Wissensarchiv

Zeitkunde

Gamla Uppsala – Kultzentrum und Königsmacht vor der Wikingerzeit

12.12.2024Verlag NorseStory · Berlinca. 17 Min. Lesezeit

Gamla Uppsala gehört zu den bedeutendsten archäologischen und historischen Orten Skandinaviens. Wenige Kilometer nördlich der heutigen schwedischen Stadt Uppsala erhebt sich eine Landschaft, deren monumentale Grabhügel noch immer erkennen lassen, dass hier bereits lange vor dem eigentlichen Beginn der Wikingerzeit ein außergewöhnliches Zentrum bestand. Mächtige Grabanlagen, große Hallen, Wirtschaftsbereiche, künstlich gestaltete Flächen und weitere monumentale Strukturen zeigen einen Ort, an dem sich Herrschaft, gesellschaftliche Repräsentation, Erinnerung und kultische Handlungen über mehrere Jahrhunderte miteinander verbanden.

Gerade Gamla Uppsala ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, wie stark unser modernes Bild der vorchristlichen Vergangenheit durch wesentlich spätere Schriftquellen geprägt werden kann. Berühmt wurde der Ort vor allem durch Adam von Bremen, der im späten 11. Jahrhundert ein bedeutendes heidnisches Heiligtum in Uppsala beschrieb. Seine Erzählung von einem prächtigen Tempel, Götterbildern und großen Opferfesten beeinflusste die Vorstellung von Uppsala bis in die Gegenwart. Daraus entstand teilweise sogar die Behauptung, im Jahr 750 n. Chr. sei dort der erste heidnische Tempel errichtet worden.

Archäologisch lässt sich ein solches Ereignis jedoch nicht nachweisen. Die Geschichte Gamla Uppsalas beginnt auch nicht um 750. Der Ort entwickelte sich bereits im 6. Jahrhundert zu einem monumentalen Zentralplatz und war damit schon während der Vendelzeit von herausragender Bedeutung. Um 750 entstand also nicht plötzlich ein neues religiöses Zentrum. Vielmehr trat ein bereits seit Generationen bestehender Macht- und Kultort in jene Epoche ein, die wir heute als Wikingerzeit bezeichnen. Gerade diese wesentlich längere Entwicklung macht Gamla Uppsala historisch weitaus interessanter als die Vorstellung eines einzelnen Tempelbaus zu einem bestimmten Jahr.

Gamla Uppsala vor der Wikingerzeit

Die entscheidende Entwicklung Gamla Uppsalas fällt in die Vendelzeit, die in Schweden ungefähr von der Mitte des 6. bis zum späten 8. Jahrhundert reicht und unmittelbar der Wikingerzeit vorausgeht. Diese Epoche erhielt ihren modernen Namen nach dem Fundort Vendel in Uppland und ist besonders durch reich ausgestattete Elitegräber, kunstvolle Waffen, Helme, importierte Gegenstände und weitreichende aristokratische Netzwerke gekennzeichnet. In Mittelschweden bildeten sich damals politische und wirtschaftliche Machtzentren heraus, deren Eliten erhebliche Ressourcen kontrollieren konnten.

Gamla Uppsala nahm innerhalb dieser Landschaft eine außergewöhnliche Stellung ein. Archäologische Forschungen zeigen für das 6. bis 8. Jahrhundert einen umfangreichen Zentral- und Herrenhofkomplex. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Palast oder Tempel, sondern um ein Ensemble unterschiedlicher Bereiche. Große Hallen standen neben Wirtschaftsgebäuden und Werkstätten; Einfriedungen und gepflasterte Flächen strukturierten bestimmte Räume; monumentale Pfostenreihen griffen weit in die Landschaft aus. Hinzu kamen die großen Grabhügel, die das Erscheinungsbild des Ortes bis heute bestimmen.

Diese Anlagen zeigen, dass Gamla Uppsala weit über die Funktion eines gewöhnlichen landwirtschaftlichen Hofes hinausging. Hier konnte eine Elite Menschen und Ressourcen in erheblichem Umfang mobilisieren. Monumentalität war dabei selbst eine Form politischer Kommunikation. Wer gewaltige Grabhügel errichten, große Hallen unterhalten und die Landschaft mit außergewöhnlichen Bauwerken strukturieren konnte, machte seinen gesellschaftlichen Rang weithin sichtbar.

