Bei den Ausgrabungen im Hafen von Haithabu fanden Archäologen einen fast zwei Meter langen Bogen aus Eibenholz. Er hatte Jahrhunderte im feuchten Boden überstanden. Seine Sehne war längst verschwunden, doch das Holz bewahrte genügend Einzelheiten, um die Bauweise zu untersuchen. Der Fund gehört zu den wichtigsten Zeugnissen für das Bogenschießen in der Wikingerzeit.
Ein solcher Bogen war ein ernst zu nehmendes Werkzeug. Mit ihm ließ sich Wild erlegen, ohne unmittelbar an das Tier herantreten zu müssen. Im Kampf konnte ein Schütze einen Gegner aus der Entfernung angreifen. Beides erforderte Übung. Wer einen kräftigen Holzbogen beherrschen wollte, musste seine Zugkraft bewältigen und den Pfeil sauber lösen können. Ein schlecht gearbeiteter Pfeil flog unzuverlässig, eine beschädigte Sehne konnte im ungünstigsten Moment reißen.
Über die Bögen der Wikinger wissen wir heute mehr, als die wenigen erhaltenen Exemplare zunächst vermuten lassen. In Haithabu kamen neben Bogenresten zahlreiche Pfeilspitzen und Teile von Pfeilschäften ans Licht. Weitere Funde stammen aus Skandinavien, Irland und anderen Gebieten, in denen Menschen während der Wikingerzeit lebten. Zusammengenommen erlauben sie einen recht genauen Blick auf die Herstellung und Verwendung dieser Waffen. Bei ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit bleiben allerdings Fragen offen.
Der Langbogen aus Haithabu
Haithabu lag an der Schlei und gehörte vom 9. bis zum 11. Jahrhundert zu den bedeutendsten Handelsplätzen Nordeuropas. Der Hafen war dicht genutzt, und im feuchten Untergrund blieben viele Gegenstände erhalten, die an anderen Fundorten längst vergangen wären. Holz gehört dazu. Für die Erforschung des Bogenschießens ist das ein Glücksfall, denn normalerweise überdauern vor allem eiserne Pfeilspitzen die Jahrhunderte.
Bei den Grabungen zwischen 1966 und 1969 wurden ein weitgehend erhaltener Langbogen und mehrere Bogenfragmente entdeckt. Harm Paulsen untersuchte die Funde ausführlich und veröffentlichte seine Ergebnisse 1999 in der Arbeit Pfeil und Bogen in Haithabu.
Der vollständige Bogen besteht aus Eibenholz und misst etwa 191 Zentimeter. In der Mitte ist er rund vier Zentimeter breit und etwas mehr als drei Zentimeter stark. Zu den Enden hin wird er schmaler. Auffällig sind die leicht zurückgebogenen Endstücke. Sie unterscheiden den Fund von einem einfachen, gleichmäßig gekrümmten Holzstab.
Der Bogen wurde aus einem einzigen Stück Holz gefertigt. Solche Bögen werden als Selbstbögen bezeichnet. Anders als bei einem zusammengesetzten Bogen brauchte der Handwerker keine verschiedenen Materialien miteinander zu verleimen. Entscheidend war, dass er ein geeignetes Stück Holz auswählte und dessen natürliche Eigenschaften beim Bearbeiten berücksichtigte.
Die Länge des Haithabuer Bogens sagt allein noch nichts darüber aus, wer ihn benutzte. Sie erlaubt auch keine sichere Aussage über die Körpergröße seines Besitzers. Ein langer Bogen konnte kräftig sein, doch seine tatsächliche Zugkraft hing ebenso von der Holzdicke, dem Querschnitt und der Bearbeitung der Wurfarme ab.
Warum Eibenholz für den Bogenbau geeignet war
Die Eibe war für den Bogenbau besonders geschätzt. Ihr Holz vereint Eigenschaften, die bei einem gespannten Bogen gebraucht werden. Während sich die Außenseite des Bogens dehnt, wird die Innenseite zusammengedrückt. Das Holz muss beide Belastungen aushalten und anschließend möglichst zuverlässig in seine ursprüngliche Form zurückkehren.
