Karl der Kahle hatte einen Teil der nordischen Angreifer geschlagen. Neun ihrer Schiffe waren nach einem Bericht aus dem Kloster Fontenelle auf der Dordogne in seine Hände gefallen. Trotzdem wurde Bordeaux nicht befreit. Die Belagerer hielten an ihrem Vorhaben fest, und noch im Jahr 848 fiel die Stadt. Sie wurde geplündert und in Brand gesetzt. Der westfränkische König hatte einen militärischen Erfolg errungen, ohne damit die wichtigste Niederlage in Aquitanien verhindern zu können.
Bordeaux war zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerer Zeit bedroht. Die Angriffe hatten 847 begonnen, als skandinavische Krieger in die Küstengebiete Aquitaniens einfielen. Von dort gelangten sie zur Garonne und weiter bis zur Stadt. Dass ein Heer aus dem Norden so weit im Südwesten des Frankenreiches operieren konnte, war keine völlig neue Entwicklung. Schon in den Jahren zuvor hatten nordische Verbände die großen Flüsse genutzt, um Städte und Siedlungen fern der Küste zu erreichen. In Bordeaux zeigte sich nun, dass sie auch für eine längere Belagerung genügend Kräfte aufbringen konnten.
Ein Angriff über die Garonne
Wer Bordeaux vom Atlantik aus erreichen wollte, musste zunächst in die Gironde einfahren. Dort treffen die Wasser der Garonne und der Dordogne zusammen. Die Garonne führte anschließend direkt zur Stadt, die seit der Römerzeit zu den bedeutenden Orten der Region gehörte. Für Handel und Versorgung war diese Verbindung wertvoll. Im 9. Jahrhundert eröffnete sie aber auch feindlichen Schiffen einen Weg ins Landesinnere.
Die skandinavischen Angreifer waren mit solchen Fahrten vertraut. Ihre Schiffe konnten entlang der Küsten eingesetzt werden und eigneten sich, abhängig von Bauart und Beladung, auch für zahlreiche Flussabschnitte. Auf dem Wasser ließ sich ein Heer schneller bewegen als auf den oft schwierigen Landwegen. Waffen, Vorräte und erbeutete Güter konnten an Bord transportiert werden. Besonders bei Unternehmungen, die mehrere Wochen oder Monate dauerten, war das ein erheblicher Vorteil.
Der Angriff auf Bordeaux stand zudem nicht am Anfang der skandinavischen Vorstöße ins Frankenreich. Bereits 843 hatten nordische Krieger Nantes an der Loire überfallen. Zwei Jahre später wurde Paris an der Seine angegriffen. Auch Aquitanien war vor 847 nicht verschont geblieben. Die fränkischen Berichte zeigen, dass verschiedene Verbände immer wieder an der Atlantikküste auftauchten und von dort weiter ins Landesinnere zogen.
Welche Männer schließlich Bordeaux belagerten, lässt sich nicht genau bestimmen. Die fränkischen Chronisten nennen sie Dänen oder Nordmänner. Einzelne Anführer werden für die Belagerung nicht zuverlässig benannt. Ebenso wenig ist bekannt, wie viele Schiffe vor Bordeaux lagen oder ob sich mehrere Gruppen für den Angriff zusammengeschlossen hatten.
Die Belagerung beginnt im Jahr 847
Die Annalen von Saint-Bertin halten für 847 fest, dass die Dänen die Küstengebiete Aquitaniens angriffen, dort plünderten und Bordeaux lange belagerten. Der Eintrag ist kurz. Gerade das Wort „lange“ fällt auf, denn die Chronisten berichten von zahlreichen Überfällen, die nach einer Plünderung rasch wieder endeten. Vor Bordeaux blieben die Angreifer dagegen über einen längeren Zeitraum.