Die großen Grabhügel als Zeichen von Macht und Erinnerung

Besonders eindrucksvoll sind die monumentalen Hügel, die heute häufig als Kungshögarna – die Königshügel bezeichnet werden. Ihre traditionelle Verbindung mit bestimmten Herrschern gehört allerdings überwiegend in die spätere Überlieferungs- und Deutungsgeschichte. Archäologisch lassen sich die dort bestatteten Personen nicht einfach mit einzelnen namentlich bekannten Königen der mittelalterlichen Sagas identifizieren.

Was die Archäologie dagegen sehr deutlich zeigt, ist der außergewöhnliche gesellschaftliche Rang der Bestattungen. Die Errichtung eines Großhügels erforderte enorme Mengen an Material und Arbeitskraft. Solche Monumente entstanden nicht allein, um einen Leichnam aufzunehmen. Sie schufen dauerhafte Erinnerungsorte, die eine Elite mit der Landschaft verbanden und ihre Stellung über den Tod hinaus sichtbar machten.

Für spätere Generationen gewann dieser Effekt wahrscheinlich noch an Bedeutung. Ein Mensch, der Gamla Uppsala im 9. oder 10. Jahrhundert besuchte, begegnete dort Monumenten, die bereits seit Jahrhunderten bestanden. Die Grabhügel waren für die Menschen der Wikingerzeit damit selbst Zeugnisse einer fernen Vergangenheit. Gamla Uppsala war nicht nur ein Ort gegenwärtiger Macht, sondern auch ein Ort inszenierter Geschichte.

Was die Grabhügel nicht beweisen

Gerade bei diesen Monumenten zeigt sich die Notwendigkeit einer quellenkritischen Betrachtung. Spätere altnordische Texte verbinden Uppsala mit den Ynglingen, einem legendären Herrschergeschlecht, dessen Abstammung wiederum mit Freyr beziehungsweise Yngvi-Freyr verbunden wurde. Diese Überlieferungen sind kulturgeschichtlich außerordentlich wichtig, entstanden in ihren erhaltenen Fassungen jedoch lange nach den vendelzeitlichen Bestattungen.

Es wäre deshalb methodisch problematisch, einen archäologisch nachgewiesenen Großhügel einfach mit einer bestimmten Gestalt aus einer Jahrhunderte später niedergeschriebenen Königstradition gleichzusetzen. Die Texte zeigen vor allem, wie spätere Generationen Gamla Uppsala erinnerten und deuteten. Genau diese Rezeptionsgeschichte ist wichtig – sie darf aber nicht mit dem archäologischen Befund des 6. oder 7. Jahrhunderts verwechselt werden.

Die großen Hallen und der Zentralplatz

Neben den Grabhügeln gehören die großen Hallenbauten zu den wichtigsten Elementen des archäologischen Gesamtbildes. Solche Hallen waren in der jüngeren Eisenzeit Skandinaviens weit mehr als einfache Wohngebäude. Sie konnten als repräsentative Räume einer herrschenden Elite dienen, in denen Gefolgsleute und Gäste empfangen, Feste veranstaltet und gesellschaftliche Beziehungen gepflegt wurden. Auch kultische Handlungen innerhalb oder im Umfeld solcher Gebäude sind grundsätzlich denkbar.

Gerade deshalb lässt sich die vorchristliche Welt nicht problemlos mit unseren modernen Kategorien von „Palast“, „Festhalle“ und „Tempel“ beschreiben. Politische, soziale und religiöse Funktionen konnten sich überschneiden. Ein Festmahl konnte zugleich Ausdruck von Gastfreundschaft, Herrschaft und religiöser Gemeinschaft sein. Die Kontrolle über große Hallen und die Fähigkeit, zahlreiche Menschen zu bewirten, waren selbst Zeichen gesellschaftlicher Macht.

In Gamla Uppsala verbanden sich solche Hallen mit weiteren Strukturen zu einem außergewöhnlichen Gesamtkomplex. Archäologisch nachgewiesen wurden unter anderem Werkstätten, Wirtschaftsgebäude, Einfriedungen, gepflasterte Höfe und monumentale Pfostenreihen. Diese Befunde zeigen, dass die Landschaft bewusst organisiert wurde. Einzelne Bereiche wurden voneinander abgegrenzt, Zugänge konnten hervorgehoben und Bewegungen durch den Zentralplatz gelenkt werden. Der Ort war damit nicht zufällig gewachsen, sondern in erheblichem Umfang gestaltet.