Bei Eibenholz unterscheiden sich das hellere Splintholz und das dunklere Kernholz. Ein Bogenbauer konnte diese beiden Bereiche gezielt nutzen. Das Splintholz liegt näher an der Außenseite des Stammes und eignet sich gut für die unter Zug stehende Rückenseite des Bogens. Das Kernholz bildet einen großen Teil des übrigen Querschnitts und nimmt die Druckbelastung auf.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Eibenbogen automatisch gut schoss. Der Handwerker musste auf den Faserverlauf achten. Äste, Risse oder ungünstig gewachsenes Holz konnten die Haltbarkeit beeinträchtigen. Besonders wichtig war, dass sich die beiden Wurfarme beim Spannen möglichst gleichmäßig bogen. War ein Abschnitt zu steif, musste dort vorsichtig Holz abgetragen werden. War er bereits zu dünn, ließ sich dieser Fehler kaum rückgängig machen.
In der heutigen Bogenbaupraxis nennt man diese Arbeit das Tillern. Der Begriff ist modern, beschreibt aber eine Tätigkeit, die auch ein wikingerzeitlicher Handwerker beherrschen musste. Ohne sorgfältige Abstimmung der Wurfarme wäre ein kräftiger Holzbogen kaum dauerhaft brauchbar gewesen.
Eibe war nicht das einzige verwendete Holz. Aus Haithabu sind auch Bogenreste aus Ulme bekannt. Für andere Fundorte wurden weitere Holzarten nachgewiesen. Die Menschen verwendeten also keineswegs überall denselben Werkstoff. Welche Bäume verfügbar waren und welches Holz sich für den gewünschten Bogen eignete, spielte bei der Auswahl eine wichtige Rolle.
Wie ein Bogen hergestellt wurde
Am Anfang stand ein geeignetes Holzstück. Es musste ausreichend lang sein und möglichst gleichmäßig verlaufende Fasern besitzen. Der Handwerker entfernte überschüssiges Holz und arbeitete die Grundform heraus. Dafür konnte er Beile und scharfe Schneidwerkzeuge verwenden, wie sie auch für andere Holzarbeiten gebraucht wurden.
Danach folgte die sorgfältigere Bearbeitung. Die Wurfarme mussten auf ihre endgültige Stärke gebracht werden. Der Bogen sollte sich beim Spannen gleichmäßig verformen, ohne an einzelnen Stellen übermäßig belastet zu werden. Besonders an den Übergängen zum Griffbereich und zu den Enden kam es auf eine saubere Form an.
Der erhaltene Bogen aus Haithabu zeigt, dass sein Hersteller die Enden bewusst gestaltete. Im Wikinger Museum Haithabu beschäftigt sich der Bogenbauer Reinhard Erichsen seit vielen Jahren mit solchen Konstruktionen. Bei seinen Nachbauten arbeitet er mit einfachen Werkzeugen und untersucht, wie sich die Form der historischen Bögen auf ihre Handhabung auswirkt.
Solche praktischen Versuche helfen dabei, die Entscheidungen der damaligen Handwerker zu verstehen. Ein Nachbau ist allerdings kein zweiter Originalfund. Schon kleine Unterschiede im Holz oder in der Bearbeitung können das Schussverhalten verändern. Deshalb dürfen Messwerte eines modernen Bogens nicht ohne Weiteres auf sämtliche Bögen der Wikingerzeit übertragen werden.
Woraus bestand die Bogensehne?
Ein Holzbogen ist ohne Sehne nicht einsatzfähig. Sie verbindet seine beiden Enden und überträgt beim Schuss die gespeicherte Energie auf den Pfeil. Das Material muss hohe Zugkräfte aushalten und darf sich unter Belastung nicht zu stark verlängern.
Für wikingerzeitliche Bogensehnen kommen pflanzliche Fasern wie Flachs infrage. Auch tierische Materialien waren grundsätzlich geeignet. Das Problem liegt in der Erhaltung: Organische Sehnen verschwinden unter gewöhnlichen Bodenbedingungen wesentlich schneller als eiserne Pfeilspitzen oder größere Holzstücke.
Beim Bogen aus Haithabu ist keine gebrauchsfertige Sehne erhalten. Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde nennt Flachs als wahrscheinliches Material. Sicher bestimmen lässt sich die ursprüngliche Sehne des Fundstücks damit nicht.