Wie die Stadt verteidigt wurde, erfahren wir nicht. Bordeaux verfügte über Befestigungen, deren Ursprünge bis in die Spätantike zurückreichten. In welchem Zustand sie sich während der Belagerung befanden, ist jedoch nicht ausreichend überliefert. Auch über die Besatzung der Stadt und mögliche Ausfälle gegen die Angreifer schweigen die Annalen.
Für eine Stadt war eine längere Belagerung gefährlich, selbst wenn ihre Mauern zunächst hielten. Menschen und Tiere mussten versorgt werden, Vorräte konnten knapp werden, und der Austausch mit den umliegenden Siedlungen wurde erschwert. Ob Bordeaux vollständig eingeschlossen war, wissen wir nicht. Die Dauer der Kämpfe zeigt aber, dass die Verteidiger die Angreifer nicht einfach vertreiben konnten.
Hilfe hätte vor allem von den fränkischen Machthabern kommen müssen. Doch gerade in Aquitanien war die politische Lage verworren. Karl der Kahle beanspruchte die Herrschaft über die Region, während Pippin II. weiterhin auf die Unterstützung zahlreicher Adliger zählen konnte. Beide gehörten zur karolingischen Herrscherfamilie. Ihr Streit hatte seine Wurzeln in den Auseinandersetzungen, die nach dem Tod Ludwigs des Frommen im Jahr 840 ausgebrochen waren.
Der Vertrag von Verdun hatte das Frankenreich 843 unter den Söhnen Ludwigs aufgeteilt. Aquitanien wurde dem westlichen Reich Karls zugerechnet. Damit war der Konflikt vor Ort allerdings nicht beendet. Pippin II. hielt an seinem Anspruch fest, und Karl musste immer wieder versuchen, die führenden Männer der Region für sich zu gewinnen. Als Bordeaux angegriffen wurde, gab es deshalb keinen unangefochtenen Herrscher, der auf die uneingeschränkte Unterstützung des gesamten aquitanischen Adels bauen konnte.
Karl der Kahle zieht gegen die Nordmänner
Im Jahr 848 unternahm Karl einen Gegenangriff. Die Annalen von Saint-Bertin berichten, dass er einen Teil der Belagerer angriff und besiegte. Über den Ort und den Verlauf des Gefechts geben sie kaum Auskunft. Eine weitere Nachricht findet sich in der Überlieferung des Klosters Fontenelle: Demnach brachte Karl auf der Dordogne neun nordische Schiffe in seine Gewalt.
Die Dordogne liegt nördlich von Bordeaux und verbindet sich mit der Garonne zur Gironde. Dass dort Schiffe der Angreifer unterwegs waren, passt zur geografischen Lage der Stadt. Die nordischen Verbände konnten sich auf mehreren Wasserwegen bewegen. Karl musste also nicht zwangsläufig unmittelbar vor den Mauern von Bordeaux auf sie treffen.
Neun erbeutete Schiffe waren ein greifbarer Erfolg. Wie schwer der Verlust für das gesamte nordische Heer wog, lässt sich daraus allerdings nicht ablesen. Die Gesamtzahl der beteiligten Schiffe ist unbekannt. Auch die Annalen sprechen ausdrücklich nur von einem Teil der Belagerer, den Karl besiegte.
Warum der König anschließend nicht auch die übrigen Angreifer vertreiben konnte, bleibt offen. Vielleicht standen ihm dafür nicht genügend Truppen zur Verfügung. Vielleicht zwangen ihn andere politische Aufgaben zum Rückzug. Beides wäre unter den damaligen Verhältnissen denkbar, doch die Quellen nennen keinen eindeutigen Grund. Sicher ist lediglich, dass der Sieg die Belagerung nicht beendete.
Die Einnahme und Plünderung von Bordeaux
Noch 848 gelangten die Nordmänner in die Stadt. Prudentius, der Verfasser des entsprechenden Abschnitts der Annalen von Saint-Bertin, berichtet von der Einnahme, der Plünderung und einer anschließenden Brandlegung. Wie die Angreifer die Verteidigung überwanden, beschreibt er nicht. Wir erfahren weder von einem Sturm auf die Mauern noch von einer Kapitulation.