Königsmacht oder aristokratisches Zentrum?

Die Monumentalität Gamla Uppsalas hat seit Langem dazu geführt, den Ort unmittelbar mit früher Königsherrschaft zu verbinden. Dass hier eine außerordentlich mächtige Elite ansässig war, ist angesichts der archäologischen Befunde kaum zu bezweifeln. Schwieriger ist die Frage, wie genau ihre politische Stellung bezeichnet werden sollte. Begriffe wie „König“, „Reich“ oder gar „Hauptstadt“ können leicht Vorstellungen späterer staatlicher Strukturen auf eine wesentlich anders organisierte Gesellschaft übertragen.

Die Herrschaft der Vendelzeit beruhte stark auf persönlichen Bindungen, Landbesitz, Gefolgschaften, Ressourcen und der Fähigkeit, soziale Netzwerke zu kontrollieren. Ein Zentralort wie Gamla Uppsala konnte dabei eine herausragende Rolle spielen, ohne Hauptstadt eines territorial klar abgegrenzten Staates im modernen Sinne zu sein. Politische Macht war vorhanden – ihre genaue institutionelle Form bleibt jedoch schwieriger zu bestimmen.

Eine Landschaft, die Macht sichtbar machte

Entscheidend ist deshalb weniger die Suche nach einem modernen Amtstitel als die Frage, wie Herrschaft in Gamla Uppsala sichtbar wurde. Die Antwort liegt unmittelbar in der Landschaft: gewaltige Grabhügel, große Hallen, besondere Wege und Einfriedungen sowie monumentale Anlagen, deren Errichtung beträchtliche Arbeitskraft erforderte. Menschen, die diesen Ort betraten, mussten seine Besonderheit nicht erklärt bekommen. Die Architektur selbst vermittelte, dass hier eine außergewöhnliche gesellschaftliche Ordnung bestand. Gamla Uppsala war gebaute und gestaltete Macht. Genau darin liegt eine seiner wichtigsten Bedeutungen für das Verständnis der politischen Kultur unmittelbar vor der Wikingerzeit.

Kult und vorchristliche Religion in Gamla Uppsala

Dass Gamla Uppsala nicht nur ein politisches und wirtschaftliches, sondern auch ein religiös bedeutender Zentralort war, wird durch verschiedene Befunde und die spätere Überlieferung gestützt. Schwieriger ist jedoch die Frage, wie konkrete Rituale aussahen und wo sie stattfanden. Die Vorstellung, sämtliche religiösen Handlungen hätten sich in einem einzigen großen Tempel abgespielt, wird der Vielfalt vorchristlicher Kultpraxis kaum gerecht.

Für das vorchristliche Skandinavien sind unterschiedliche Formen heiliger Orte bekannt oder in den Quellen überliefert. Hallen konnten kultische Funktionen besitzen; besondere Landschaftsbereiche, Haine, Quellen oder andere Naturorte konnten religiöse Bedeutung tragen. Begriffe wie hof, hörgr und vé verweisen auf verschiedene Formen von Heiligtümern beziehungsweise abgegrenzten sakralen Räumen, deren konkrete Gestalt jedoch nicht immer sicher rekonstruiert werden kann.

Für Gamla Uppsala ist es deshalb sinnvoller, von einer Kult- und Sakrallandschaft zu sprechen. Grabhügel verbanden den Ort mit bedeutenden Toten und Vergangenheit, Hallen boten Räume für Gemeinschaft und Repräsentation, während weitere Anlagen die Landschaft gliederten. Religion war in dieser Gesellschaft nicht zwangsläufig von Politik, Fest und Erinnerung getrennt.

Religion und Herrschaft gehörten zusammen

Große gemeinschaftliche Feste konnten mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen. Tiere wurden geschlachtet, Nahrung verteilt, Beziehungen zwischen Gastgebern und Gästen bestätigt und gesellschaftliche Rangordnungen sichtbar gemacht. Wenn solche Zusammenkünfte zugleich religiöse Handlungen einschlossen, verschmolzen Kult, Gemeinschaft und Herrschaft miteinander.