Die Herstellung verlangte Sorgfalt. Fasern mussten so verarbeitet werden, dass eine gleichmäßige, belastbare Schnur entstand. Auch die Länge war wichtig. Eine zu lange Sehne konnte den Bogen unbrauchbar machen, während eine zu kurze Sehne das Holz übermäßig belastete. Für einen kräftigen Bogen brauchte man deshalb eine Sehne, die genau zu seiner Konstruktion passte.
Die Pfeile aus Haithabu
Ein guter Bogen war nur die halbe Ausrüstung. Ohne passende Pfeile konnte ein Schütze seine Möglichkeiten kaum nutzen. Bei Ausgrabungen sind eiserne Pfeilspitzen wesentlich häufiger als vollständige Pfeile. Holzschäfte und Federn vergehen meist. Haithabu gehört zu den Orten, an denen sich durch die günstigen Erhaltungsbedingungen auch Einzelheiten der Pfeilherstellung untersuchen lassen.
Für Pfeilschäfte wurden verschiedene Hölzer verwendet. Aus Haithabu sind unter anderem Schäfte aus Birkenholz bekannt. Auch Nadelholz wurde im wikingerzeitlichen Norden genutzt. Wichtig war ein möglichst gerader Faserverlauf. Ein Pfeil musste leicht genug sein, um beschleunigt zu werden, zugleich aber die Kraft des Bogens aushalten.
Am hinteren Ende befand sich die Kerbe, in die der Schütze die Sehne legte. Diese Kerbe musste sorgfältig gearbeitet sein. Saß der Pfeil zu locker, konnte er beim Anlegen verrutschen. Klemmte er zu fest, störte das den Schuss.
Besonders aufschlussreich sind die Pfeilbestandteile aus dem Bootskammergrab von Haithabu. Dort fanden sich verzierte Metallteile, die als Bestandteile von Pfeilnocken gedeutet werden. Sie zeigen, dass einzelne Pfeile aufwendig ausgestattet sein konnten. Solche Arbeiten kosteten Zeit und Material. Ein Pfeil war also keineswegs immer ein einfacher Holzschaft mit einer eisernen Spitze.
Zur Stabilisierung des Fluges dienten Federn am hinteren Schaft. Sie halfen dem Pfeil, sich nach dem Abschuss auszurichten. Für ihre Befestigung konnten Klebstoffe und Wicklungen verwendet werden. Vergleichbare technische Lösungen sind durch archäologische Funde aus verschiedenen Epochen bekannt. Welche Vogelarten die Menschen in Haithabu bevorzugten, ist aus den erhaltenen Pfeilen nicht sicher zu bestimmen.
Welche Pfeilspitzen verwendeten die Wikinger?
Die eisernen Pfeilspitzen zeigen eine beträchtliche Formenvielfalt. Manche besitzen breite, flache Schneiden. Andere sind schmal und lang ausgezogen. Wieder andere haben einen kräftigen, annähernd quadratischen Querschnitt. Die Spitzen unterscheiden sich auch darin, wie sie am Holz befestigt wurden.
Bei vielen skandinavischen Funden endet die Spitze in einem Dorn. Dieser wurde in das vorbereitete Schaftende eingesetzt. Eine Wicklung konnte verhindern, dass das Holz dabei aufspaltete. Aus Haithabu sind Befestigungen bekannt, bei denen Metalldraht zur Verstärkung diente. Daneben gab es Pfeilspitzen mit einer Tülle, in die das zugerichtete Holzende eingeführt wurde.
Die Form beeinflusste, wie ein Pfeil beim Auftreffen wirkte. Eine breite Schneide konnte im weichen Gewebe eine größere Wunde verursachen. Eine schmale, stabile Spitze konzentrierte die auftreffende Kraft auf eine kleinere Fläche. Daraus ergibt sich aber noch keine zuverlässige Einteilung in Jagd- und Kriegspfeile.
Ein breiter Pfeil konnte gegen einen ungeschützten Menschen eingesetzt werden. Eine schmale Spitze konnte sich für die Jagd eignen. Ob ein bestimmter Pfeil für die Jagd, für den Kampf oder für beide Zwecke hergestellt wurde, hängt vom Fundzusammenhang und von weiteren Merkmalen ab. Die äußere Form allein reicht häufig nicht aus.