Stattdessen nennt Prudentius einen angeblichen Verrat durch Juden. Die Behauptung steht ohne nähere Erklärung im Text. Wer daran beteiligt gewesen sein soll, welche Absprachen getroffen wurden oder wie die Angreifer dadurch Zugang zur Stadt erhalten hätten, bleibt unerwähnt.
Diese Nachricht lässt sich nicht unabhängig bestätigen. Sie muss außerdem vor dem Hintergrund mittelalterlicher christlicher Geschichtsschreibung gelesen werden, in der jüdischen Gemeinschaften immer wieder die Schuld an Krisen und Niederlagen zugeschrieben wurde. Aus dem Satz des Chronisten folgt daher nicht, dass jüdische Einwohner Bordeaux tatsächlich an die Angreifer verrieten.
Über die Zerstörungen sind die Annalen kaum ausführlicher. Sie sprechen von Plünderung und Feuer, ohne einzelne Gebäude oder Stadtviertel zu nennen. Auch Opferzahlen fehlen. Es wäre deshalb falsch, aus dem Bericht auf die vollständige Vernichtung der Stadt zu schließen. Dass Bordeaux schwer getroffen wurde, steht jedoch außer Frage.
Nach einer Belagerung, die bereits im Vorjahr begonnen hatte, war die Stadt schließlich in die Hände der Angreifer gefallen. Die fränkischen Herrscher hatten ihre Einnahme nicht verhindern können. Für die Menschen in Bordeaux dürfte dabei wenig entscheidend gewesen sein, ob Karl zuvor auf der Dordogne neun feindliche Schiffe erbeutet hatte.
Der Verlust von Bordeaux und der Streit um Aquitanien
Die Eroberung traf Karl den Kahlen in einer schwierigen Phase seiner Herrschaft. Er versuchte seit Jahren, seine Stellung in Aquitanien zu festigen. Sein Gegenspieler Pippin II. besaß dort noch immer Anhänger, obwohl Karl nach der fränkischen Reichsteilung Anspruch auf das Gebiet erhob.
Im Laufe des Jahres 848 änderte sich die Lage. Führende Männer Aquitaniens wandten sich Karl zu. In Orléans wurde er feierlich zum König von Aquitanien gesalbt. Die Annalen von Saint-Bertin verbinden diesen Schritt mit der Unzufriedenheit über Pippin, dem sie mangelnden Einsatz gegen die Bedrohungen der Region vorwerfen.
Bei diesem Urteil ist Vorsicht angebracht. Prudentius schrieb aus einem Umfeld, das Karl nahestand, und beurteilte dessen Gegner entsprechend kritisch. Dass Pippin die Unterstützung wichtiger aquitanischer Großer verlor, ist dennoch ein wesentlicher Teil der Ereignisse von 848. Der Fall von Bordeaux dürfte die Frage verschärft haben, welcher Herrscher die Region wirksam schützen konnte.
Karl konnte einen militärischen Erfolg gegen die Nordmänner vorweisen. Pippin gelang es nicht, die Stadt vor der Einnahme zu bewahren. Ob diese Unterschiede für die Entscheidung jedes einzelnen Adligen ausschlaggebend waren, wissen wir nicht. Die Überlieferung zeigt aber, dass der Angriff auf Bordeaux und der Machtkampf in Aquitanien zeitlich eng zusammenfielen.
Auch Karls Salbung brachte der Region keinen dauerhaften Frieden. Pippin gab seine Ansprüche nicht auf. Die Auseinandersetzungen innerhalb des westfränkischen Reiches gingen weiter, während an den Küsten und Flüssen erneut nordische Verbände auftauchten.
Bordeaux blieb auch nach 848 gefährdet
Die Einnahme von Bordeaux war kein einmaliger Vorstoß, nach dem sich die Angreifer dauerhaft aus Aquitanien zurückzogen. Bereits in den folgenden Jahren berichten fränkische Quellen von weiteren Unternehmungen im Westen des Reiches. Für 855 nennen die Annalen von Saint-Bertin erneut einen Angriff auf Bordeaux.