Gerade für eine mächtige Elite war die Kontrolle über solche Veranstaltungen von großer Bedeutung. Wer große Mengen Nahrung bereitstellen, Gäste aufnehmen und gemeinschaftliche Rituale ermöglichen konnte, demonstrierte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftlichen Rang. Religion war damit nicht lediglich eine private Glaubensfrage. Sie konnte unmittelbar Teil der politischen Ordnung sein.

Vorsicht mit unserem modernen Bild vom „Tempel“

Wenn heute vom „Tempel von Uppsala“ gesprochen wird, entsteht schnell das Bild eines klar abgegrenzten sakralen Gebäudes, das ähnlich wie eine spätere Kirche ausschließlich religiösen Zwecken diente. Für die Vendelzeit lässt sich ein solches Gebäude in Gamla Uppsala jedoch nicht sicher nachweisen. Das bedeutet keineswegs, dass es keine Kultgebäude gegeben haben kann. Es bedeutet lediglich, dass die archäologischen Befunde nicht dazu berechtigen, für das Jahr 750 einen bestimmten Tempel mit festgelegter Architektur, Götterstatuen und Innenausstattung zu rekonstruieren. Die religiöse Bedeutung Gamla Uppsalas ist wesentlich besser begründet als die konkrete Gestalt eines einzelnen Tempelgebäudes.

Um 750 – Gamla Uppsala an der Schwelle zur Wikingerzeit

Das Jahr 750 bleibt dennoch ein sinnvoller Orientierungspunkt, wenn es nicht als vermeintliches Tempelgründungsdatum verstanden wird. Es liegt ungefähr im Übergangsbereich zwischen Vendelzeit und Wikingerzeit. Für Gamla Uppsala lässt sich während des 8. und 9. Jahrhunderts eine Transformation des älteren Zentralplatzes erkennen. Strukturen wurden verändert, Nutzungen verschoben sich und die über Generationen entstandene Monumentallandschaft entwickelte sich weiter.

Damit verändert sich auch die historische Erzählung grundlegend. Statt eines plötzlich errichteten Tempels sehen wir einen langfristigen Entwicklungsprozess. Die politische und religiöse Bedeutung Uppsalas entstand nicht innerhalb eines einzigen Jahres. Sie war Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, in der neue Monumente errichtet, ältere weitergenutzt und gesellschaftliche Traditionen immer wieder neu interpretiert wurden.

Als im späten 8. Jahrhundert die ersten skandinavischen Überfälle auf Westeuropa jene Epoche sichtbar machten, die wir heute Wikingerzeit nennen, war Gamla Uppsala bereits ein alter Zentralort. Während anderswo neue Handelsplätze entstanden und skandinavische Seefahrer immer weitere Entfernungen zurücklegten, blieb in Mittelschweden eine Landschaft bedeutsam, deren monumentale Wurzeln tief in die vorhergehende Epoche zurückreichten.

Die Wikingerzeit begann nicht überall gleichzeitig

Gamla Uppsala erinnert zugleich daran, dass historische Epochen keine Schalter besitzen. Die übliche Datierung der Wikingerzeit auf ungefähr 793 bis 1066 ist eine historiographische Konvention, die stark von Ereignissen auf den Britischen Inseln geprägt wurde. Für die gesellschaftliche Entwicklung Skandinaviens selbst verliefen Veränderungen wesentlich fließender.

Ein Ort wie Gamla Uppsala lässt sich deshalb nicht sinnvoll in eine Welt „vor den Wikingern“ und eine plötzlich völlig andere „Wikingerwelt“ teilen. Eliten, Bestattungstraditionen, religiöse Vorstellungen und politische Netzwerke der Vendelzeit wirkten in die folgende Epoche hinein. Gleichzeitig veränderten Fernhandel, Mobilität, Herrschaft und später die Christianisierung die Gesellschaft. Die Wikingerzeit entstand aus der Welt der Vendelzeit – und Gamla Uppsala macht diesen Übergang besonders sichtbar.

Ein alter Zentralort in einer sich verändernden Welt

Gerade diese Kontinuität verlieh Gamla Uppsala möglicherweise einen besonderen Rang. Während sich politische Verhältnisse veränderten, blieben die großen Monumente sichtbar. Neue Generationen konnten sich auf eine Vergangenheit beziehen, deren Spuren überall in der Landschaft lagen.