Auch die Vorstellung, jede schmale Spitze sei eigens zum Durchschlagen von Kettenhemden entwickelt worden, greift zu kurz. Die Wirkung hing von der Stärke des Bogens, dem Pfeilgewicht und der Entfernung zum Ziel ab. Hinzu kamen die Eigenschaften der getroffenen Rüstung. Ein Kettenhemd mit dicht geschlossenen Ringen verhielt sich anders als ungepanzerte Kleidung. Unter dem Metall getragene Textilien konnten einen Treffer zusätzlich beeinflussen.
Eine besondere Jagdspitze aus Holz
Nicht jeder Jagdpfeil musste eine eiserne Spitze tragen. Aus Haithabu sind auch hölzerne Pfeile mit verdicktem, stumpfem Vorderende bekannt. Solche Pfeile werden als Stumpfpfeile bezeichnet.
Ihr Aufbau hatte einen praktischen Zweck. Bei der Jagd auf kleinere Tiere oder Vögel konnte ein stumpfer Pfeil durch den Aufprall wirken, ohne das Fell oder Gefieder so stark zu beschädigen wie eine scharfe Spitze. Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde führt diesen Pfeiltyp ausdrücklich als Beispiel für eine besondere Jagdwaffe aus Haithabu an.
Gerade dieser Fund macht deutlich, warum sich die Menschen bei der Pfeilherstellung Gedanken über das Ziel machten. Ein Hirsch stellte andere Anforderungen als ein kleiner Vogel. Bei einem großen Tier musste der Pfeil tief genug eindringen, um eine wirksame Verletzung zu verursachen. Bei kleinem Wild konnte es dagegen sinnvoll sein, die Haut möglichst wenig zu beschädigen.
Ob ein einzelner Stumpfpfeil tatsächlich bei der Vogeljagd verwendet wurde, lässt sich nach Jahrhunderten meist nicht mehr nachweisen. Seine Form und die bekannten Wirkungsweisen solcher Geschosse machen diese Verwendung aber gut nachvollziehbar.
Mit Pfeil und Bogen auf Hirschjagd
Der Rothirsch gehörte in Teilen Skandinaviens zur heimischen Tierwelt. In Haithabu wurden Knochen von Rothirschen gefunden, ebenso von Rehen und Wildschweinen. Sie belegen, dass Wildtiere in die Siedlung gelangten und dort verwertet wurden. Mit welchen Waffen die einzelnen Tiere erlegt wurden, verraten die Knochen gewöhnlich nicht.
Für die Jagd auf einen Rothirsch eignete sich ein kräftiger Bogen grundsätzlich gut. Ein Jäger konnte aus einer gewissen Entfernung schießen, musste aber nahe genug an das Tier herankommen, um einen gezielten Treffer zu ermöglichen. Das war anspruchsvoll. Rothirsche reagieren empfindlich auf Geräusche und fremde Gerüche. Wer sich ihnen nähern wollte, brauchte Geduld und Kenntnisse über ihre Gewohnheiten.
Die Schussentfernung war dabei entscheidend. Ein Pfeil konnte weit fliegen, doch ein bewegliches Tier auf große Entfernung zuverlässig zu treffen, war etwas anderes. Ein Jäger musste außerdem berücksichtigen, dass ein verletzter Hirsch fliehen konnte. Ein schlechter Treffer bedeutete möglicherweise, dass das Tier entkam und später an seinen Verletzungen verendete.
Die Jagd diente der Gewinnung von Fleisch und anderen Rohstoffen. Nach dem Erlegen konnte die Haut abgezogen und weiterverarbeitet werden. Sehnen, Knochen und Geweih boten zusätzliche Verwendungsmöglichkeiten. Das Geweih musste allerdings nicht zwangsläufig von einem erlegten Tier stammen, denn männliche Rothirsche werfen es jedes Jahr ab.
Ob Bögen bei der Hirschjagd häufiger verwendet wurden als Speere, können wir nicht sagen. Beide Waffenarten waren bekannt. Die archäologischen Funde belegen ihre Existenz, erlauben aber keine allgemeine Rangfolge der Jagdmethoden.
