herrschaft. Das lateinischsprachige beziehungsweise altnordische Material zur frühen Königsgeschichte ist uneinheitlich, doch das Gedicht Nóregs konungatal aus dem späten 12. Jahrhundert verbindet Harald mit den Männern von Sogn. Damit erscheint seine Stellung im westlichen Norwegen als ein wesentlicher Bestandteil der königlichen Herkunftstradition.
Die Historikerin Ólafía Einarsdóttir beschäftigte sich in ihrer Untersuchung Harald Dovrefostre af Sogn von 1971 mit diesen Fragen. Sie vertrat die Auffassung, dass Haralds Verbindung zu Sogn für die Rekonstruktion seiner Herkunft ernst genommen werden müsse. In diesem Zusammenhang wurde auch die Möglichkeit erörtert, dass die späteren Genealogien seine mütterliche Abstammung verändert oder erweitert haben könnten.
Ein weiterer wichtiger Beitrag stammt aus der Forschung zur frühen norwegischen Königsgeschichte. Dort wurde darauf hingewiesen, dass die Erzählung von zwei Frauen namens Ragnhild und zwei Söhnen namens Harald auffällig konstruiert wirkt. In Snorris Darstellung stirbt der erste Harald als Kind, während der zweite Harald später zum berühmten König wird. Beide gehören zur Familie Halfdans des Schwarzen, werden aber mit unterschiedlichen mütterlichen Abstammungslinien verbunden.
Eine mögliche Erklärung ist, dass mittelalterliche Autoren widersprüchliche Nachrichten über Haralds Herkunft miteinander verbinden wollten. Die Geschichte des früh verstorbenen ersten Harald könnte dann dazu gedient haben, einen Herrschaftsanspruch auf Sogn zu erklären, während die zweite Abstammungslinie Harald Schönhaar mit anderen angesehenen Familien verband.
Diese Deutung bleibt eine wissenschaftliche Hypothese. Es gibt keine zeitgenössische Urkunde, die Ragnhild Haraldsdatter eindeutig als Mutter Harald Schönhaars ausweist. Ebenso fehlt ein unabhängiger Beleg, der sämtliche Einzelheiten der von Snorri erzählten beiden Ehen bestätigt.
Die sicherste Aussage lautet deshalb: Die spätere Königssagatradition nennt Ragnhild Sigurdsdatter als Mutter Harald Schönhaars. Ob diese genealogische Zuordnung die tatsächlichen Verhältnisse des 9. Jahrhunderts wiedergibt, ist ungeklärt.
Warum war Haralds mütterliche Abstammung politisch wichtig?
Die Herkunft eines Königs spielte in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung eine große Rolle. Abstammung konnte Herrschaft erklären, Ansprüche begründen und politische Verbindungen zwischen verschiedenen Regionen sichtbar machen.
Für Harald Schönhaar war die Frage nach seiner Familie besonders bedeutsam. Die späteren Königssagas stellen ihn als Herrscher dar, der zahlreiche norwegische Landschaften unter seiner Macht vereinigte. Seine Herkunft musste deshalb zu einer Erzählung passen, die weit über eine einzelne Region hinausreichte.
Ragnhild Haraldsdatter verband Halfdans Familie mit Sogn. Ragnhild Sigurdsdatter verband Harald Schönhaar in der späteren Überlieferung mit Ringerike und einer berühmten dänischen Abstammungslinie. Beide Verbindungen konnten dazu beitragen, die Stellung der norwegischen Königsdynastie zu erklären.
Der Religionshistoriker Bruce Lincoln untersuchte diese Zusammenhänge in seinem Buch Between History and Myth. Er zeigt, wie die mittelalterlichen Darstellungen von Haralds Herkunft historische Genealogie mit heroischen Erzählungen verbinden. Besonders die Abstammung über Sigurd Hjort und die Verbindung zur dänischen Heldentradition verleihen Harald eine außergewöhnliche Herkunft.