Damit wurde der Ort selbst zu einem Träger von Erinnerung. Herrschaft musste nicht jedes Mal völlig neu erfunden werden. Wer sich mit Gamla Uppsala verbinden konnte, konnte sich zugleich mit einer jahrhundertealten Tradition von Macht und sakraler Bedeutung verbinden.

Adam von Bremen und der berühmte Tempel

Erst im späten 11. Jahrhundert begegnet uns jene Beschreibung, die das moderne Bild Uppsalas stärker geprägt hat als beinahe jeder archäologische Fund. Adam von Bremen verfasste um die 1070er Jahre seine Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. Im vierten Buch seines Werkes beschreibt er die Länder des Nordens und berichtet dabei von einem berühmten Heiligtum in Uppsala.

Nach Adams Darstellung befanden sich dort Bildnisse von Thor, Wodan und Fricco. Wodan entspricht Odin, während Fricco gewöhnlich mit Freyr identifiziert wird. Thor soll den zentralen Platz eingenommen haben. Adam verbindet die Gottheiten mit verschiedenen Lebensbereichen: Thor unter anderem mit Wetter und Wachstum, Odin mit Krieg und Freyr mit Frieden und Fruchtbarkeit.

Seine Beschreibung ist außerordentlich wertvoll, aber sie stammt aus einer völlig anderen Zeit als die monumentale Entwicklung des 6. bis 8. Jahrhunderts. Zwischen den großen vendelzeitlichen Bauphasen und Adams Niederschrift liegen mehrere Jahrhunderte. Sein Bericht darf deshalb nicht rückwirkend als Bauplan eines Tempels des Jahres 750 verwendet werden.

Adam war kein Augenzeuge

Hinzu kommt ein entscheidender quellenkritischer Punkt: Adam von Bremen hatte Gamla Uppsala nach allem, was wir wissen, nicht selbst besucht. Er war auf Informationen angewiesen, die ihm andere Personen über den Norden vermittelten. Gleichzeitig schrieb er als christlicher Geistlicher in einer Epoche, in der die Missionierung und kirchliche Organisation Skandinaviens für das Erzbistum Hamburg-Bremen von großer Bedeutung waren.

Das macht seinen Bericht keineswegs wertlos. Es bedeutet jedoch, dass seine Darstellung nicht wie ein neutraler ethnographischer Bericht gelesen werden darf. Seine Beschreibung vermittelt Informationen über vorchristliche Religion, aber zugleich die Wahrnehmung dieser Religion durch einen christlichen Autor des 11. Jahrhunderts.

Gold, Götterbilder und literarische Darstellung

Adam beschreibt das Heiligtum als prächtig und mit Gold geschmückt. Gerade diese Formulierung hat zahlreiche moderne Rekonstruktionen inspiriert. Archäologisch besitzen wir jedoch keinen Befund, der eine konkrete vergoldete Tempelarchitektur in Gamla Uppsala bestätigt.

Auch bei den Götterbildern ist Vorsicht notwendig. Dass anthropomorphe Darstellungen von Gottheiten in der Wikingerzeit grundsätzlich existieren konnten, zeigen verschiedene Funde. Die bekannte bronzene Figur aus Rällinge in Södermanland wird beispielsweise häufig als Darstellung Freyrs interpretiert. Sie stammt jedoch nicht aus Gamla Uppsala und beweist daher nicht die konkrete Ausstattung des von Adam beschriebenen Heiligtums.

Die Opferfeste von Uppsala

Besonders berühmt ist Adams Bericht über ein großes Opferfest, das in regelmäßigen Abständen in Uppsala stattgefunden haben soll. Er beschreibt Tier- und Menschenopfer sowie einen heiligen Hain, in dem die Körper der Geopferten aufgehängt worden seien. Diese Passage gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich schwierigsten schriftlichen Zeugnissen zur vorchristlichen Religion Skandinaviens.

Dass Opferhandlungen und gemeinschaftliche Kultfeste eine wichtige Rolle spielten, passt grundsätzlich zu weiteren schriftlichen und archäologischen Hinweisen aus dem eisenzeitlichen Norden. Auch Menschenopfer können als Möglichkeit nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die konkrete Darstellung Adams – einschließlich Zahlen, Rhythmus und genauer Durchführung – lässt sich jedoch nicht in allen Einzelheiten unabhängig bestätigen.

Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen zwei Aussagen zu unterscheiden. Wir können begründet davon ausgehen, dass Gamla Uppsala ein bedeutender Kultort war und dort gemeinschaftliche religiöse Handlungen stattfanden. Wir können dagegen nicht sämtliche Einzelheiten aus Adams Bericht ohne Einschränkung als Tatsachenbeschreibung übernehmen.

Der heilige Hain

Adam beschreibt neben dem Heiligtum ausdrücklich einen heiligen Hain. Das ist kulturgeschichtlich besonders interessant, weil es daran erinnert, dass vorchristliche Sakralität nicht ausschließlich an Gebäude gebunden war. Bäume und besondere Landschaftsbereiche konnten selbst religiöse Bedeutung besitzen.

Die in älteren Darstellungen verbreitete Behauptung eines unmittelbar beim Tempel gelegenen heiligen Sees, in dem Opfer versenkt worden seien, sollte dagegen nicht einfach auf Uppsala übertragen werden. Opferdeponierungen in Gewässern und Feuchtgebieten sind aus anderen eisenzeitlichen Kontexten Skandinaviens durchaus bekannt. Daraus folgt aber nicht, dass dieselbe Praxis für Gamla Uppsala ohne entsprechenden Befund behauptet werden darf.

Was Adams Bericht tatsächlich für uns bedeutet

Der Wert Adams liegt gerade nicht darin, dass er uns eine fotografisch genaue Rekonstruktion des Uppsalakultes hinterlassen hätte. Sein Bericht zeigt vielmehr, dass Uppsala noch im 11. Jahrhundert in der christlichen Wahrnehmung als außergewöhnlich bedeutender Ort der vorchristlichen Religion galt.

Damit ergänzt seine Schrift die Archäologie auf einer anderen Ebene. Die archäologischen Befunde zeigen die lange Entwicklung des Zentralortes; Adam dokumentiert eine wesentlich spätere Vorstellung von seiner religiösen Bedeutung. Beide Quellenarten erzählen etwas über Gamla Uppsala – aber sie erzählen nicht dasselbe und stammen nicht aus derselben Zeit.

Von der vorchristlichen Sakrallandschaft zum christlichen Zentrum

Im Verlauf des 11. und 12. Jahrhunderts veränderte die Christianisierung auch Mittelschweden grundlegend. Dieser Prozess verlief langsam und regional unterschiedlich. Gerade die Bedeutung Gamla Uppsalas zeigt, dass ältere religiöse Traditionen nicht innerhalb eines einzigen Jahres verschwanden. Gleichzeitig gewann die christliche Kirchenorganisation zunehmend an institutioneller Stärke.

Bemerkenswert ist, dass Gamla Uppsala mit dem Ende des vorchristlichen Kultes keineswegs bedeutungslos wurde. Im 12. Jahrhundert entstand dort eine große christliche Kirche, und der Ort wurde zum kirchlichen Zentrum. 1164 wurde Gamla Uppsala Sitz des schwedischen Erzbistums. Damit befand sich ausgerechnet an einem der berühmtesten Orte vorchristlicher Tradition nun eine der wichtigsten Institutionen des christlichen Schweden. Das Riksantikvarieämbetet beschreibt diese Entwicklung ausdrücklich als Fortsetzung der engen Verbindung von Religion und zentraler Macht, nun unter christlichen Vorzeichen.

Stand die Kirche auf dem alten Tempel?

Immer wieder wird vermutet, die christliche Kirche sei bewusst an der Stelle des heidnischen Tempels errichtet worden. Eine solche Übernahme älterer heiliger Orte wäre im Rahmen mittelalterlicher Christianisierung grundsätzlich denkbar. Für Gamla Uppsala lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei nachweisen, dass die Kirche tatsächlich exakt auf jenem Gebäude errichtet wurde, das Adam beschrieben hatte.

Schon die Position und konkrete Gestalt des von Adam erwähnten Heiligtums sind nicht sicher bekannt. Deshalb kann auch seine direkte bauliche Ablösung durch eine Kirche nicht als gesicherte Tatsache behandelt werden. Historisch deutlich besser belegt ist der größere Zusammenhang: Ein über Jahrhunderte religiös und politisch bedeutender Zentralort blieb bedeutend, während sich die Religion und ihre Institutionen grundlegend veränderten.