Der Bogen als Waffe im Kampf
Der Bogen gehörte auch zur militärischen Ausrüstung der Wikingerzeit. Das Dänische Nationalmuseum nennt ihn ausdrücklich unter den Waffen, die bei Kämpfen eingesetzt wurden. Ein Schütze konnte einen Gegner treffen, bevor dieser mit Schwert oder Axt in Reichweite kam. Besonders beim Angriff auf eine befestigte Stellung oder bei Gefechten über eine gewisse Entfernung war das ein Vorteil.
Wie Bogenschützen innerhalb eines wikingerzeitlichen Heeres organisiert waren, ist weit weniger klar. Die schriftlichen Berichte nennen Pfeilbeschuss, beschreiben aber nur selten, wie viele Schützen beteiligt waren oder ob sie in eigenen Gruppen kämpften. Die Vorstellung einer überall gleich aufgestellten Bogenschützeneinheit lässt sich daraus nicht ableiten.
Einen bemerkenswerten Einblick bietet das altenglische Gedicht The Battle of Maldon. Es behandelt die Schlacht von 991, in der ein englisches Heer unter Byrhtnoth gegen skandinavische Angreifer kämpfte. Der Verfasser beschreibt den Beginn des Gefechts mit den Worten:
„bogan wæron bysige“
Auf Deutsch bedeutet das sinngemäß: „Die Bögen waren eifrig im Einsatz.“ Die Stelle steht in den Versen 108 bis 110, unmittelbar neben der Schilderung geworfener Speere und getroffener Schilde.
Später erwähnt das Gedicht einen Kämpfer namens Æscferth, der wiederholt Pfeile abschießt. Einige treffen Schilde, andere verwunden Gegner. Das ist keine technische Anleitung zum Bogenschießen, doch der Text macht deutlich, dass der Pfeilbeschuss zum Kampfgeschehen gehörte.
Das Gedicht entstand im englischen Umfeld und schildert die Schlacht aus der Perspektive der Verteidiger. Es beschreibt keine allgemeingültige Kampfweise aller skandinavischen Heere. Die Verse sind dennoch wertvoll, weil sie zeitlich nahe an der Wikingerzeit liegen und den Bogen ausdrücklich als Kriegswaffe nennen.
Ein Bogenschütze in der Schlacht von Svöldr
Eine bekannte nordische Erzählung verbindet den Bogen mit der Seeschlacht von Svöldr um das Jahr 1000. In der Óláfs saga Tryggvasonar der Heimskringla berichtet Snorri Sturluson von Einarr Þambarskelfir, einem besonders geschickten Bogenschützen im Gefolge König Óláfr Tryggvasons.
Einarr steht während der Schlacht an Bord und versucht, einen gegnerischen Anführer mit Pfeilen zu treffen. Schließlich wird sein Bogen von einem feindlichen Geschoss beschädigt. Als der König wissen will, was mit einem so lauten Geräusch zerbrochen sei, antwortet Einarr:
„Nóregr ór hendi þér, konungr.“
Sinngemäß: „Norwegen entgleitet deiner Hand, König.“ Die Worte stehen in der Überlieferung der Szene in Kapitel 118 der Óláfs saga Tryggvasonar.
Die Erzählung ist eindrucksvoll, doch Snorri schrieb seine Königssagas erst im 13. Jahrhundert. Zwischen der Schlacht und ihrer schriftlichen Ausgestaltung lagen damit mehr als zweihundert Jahre. Der Wortwechsel darf deshalb nicht als wörtlich überliefertes Gespräch aus dem Jahr 1000 gelten.
Für die Geschichte des Bogenschießens bleibt die Szene trotzdem interessant. Sie zeigt, dass der Bogen in der späteren nordischen Erinnerung selbstverständlich zur Ausrüstung eines angesehenen Kämpfers gehören konnte. Einarr erscheint als erfahrener Schütze, dessen Können auf dem Schlachtfeld geschätzt wird. Die Geschichte eignet sich deshalb gut, um das Bild des Bogenschützen in der altnordischen Literatur zu untersuchen. Über die genaue Bauweise seines Bogens sagt sie dagegen wenig aus.
Wie weit konnten wikingerzeitliche Bögen schießen?