Solche Abstammungsgeschichten müssen nicht vollständig erfunden sein. Sie können ältere Erinnerungen an Familien und politische Beziehungen bewahren. Ihre literarische Gestaltung zeigt aber, dass die Autoren die Vergangenheit aus der Perspektive ihrer eigenen Zeit ordneten.
Die Frage nach Haralds Mutter ist deshalb eng mit der Frage verbunden, wie das norwegische Königtum im 12. und 13. Jahrhundert seine eigene Vergangenheit erklärte.
Welche Rolle konnten königliche Frauen im Norwegen des 9. Jahrhunderts spielen?
Die Geschichte Ragnhild Haraldsdatters enthält kaum Angaben über ihr eigenes Handeln. Sie wird als Tochter, Ehefrau und Mutter beschrieben. Ihr Tod beendet die Erzählung über ihre Person, während die politischen Folgen ihrer Ehe ausführlich geschildert werden.
Diese Gewichtung sagt viel über die Interessen der mittelalterlichen Autoren aus. Königssagas beschäftigen sich vor allem mit Herrschaft, Konflikten und der Nachfolge mächtiger Familien. Frauen erscheinen häufig dort, wo ihre Abstammung oder Ehe für diese Themen wichtig wird.
Aus der Geschichte Ragnhilds lässt sich deshalb nicht ableiten, dass Frauen ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend grundsätzlich keinen politischen Einfluss besaßen. Die Saga beschreibt lediglich keine eigenständigen Entscheidungen Ragnhilds.
Andere schriftliche und archäologische Quellen zeigen, dass Frauen in den skandinavischen Gesellschaften über Besitz, soziale Beziehungen und wirtschaftliche Ressourcen verfügen konnten. Besonders in wohlhabenden Familien konnten ihre verwandtschaftlichen Verbindungen eine wichtige Rolle spielen.
Wie Ragnhild selbst lebte, welche Aufgaben sie übernahm oder welchen Einfluss sie auf Halfdans Herrschaft besaß, bleibt unbekannt. Auch ihre Stellung innerhalb des Hofes in Sogn lässt sich nicht rekonstruieren.
Die Überlieferung macht aber deutlich, wie entscheidend eine weibliche Abstammungslinie für die Begründung politischer Ansprüche sein konnte. Der Sohn Ragnhilds soll die Herrschaft seines mütterlichen Großvaters erhalten haben. Erst über diese Verbindung konnte Halfdan nach dem Tod des Kindes einen Anspruch auf Sogn geltend machen.
Gibt es archäologische Funde zu Ragnhild Haraldsdatter?
Bislang ist kein archäologischer Fund bekannt, der Ragnhild Haraldsdatter eindeutig zugeordnet werden kann. Weder ein Grab noch ein persönlicher Gegenstand oder eine zeitgenössische Inschrift trägt eine gesicherte Verbindung zu ihr.
Auch für Harald Goldbart und den jung verstorbenen Harald fehlen eindeutige archäologische Identifizierungen. Die in den Sagas beschriebenen Personen können deshalb nicht anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaften überprüft werden.
Die Archäologie liefert dennoch wichtige Informationen über die Gesellschaft, in der Ragnhild gelebt haben könnte. Untersuchungen westnorwegischer Hof- und Grabanlagen zeigen regionale Eliten, deren Wohlstand sich in aufwendigen Bestattungen, wertvollen Gegenständen und weitreichenden Kontakten ausdrückte.
Solche Befunde helfen, die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Königssagatradition zu verstehen. Sie belegen aber keine konkrete Ehe, keine bestimmte Abstammungslinie und keinen Herrschaftswechsel zwischen den in der Saga genannten Personen.
Auch die Datierung von Ragnhilds Leben bleibt deshalb unsicher. Ihre Einordnung in das 9. Jahrhundert ergibt sich aus der überlieferten Stellung Halfdans des Schwarzen und Harald Schönhaars innerhalb der frühen norwegischen Königsgeschichte. Ein genaues Geburts- oder Todesjahr lässt sich nicht nennen.