Die Stadt blieb durch ihre Lage an der Garonne erreichbar. Daran änderte auch der Wechsel politischer Bündnisse wenig. Solange nordische Schiffe die Gironde befahren konnten, mussten Bordeaux und die Siedlungen an den angrenzenden Flüssen mit neuen Angriffen rechnen.
Aus den späteren Überfällen lässt sich allerdings keine ununterbrochene skandinavische Besetzung der Stadt ableiten. Die Chronisten berichten von einzelnen Unternehmungen und ihren Folgen. Über die Jahre dazwischen, den Wiederaufbau beschädigter Gebäude oder die Maßnahmen zur Verteidigung wissen wir weit weniger.
Gerade diese Lücken prägen das Bild der Ereignisse. Die schriftliche Überlieferung hält fest, wann Könige kämpften, Städte fielen oder bedeutende Orte geplündert wurden. Was die Bewohner anschließend unternahmen, wie sie ihre Häuser instand setzten und wie schnell der Handel wieder aufgenommen wurde, bleibt meist unbekannt.
Was der Angriff von 848 über die Wikingerzüge verrät
Die Eroberung von Bordeaux zeigt, wie weit skandinavische Unternehmungen in der Mitte des 9. Jahrhunderts bereits reichten. Die Angreifer beschränkten sich längst nicht mehr auf küstennahe Ziele. Sie fuhren große Flüsse hinauf, griffen befestigte Städte an und konnten über längere Zeit in einer Region bleiben.
Bordeaux unterschied sich dabei von einem Ort, der bei einem kurzen Überfall geplündert und sofort wieder verlassen wurde. Die Belagerung begann 847 und dauerte bis ins folgende Jahr. Selbst der Gegenangriff eines fränkischen Königs beendete sie nicht. Die Nordmänner konnten ihren Druck aufrechterhalten, bis die Stadt fiel.
Die Ereignisse zeigen zugleich die Grenzen fränkischer Gegenwehr. Karl der Kahle war keineswegs untätig. Er stellte sich den Angreifern und besiegte einen Teil ihrer Streitkräfte. Doch ein einzelner Erfolg genügte nicht, um die bedrohte Stadt zu schützen. In Aquitanien kam hinzu, dass die Rivalität zwischen Karl und Pippin II. Kräfte band, die andernfalls vielleicht für die Verteidigung verfügbar gewesen wären.
Für die Geschichte der Wikingerzüge ist Bordeaux deshalb ein besonders aufschlussreicher Fall. Die Überlieferung nennt einen längeren Angriff, eine militärische Gegenwehr und schließlich die Einnahme der Stadt. Sie erlaubt es, die Ereignisse in ihren Grundzügen nachzuvollziehen, auch wenn viele Einzelheiten der Belagerung unbekannt bleiben.
Fazit – warum fiel Bordeaux 848 an die Wikinger?
Bordeaux wurde 847 von skandinavischen Kriegern belagert und im folgenden Jahr eingenommen. Die Angreifer hatten die Stadt über die Wasserwege Aquitaniens erreicht. Karl der Kahle besiegte einen Teil ihrer Streitkräfte, konnte die Belagerung aber nicht beenden. 848 wurde Bordeaux geplündert und in Brand gesetzt.
Der Angriff traf eine politisch gespaltene Region. Während Karl der Kahle und Pippin II. um die Herrschaft in Aquitanien stritten, konnten nordische Verbände ihre Unternehmungen entlang der großen Flüsse fortsetzen. Der Fall von Bordeaux zeigt, dass die skandinavischen Angriffe im 9. Jahrhundert weit über die nordfranzösischen Küsten hinausreichten. Selbst eine bedeutende, befestigte Stadt im Südwesten des Frankenreiches war vor ihnen nicht sicher.


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