Die Reichweite gehört zu den Fragen, bei denen besonders häufig mit festen Zahlen gearbeitet wird. Für den großen Eibenbogen aus Haithabu werden in Veröffentlichungen Zugkräfte von ungefähr 45 Kilogramm genannt. Das entspricht rund 100 englischen Pfund. Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde gibt für einen solchen Bogen eine maximale Reichweite von ungefähr 200 Metern an.
Diese Angaben beruhen auf technischen Einschätzungen und Rekonstruktionen. Am Original lässt sich heute nicht einfach ein Pfeil auflegen und seine Leistung messen. Das Holz hat sich während der langen Lagerung verändert. Auch die ursprüngliche Sehne und die genau dazugehörigen Pfeile sind nicht vollständig erhalten.
Eine maximale Flugweite von etwa 200 Metern bedeutet außerdem nicht, dass ein Schütze auf diese Entfernung zuverlässig einen bestimmten Gegner oder einen Hirsch treffen konnte. Für einen gezielten Schuss waren die Entfernung und die Größe des Ziels entscheidend. Wind und Gelände beeinflussten den Flug. Hinzu kam die Erfahrung des Schützen.
Auch die Zugkraft allein bestimmt nicht, wie wirksam ein Pfeil ist. Ein schwerer Pfeil verhält sich anders als ein leichter. Die Bauweise der Spitze und die Qualität des Schafts spielen ebenfalls eine Rolle. Wer historische Bögen experimentell untersucht, muss deshalb die gesamte Ausrüstung berücksichtigen.
Moderne Nachbauten können wertvolle Erkenntnisse liefern. Sie zeigen beispielsweise, wie viel Kraft nötig ist, um einen bestimmten Bogen zu spannen, und wie sich verschiedene Pfeile beim Abschuss verhalten. Solche Versuche müssen aber dokumentieren, welche Materialien und Maße verwendet wurden. Ein einzelner erfolgreicher Schuss ist noch kein Beweis dafür, dass alle wikingerzeitlichen Bögen dieselbe Leistung erreichten.
Konnte ein Pfeil ein Kettenhemd durchschlagen?
Ein kräftiger Bogen konnte gefährliche Verletzungen verursachen. Ob ein Pfeil eine Rüstung durchdrang, hing allerdings von mehreren Umständen ab. Die Form der Spitze war wichtig, ebenso die Geschwindigkeit des Geschosses und die Beschaffenheit der getroffenen Rüstung.
Bei einem Kettenhemd mussten die Pfeilspitze und die auftreffende Kraft gegen miteinander verbundene Metallringe wirken. Die Qualität der Ringe, ihre Verbindung und die darunter getragene Kleidung konnten das Ergebnis stark verändern. Eine schmale, stabile Spitze bot andere Voraussetzungen als eine breite Schneide. Daraus folgt aber nicht, dass jede schmale Spitze ein Kettenhemd durchschlagen konnte.
Experimentelle Untersuchungen können solche Fragen unter kontrollierten Bedingungen prüfen. Dafür müssen jedoch historische Materialien möglichst genau nachgebildet werden. Ein modernes Kettenhemd aus industriell gefertigten Ringen entspricht nicht zwangsläufig einem frühmittelalterlichen Stück. Dasselbe gilt für heutige Pfeilspitzen und Sehnenmaterialien.
Für die Wikingerzeit gibt es daher keine verlässliche allgemeine Aussage, nach der ein bestimmter Pfeiltyp auf eine feste Entfernung jede Rüstung durchdringen konnte. Gegen ungeschützte Körperstellen waren Pfeile zweifellos gefährlich. Bei gut geschützten Gegnern entschied die konkrete Ausrüstung über ihre Wirkung.
Wer konnte sich einen Bogen leisten?
Ein Bogen bestand überwiegend aus Holz und einer Sehne. Im Vergleich zu einem aufwendig geschmiedeten Schwert benötigte seine Herstellung weniger Metall. Daraus sollte man allerdings nicht schließen, dass jeder Mensch problemlos einen guten Bogen bauen konnte.