Gamla Uppsala zwischen Archäologie und Überlieferung

Gerade diese Entwicklung macht Gamla Uppsala zu einem Schlüsselort für die nordische Kulturgeschichte. Hier lassen sich mehrere historische Ebenen nebeneinander erkennen: die monumentale Machtlandschaft der Vendelzeit, ihre Transformation an der Schwelle zur Wikingerzeit, die spätere schriftliche Erinnerung an einen bedeutenden vorchristlichen Kultort und schließlich die christliche Neuordnung des 12. Jahrhunderts.

Keine dieser Ebenen sollte die anderen ersetzen. Die Archäologie darf nicht mit den Sagas illustriert werden, als wären diese zeitgenössische Berichte. Adam von Bremen darf nicht benutzt werden, um das 8. Jahrhundert detailgenau zu rekonstruieren. Gleichzeitig sollten die mittelalterlichen Texte nicht ignoriert werden, denn sie zeigen, welche außergewöhnliche Stellung Uppsala im späteren kulturellen Gedächtnis besaß. Gerade die Spannung zwischen Befund und Überlieferung macht den Ort historisch so wertvoll.

Vendelzeit 550–750

Die Vendelzeit ist nach dem reichen Bootsgräberfeld von Vendel benannt. Prunkgräber, Helme, Waffen, Importwaren und große Hallen zeigen eine aristokratische Gesellschaft, aus der die späteren wikingerzeitlichen Machtstrukturen nicht plötzlich, sondern schrittweise hervorgehen. Die monumentalen Königshügel und elitären Befunde machen Gamla Uppsala bereits vor der klassischen Wikingerzeit zu einem außergewöhnlichen Zentrum. Die Hügel dürfen nicht einfach bestimmten Saga-Königen zugewiesen werden. Die Bootsgräber von Valsgärde und Vendel dokumentieren über Jahrhunderte hochrangige Bestattungen. Ihre Kontinuität verbindet Vendel- und Wikingerzeit und macht die Region für die Erforschung politischer Eliten zentral.

750 ist kein Gründungsjahr

Ein Artikel über „Uppsala 750“ darf nicht suggerieren, die Stadt oder ein Reich sei in diesem Jahr gegründet worden. Das Datum steht für eine Übergangsphase innerhalb einer viel längeren Entwicklung. Im 8. bis 10. Jahrhundert bleibt die Region politisch und religiös wichtig. Archäologie zeigt Siedlung, Hallen, Gräber und Fernkontakte; die schriftliche Überlieferung wird erst später dichter.

Adam beschreibt im 11. Jahrhundert einen berühmten heidnischen Kultort in Uppsala. Er war kein Augenzeuge. Seine Darstellung ist unverzichtbar, aber als christlicher Bericht aus zweiter Hand quellenkritisch zu lesen.

Der „Tempel von Uppsala“

Die populäre Vorstellung eines exakt rekonstruierbaren goldenen Tempels beruht stark auf Adam. Archäologische Befunde belegen einen bedeutenden Zentralort, identifizieren aber nicht einfach ein Gebäude mit jedem Detail seines Textes. Vorchristliche Rituale in Uppsala sind plausibel und teilweise durch unterschiedliche Hinweise gestützt. Konkrete Zahlen, Abläufe und Menschenopfer aus Adams Bericht dürfen dennoch nicht unkritisch als Protokoll übernommen werden.

Im 11. und 12. Jahrhundert verschiebt sich die religiöse Landschaft. Kirchenbau, christliche Bestattungen und neue Institutionen verändern Uppsala, ohne dass ältere Traditionen an einem einzigen Tag verschwinden.

Vom alten zum neuen Uppsala

Gamla Uppsala bleibt ein bedeutender kirchlicher Ort. Der Erzbischofssitz wird im 12. Jahrhundert eingerichtet und 1273 in das heutige Uppsala verlegt. Damit reicht die Geschichte weit über die klassische Wikingerzeit hinaus.

Für die frühe Phase tragen Archäologie und naturwissenschaftliche Datierung besonders viel. Für das 11. bis 14. Jahrhundert treten Schriftquellen und kirchliche Institutionen stärker hinzu. Späte Sagas dürfen nicht rückwirkend die Lücken des 6. Jahrhunderts schließen.