Wie zuverlässig ist Snorri Sturlusons Darstellung?
Snorri Sturluson verfasste die Heimskringla im 13. Jahrhundert. Die darin beschriebenen Ereignisse um Halfdan den Schwarzen und Harald Schönhaar liegen mehrere Jahrhunderte zurück. Snorri konnte auf ältere Gedichte, schriftliche Texte und mündliche Überlieferungen zurückgreifen, war aber kein Zeitzeuge.
Seine Darstellung besitzt großen Wert für die Geschichte der norwegischen Königstradition. Sie zeigt, welche Abstammungslinien im Mittelalter bekannt waren und wie die Entstehung königlicher Herrschaft erklärt wurde. Gerade bei den frühen Herrschern enthält sie allerdings auch Erzählmotive, deren historischer Kern schwer zu bestimmen ist.
Die Geschichte Ragnhild Haraldsdatters ist dafür ein gutes Beispiel. Der Tod ihres Sohnes führt unmittelbar zur Übernahme Sogns durch Halfdan. Die Erzählung besitzt damit eine klare politische Funktion. Sie erklärt einen Herrschaftsanspruch durch Erbfolge und familiäre Verbindung.
Ob dieser Ablauf tatsächlich so stattgefunden hat, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Die abweichenden Angaben anderer mittelalterlicher Texte zeigen, dass bereits die Überlieferung selbst keine einheitliche Antwort auf die Frage nach Haralds mütterlicher Familie bietet.
Für eine historische Darstellung ist es deshalb sinnvoll, zwischen der Person Ragnhild Haraldsdatter, wie sie in der Saga erscheint, und der möglicherweise dahinterstehenden Frau des 9. Jahrhunderts zu unterscheiden. Die erste ist literarisch greifbar. Über die zweite wissen wir nur sehr wenig.
Fazit – wer war Ragnhild Haraldsdatter wirklich?
Ragnhild Haraldsdatter erscheint in den mittelalterlichen Königssagas als Tochter Harald Goldbarts von Sogn und erste Ehefrau Halfdans des Schwarzen. Nach Snorri Sturluson bekam sie einen Sohn namens Harald, der bei seinem Großvater aufwuchs und dessen Herrschaft erben sollte. Ragnhild starb nach der Erzählung kurz nach ihrem Vater, ihr Sohn im folgenden Frühjahr im Alter von zehn Jahren. Halfdan übernahm anschließend Sogn. Über Ragnhilds persönliches Leben, ihr Geburtsjahr und ihre Bestattung besitzen wir keine gesicherten Nachrichten.
Die Frage nach ihrer Verbindung zu Harald Schönhaar bleibt schwieriger. Snorri unterscheidet zwei Frauen namens Ragnhild und nennt Ragnhild Sigurdsdatter als Mutter des späteren Königs. Andere mittelalterliche Überlieferungen enthalten abweichende Namen und Abstammungslinien. Die ältere Verbindung Haralds zu Sogn hat deshalb in der Forschung zu der Überlegung geführt, dass Ragnhild Haraldsdatter möglicherweise eine größere Rolle in seiner tatsächlichen Herkunft gespielt haben könnte, als die Heimskringla erkennen lässt. Beweisen lässt sich diese Annahme nicht.
Ragnhild Haraldsdatter gehört damit zu jenen Frauen der frühen norwegischen Königsgeschichte, deren Bedeutung vor allem durch die überlieferten Verwandtschaftsbeziehungen sichtbar wird. Ob sie tatsächlich die Mutter Harald Schönhaars war, bleibt offen. Sicher ist, dass die mittelalterlichen Autoren ihrer Abstammung aus Sogn eine wichtige Funktion bei der Erklärung königlicher Herrschaft zuschrieben. Ihre Geschichte zeigt, wie eng die Erinnerung an einzelne Personen mit der Entstehung politischer Genealogien verbunden war.


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