Geeignetes Holz musste gefunden und sorgfältig bearbeitet werden. Für die Pfeile brauchte man gerade Schäfte und passende Spitzen. Wer eiserne Pfeilspitzen verwendete, war auf die Arbeit eines Schmieds angewiesen oder musste fertige Stücke erwerben. Auch das regelmäßige Üben kostete Zeit.
Einfachere Bögen konnten wahrscheinlich von Menschen hergestellt werden, die Erfahrung mit Holzarbeiten besaßen. Anspruchsvollere Stücke verlangten dagegen besonderes Können. Der lange Eibenbogen aus Haithabu zeigt, dass es Handwerker gab, die die Eigenschaften ihres Materials sehr genau verstanden.
Der Bogen war deshalb keineswegs ausschließlich eine Waffe armer Männer. Im Bootskammergrab von Haithabu wurden aufwendig ausgestattete Pfeile gefunden. Ihre Ausstattung zeigt, dass Bogenschießgerät auch in einem gehobenen Bestattungskontext vorkommen konnte. Ob der Bestattete selbst regelmäßig jagte oder kämpfte, ist damit noch nicht bewiesen. Die Beigaben belegen aber, dass Pfeile durchaus als wertvolle Ausrüstungsgegenstände gelten konnten.
Was die Funde über das Bogenschießen verraten
Die archäologischen Zeugnisse stammen aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Ein Bogen aus dem feuchten Hafengebiet von Haithabu wurde unter anderen Bedingungen erhalten als eine Pfeilspitze aus einem Grab. Bei einem Fund aus einer Siedlung kann es sich um einen verlorenen Gegenstand oder um Werkstattabfall handeln. In einem Grab wurde die Ausrüstung dagegen bewusst niedergelegt.
Deshalb lässt sich aus der bloßen Anzahl gefundener Pfeilspitzen nicht ablesen, wie viele Bogenschützen an einem Ort lebten. Ebenso wenig beweist ein fehlender Bogen, dass seine Bewohner keine Bögen verwendeten. Holz und Sehnen vergehen häufig, während eiserne Spitzen überdauern.
Die erhaltenen Stücke aus Haithabu sind besonders wertvoll, weil sie mehrere Bestandteile der Ausrüstung zeigen. Der lange Eibenbogen liefert Angaben zur Konstruktion. Pfeilschäfte und Spitzen helfen bei der Untersuchung der Geschosse. Die Funde aus dem Bootskammergrab ergänzen das Bild durch sorgfältig gearbeitete Einzelteile.
Zusammen mit schriftlichen Quellen wie dem Battle of Maldon entsteht ein recht klares Bild: Pfeil und Bogen gehörten zur Wikingerzeit sowohl zur Jagd als auch zum bewaffneten Kampf. Wie häufig sie bei einzelnen Unternehmungen verwendet wurden, lässt sich nicht immer feststellen. Dass die Menschen mit ihnen umgehen konnten und ihre Herstellung beherrschten, ist durch die Funde gut belegt.
Fazit: Welche Bedeutung hatten Pfeil und Bogen für die Wikinger?
Pfeil und Bogen gehörten zur Ausrüstung der Menschen in der Wikingerzeit. Sie wurden für die Jagd verwendet und konnten im Kampf auf Entfernung eingesetzt werden. Besonders die Funde aus Haithabu zeigen, wie sorgfältig die Bögen hergestellt wurden. Der fast zwei Meter lange Eibenbogen und die erhaltenen Pfeilbestandteile geben einen seltenen Einblick in eine Technik, deren wichtigste Materialien gewöhnlich vergehen.
Die Waffen unterschieden sich je nach Material, Herstellung und Verwendungszweck. Ein Pfeil für kleines Wild konnte anders gestaltet sein als ein Geschoss, das auf einen großen Hirsch oder einen bewaffneten Gegner gerichtet wurde. Eine feste Trennung zwischen Jagd- und Kriegspfeilen ist anhand der Spitzenform allein aber nicht möglich. Ebenso wenig lässt sich die Leistung sämtlicher wikingerzeitlicher Bögen auf eine einzige Reichweite oder Zugkraft reduzieren. Die erhaltenen Funde zeigen vor allem, dass ihre Hersteller Holz und andere Materialien mit großer Erfahrung bearbeiteten und daraus zuverlässige Waffen fertigen konnten.


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