Fazit

Gamla Uppsala entstand nicht im Jahr 750 und seine Bedeutung begann nicht mit dem Bau eines ersten heidnischen Tempels. Die archäologische Forschung zeigt vielmehr einen monumentalen Zentralort, dessen entscheidende Entwicklung bereits im 6. Jahrhundert einsetzte. Große Grabhügel, Hallen, Wirtschaftsbereiche, Einfriedungen und weitere monumentale Strukturen machten den Ort während der Vendelzeit zu einem außergewöhnlichen Zentrum Mittelschwedens. Als Skandinavien im späten 8. Jahrhundert in jene Epoche eintrat, die wir heute als Wikingerzeit bezeichnen, war Gamla Uppsala deshalb bereits alt. Seine Monumente verbanden die Gegenwart mit früheren Generationen und ermöglichten es Eliten, Herrschaft, Abstammung und Erinnerung sichtbar in die Landschaft einzuschreiben . Im 8. und 9. Jahrhundert veränderte sich dieser ältere Komplex, ohne dass seine jahrhundertelange Vorgeschichte verschwand. Die religiöse Bedeutung des Ortes ist ebenfalls wesentlich komplexer als die Vorstellung eines einzelnen Tempels. Gamla Uppsala sollte vielmehr als Kult- und Sakrallandschaft verstanden werden, in der Hallen, Gräber, Feste, Herrschaft und rituelle Handlungen miteinander verbunden sein konnten. Ein bestimmter Tempel des Jahres 750 mit rekonstruierbarer Architektur lässt sich archäologisch nicht nachweisen. Erst mehrere Jahrhunderte später beschreibt Adam von Bremen im 11. Jahrhundert ein berühmtes Heiligtum mit Thor, Odin und Freyr sowie große Opferfeste und einen heiligen Hain. Sein Bericht ist eine unverzichtbare Quelle für die Geschichte und Wahrnehmung Uppsalas, aber keine zeitgenössische Beschreibung der Vendelzeit. Adam war zudem kein Augenzeuge des Ortes. Seine Erzählung muss deshalb gemeinsam mit, aber klar getrennt von den archäologischen Befunden betrachtet werden. Gerade diese Trennung verändert unser Bild von Uppsala grundlegend. Statt eines Tempels, der angeblich im Jahr 750 errichtet wurde, erkennen wir einen Ort mit einer jahrhundertelangen Geschichte von Macht, Kult und Erinnerung . Und selbst die Christianisierung beendete diese Bedeutung nicht: Im 12. Jahrhundert wurde Gamla Uppsala zum christlichen Bischofs- und schließlich Erzbischofssitz. Damit erzählt Gamla Uppsala eine wesentlich größere Geschichte als die eines einzelnen Bauwerks. Der Ort verbindet die Welt der Vendelzeit mit der Wikingerzeit und schließlich mit dem christlichen mittelalterlichen Schweden. Seine Bedeutung lag nicht in einem vermeintlichen Gründungsjahr, sondern gerade in seiner außergewöhnlichen Kontinuität – und darin, dass politische Macht, religiöse Vorstellungen und die Erinnerung an vergangene Generationen hier über Jahrhunderte immer wieder neu miteinander verbunden wurden.
STIMMEN AUS DEM WISSENSARCHIV

Kommentare

Gedanken, Fragen und Ergänzungen zum Artikel. Neue Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung.

0
KOMMENTAR HINTERLASSEN

Etwas ergänzen?

Mit dem Absenden werden Name, E-Mail-Adresse und Kommentar zur redaktionellen Prüfung gespeichert. Bei Freigabe und bei einer ersten Antwort von Alex informieren wir dich per E-Mail. Öffentlich erscheinen nur dein Name und dein Kommentar; deine E-Mail-Adresse bleibt verborgen. Zum Schutz vor Missbrauch wird kurzfristig ein pseudonymisierter technischer Prüfwert gespeichert. Mehr im Datenschutz.

Weiterlesen

Empfehlungen aus der Zeitkunde

13.11.2024985/986: Erik der Rote und die nordische Besiedlung GrönlandsArtikel lesen →09.09.2026Wann und was genau war die Wikingerzeit?Artikel lesen →07.08.2026Die Christianisierung Skandinaviens – vom alten Glauben zu christlichen KönigreichenArtikel lesen →
Von Lesern bewertet